mini|hochkant|alt=Portrait eines jungen Mannes, elegant gekleidet|Paul Preuß 1910 Paul Preuß, auch Paul Preuss (geboren am 19. August 1886 in Altaussee; gestorben am 3. Oktober 1913 am Gosaukamm), war ein österreichischer Alpinist. Er war einer der erfolgreichsten und besten Kletterer seiner Zeit: Innerhalb von nur 5 Jahren gelangen ihm 1200 Besteigungen, davon 300 im Alleingang und rund 150 Erstbesteigungen. Preuß war ein vielseitiger Alpinist, der nicht nur den Fels beherrschte, sondern auch Erstbegehungen auf Schnee und Eis unternahm. Er betrieb Skibergsteigen, Skitraversen (in beiden Bereichen gelangen ihm Erstbegehungen) und Schneeschuhwandern.

Preuß war ein gefragter Vortragsredner über alpine Themen, seine Vorträge waren sehr beliebt. Er veröffentlichte viele Artikel in alpinen Zeitschriften und den Mitteilungen der Alpenvereine, die Berge und Routen beschreiben, aber auch über Kletterstil und Klettertechnik. Einer dieser Aufsätze war der Ausgangspunkt für den Mauerhakenstreit, der in der Formulierung der Kletterregeln mündete. Diese haben den Freiklettergedanken populär gemacht. Damit war Preuß auch einer der führenden Alpinisten in Kletterethik und -technik.

Preuß stürzte im Oktober 1913 am Mandlkogel im Gosaukamm tödlich ab. 50 Jahre nach seinem Tod begann eine Wiederentdeckung seines Lebens und Wirkens, eine wesentliche Quelle war die Biografie von Reinhold Messner. Zu Preuß’ Gedenken wurde der Paul-Preuß-Preis ins Leben gerufen, der an extreme, aktive Kletterer verliehen wird, die herausragende Leistungen im Gebirge erbracht haben.

Leben Kindheit und Jugend Paul Preuß kam in Altaussee in einer jüdischen Familie als Sohn des Klavierlehrers Eduard Preuß und seiner Frau Caroline, geborene Lauchheim, zur Welt. Sein Vater stammte aus Ungarn, seine Mutter aus dem Elsass; die beiden hatten sich in einem adeligen Wiener Haus kennengelernt, in dem Caroline als Erzieherin und Hauslehrerin arbeitete und Eduard Klavierunterricht gab. 1882 heirateten sie und bezogen eine Wohnung in Wien am Franz-Josefs-Kai. Ihre Arbeitgeber gingen jedes Jahr zur Sommerfrische in das Salzkammergut, dort gab Eduard ebenfalls Klavierunterricht. Im Frühjahr 1886 erwarben sie ein kleines Haus in Altaussee, in dem Paul Preuß im August 1886 geboren wurde. Er wuchs mit seinen älteren Schwestern Mina und Sophie in Wien auf, die Sommer verbrachte die Familie in Altaussee.

Im Alter von sechs Jahren litt Preuß unter einer infektiösen Lähmung, die bewirkte, dass er monatelang im Bett liegen musste und sich nur im Rollstuhl fortbewegen konnte. Nach seiner Genesung war er schwach, weshalb sein Vater, ein Hobbybotaniker, mit ihm erste Wanderungen unternahm. Dadurch erholte sich Preuß langsam von seiner Krankheit. Er spielte Tennis und nahm Fechtunterricht. Klavierspielen lernte er von seinem Vater, der starb, als Paul zehn Jahre alt war. Als Vormund wurde ein Bruder seines Vaters eingesetzt, der Landesgerichtsrat Sigmund Preuß, ein promovierter Jurist, der in Wien in einer Doppelwohnung mit Eduard, Caroline und Paul Preuß lebte.David Smart: Paul Preuß. Lord of the Abyss. Rocky Mountain Books, 2019, S. 24; Reinhold Messner: Freiklettern mit Paul Preuß. BLV, München / Wien / Zürich 1986, S. 8.

Studium und Vernetzung mit Bergsteigern Als Schüler am Erzherzog-Rainer-Gymnasium im Wiener 2. Bezirk wurde Preuß unter anderem von dem Botaniker Friedrich Karl Max Vierhapper unterrichtet, als dieser dort von 1902 bis 1904 Supplent war. Am 11. Juli 1906 legte Preuß die Matura mit Auszeichnung ab. Ab dem Wintersemester 1906/07 studierte er an der Universität Wien Naturgeschichte, belegte dort Vierhappers Übungen im Bestimmen von Pflanzen und nahm an pflanzengeographischen und botanischen Exkursionen Vierhappers teil. Im Wintersemester 1909/10 belegte er noch „Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten“ bei Richard Wettstein. Zum Sommersemester 1910 wechselte Preuß an die Universität München. Dort schrieb er sich am Pflanzenphysiologischen Institut bei Karl von Goebel ein.Franz Speta, Elise Speta, Michael Hohla: Vater und Sohn Vierhapper – Zwei Leben für die Botanik. Eine Familiengeschichte im Kontext des botanischen Umfeldes. In: Stapfia 110 (2019), S. 149–151 ().

Reinhold Messner schreibt, Preuß habe in Wien sein Studium abgeschlossen und sei dann Assistent am Botanischen Institut der Universität München geworden. In seiner Münchner Zeit sei er neben seinem Studium jedes Wochenende im Gebirge unterwegs gewesen, habe im Café Stefanie Schach gespielt, gerne Maskenbälle besucht und Karten gespielt. Ab 1911 habe er mit „Dr. Paul Preuß“ unterschrieben und wurde so auch bei Veranstaltungen angekündigt. Sein allerdings nicht nachgewiesener Studienabschluss habe seinen akademischen Ansprüchen jedoch nicht genügt, sodass Preuß weiter studiert habe.Reinhold Messner: Der Philosoph des Freikletterns. Die Geschichte von Paul Preuß. Malik, München 2011, S. 24 f. David Smart, der 2019 eine Preuß-Biografie herausbrachte, geht davon aus, dass der Antrieb zu akademischen Leistungen bei Preuß um 1911 deutlich nachgelassen habe und ihm ein Studienabschluss nicht gelungen sei.David Smart: Paul Preuß. Lord of the Abyss. Rocky Mountain Books, 2019, S. 88–90. Weder an der Universität Wien noch an der Universität München sind Belege über Abschlussprüfungen vorhanden. Auch eine Anstellung am Münchner Botanischen Institut oder eine Anstellung an irgendeinem Institut der Universität ist nicht nachweisbar. Ebenso wenig ist eine Dissertation nachweisbar. Preuß’ Einschreibung endet im Wintersemester 1910/11. Der Botaniker Franz Speta meint, dass Preuß weniger vom Botanikstudium fasziniert gewesen sei als vom Bergsteigen. Er habe in seiner Münchner Zeit auch eine beeindruckende Zahl an Bergtouren durchgeführt, viele Vorträge gehalten und zahlreiche Aufsätze und Tourenbeschreibungen in Zeitschriften publiziert. Für Studium und Wissenschaft sei wohl nur wenig Zeit geblieben.

mini|alt=Paul Preuß mit Gehstock und eleganter Kleiderung, rechts Schmidkunz mit Hut und Lodenjacke, zwischen beiden Männern eine Frau in einem Dirndl|Paul Preuß, Emmy Eisenberg und Walter Schmidkunz 12. August 1911 in Gröden

In seiner Studienzeit befreundete sich Preuß mit Alexander Hartwich, Paul Relly, Sigmund Freuds Sohn Martin und Emmy Eisenberg, die mit ihm Klettertouren unternahmen. Er konvertierte 1909 vom Judentum zum Protestantismus. Die konkreten Gründe sind nicht bekannt. Die Historikerin Astrid Schweighofer hält die Freundschaft mit Hartwich für einen möglichen Grund, aber auch den Einfluss des Pfarrers Friedrich Selle, der in jenen Jahren in Bad Aussee tätig war. Auch Preuß’ Weltanschauung müsse in Betracht gezogen werden, die sie im Milieu der Lebensreformer verortet.Astrid Schweighofer: Religiöse Sucher in der Moderne. Konversionen vom Judentum zum Protestantismus in Wien um 1900. De Gruyter, Berlin 2015, S. 323–325 (= Arbeiten zur Kirchengeschichte, 126).

Bereits in Wien war Preuß Mitglied der Sektion Austria des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins geworden. In München trat er der Sektion Bayerland des Alpenvereins, dem Klub Alpiner Schiläufer und dem Alpenklub „Hoch-Glück“ bei. Preuß hatte einen großen Freundeskreis und war mit vielen der damaligen bedeutenden Kletterer bekannt. Seine hauptsächlichen Kletterpartner waren Paul Relly, der später Mina Preuß heiratete, und Walter Schmidkunz. Auch mit Hans Dülfer aus Wuppertal verband ihn eine enge Freundschaft. Außerdem unternahm er viele Klettertouren mit seiner Jugendliebe Emmy Eisenberg und mit seiner Schwester Mina.

Neben seinen bergsteigerischen Aktivitäten hielt Preuß viele Vorträge über alpine Themen. Mit den vergleichsweise hohen Honoraren finanzierte er zusammen mit seinen Schriften über Jahre sein Leben, die Studienzeit und das Klettern. Damit war Preuß der erste Selbstvermarkter unter den großen Alpinisten und erlangte einen hohen Bekanntheitsgrad. Auch damit ähnelte er vielen Profibergsteigern von heute.

Der Mensch Paul Preuß Preuß wurde als eloquent, geistreich, humorvoll und umgänglich beschrieben. Menschen, die er nicht leiden konnte, gab er recht, mit Menschen, die er mochte, konnte er sich auch streiten. Er galt als unbedingt zuverlässig und freigiebig, er verfügte über viel Humor, aber ebenso beißende Ironie, so erinnerte sich sein Freund Walter Bing. Ein anderer Freund, Alexander Hartwich, schrieb 1937 über Preuß, dass ihm die heroischen Phrasen „aus der schlimmsten Phraseologie, aus der des Krieges“, wie sie bei Alpinisten damals üblich gewesen seien, fremd gewesen seien. Er habe die Berge „so einfach geliebt, wie er einfach im Leben eben war“; Bergsteigen sei ihm „ganz einfach selbstverständlich“ gewesen.Alexander Hartwich: Paul Preuß. Blätter der Erinnerung. In: Berg und Ski. Zeitschrift des Alpenvereins Donauland, Januar 1937, 17. Jahrgang, Nr. 180, S. 3–7; bibliothek.alpenverein.de (PDF). Auch den Mauerhakenstreit soll er nicht so ernst durchgefochten haben wie viele seiner Widersacher. Besonders kennzeichnend waren für ihn seine ungeheure Energie, seine Begeisterungsfähigkeit und sein Tatendrang.

Preuß sprach neben seiner Muttersprache Deutsch fließend Französisch, da seine Mutter aus dem Elsass stammte und mit ihm Französisch gesprochen hatte. Er beherrschte außerdem Englisch und Italienisch. Preuß war stets elegant gekleidet, je nach Jahreszeit trug er eine weiße, blaue oder violette Krawatte. Damit stand er im Widerspruch zu vielen anderen Kletterern seiner Zeit, die ein eher wildes Aussehen pflegten.

Antisemitismus Die Sektion Austria, in der Preuß Mitglied war, war die älteste und größte Sektion des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, und noch 1920 waren von ihren etwa 6000 Mitgliedern mehr als 2000 Juden, also über ein Drittel.Hanno Loewy: Sektion Donauland. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Brill, Berlin 2016, doi:10.1163/2468-2845_ejgk_COM_0793. Doch insbesondere in den Akademischen Sektionen des Alpenvereins gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg wachsende antisemitische Tendenzen. Mehrfach wurden Anträge an den Verein gestellt, Satzungsänderungen zu genehmigen, die einen Arierparagraphen enthielten, also die Aufnahme von Juden ausschlossen. Gewöhnlich lehnte der Alpenverein diese Anträge ab, aber nicht immer. So hätte Preuß in der Akademischen Sektion Wien nicht Mitglied werden können, obwohl er in Wien studierte, da diese Sektion für ihre Wintersportvereinigung 1907 einen solchen Paragraphen durchsetzte und auch insgesamt keine Juden mehr aufnahm.Martin Achrainer: Der unermüdliche Lausbub. Paul Preuß, von außen gesehen. In: Bergauf 2/2013, S. 10–12, hier: S. 11 (alpenverein.at (PDF)); Walter Kissling: „Ob Jude oder Christ, ob Hoch oder Nieder – wir wollen nur nach dem Menschen sehen.“ Bruchstücke für eine Geschichte des Wiener Alpinvereins „Donauland“. In: Heinrich Berger, Melanie Dejnega, Regina Fritz, Alexander Prenninger (Hrsg.): Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2011, S. 287–316, hier: S. 287. Dennoch blieb der Antisemitismus in den Alpenvereinen gemäß Hanno Loewy zunächst noch eine Randerscheinung.Hanno Loewy: Sektion Donauland. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Brill, Berlin 2016, doi:10.1163/2468-2845_ejgk_COM_0793. Reinhold Messner schrieb über Preuß: „Dass er Jude war, spielte keine Rolle.“ Im zu Preuß’ Lebzeiten noch liberalen Alpenverein habe er viele Bewunderer gehabt.Reinhold Messner: Der Philosoph des Freikletterns. Die Geschichte von Paul Preuß. Malik, München 2011, S. 9.