Georg Konrad Hörmann (* 25. Oktober 1859 in Nürnberg; † 2. Mai 1933 ebenda) war ein deutscher Prähistoriker, Ethnologe, Volkskundler und Lithograf. Als langjähriger Kustos und Konservator der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg (NHG) prägte er die vorgeschichtliche Forschung im Nürnberger Raum und in der Fränkischen Alb zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zu seinen wichtigsten Forschungen zählen die Ausgrabungen am Hohlen Fels bei Happurg und in der Petershöhle bei Hartenstein. Daneben beschäftigte er sich intensiv mit der traditionellen Hirtenkultur des Hersbrucker Landes.Bernd Mühldorfer: Konrad Hörmann – Archäologe, Ethnologe, Lithograph. Zum 150. Geburtstag. In: Natur und Mensch. Jahresmitteilungen 2009. Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, Nürnberg 2010, S. 27–50.
Leben Konrad Hörmann besuchte zunächst die Dorfschule in Eibach und anschließend die Volksschule in Nürnberg. 1873 begann er eine Lehre als Lithograf bei der Nürnberger Firma A. Mollier, vormals Chr. Weihersmüller, und besuchte daneben die Nürnberger Kunstgewerbeschule. 1877 legte er seine Gehilfenprüfung ab.Alfred Schmidt: Nachruf auf Konrad Hörmann. In: Konrad Hörmann: Die Petershöhle bei Velden in Mittelfranken, eine altpaläolithische Station. Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg, Band 24, Heft 2, Nürnberg 1933, S. 17–19.
Ab 1878 arbeitete Hörmann als Lithograf unter anderem in Altenburg, Leipzig und Gotha. 1881 ging er auf den Balkan und war zunächst in der Staatsdruckerei in Belgrad, anschließend von 1882 bis 1887 in der bulgarischen Staatsdruckerei in Sofia tätig. Reisen, unter anderem nach Konstantinopel, weckten sein Interesse an ethnologischen Fragestellungen. Ende 1887 kehrte er nach Nürnberg zurück und eröffnete dort eine eigene lithografische Anstalt. Nach deren Aufgabe 1897 arbeitete er bis 1903 als kunstgewerblicher Zeichner und Maler.Ernst Feist: Zum 50. Todestag Dr. h. c. Konrad Hörmanns. In: Natur und Mensch. Jahresmitteilungen 1983. Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg, Nürnberg 1983, S. 105–109.
Seit den 1890er Jahren beschäftigte er sich autodidaktisch mit Ethnologie, Anthropologie, Geologie und Vorgeschichte. Am 18. März 1894 wurde er zur Aufnahme in die Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg (NHG) vorgeschlagen und kurz darauf als ordentliches Mitglied aufgenommen. Zugleich trat er deren Anthropologischer Sektion, der heutigen Abteilung für Vorgeschichte, bei. 1897 wurde er ehrenamtlicher Bibliothekar der Gesellschaft.
1903 verließ Hörmann Nürnberg vorübergehend und zog nach Graz, wo er auch dem Naturwissenschaftlichen Verein für Steiermark angehörte. Bereits 1904 kehrte er nach Nürnberg zurück und wurde zunächst vorläufig, ab 1905 dauerhaft als hauptamtlicher Sekretär der Naturhistorischen Gesellschaft angestellt. Später führte er die Amtsbezeichnungen Kustos und Konservator der Sammlungen. Damit war er über Jahrzehnte für die wissenschaftliche Betreuung, Inventarisierung und Präsentation wesentlicher Teile der Sammlungen der Gesellschaft verantwortlich.
Beim Aufbau und bei der Einrichtung des Museums der NHG im Nürnberger Luitpoldhaus war Hörmann maßgeblich beteiligt. Neben den vorgeschichtlichen Sammlungen beschäftigte er sich dabei auch mit geologischen und ethnologischen Beständen. Daneben hielt er zahlreiche Vorträge und war ab 1921 auch als Dozent an der Nürnberger Handels- und Volkshochschule tätig.
Im Juli 1932 schied Hörmann nach mehr als 28 Jahren aus dem hauptamtlichen Dienst der NHG aus. Er starb am 2. Mai 1933 im Städtischen Krankenhaus Nürnberg und wurde auf dem Nürnberger Südfriedhof beigesetzt.
Archäologische Forschung
Unmittelbar nach seiner hauptamtlichen Anstellung bei der NHG begann Hörmann mit archäologischen Ausgrabungen. Anlass waren unter anderem Meldungen über Höhlenfunde, gefährdete Fundstellen und geplünderte Grabhügel in der Fränkischen Alb und der westlichen Oberpfalz. Er führte zahlreiche Notbergungen und Ausgrabungen durch und dokumentierte die Befunde mit Plänen, Fotografien und Zeichnungen. Seine Ausbildung als Lithograf kam ihm bei der zeichnerischen Dokumentation und Publikation archäologischer Funde zugute.
Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten lag auf der Altsteinzeit. Ab 1906 untersuchte er den Hohlen Fels bei Happurg, dessen Sedimente mittelpaläolithische Steinartefakte und Reste eiszeitlicher Fauna enthielten. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1913 ausführlich in den Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg.Konrad Hörmann: Der hohle Fels bei Happurg. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 20, Nürnberg 1913, S. 21–63.
Besondere Bedeutung erlangten seine Untersuchungen der Petershöhle bei Hartenstein. Nach ihrer Entdeckung 1914 wurde die Höhle zunächst im Oktober desselben Jahres und später 1916 sowie erneut von 1919 bis 1928 unter Hörmanns Leitung untersucht. Neben umfangreichen Resten pleistozäner Tierarten wurden dort auch Steinartefakte geborgen, die eine Nutzung der Höhle durch Menschen im Mittelpaläolithikum belegen.Konrad Hörmann: Die Petershöhle bei Velden in Mittelfranken, eine altpaläolithische Station. Die Grabungen der anthropologischen Sektion der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg von 1914 bis 1928. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 24, Heft 2, Nürnberg 1933, S. 21–90. Die Petershöhle und der Hohle Fels gehören zu den klassischen altsteinzeitlichen Fundplätzen der Hersbrucker Alb.Brigitte Kaulich: Hohler Fels, Petershöhle und Hunas. Drei altsteinzeitliche Höhlenfundstellen im Herzen der Hersbrucker Alb. In: Karl Heinlein (Red.): Schichten einer Landschaft. Nürnberg 1996, ISBN 3-9805656-2-9, S. 13–23.
Daneben untersuchte Hörmann zahlreiche Fundstellen des Neolithikums, der Bronze- und Eisenzeit. Dazu gehörten Grabungen bei Igensdorf, Unterrüsselbach, Schönberg, Kersbach, Henfenfeld, Kasing und an weiteren Orten in Mittel- und Oberfranken. Ein besonderes Arbeitsgebiet bildeten hallstattzeitliche Gräberfelder, darunter die Nekropole in der Beckersloh.
Mit der Houbirg bei Happurg beschäftigte sich Hörmann ebenfalls eingehend. Seine Untersuchungen zu dem vorgeschichtlichen Ringwall konnten zu seinen Lebzeiten nicht mehr abschließend veröffentlicht werden. Friedrich Stählin gab das Material 1935 unter Verwendung von Hörmanns hinterlassenen Papieren heraus.Konrad Hörmann: Der vorgeschichtliche Ringwall auf der Houbirg bei Nürnberg. Mit Benutzung von hinterlassenen Papieren Konrad Hörmanns herausgegeben von Friedrich Stählin (= Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 26, Heft 1). Nürnberg 1935.
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt waren vorgeschichtliche Bestattungssitten. Hörmann beschäftigte sich insbesondere mit der von ihm angenommenen „Leichendörrung“ als einer möglichen Behandlung Verstorbener vor der Bestattung. Dabei versuchte er auch naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden einzubeziehen. Seine diesbezüglichen Arbeiten wurden überregional rezipiert; der Archäologe Georg Karo ließ beispielsweise Knochen aus den Schachtgräbern von Mykene von Hörmann auf Feuereinwirkung untersuchen.Georg Karo: Die Schachtgräber von Mykenai. Band 1, München 1930/1933, S. 334.
Volkskundliche und ethnologische Forschungen
Neben der Vorgeschichte bildeten Ethnologie und Volkskunde einen zweiten Schwerpunkt von Hörmanns Arbeit. Auf Anregung des Anthropologen Johannes Ranke untersuchte er seit den 1890er Jahren die Ornamentik und materielle Kultur der Hirten in Thüringen und insbesondere im Hersbrucker Land.
Hörmann dokumentierte Schellenbögen, Herdengeläute, Musikinstrumente und weitere Gegenstände der traditionellen Hirtenkultur. Die Ergebnisse veröffentlichte er zunächst in mehreren Teilen in den Hessischen Blättern für Volkskunde und 1917 zusammenfassend unter dem Titel Herdengeläute und seine Bestandteile.Konrad Hörmann: Herdengeläute und seine Bestandteile. Gießen 1917.
Seine Sammlung von Gegenständen der Hirtenkultur, insbesondere von Schellenbögen, bildete später einen wesentlichen Grundstock des 1933 eröffneten Hirtenmuseums in Hersbruck.
Ehrungen und Mitgliedschaften
1928 wurde Hörmann zum korrespondierenden Mitglied des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches in Berlin ernannt. Im selben Jahr erhielt er den vom Verband der bayerischen Geschichts- und Urgeschichtsvereine vergebenen Wilhelm-Rehlen-Preis, der ihm für das Jahr 1927 zuerkannt worden war.
Zu seinem 70. Geburtstag ernannte ihn die Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg 1929 zum Ehrenmitglied. In der Begründung wurde besonders hervorgehoben, dass er sich als Autodidakt zu einem wissenschaftlich anerkannten Vorgeschichtsforscher entwickelt hatte.Jahresbericht der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg für das Jahr 1929. Nürnberg 1930, S. 4. 1930 wurde er korrespondierendes Mitglied der Anthropologischen Gesellschaft in Wien.
Am 22. Juli 1931 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Erlangen die Ehrendoktorwürde. In der Verleihungsurkunde wurden seine methodische Erforschung der vorgeschichtlichen Altertümer seiner Heimat und seine Beiträge zur Kenntnis der ältesten menschlichen Kultur gewürdigt.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst 1932 benannte die Naturhistorische Gesellschaft den Raum ihrer anthropologischen Sammlungen zu seinen Ehren in „Hörmann-Saal“ um.
Schriften (Auswahl)
Die rituellen Beigaben in Hügelgräbern Nordbayerns. In: Korrespondenz-Blatt der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Band 42, 1911, S. 34 ff. Der hohle Fels bei Happurg. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 20, Nürnberg 1913, S. 21–63. Vorgeschichtliche Denkmäler in der Umgebung von Nürnberg. V. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 20, Nürnberg 1913, S. 119 ff. Herdengeläute und seine Bestandteile. Gießen 1917. Die Hallstatt- und die beginnende Latènezeit in der Umgebung von Nürnberg. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 21, Heft 1, Nürnberg 1917. Grabungsberichte der Anthropologischen Sektion mit Grundrissen, Profilen und Tafeln. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 21, Heft 2, Nürnberg 1917, S. 13 ff. Grabungsberichte der Anthropologischen Sektion. Die Petershöhle bei Velden in Mittelfranken. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 21, Heft 4, Nürnberg 1923, S. 121 ff. Die dritte Hallstattstufe im Gebiet der Anthropologischen Sektion und die Nekropole in der Beckersloh. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 21, Heft 5, Nürnberg 1925, S. 157 ff. Bronzezeit-Gräber in Mittelfranken. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 21, Heft 6, Nürnberg 1926, S. 251 ff. Führer durch die Vorgeschichte. Saal III. Nürnberg 1927. Vorgeschichte des Pegnitzgaues. Selbstverlag, Nürnberg 1929. Alpenhöhlen und Petershöhle – eine Gegenüberstellung. In: Anthropos. Band 25, 1930, S. 975 ff. Vorgeschichtliche Leichendörrung, die Mittelstufe zwischen Bestatten und Verbrennen. In: Schumacher-Festschrift. Zum 70. Geburtstag Karl Schumachers. Mainz 1930, S. 77 ff. Vorgeschichtliche Bestattungsweisen, dargelegt an den Arbeiten der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. In: Neue deutsche Ausgrabungen. Münster 1930, S. 125 ff. Die Petershöhle bei Velden in Mittelfranken, eine altpaläolithische Station. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 24, Heft 2, Nürnberg 1933, S. 21–90. Der vorgeschichtliche Ringwall auf der Houbirg bei Nürnberg. Aus dem Nachlass herausgegeben von Friedrich Stählin. In: Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft zu Nürnberg. Band 26, Heft 1, Nürnberg 1935.
Literatur
Hermann Hornung: Konrad Hörmann gestorben. In: Nachrichtenblatt für deutsche Vorzeit. Band 9, 1933, S. 177–178.