mini|hochkant|Franz Kaufman ca. 1936 Günther Franz Karl Kaufmann (* 22. Februar 1902 in Lauenburg, Pommern; † 15. November 1941 im GULAG bei Kotlas-Workuta nördlich von Workuta, Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Komi) war ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Diplom-Kaufmann, Diplom-Handelslehrer und KPD-Mitglied. Im sowjetischen Exil wurde er ein Opfer des stalinistischen Terrors. Postum erlangte er durch die literarische Würdigung durch seinen ehemaligen Schüler Wolfgang Leonhard dauerhafte Bekanntheit.
Leben Leben und Ausbildung Günther Franz Karl Kaufmann wurde als Sohn des späteren Regierungsbauobersekretärs Johann Peter Kaufmann und dessen Ehefrau Maria Amanda Kaufmann, geborene Jannusch, in Pommern geboren. Aufgrund beruflicher Versetzungen des Vaters zog die Familie ins Lahntal. Er wuchs mit seinen Schwestern Maria Charlotte Wilhelmine und Katharina Elisabeth Karola in Weilburg und Diez auf, besuchte das Gymnasium Philippinum in Weilburg und legte 1921 sein Abitur in Limburg an der Lahn ab. Nach einer Banklehre bei der Mitteldeutschen Creditbank in Limburg studierte er als Werkstudent in Köln und Gießen, bevor er im Oktober 1924 an die Universität Frankfurt am Main wechselte.
Kaufmann schloss das Studium im Februar 1927 als Diplom-Handelslehrer ab. Im März 1927 schloss er seine Promotion mit dem Kolloquium bei dem Bankbetriebswirt Wilhelm Kalveram und Fritz Schmidt mit der Note „gut“ zum Dr. rer. pol. ab. Das Thema seiner Dissertation lautet ‚Die Kalkulation der Depotabteilung‘ und füllte eine Lücke in der Kostenrechnung der Banken. Während seiner Frankfurter Zeit wohnte Kaufmann im Stadtteil Bockenheim. Von 1924 bis 1927 besuchte er intensiv Vorlesungen am Institut für Sozialforschung (IfS). Er hörte unter anderem bei Carl Grünberg über Arbeiterschutz, bei Franz Oppenheimer über Nationalökonomie und belegte philosophische Vorlesungen bei Max Horkheimer.
Beruflicher Konflikt und Emigration mini|hochkant|Franz Kaufmann ca. 1931 Zum 1. Mai 1927 trat Kaufmann eine Stelle als Dozent an der Ingenieurschule Technikum Strelitz (Mecklenburg) an. Im Jahr 1930 trat er der KPD bei und engagierte sich in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) sowie der Roten Hilfe. Aufgrund seiner politischen Arbeit wurde er im Juni 1931 im NS-Kampfblatt Niederdeutscher Beobachter als „Salonbolschewist großen Formats“ denunziert. Nach anhaltendem Druck des nationalsozialistischen Studentenbundes wurde er zum 1. April 1932 entlassen. Kaufmann zog nach Berlin und leitete dort bis 1933 die Kalkulationsabteilung der sowjetisch-deutschen Öl-Vertriebsgesellschaft DEROP.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er seit August 1933 polizeilich verfolgt und floh im Oktober 1933 nach Rotterdam. Mit der Zustimmung des ZK reiste er im September 1934 mit dem sowjetischen Frachtdampfer Kola (vormals Ilmenau) von Rotterdam nach Leningrad. Danach führte ihn sein Weg weiter nach Moskau. Seine Partnerin Dorothea Schwarz (Tochter des Fregattenkapitäns Rudolf Schwarz und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. von Meibom) folgte ihm im September 1935 nach, nachdem sie 1933 wegen der Beziehung zu Franz Kaufmann zeitweise in Schutzhaft genommen worden war. Das Paar heiratete am 14. Oktober 1935 in Moskau, doch die Ehe wurde bereits 1936 geschieden. Daraufhin kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie erneut verhaftet und im Frauen-KZ Moringen inhaftiert wurde. Durch die Intervention des mit ihr verwandten Diplomaten Ernst von Weizsäcker kam sie im Mai 1937 frei. Ihre Spur verliert sich 1940 in Bad Saarow.
Exil in Moskau, GULAG und Nachwirkung Seit Oktober 1934 war Franz Kaufmann in Moskau Referent bei Technopromimport und leitete 1934–1935 die Mathematikarbeitsgemeinschaft im Deutschen Klub. Ab dem 1. September 1935 unterrichtete er Chemie, Physik, Mathematik und Deutsch an der Karl-Liebknecht-Schule für Emigrantenkinder und war vorübergehend stellvertretender Direktor für Planung. Zu seinen Schülern zählten der spätere Historiker Wolfgang Leonhard und der spätere DDR-Spionagechef Markus Wolf. Leonhard setzte seinem Lehrer Spurensuche: Vierzig Jahre nach „Die Revolution entlässt ihre Kinder'“ ein bleibendes Denkmal und lobte seinen Unterricht als seltene Oase des klaren, unverbogenen und logischen Denkens inmitten der stalinistischen Indoktrination.
Im Zuge von Stalins Großem Terror wurde Kaufmann am 22. November 1937 im Rahmen der Deutschen Operation des NKWD verhaftet. Am 2. Februar 1938 wurde er wegen angeblicher Spionage zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Er verstarb am 15. November 1941 nach drei Jahren schwerer Haft im Gulag beim Bau der Eisenbahnstrecke Kotlas–Workuta.
Rehabilitierung Am 15. September 1989, während der Phase von Glasnost und Perestroika, wurde Franz Kaufmann von den sowjetischen Justizbehörden offiziell und vollständig postum rehabilitiert.
Literatur Natalia Mussienko, Alexander Vatlin: Schule der Träume. Die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau (1924–1938). ISBN 3-7815-1368-8, S. 242. Wolfgang Leonhard: Spurensuche: Vierzig Jahre nach„Die Revolution entlässt ihre Kinder“, ISBN 978-3-462-02390-9, S. 35. Volker Schmidt: Dr. rer. pol. Franz Kaufmann. Vom Lahntal in Stalins GULAG. In: Nassauische Annalen. Jahrbuch des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung. Band 135, Wiesbaden 2024, S. 523–546.
Einzelnachweise
Kategorie:Wirtschaftswissenschaftler Kategorie:KPD-Mitglied Kategorie:Häftling im Gulag Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1902 Kategorie:Gestorben 1941 Kategorie:Mann Kategorie:Opfer des Großen Terrors (Sowjetunion)