Die Richmond and Petersburg Railroad war eine US-amerikanische Bahngesellschaft, deren Hauptstrecke die namensgebenden Orte Richmond und Petersburg im Osten des Bundesstaats Virginia verband. Das 1836 gegründete Unternehmen betrieb damit eine der ersten Bahnstrecken Virginias und bildete 1898 zusammen mit der Petersburg Railroad die Atlantic Coast Line Railroad of Virginia, den direkten Vorläufer der zwei Jahre später gegründeten Atlantic Coast Line Railroad.

Geschichte

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die etwa 35km voneinander entfernten Städte Richmond und Petersburg regionale Handelszentren, die beide von ihrer Lage an schiffbaren Flüssen profitierten. Das am James River gelegene Richmond war ein wichtiger Umschlagpunkt für landwirtschaftliche Produkte, vor allem aus dem Gebiet zwischen Richmond und dem etwa 175km westlich gelegenen Lynchburg. Das Einzugsgebiet von Petersburg am Appomattox River war hingegen eher nach Süden orientiert. Der weitere Transport via Küstenschifffahrt in die Bevölkerungszentren im Nordosten der Vereinigten Staaten wurde 1812 durch den Britisch-Amerikanischen Krieg deutlich beeinträchtigt und auf die schlecht ausgebauten Straßen gezwungen.

In den 1820er-Jahren wurden mehrere Mautstraßenabschnitte im Gebiet zwischen Richmond und Petersburg errichtet, insbesondere die Manchester and Petersburg Turnpike zwischen dem damals selbständigen, gegenüber von Richmond am Südufer des James River gelegenen Ort Manchester und Petersburg. Im folgenden Jahrzehnt gewann jedoch die Errichtung von Bahnstrecken zahlreiche Interessenten. Unternehmer aus Richmond und Petersburg gründeten am 14. März 1836 die Richmond and Petersburg Railroad, die vom Staat Virginia das Recht zur Enteignung der außerhalb von Städten gelegenen, für die Trasse benötigten Grundstücke erhielt. Zugleich beantragte auch die Betreibergesellschaft der Manchester and Petersburg Turnpike den Bau einer Bahnstrecke entlang ihrer Mautstraße oder ersatzweise den Verkauf dieser Straße an den Betreiber einer parallelen Bahnstrecke. Letzteres wurde noch 1836 vollzogen, indem die Richmond and Petersburg Railroad die Mautstraße übernahm.

Die Richmond and Petersburg Railroad begann im Sommer 1836 mit dem Bau einer eingleisigen Bahnstrecke mit einer Spurweite von 1435mm, der späteren Regelspur, von Manchester zu einem nördlich des Appomattox Rivers gegenüber von Petersburg gelegenen Punkt. Obwohl für den Grunderwerb nur geringe Kosten anfielen und ein Großteil der Schwerarbeit durch Sklaven geleistet wurde, war die Finanzierung der Bauarbeiten schwierig und wurde durch die Wirtschaftskrise von 1837 zusätzlich behindert. Im Mai 1838 konnte die etwa 32km lange Strecke jedoch fertiggestellt werden. Im September wurde sie am nördlichen Ende mit Fertigstellung einer Eisenbahnbrücke über den James River bis Richmond verlängert, wo der als Byrd Street Station bezeichnete Endbahnhof zwischen Fluss und Stadtzentrum angelegt wurde. In Petersburg stellte die Straßenbrücke der Manchester and Petersburg Turnpike die Verbindung zwischen dem südlichen Ende der Bahnstrecke und der Stadt her, wurde aber im Januar 1840 bei einem Hochwasser zerstört. Der Wiederaufbau belastete die finanziell angeschlagene Gesellschaft zusätzlich.

1842 beschloss die Hauptversammlung dennoch den Bau einer kurzen Zweigstrecke von einem wenige Kilometer nördlich von Petersburg gelegenen Punkt ostwärts nach Port Walthall. Diese etwa fünf Kilometer lange, 1844 eröffnete Verbindung wurde vor allem für den Transport von Kohle zwischen den ab 1848 erschlossenen Bergwerken Clover Hill Pits im Chesterfield County und dem Seehafen Port Walthall genutzt. Die Richmond and Petersburg Railroad mietete dazu auch die ebenfalls 1844 fertiggestellte Strecke der Clover Hill Railroad zwischen Chester und den Bergwerken. Neben der Verbindung mit der ebenfalls zum Kohletransport genutzten Pferdebahn der Chesterfield Railroad in Manchester waren dies in den ersten Jahrzehnten die einzigen unmittelbaren Verknüpfungen der Richmond and Petersburg Railroad mit anderen Bahnstrecken. Zu den nördlich und südlich gelegenen Strecken der Richmond, Fredericksburg and Potomac Railroad und Petersburg Railroad bestand keine direkte Gleisverbindung, sondern lediglich Umsteige- und Umladeverkehr über die städtischen Straßen.

Bis zum Ende des Sezessionskrieges waren die Arbeitskräfte der Richmond and Petersburg Railroad teilweise Sklaven. 1861 beschäftigte die Gesellschaft 56 Angestellte einschließlich der Geschäftsführer und 51 Sklaven, 1864 infolge des Verkehrszuwachses während des Krieges 78 Angestellte und 118 Sklaven.

mini|Beim Rückzug aus Richmond zerstörte Dampflokomotive der Richmond and Petersburg Railroad (1865)Wie andere Bahngesellschaften in Virginia nahm die Richmond and Petersburg Railroad im Sezessionskrieg ab 1861 eine wichtige Rolle für den Nachschub des Heers der Konföderierten Staaten ein. Dabei führten sowohl die hohe Beanspruchung als auch fehlende Mittel für Reparaturen und Instandhaltung zu großen Schäden an Material und Infrastruktur. Die Zweigstrecke nach Port Walthall wurde 1864 abgebaut, um die Gleise zur Instandsetzung der Hauptstrecke verwenden zu können; zugleich wurde die Anmietung der Strecke der Clover Hill Railroad beendet. Im selben Jahr wurde die Region selbst Kriegsschauplatz. Die Unterbrechung der Bahnstrecken um Petersburg war ein erklärtes Ziel der später als Belagerung von Petersburg bekannten Feldzüge des Unionsheers ab Juni 1864, das im August 1864 mit der Besetzung und teilweisen Zerstörung der Strecke der Petersburg Railroad erreicht wurde. Die Richmond and Petersburg Railroad war nur von vereinzelten Angriffen betroffen, verlor aber Anschluss gen Süden. Beim Rückzug aus Richmond setzte das Heer der Konföderierten Staaten jedoch am 3. April 1865 als Teil einer Verbrannte-Erde-Taktik die Brücke über den James River in Brand, wodurch auch die benachbarten Bahnhofs- und Bahnbetriebswerk-Anlagen in Richmond weitgehend zerstört wurden.

Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs im Sommer 1865 wurde mit dem Wiederaufbau der Brücke über den James River begonnen. Das Ersatzbauwerk konnte am 25. Mai 1866 eröffnet werden. Im Mai 1867 wurde in Petersburg zudem eine permanente Gleisverbindung zwischen den Hauptstrecken der Richmond and Petersburg Railroad und der Petersburg Railroad geschaffen. Im selben Monat wurden zudem in Richmond die Strecken der Richmond and Petersburg Railroad und der Richmond, Fredericksburg and Potomac Railroad verbunden.

Durchgehende Gleisverbindungen zwischen Strecken benachbarter Bahngesellschaften in Richmond und Petersburg, aber auch zwischen Bahngesellschaften in North Carolina und Georgia, erhöhten die Attraktivität dieser Infrastruktur für den Güterverkehr. So war es nun möglich, verderbliche Fracht wie Obst und Gemüse über längere Distanzen zu befördern. Die Verknüpfung der vor allem für Frühgemüse und Frühobst idealen Anbaugebiete an der Küste Virginias und North Carolinas mit den Großstädten im Nordosten der Vereinigten Staaten, wie etwa New York City und Philadelphia, entwickelte sich ab den späten 1860er-Jahren zu einem wichtigen Standbein der Richmond and Petersburg Railroad und ihrer Nachbarbahngesellschaften. Als Oberbegriff für diese Transporte wurde „Atlantic Coast Despatch“ gewählt. Ab den 1870 wurde der Begriff Atlantic Coast Line allgemein für eine Kette von Bahnstrecken zwischen Richmond und Florida verwendet.

Weiteren Verkehrszuwachs brachte 1886 die Umstellung der südlich von Wilmington gelegenen Bahnstrecken verschiedener Gesellschaften von der bisher verwendeten Spurweite von fünf Fuß (1524mm) auf die nördlich von Wilmington verwendete Regelspur. Damit wurde die durchgehende Fahrt bis nach Georgia und Florida möglich. Neben den als Atlantic Coast Line verbundenen Bahngesellschaften nutzten auch Fahrgäste und Güter des Seaboard-Air-Line-Netzes, dem Vorläufer der späteren Seaboard Air Line Railroad, die Bahnstrecke zwischen Richmond und Petersburg. Daher wurde 1882 die Virginia and Carolina Railroad – ab 1897: Richmond, Petersburg and Carolina Railroad – gegründet, um eine eigene, parallele Verbindung des Seaboard-Systems zu errichten, die allerdings erst im Jahr 1900 fertiggestellt wurde.

Die von der Richmond Connection Railroad als Gemeinschaftsunternehmen betriebene Verbindung zwischen der Byrd Street Station der Richmond and Petersburg Railroad und der Richmond, Fredericksburg and Potomac Railroad führte durch das Stadtzentrum von Richmond. Auf Broad Street und Belvidere Street verlief sie direkt im Straßenplanum, zahlreiche weitere Straßen wurden höhengleich gekreuzt. Zudem war nordwärts eine signifikante Steigung zu überwinden. Die beiden Betreiber beschlossen daher, eine westlich außerhalb von Richmond trassierte Umgehungsstrecke zu errichten. Die Belt Line wurde 1891 eröffnet und für den Güterverkehr genutzt, während der Personenverkehr auf der Connection Railroad verblieb. Von 1916 bis 1919 wurde die Belt Line zweigleisig ausgebaut, um die Connection Railroad vollständig zu ersetzen.

1891 erwarb eine Gruppe von Unternehmern aus Baltimore unter Leitung von Benjamin Franklin Newcomer und William Thompson Walters sowie Beteiligung von Henry Walters die American Improvement and Construction Company. Die ursprünglich für den Überseehandel gegründete inaktive Gesellschaft wurde zu einer Holding, um Firmenbeteiligungen zusammenzufassen und als Aktiengesellschaft weitere Zukäufe zu finanzieren. Zu diesen Beteiligungen zählte seit 1873 die Richmond and Petersburg Railroad. 1893 nahm die Holding den Namen Atlantic Coast Line Company an.

Am 21. November 1898 erwarb die Richmond and Petersburg Railroad die Petersburg Railroad und änderte zugleich ihren Firmennamen in Atlantic Coast Line Railroad Company of Virginia. Dieses Unternehmen wurde am 12. Januar 1900 wiederum zur Atlantic Coast Line Railroad.

Infrastruktur mini|Karte der Strecken im Jahr 1862Die Hauptstrecke der Richmond and Petersburg Railroad verlief etwa 35km von Richmond südwärts Manchester und Chester nach Petersburg. Von einem wenige Kilometer nördlich von Petersburg gelegenen Punkt führte von 1844 bis 1864 eine Nebenstrecke ostwärts nach Port Walthall.

Die 1891 eröffnete, knapp unter 9km lange Belt Line in Richmond begann etwa auf Höhe des Bahnhofs Broad Street Station (ursprünglich: Union Station) und führte in einem Bogen südostwärts zur Hauptstrecke nach Petersburg, die sie an der südlichen Stadtgrenze von Richmond erreichte.

Weblinks

Einzelnachweise

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