Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt ist ein offener Brief vom 24. September 2026. Er wendet sich gegen Antisemitismus-Vorwürfe gegenüber der Partei Die Linke in Berlin. Die 150 Unterzeichnenden erklären, dass eine neue linke Regierung in Berlin die sozialen Probleme in der Stadt zu lösen versuche, was auch für jüdische Bewohner von Nutzen sein könne. Zu den Unterzeichnern gehören die Schriftstellerin Eva Menasse und die Publizistin Deborah Feldman.
Offener Brief Text (Auszug) „Wir sind Berliner Jüdinnen und Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden. Wir widersprechen dieser Darstellung – nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun.
(...) Wie alle Arten von Ressentiment und Vorurteil tritt auch der Antisemitismus in vielen verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf. Und genau wie die anderen Formen von Gruppenhass wird er dort am gefährlichsten, wo er mit rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren Straßen Bahn brechen. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich. Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.
(...) Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes nach Sündenböcken suchen. Eine Stadtregierung, die bezahlbaren Wohnraum sichert, öffentliche Daseinsvorsorge stärkt und soziale Ungleichheit spürbar reduziert, tut mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch für unsere Sicherheit! – als bloß eine demokratische Partei auszugrenzen. (...)
Deshalb sagen wir: Die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden, ist eine Koalition, die das sozialökonomische Programm ernst nimmt, das jetzt so dringend gebraucht wird. Nicht weil wir alle Positionen in der Linken oder irgendeiner anderen Partei teilen – das tun wir nicht, und wir werden weiter kritisch bleiben, wo es nötig ist. Sondern weil eine rot-rot-grüne Koalition die Kraft hat, die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen, während eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen nur verschärfen würde. (...) “
Unterzeichner Der offene Brief wurde zuerst von 150 Personen unterschrieben (in alphabetischer Namensfolge). Darunter sind
Eva Menasse, Schriftstellerin, ehemalige Vorsitzende des PEN Berlin Deborah Feldman, Publizistin Esther Dischereit, Lyrikerin und Essayistin Susan Neiman, Philosophin, Direktorin des Einstein-Forums Potsdam Peaches (Merrill Nisker), Musikerin Irene Dische, Schriftstellerin Emily Dische-Becker, Ausstellungskuratorin und Publizistin Tomer Dotan-Dreyfus, Autor, Publizist
Milena Glimbovski, Unternehmerin, Autorin
Robert Rotifer, Journalist und Musiker
Eran Schaerf, Künstlerin
Nirit Sommerfeld
Lili Zahavi, Filmregisseurin Danach gab es weitere Unterzeichnende, darunterOffener Brief mit Erstunterzeichnern und 80 später Unterzeichnenden (Stand vor dem 27. September 2026). Regine Ahrem, Autorin
Sivan Ben Yishai, Theaterregisseurin Adam Broomberg, Künstler und Aktivist Tomer Gardi, Schriftsteller Benjamin Stein, Dramaturg
Hintergründe Vorgeschichte und Wahlreaktionen Seit mehreren Jahren gibt es Vorwürfe des Antisemitismus gegen die Partei Die Linke, besonders gegen deren Berliner Landesverband. Hauptangriffspunkte sind verschiedene Organisationen in dessen Umfeld, die sich für die Unterstützung der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen und im Westjordanland einsetzen, einigen wird eine Nähe zu Terrororganisationen vorgeworfen. Dabei wurde häufig die Kritik am Verhalten der israelischen Armee und Regierung als antisemitisch bewertet.
Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus vom 20. September 2026, bei der Die Linke stärkste Kraft wurde und eine rot-rot-grüne Koalition eine rechnerische Mehrheit erlangte, äußerte noch am selben Abend der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster seine großen Bedenken gegen eine mögliche neue Regierung in Berlin unter der Führung der Linken, da dieses auch ein Sicherheitsrisiko für Jüdinnen und Juden in der Stadt sei. „Wer der Linken in Berlin den Weg in eine Landesregierung und damit ins Rote Rathaus ebnet, gefährdet unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und das jüdische Leben in der Hauptstadt.“Warnungen vor Koalition mit den Linken tagesschau, Stand 23. September 2026 Später erklärte er noch, dieses „wäre ein schwerer Fehler, mit dem der fortschreitenden Normalisierung des Judenhasses weiter Vorschub geleistet würde.“Wahlen in Berlin 2026 Zentralrat der Juden, es gab aber keine offiziellen Verlautbarungen des Zentralrats zu diesem Thema Diese Kritik wurde in den folgenden Tagen häufig zitiert. Die Bundesbildungsministerin und stellvertretende CDU-Vorsitzende Karin Prien erklärte am Wahlabend zu einer drohenden Regierenden Bürgermeisterin von den Linken: Jüdinnen und Juden sind in Berlin nicht mehr sicher, wenn diese Bürgermeisterin gewählt wird.Warnungen vor Koalition mit den Linken tagesschau, 24. September 2026, Prien warnt, bei Maischberger in der Sendung Ähnlich äußerten sich weitere CDU-Politiker und einige Medien.
Offener Brief und Reaktionen Am Donnerstag, den 24. September 2026 wurde der offene Brief von 150 jüdischen Persönlichkeiten veröffentlicht, die diesen Vorwürfen widersprachen.Zynische Instrumentalisierung von Antisemitismus. 150 jüdische Berliner nehmen Linke in Schutz, in Der Tagesspiegel vom 24. September 2026 (online) Jüdische Unterstützung für Linksbündnis, in taz vom 24. September 2026 (online) Über diesen wurde in Berliner Tageszeitungen, überregionalen Printmedien, Fernsehen und Radio berichtet.150 jüdische Berliner kritisieren Antisemitismus-V 150 jüdische Berliner kritisieren Antisemitismus-Vorwurf an die Linke in Zeit vom 24. September 2026 (online), mit Details und Link zum offenen Brief 150 Berliner Juden stellen sich in offenem Brief hinter Linke Deutschlandfunk 150 Jüdinnen und Juden aus Berlin plädieren für Rot-Rot-Grün, in Spiegel vom 24. September 2026 (online) 150 jüdische Berliner nehmen Linke in Schutz, in Süddeutsche Zeitung vom 24. September 2026 (online) Jüdisches Bündnis wehrt sich gegen politische Instrumentalisierung und wirbt für Rot-Rot-Grün , in Frankfurter Rundschau vom 25. September 2026 (online) Auch in internationalen Medien wie den französischen Agence France-PresseJewish group urges Berlin far-left vote winners to tackle antisemitism Agence France Press (AFP), 25. September 2026 und France 24, der israelischen Zeitung Haaretz150 Berlin Jews Haaeretz, 25. September 2026 (begrenzter Zugang) , der Jewish Telegraphic Agency sowie in der international ausgerichteten Deutschen Welle wurde der Brief aufgegriffen und als Zeichen der Spaltung der jüdischen Gemeinschaft gesehen.
Die Erstunterzeichnerin Eva Menasse äußerte sich auch zu den Antisemitismus-Vorwürfen des Zentralrats der Juden gegen die Partei Die Linke: „Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist eine Vertretung, eine religiöse und eine politische Vertretung der Juden, hat aber schon lange nicht mehr die Deutungsmacht, das sehr vielfältige und komplexe Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland abzubilden oder gar zu vertreten“.Zynische Instrumentalisierung des Antisemitismus, in Tagesspiegel vom 24. September 2026 (online), letzter Absatz
Weblinks Offener Brief (auch als PDF)
Einzelnachweise
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