Ein ungefasstes (exakt: ungefasstes, unvergoldetes und unbemaltes) Flügelretabel ist ein geschnitzter Altaraufsatz mit schwenkbaren Flügeln, der im Unterschied zu den buntfarbigen nicht gefasst, vergoldet und bemalt wurde. Oberflächiger Befund Die Figuren und Reliefs ungefasster, nichtvergoldeter und unbemalter Flügelretabel charakterisiert eine subtil durchmodellierte Schnitzerei, zum Teil unter Verwendung von Punzen. Haare, Pupillen, Lippen und andere Details sind lasierend farbig hervorgehoben.Kiesewetter 2017, S. 7ff und 24. In einigen Fällen konnte ein unauffällig getönter transparenter Überzug (Lasur) nachgewiesen werden.Eike Oellermann: Die Restaurierung des Heilig-Blut-Altares von Tilman Riemenschneider. In: Bericht des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. 24 (1965/66), S. 75–85. — Eike Oellermann: Dokumentation der Arbeitsweisen der Künstler und Handwerker. In: Maltechnik Restauro. 82, 1976, S. 173–182.

Terminologische Eingrenzung Bemalung meint in Hinblick auf Flügelretabel einen kreidegrundierten Farbauftrag, der auf einem zweidimensionalen Träger aufgebracht wurde. Fassung meint in spätmittelalterlichen vorreformatorischen Quellen die über eine Kreidegrundierung aufgebaute buntfarbige Bemalung eines dreidimensionalen Holzkörpers. Der Quellenterminus ungefasst (»roh«, »ungefasst«, »an (ohne) die Verfassung« (Fassung), »an (ohne) die Fassung«; niederländisch »oenghestoeffeerd«) bezeichnet die Abwesenheit von einer Fassung, Vergoldung und Bemalung.Habenicht 2022, S. 298–321. In Werkverträgen zur Vollendung von Schnitzaltären wird der Werkmeister - meist ein Maler - damit beauftragt, das geschnitzte Flügelretabel zu fassen, zu vergolden und zu bemalen, womit alle Tätigkeiten beziehungsweise Gewerke angesprochen sind, die bei der Vollendung anfielen beziehungsweise mitwirkten. Neben dem Maler, der die leeren Flügeltafeln mit figürlichen Gemälden bemalte, sind das der Bereiter beziehungsweise Vergolder und/oder Faßmaler.

In der älteren Forschung begegnet fälschlicherweise die Bezeichnung »monochrome Fassung«, womit die unauffällig getönte transparente Lasur angesprochen ist. Technisch gesehen sind Fassung, Tränke und Lasur nicht dasselbe und daher begrifflich zu unterscheiden. Monochrom (altgriechisch »einfarbig«) war das ungefasste Flügelretabel tatsächlich nie. Pupillen, Augen, Augenbrauen, Lippen, aber auch Haare, Kleidung, Landschaften und Hintergründe wurden lokalfarbig bemalt, allerdings ohne Kreidegrundierung direkt auf der Holzoberfläche.Kiesewetter 2017, S. 7–8.

Zeitliche und räumliche Verbreitung Zwischen 1470 und der Reformation war es vollkommen üblich, Flügelretabel ungefasst, unvergoldet und nichtbemalt im Kirchenraum aufzustellen. Georg Habenicht zählt mehr als 191 Beispiele, von denen allerdings viele nur noch archivalisch greifbar sind. Hinsichtlich der geographischen Verbreitung ist eine Konzentration in den historischen Niederlanden und Oberdeutschland feststellbar.Habenicht 2023, S. 166–187, S. 169.

Entstehung Wann die Aufstellung ungefasster Flügelretabel in Kirchen aufkam, ist unklar. Der Rat von Utrecht regelte bereits 1410, dass jeder Meister sein Werkstück vergoldet oder unvergoldet, geschnitzt oder gefasst und bemalt, ganz wie er möchte, zum Verkauf anbieten darf.Habenicht 2022, S. 298–321. Mancherorts erzwangen Zunftvorschriften die ungefasste Aufstellung von Flügelretabeln. Der Würzburger Bildschnitzer Tilman Riemenschneider durfte seine Bildwerke weder fassen noch vergolden.Georg Habenicht: Riemenschneider im Würzburger Dom: Hochaltarciborium, Kolossalkruzifix und weitere Hauptwerke. In: Enno Bünz, Wolfgang Weiß (Hrsg.): Bischof Lorenz von Bibra (1495–1519) und seine Zeit. Herrschaft, Kirche und Kultur im Umbruch. Würzburg 2021, S. 469–529, 486–489. Das älteste bekannte vollständig erhaltene Flügelretabel ohne Fassung steht auf dem Hochaltar zu St. Martin in Lorch.

Provisorium Zunächst war die Aufstellung von Flügelretabeln ohne Fassung, Vergoldung und Bemalung provisorisch. Ein Grund ist die Wahl des Malers, ein anderer die Kostenstruktur.Habenicht 2016, S. 65. Fassung, Vergoldung und Bemalung waren etwa doppelt so teuer wie die Holzarbeiten. Die Auftraggeber legten eine finanzielle Pause ein und vollendeten das unfertige Flügelretabel, wann es ihnen finanziell angelegen war. Für den Abbau mussten raumgreifende und häufig viele Meter hohe Flügelretabel mit großem Aufwand aus ihren Sicherungen und Verankerungen gelöst und in die Werkstatt des ausführenden Malers transportiert werden, die viele Kilometer entfernt sein konnte.Habenicht 2023, S. 171. Das Prozedere ist für Flügelretabel von Tilman Riemenschneider, Daniel Mauch, Michel Erhart, Jörg Ratgeb oder Jan Borreman archivalisch inzwischen gut dokumentiert, aber auch für prominente Auftraggeber wie den Großbankier Ulrich Fugger oder den Humanisten Bonifacius Amerbach.Habenicht 2016, S. 7–19 und S. 84–108. Als der Frühmessaltar in Augsburgs St.-Ulrich-und-Afra-Kirche provisorisch aufgestellt wurde, gab Adolf Daucher den Kirchpflegern den Tipp, das Retabel von oben nach unten abzubauen, sollte seine Fassung, Vergoldung und Bemalung anstehen. Sie erfolgte 5 Jahre später.Hannelore Müller: Die Künstlerfamilie Daucher. In: Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für Bayerische Landesgeschichte. Bd. 6, 1958, S. 136 — zu Adolf Daucher siehe auch Arndt Kiesewetter: Die Wittenberger Fürstenstandbilder in ewiger Anbetung — ein Werk der Augsburger Daucher-Werkstatt. In: Wittenberg-Forschungen. Bd. 5, Petersberg 2020, S. 228f. Die zeitlichen Intervalle lassen sich bislang für 71 Flügelretabel nachweisen und schwanken zwischen wenigen Jahren und mehr als vier Jahrzehnten. Die durchschnittliche provisorische Verweilfrist liegt bei etwa 13 Jahren.Habenicht 2023, S. 169.

Programm Der programmatische Verzicht auf die traditionelle Fassung, Vergoldung und Bemalung vollzog sich vermutlich nach und nach. Ungefasste Flügelretabel standen in den Kirchenräumen neben solchen, die traditionell gefasst, vergoldet und bemalt waren.Siehe Gemälde der Rosenkranzspende an den hl. Dominikus, Utrecht, Museum Catharijneconvent. Auf dem Gemälde aus dem frühen 16. Jahrhundert sind im Hintergrund gefasste und ungefasste Retabel in liturgischer Nutzung dargestellt. Vgl. Habenicht 2015, S. 212 mit Abbildung. Ihnen eignet die oben erwähnte facettenreiche Feinschnitzerei. Diese entwickelte sich einerseits aus der langen Zeitdauer der Provisorien, andererseits aus dem Umstand der gleitenden Bezahlung. Die nuancierte Oberflächendurchbildung und der damit einhergehende Mehraufwand wurde von Gutachtern taxiert, welche von den Vertragsparteien benannt worden waren, um die vertragsgemäße Auftragserledigung festzustellen und den Endpreis festzulegen. Im Falle von Tilman Riemenschneiders Rothenburger Heilig-Blut-Altar betrug die sogenannte Besserung einen Aufschlag in Höhe von 20 % des vertraglich vereinbarten Preises.Quellenbelege siehe u. a. RDK Labor: Quellen und Materialien: Werkverträge und Rechnungen rdklabor.deLiesbeth M. Helmus: Schilderen in opdracht. Noord-Nederlandse contracten voor altaarstucken 1485–1570. Utrecht 2010. Die raffiniert geschnitzten Details honorierten die Auftraggeber, weil sie für das unter Umständen langjährige Interim keinen Rohling auf dem Altar stehen haben wollten. Ab wann das zunächst provisorisch gemeinte ungefasste Flügelretabel ins Programmatische umschlug, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Den in der älteren Forschung als Kronzeuge herangeführten Beleg für gewollte Holzsichtigkeit, den lateinischen Anniversareintrag des Nürnberger Karmeliterpriors Andreas Stoß, hat Georg Habenicht philologisch entkräftet, zugleich aber einen solchen Beleg in einer Schweizer Chronik gefunden.Habenicht 2016, S. 181–183 — Habenicht 2022, S. 298–321.

Ob ein ungefasstes, nicht vergoldetes und nicht bemaltes Schnitzretabel oder Bildwerk programmatisch oder provisorisch aufzufassen ist, lässt sich anhand des visuellen oberflächigen Befundes heute nicht mehr eindeutig klären, da in beiden Fällen die feinschnitzerische Behandlung seitens der Bildschnitzer die gleiche sein konnte.Kiesewetter 2017, S. 24–35. In Brüssel konnten Bildschnitzer mit ihrer filigranschnitzerischen Finesse werben und Schnitzretabel ungefasst zum Verkauf anbieten. Wenn dies binnen Monatsfrist nicht fruchtete, konnten sie die Altaraufsätze zurück in ihre Werkstatt nehmen und dort fassen, vergolden und bemalen. So fertiggestellt wurden die Flügelretabel anschließend zum zweiten Mal zum Verkauf angeboten.Renate Prochno: Konkurrenz und ihre Gesichter in der Kunst. Wettbewerb, Kreativität und ihre Wirkungen. Berlin 2006, S. 271. Die zuvor kunstvoll geschnitzten Details verschwanden teilweise unter der Fassung und Vergoldung.

Nach dem Willen der Windsheimer Witwe Elisabeth Paknap sollte Tilman Riemenschneiders Zwölfbotenaltar von Anbeginn gefasst, vergoldet und bemalt werden, was aber erst 3 Jahre nach seiner ersten Aufstellung geschah. Heute sind die Retabelfiguren abgelaugt, so dass ihre sensibel gestaltete Oberfläche offen liegt. Als mit einiger Sicherheit programmatisch ungefasst dürfen gelten das Alpirsbacher Altarretabel, die zwei 1524 im Bildersturm untergegangenen Retabel in Stammheim (CH), das Passionsretabel in der Lütticher Kollegiatskirche Saint Denis und das Johannesretabel in der Prager Teynkirche.Habenicht 2023, S. 172. Der Bordesholmer Passionsaltar ist ein prominentes Beispiel einer durch Reformation und politische Zeitläufte gestrandeten Unternehmung. Er ist eine Investitionsruine.Habenicht 2023, S. 166–187.

Liturgische Funktion Mesnerpflichtbücher (auch Küster- oder Kirchnerordnungen) geben Auskunft darüber, an welchen Terminen und wie lange die Retabelflügel geöffnet wurden. Mitunter wird auch in Pfarrchroniken und verwandten Quellen die Wandlung von Retabeln erwähnt. Die Belege sind erratisch, ihre systematische Gewichtung ausgesprochen schwierig.Franz Machilek: Fränkische ›Gotteshausbücher‹ des 15. und 16. Jahrhunderts. In: Karl Borchardt, Enno Bünz (Hrsg.): Forschungen zur bayerischen und fränkischen Geschichte. 1998, S. 249–255. — Enno Bünz: Die mittelalterliche Pfarrei in Deutschland. Neue Forschungstendenzen und -ergebnisse. In: Nathalie Kruppa (Hrsg.): Pfarreien im Mittelalter. Deutschland, Polen, Tschechien und Ungarn im Vergleich. 2008, S. 27–66. — Georg Habenicht (Hrsg.): Gottesdienstliches Leben in Windsheim vor der Reformation. Die Windsheimer Kirchner- und Organistenordnung. In: Edition, Zeitschrift für Bayerische Kirchengeschichte. Bd. 70 (2001), S. 1–27. Allgemein lässt sich sagen, dass die Flügelretabel die meiste Zeit im Jahr geschlossen standen. Pentaptychen wurden öfters gewandelt als Triptychen, weil bei ihnen die Oktav mit dem halbgeöffneten Zustand (der mittleren Wandlung) kommemoriert wurde.

Ob die ungefassten, nichtvergoldeten und unbemalten Flügelretabel gewandelt wurden, war lange strittig. Der Nachweis gelang Georg Habenicht.Frank Matthias Kammel (Hrsg.): Kunst & Kapitalverbrechen. Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar. München 2020, S. 41–44 (Matthias Weniger) — Habenicht 2023, S. 166–187. Die ungefassten Flügelretabel waren somit liturgisch voll funktionsfähig, obwohl die gerahmten Tafeln ihrer Flügel leer waren.

Kollaps der Retabelproduktion ab 1521