Tiefe Wasser (Originaltitel Deep Water) ist ein Kriminalroman der amerikanischen Schriftstellerin Patricia Highsmith. Er wurde im Jahr 1957 bei Harper & Brothers veröffentlicht. Eine gekürzte Übersetzung von Eva Gärtner publizierte 1963 der Rowohlt Verlag unter dem Titel Stille Wasser sind tief. Die überarbeitete Übersetzung von Anne Uhde und die ungekürzte Übersetzung von Nikolaus Stingl erschienen 1976 bzw. 2003 unter dem Titel Tiefe Wasser im Diogenes Verlag.

Zur Abschreckung der Liebhaber seiner Frau Melinda behauptet Victor Van Allen, einen Nebenbuhler ermordet zu haben. Die Lüge fliegt auf, als der echte Mörder überführt wird. Doch dann stirbt ein weiterer Freund Melindas, und sie bezichtigt ihren Mann des Mordes. Zwischen den Ehepartnern wachsen die Spannungen. Highsmiths Roman wurde insgesamt dreimal verfilmt.

Inhalt

Victor, genannt „Vic“, Van Allen ist 36 Jahre alt, Vater einer sechsjährigen Tochter, Kleinverleger und passionierter Schneckenzüchter im Vorort Little Wesley in Neuengland. Wegen seiner freundlichen und hilfsbereiten Art ist er in der Gemeinde äußerst beliebt. Gegenüber den gelegentlichen Seitensprüngen seiner attraktiven Frau Melinda gefällt er sich in der Pose der Nachsicht und Großzügigkeit. Nicht die außerehelichen Affären sind es, die ihn stören, sondern Melindas schlechter Männergeschmack. Den letzten Vertreter aus der Reihe ihrer Verehrer verscheucht er, indem er behauptet, Malcolm McRae, einen seiner Vorgänger, ermordet zu haben. Die Geschichte macht die Runde im Ort, und auch wenn man sie überwiegend als Scherz begreift, verschafft sie Vic einige Monate Ruhe vor neuen Affären seiner Frau.

Noch am selben Tag, an dem die Verhaftung des tatsächlichen Mörders bekannt wird, gabelt Melinda einen neuen Verehrer auf, den Barpianisten Charley De Lisle. Bei einer Poolparty wird aus dem Scherz Ernst, als Vic seinen Nebenbuhler unter Wasser drückt, bis er ertrunken ist. Während alle von einem Unfall ausgehen, beschuldigt Melinda ihren Mann offen des Mordes und lässt davon auch nicht ab, als der lokale Coroner die Untersuchung zu den Akten legt. Nur wenige Bewohner des kleinen Ortes unterstützen sie, darunter der Groschenromanautor Don Wilson. Vic, der Melinda noch immer liebt, verzeiht ihr sogar, dass sie gemeinsam mit Don Wilson den Privatdetektiv Harold Carpenter auf ihn ansetzt, der unverrichteter Dinge abziehen muss, als Vic ihn enttarnt. Seine Maske der Gleichgültigkeit zerbricht erst, als Melinda sich scheiden lassen will, um mit dem Bauunternehmer Tony Cameron auf und davon zu gehen. Er lockt Cameron in einen Steinbruch und stößt ihn in den Stausee. Wieder beschuldigt ihn Melinda des Mordes. Wieder steht die öffentliche Meinung hinter Vic.

Als Melinda ihre Taktik ändert und ihn so freundlich behandelt, wie er es all die Zeit unverdrossen getan hat, verliert Vic seine Sicherheit. Sie gibt vor, ihm die Vertreibung ihrer Liebhaber zu verzeihen. Er ist gerührt von ihren Geburtstagsgeschenken und erwartet gleichzeitig eine Hinterlist. Für ein angebliches Rendezvous lockt ihn Melinda zum Stausee, in dem er glaubt, die Leiche Camerons auszumachen. Als er am nächsten Tag zurückkehrt, um den Tatort zu inspizieren, beobachtet ihn Don Wilson und konfrontiert ihn. Vic begreift, dass er einer polizeilichen Untersuchung nicht länger entgehen kann. Er fährt nach Hause und verliert seine Selbstbeherrschung. In einem Wutanfall erdrosselt er Melinda, bevor ihn die Polizei festnimmt.

Interpretation

Paul Ingendaay hält Tiefe Wasser in seinem Nachwort für „eine komplexe Eheschilderung“, ein „Ehepsychogramm“, dem man die Entstehungszeit der 1950er Jahre nicht anmerke. Laut Highsmiths Notizen herrscht in dem Roman eine Atmosphäre von „Haß und komischer Gereiztheit“ vor, die zeitweilig „tragisch-heroisches Niveau“ erreiche: „Das also […] wird aus der Heiligen Ehe!“ Wie häufig in ihrem Werk dient der männliche Protagonist als Identifikationsfigur der lesbischen Autorin. Vic verkörpert ihre Bildung, Kultiviertheit, ihren Geschmack, Arbeitsethos und ihre Tierliebe. Die Figur der Melinda dürfte hingegen von einer Freundin inspiriert sein, die sie abgewiesen hat. Victor Van Allen ist Mitte Dreißig, so alt wie die Autorin bei der Niederschrift des Romans, ein Alter, wie sie in ihren Notizen schrieb, in dem man das Scheitern der Liebe begreife, weil „das Mädchen einen nicht heiraten wolle oder, falls doch, weil es die Falsche sei.“Paul Ingendaay: Nachwort. In: Patricia Highsmith: Tiefe Wasser. Diogenes, Zürich 2003, ISBN 978-3-257-60101-5.

Victor Van Allen ist laut Ingendaay „wahrscheinlich der schlagfertigste, überlegenste Mörder“ in Highsmiths Werk. Selbst unter den Demütigungen seiner Frau bewahrt er Haltung und Würde und begegnet allen Angriffen mit herablassender Ironie. Er steht in einer Reihe von „beklemmenden Charakterporträts“ der Protagonisten Highsmiths, die ein äußerlich gutes, normales Leben führen, bis sie der Anziehungskraft des Bösen nicht widerstehen können. Bereits in ihrem Debüt Zwei Fremde im Zug (1950) ist Guy Haines ein solche Figur. Noch weiter getrieben wird der Relativismus in moralischen Fragen durch Highsmiths bekanntesten Helden Tom Ripley aus Der talentierte Mr. Ripley (1955), der aus Kalkül seine Identität wechselt. Victor Van Allen hingegen wird durch Schizophrenie in zwei unterschiedliche Persönlichkeiten aufgespalten. Dabei interessieren Highsmith weniger die Symptome der Krankheit als die „Privathölle“ eines seelischen Abgrunds.

Seine Ehefrau Melinda hält Ingendaay für „eine der interessantesten Frauenfiguren“ in Highsmiths Werk. Von ihrem Mann stets wegen ihrer mangelnden Intelligenz, ihrer Oberflächlichkeit, Unordentlichkeit und Zügellosigkeit denunziert, wird er durch ihre positiven Eigenschaften immer wieder Lügen gestraft. Nach wie vor liebt er seine Frau, verzeiht ihr Untreue und Feindseligkeit und betrachtet sie mit Zärtlichkeit und Stolz. Am Ende realisiert er, dass Melinda in ihrem beharrlichen Kampf für die Wahrheit mutiger und aufrichtiger ist als er selbst, ja sogar moralisch überlegen: Während er sich hinter einer Maske versteckt, bleibt sie durchgehend sie selbst.

In dieser komplexen menschlichen Paarbeziehung wird ausgerechnet ein Schneckenpaar zum Symbol der reinen, ewigen Liebe: Edgar und Hortense, die sich regelmäßig begatten, ohne Interesse an ihren Artgenossen zu zeigen. Schnecken haben Highsmith ihr Leben lang fasziniert. Sie studierte ihr Fortpflanzungsverhalten und führte sie als Reisebegleitung in ihrem unsteten Hotelleben mit sich. Ein psychologischer Grund für ihr Interesse dürfte in der Gleichgeschlechtlichkeit der Schnecken zu suchen sein. Der achtlose Umgang Camerons mit den Tieren, die er sogar essen will, lässt den Mord an ihm als eine gerechte Strafe erscheinen: nicht nur ein Ehebrecher, sondern auch ein Tierquäler. Auch in der Kurzgeschichte Die Schildkröte (1961) aus der Sammlung Der Schneckenforscher büßt eine Mutter ihre Grausamkeit gegenüber Tieren mit dem Leben. Der Junge heißt ebenfalls Victor und ist ein naher Verwandter des Protagonisten aus Tiefe Wasser, die morden, ohne dass dies einem Teil ihres Ichs gewahr wird.

Entstehungsgeschichte

Tiefe Wasser ist der Nachfolger von Der talentierte Mr. Ripley (1955). Erste Ideen reichen zurück bis in den Herbst 1954, die letzte Handlungsskizze stammt aus dem Juli 1955. Vermutlich zog sich die Niederschrift über das folgende Jahr bis zu den ersten Notizen für den Folgeroman Ein Spiel für die Lebenden (1958) im Juni 1956.Anna von Planta: Editorische Notiz. In: Patricia Highsmith: Tiefe Wasser. Diogenes, Zürich 2003, ISBN 978-3-257-60101-5. Frühe Entwürfe haben noch einen anderen Handlungsverlauf: Das Ehepaar wächst durch die Anschuldigungen zusammen, leugnet gemeinsam zwei Morde und geht aus den Ereignissen gestärkt hervor.

Der Roman erschien im September 1957 bei Highsmiths Hausverlag Harper & Brothers sowie im Mai 1958 im Londoner Verlag William Heinemann. Die erste deutsche Übersetzung stammt von Eva Gärtner und wurde 1963 beim Rowohlt Verlag veröffentlicht. Sie wurde 1976 für die Ausgabe des Diogenes Verlag von Anne Uhde gründlich überarbeitet. Im Jahre 2003 veröffentlichte Diogenes die erste vollständige Übersetzung von Nikolaus Stingl, die dem Text der amerikanischen Originalausgabe folgt.

Adaptionen

Im Jahr 1981 verfilmte der französische Regisseur Michel Deville den Roman unter dem Titel Stille Wasser (Eaux profondes). Die Hauptrollen spielten Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant.. 1983 strahlte das ZDF eine zweiteilige deutsche Fernsehproduktion unter dem Titel Tiefe Wasser aus. Es spielten Constanze Engelbrecht und Peter Bongartz, Regie führte Franz Peter Wirth.. 2005 wurde eine Hörspielproduktion des Westdeutschen Rundfunks ausgestrahlt. Unter der Regie von Martin Zylka sprachen Peter Fricke, Rufus Beck und Irina Wanka.Tiefe Wasser (1. Teil) in der ARD-Hörspieldatenbank. Im Jahr 2021 veröffentlichte der Diogenes Verlag eine Hörbuchlesung von Martin Kuupa.Tiefe Wasser beim Diogenes Verlag. 2022 kam unter dem Titel Tiefe Wasser (Deep Water) eine amerikanische Produktion von Adrian Lyne mit Ana de Armas und Ben Affleck in die Kinos..

Ausgaben

Patricia Highsmith: Deep Water. Harper & Brothers, New York 1957. Patricia Highsmith: Deep Water. Heinemann, London 1958. Patricia Highsmith: Stille Wasser sind tief. Übersetzung: Eva Gärtner. Rowohlt, Reinbek 1963. Patricia Highsmith: Tiefe Wasser. Übersetzung: Eva Gärtner, Anne Uhde. Diogenes, Zürich 1976, ISBN 3-257-20342-X. Patricia Highsmith: Tiefe Wasser. Übersetzung: Nikolaus Stingl. Diogenes, Zürich 2003, ISBN 3-257-06405-5.

Einzelnachweise

Kategorie:Werk von Patricia Highsmith Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Kriminalliteratur Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:Roman, Epik