Crotonöl, auch Granatillöl (Oleum Crotonis, Oleum Tiglii), wird aus den Samen des Krotonölbaums (Croton tiglium), eines südostasiatischen Baums oder Busches aus der Familie der Wolfsmilchgewächse hergestellt. Crotonöl kommt ursprünglich aus Indien und dem Malayischen Archipel und wird auch dort angebaut. Es wirkt stark haut- und schleimhautreizend und ist aufgrund seiner tumorsteigernden Wirkung als bedenkliches Rezepturarzneimittel eingestuft.
Eine weitere Crotonart, aus der fettes Öl gewonnen werden kann, ist Croton penduliflorus. Die Zusammensetzung ist aber verschieden.Ojo, Ayomipo Martins, Amoo, Isiaka Adekunle u. a.: Physicochemical Properties, Fatty Acid Composition and Antimicrobial Potential of Turk’s Cap (Croton penduliflorus) Seed Oil. In: CSIJ. 20(4), 2017, S. 1–7, Article no.CSIJ.3583, doi:10.9734/CSJI/2017/35835 (PDF; 1 MB).
Gewinnung und Eigenschaften mini|Crotonöl wird aus den Samen des Krotonölbaums Croton tiglium gewonnen Das Crotonöl wird aus den geschälten Samen des Krotonölbaums durch Kaltpressung oder durch Pressen der reifen und schwach gerösteten Samen bei leichter Wärmezufuhr gewonnen. Es wird auch aus ungeschälten Samen gepresst.G. Frerichs, G. Arends, H. Zörnig: Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. 1. Band, Springer, 1925, 1930, ISBN 978-3-662-01811-8, S. 1125. Die Samen enthalten etwa 30–45 % ungeschält, oder geschält ca. 45–60 % CrotonölL. D. Kapoor: Handbook of Ayurvedic Medicinal Plants. CRC Press, 2000, ISBN 0-8493-2929-9, S. 143. sowie etwa 18–20 % Protein (enthält Crotin I und II). Das etwas dickflüssige und halbfeste Öl zählt zu den schwersten Pflanzenölen, seine Farbe ist klar und bernstein- bis braungelb. Der schwache Geruch ist „eigentümlich“ und „unangenehm“, der Geschmack anfangs mild, danach scharf im Abgang und anhaltend kratzend und schmerzhaft brennend.
mini|Allgemeine chemische Struktur von Ölen, wie Crotonöl. Darin sind R1, R2 und R3 Alkylreste (≤ 56 %) oder Alkenylreste (≥ 44 %) mit einer meist ungeraden Anzahl von Kohlenstoffatomen. Crotonöl ist, wie andere Öle, ein Gemisch von Triestern des Glycerins.
Der Schmelzpunkt des Crotonöls liegt bei ca. −16 °C, weshalb es bei Raumtemperatur flüssig ist. Die Triglyceride im Crotonöl weisen einen besonders hohen Anteil an Ölsäure auf. Daneben sind weitere Triglyceride enthalten, die sich von verschiedenen Fettsäuren ableiten. Daneben sind im Crotonöl weitere teils flüchtige organische Säuren wie Ameisensäure u. a. sowie mehrere Phorbolester, darunter das tumorpromovierende Phorbol-12-myristat-13-acetat (PMA; auch 12-O-Tetradecanoylphorbol-13-acetat (TPA)), enthalten.
Toxikologie und weitere Wirkungen Das Crotonöl wirkt aufgrund der Zusammensetzung auf unterschiedliche Weise. Vor allem die tumorpromovierende Wirkung des Phorbol-12-myristat-13-acetat (PMA) und anderer Diterpenester im Crotonharz wurde in Tierversuchen bestätigt. Tumorpromotoren sind Substanzen, die, ohne selbst karzinogen zu sein, die Krebsinzidenz nach Exposition gegenüber karzinogenen (initiierenden) Substanzen erhöhen.Rudolf Hänsel, Otto Sticher und E. Steinegger. Pharmakognosie-Phytopharmazie. 6. Auflage, Springer, Berlin-Heidelberg-NY 1999, S. 1253–1255 ISBN 3-540-65262-0
Der entzündungsauslösende Effekt des Crotonöls auf Hautzellen wurde in Tierversuchen bestätigt. Bereits bei der Anwendung einer 0,25%igen Lösung auf die Ohren von Labormäusen kommt es zu einer Ödembildung mit epidermaler Hyperplasie und einer Konzentration von Granulozyten in die Epidermis. Der Effekt konnte gesteigert werden und war bei einer einmaligen Verwendung 4%igen Lösung am stärksten. Die Ödembildung erreichte ein Maximum nach 6 bis 7 Stunden und ging dann innerhalb von 30 Stunden wieder zurück.M. Shwaireb: Inflammatory effects of the tumor promoter croton-oil in BALB/c mice skin. In: Oncology Reports, 2(1), 1995, S. 133–135, PMID 21597704.
In einer weiteren Studie konnte die direkte schädigende Wirkung von Crotonöl auf menschliche Darmschleimhautzellen nachgewiesen werden. Bei einer vergleichsweise hohen Dosis von 80 mg/l kommt es zu einem verzögerten Zellwachstum und zum Zelltod, niedrige Dosen von 4 mg/l haben dagegen keinen messbaren Effekt. Verabreichungen über einen längeren Zeitraum mit ansteigender Dosis können die Zellproliferation (Vermehrung der Zellen) und den Gehalt an heteroploiden Genomen steigern sowie die Umwandlung in maligne Zellen hervorrufen. Die Freisetzung der Cyclooxygenase-2 (COX-2) wurde deutlich reduziert und die Expression des Gens für COX-2 deutlich erhöht, zudem wurde auch die Expression weiterer Gene verändert.X. Wang, M. Lan, H. P. Wu u. a.: Direct effect of croton oil on intestinal epithelial cells and colonic smooth muscle cells. In: World Journal of Gastroenterology, 8(1), 2002; S. 103–7, PMID 11833082.
Verwendung Medizin und Heilkunde Crotonölhaltige Rezepturen sind – auch wegen möglicher Krebsgefährdung – als bedenklich eingestuft und dürfen als Arzneimittel nicht mehr in Verkehr gebracht werden. Auch für Anwendung in der Kosmetik ist Crotonöl verboten.
Früher wurde Crotonöl als starkes Abführmittel (Drastikum) genutzt. Es ist eines der stärksten Abführmittel zusammen mit dem Purgiernuss- und Rizinusöl und wurde entsprechend nur in äußerst dringenden Fällen genutzt. Die Maximale Einzeldosis wird mit 0,05 Gramm angegeben, die Maximale Tagesdosis mit 0,15 Gramm und die letale Dosis mit 4–20 gtt (Guttae, Tropfen) Öl. Beim Auftragen auf die Haut genügen bereits kleine Mengen, um eine starke örtliche Entzündung mit Pusteln und Infektionsgefahr auszulösen. Im Rahmen des „Crotonöltests“ wird das Öl entsprechend zur Auslösung von Hautödemen genutzt, um die Wirksamkeit von entzündungshemmenden Substanzen zu bestimmen. In der plastischen Chirurgie wird es in einer Emulsion mit Phenol zur Hautschälung genutzt.
Crotonöl diente (verdünnt mit Olivenöl) etwa in der Baunscheidttherapie lange als Hautreizmittel zur Ableitung (Revulsion) bei Pleuritis, Pleuraerguss, Neuralgien und Rheuma.
Geschichte mini|Croton tiglium. C. Acosta 1578 mini|Croton tiglium. Rumpf 1743 Croton tiglium zählt zu den fünf Giften, die im mythischen chinesischen Kräuterbuch Shennong ben cao jing aufgeführt werden. Als „Pa-tou“ 巴豆 kennen schon alte chinesische Arzneibücher die giftigen und abführenden Crotonsamen. In der Arabischen Medizin wurden sie spätestens seit dem 13. Jahrhundert verwendet.
Die erste Erwähnung der Croton-Samen in Europa wird Cristóbal Acosta (1578) zugeschrieben. Er nannte sie „Pinones de Maluco.“ In seinem Pinax theatri botanici (1623) nannte Caspar Bauhin die Droge „Pinus Indica nucleo purgante“ und „Pinei nuclei Malucani“. Über die Pflanze selbst erhielten die Europäer erst durch Rheede (1678) und Rumpf (1743) genauere Kenntnis. Laut Rumpf nutzten indische Wundärzte das Öl mit Wein als Abführmittel zur Anregung der Stuhlausscheidung und als urintreibendes Mittel.
Nachdem es bei der therapeutischen Verwendung des Öls der Croton-Samen in Holland und England zu schweren Nebenwirkungen gekommen war, wurde das Mittel zunächst aus den Arzneilisten verbannt. Erst ab den 1820er Jahren wurde das Croton-Öl wieder officinell.Crotonöl. In: Preussische Pharmakopöe. Fünfte Ausgabe (1827). Übersetzung der lateinischen Urschrift. C. F. Plahn, Berlin 1829, S. 276; . William Eugène Edward Conwell (1825), Henry Rutledge Frost (1843) u. a. machten es bekannter und propagierten seine Verwendung als Drasticum (d. h. als stark wirkendes Abführmittel) bei hartnäckigen Stuhlverstopfungen und bei Bandwurmbefall sowie als ein die Urinausscheidung förderndes Mittel bei Bauchwassersucht. Als Standarddosis für die innere Einnahme wurde ein halber bis ein ganzer bis zwei Tropfen des Öls angegeben. Nach äußerlicher Einreibung des Öls auf die Bauchhaut sollte es resorbiert werden und so seine Wirkung auf die gesteigerte Ausscheidung von Kot und Urin ausüben, ein Verfahren, das insbesondere bei Kindern angewendet wurde. Durch Einreiben von ein oder zwei Tropfen des Öls auf die Zunge wurde in England der Forthergillsche Gesichtsschmerz behandelt (Gerson / Julius 1822). Äußerlich verdünnt mit anderen Substanzen als Einreibung diente das Öl als Reizmittel für die Haut und als Ableitungsmittel (Derivation oder Revulsion) bei chronischen Entzündungen der Luftwege, chronischen rheumatischen und gichtischen Leiden, Entzündungen des Gehörorgans, der Augen u. s. w. (Ainslie 1813, Frost 1843, Clarus 1852).
Quellen Chinesische, Indische und Arabische Medizin: George Arthur Stuart 1911;George Arthur Stuart: Chinese Materia Medica. Vegetable Kindom. Shanghai 1911, S. 132–133; . Ainslie 1821;Croton tiglium. In: Whitelaw Ainslie (1767–1837): Materia indica or, some account of those articles which are employed by the Hindoos, and other eastern nations, in their medicine, arts, and agricutlure comprising also formulae, with practical observations, names of diseases in various eastern languages, and a copious list of oriental books … Longman, Rees, Orme, Brown und Green, London 1826, Band I, S. 101–108; . S. 596–599; . Band II, S. 398 Croton plicatum … als Abkochung mit etwas Senf gegen Lepra; . Ibn al-Baitar 13. Jh.Joseph Sontheimer (Übersetzer), Ibn al-Baitar: Grosse Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel (Kitāb al-jāmiʿ li-mufradāt al-adwiya wa al-aghdhiya). Hallberg, Stuttgart 1842, Band I, S. 427–429 (Digitalisat) Botanik: Acosta 1578;Pinones de Maluco. In: Cristóbal Acosta: Tractado de las drogas, y medicinas de las Indias orientales. Burgos 1578, S. 313–315; . Bauhin 1623;Caspar Bauhin. Pinax theatri botanici. Basel 1623, S. 492: XI. Pinus Indica nucleo purgante … (Digitalisat) Rheede 1678;Hendrik Adriaan van Rheede tot Draakenstein. Hortus Indicus Malabaricus: continens regni Malabarici apud Indos cereberrimi onmis generis plantas rariores, Latinas, Malabaricis, Arabicis, Brachmanum charactareibus hominibusque expressas … /adornatus per Henricum van Rheede, van Draakenstein, … et Johannem Casearium …; notis adauxit, & commentariis illustravit Arnoldus Syen … Amsterdam 1678–1703, Band II, Abbildung 33: Cadel-Avanacu; (A review (1839) of the references to the Hortus Malabaricus, S. 7; ) Rumpf 1743;Georg Eberhard Rumpf: Herbarium Amboinense. Band 4. Amsterdam 1743 (Buch 6, Kapitel 48) S. 100 (Digitalisat) Bentley, Trimen 1875;Robert Bentley (1821–1893), Henry Trimen (1843–1896): Medicinal plants. J. & A. Churchill, London 1875, Tafel 239: Croton tiglium; . Luerssen 1882.Christian Luerssen: Handbuch der systematischen Botanik mit besonderer Berücksichtigung der Arzneipflanzen. = Medicinisch-pharmaceutische Botanik, zugleich als Handbuch der systematischen Botanik für Botaniker, Ärzte und Apotheker. 2 Bände. Haessel, Leipzig 1879–1882. Band II (1882), S. 750–752; .