mini|Marco Romano: Liegefigur des heiligen Simeon, um 1317–1318, Marmor, Länge 210 cm, Fragment des Grabmals des heiligen Simeon, Kirche San Simeone Grande, Venedig

Marco Romano (* in Rom in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts; † nach 1318) war ein italienischer Bildhauer der Gotik. Er zählt zu den bedeutendsten Vertretern der italienischen Skulptur des frühen Trecento und war als Wanderkünstler in der Toskana, der Lombardei und Venetien tätig. Da urkundliche Nachrichten zu ihm fast vollständig fehlen, blieb sein Œuvre lange Zeit unerkannt und wurde anderen Bildhauern, etwa Giovanni di Balduccio oder Gano di Fazio, zugeschrieben. Erst die stilkritische Rekonstruktion durch den Kunsthistoriker Giovanni Previtali im Jahr 1983 führte zur Anerkennung Marco Romanos als eigenständige künstlerische Persönlichkeit. Im Jahr 2009 widmete die Fondazione Musei Senesi dem Künstler in Casole d’Elsa die erste monografische Ausstellung.

Leben Über seine Herkunft, sein Geburtsdatum und seine Ausbildung liegen keine archivalischen Nachrichten vor. Die einzige zeitgenössische Quelle ist die von ihm selbst verfasste Inschrift an seinem einzigen gesicherten Werk, dem Grabmal des Beato Simeone Profeta in der Kirche San Simeone Profeta (San Simeone Grande) in Venedig. Aus dieser Inschrift geht hervor, dass der Künstler aus Rom stammte. Sie ist auf den 4. Februar 1318 datiert, was dem Jahr 1317 nach venezianischer Zeitrechnung (more veneto) entspricht.

Da es keine urkundlichen Belege gibt, konnte der künstlerische Werdegang Marco Romanos erst 1983 durch den Kunsthistoriker Giovanni Previtali auf stilkritischem Weg rekonstruiert werden. Ausgehend von der gesicherten venezianischen Signatur und unter Rückgriff auf frühere Beobachtungen von Leo Planiscig und Wilhelm Reinhold Valentiner ordnete Previtali dem Bildhauer mehrere bis dahin anderen Meistern zugeschriebene oder isoliert betrachtete Skulpturen zu. mini|Marco Romano: Prophetenkopf (Testa di profeta), um 1318, Alabaster, Museo Civico Archeologico e della Collegiata, Casole d’Elsa Nach dieser Rekonstruktion soll Marco Romano um 1290 an der Fassade des Doms von Siena mitgearbeitet haben, als die dortige Bauhütte unter der Leitung von Giovanni Pisano stand. Um 1296 dürfte er, vermutlich im Zusammenhang mit der Wahl Ranieri degli Aringhieris (Rainerio del Porrina) zum Bischof von Cremona, in diese Stadt übergesiedelt sein. Ranieri war zuvor Kaplan von Papst Bonifaz VIII. gewesen. In der Folge intensivierten sich die Beziehungen des Künstlers zur ghibellinischen Familie Aringhieri, den Herren von Casole d’Elsa. Nach 1309, dem Todesjahr Beltramo degli Aringhieris, genannt Messer Porrina, entstand dessen Grabmal in der Stiftskirche Santa Maria Assunta in Casole d’Elsa, wie aus den Rekonstruktionen hervorgeht.

Im Jahr 1313 wurden die Aringhieri infolge ihrer Unterstützung für Kaiser Heinrich VII. nach dessen Tod aus Siena verbannt. In der Forschung wird angenommen, dass Marco Romano im Zusammenhang mit diesem Ereignis die Toskana verließ und sich nach Venedig begab. Dort schuf und signierte er im Jahr 1318 das Grabmal des Beato Simeone Profeta. Es wurde vom Bischof von Castello, Jacopo Albertini, sowie den Bischöfen von Caorle, Torcello und Jesolo und dem Pfarrer der Kirche, Bartolomeo Ravachaulo, in Auftrag gegeben, um die Reliquien des Heiligen aufzunehmen. Diese waren nach dem Vierten Kreuzzug nach Venedig gelangt. Über den weiteren Lebensweg, den Sterbeort und das Todesdatum Marco Romanos ist nichts bekannt; das Grabmal in Venedig gilt zugleich als letztes gesichertes Zeugnis seines Schaffens.

Werk Das einzige durch Signatur und Datierung zweifelsfrei Marco Romano zuzuschreibende Werk ist die liegende Marmorfigur (Gisant) des Beato Simeone Profeta in der Kirche San Simeone Profeta in Venedig. Die Inschrift oberhalb des Grabmals lautet: Celavit Marcus hoc opus insigne Romanus. Laudibus non parcus: est sua digna manus. Die Datierung 1317/1318 sowie die Herkunftsangabe Romanus sind damit urkundlich gesichert. Die aus Marmor gearbeitete Liegefigur stellt den im Lukasevangelium erwähnten Greis und Gottesträger Simeon als Gisant auf dem Sarkophag dar. Er ist als älterer, bärtiger Mann mit geschlossenen bzw. leicht gesenkten Augen und markant modellierten Gesichtszügen dargestellt. Sein Körper liegt ausgestreckt auf dem Rücken, die stark gefaltete Gewandung bedeckt den gesamten Körper und bildet durch ihre rhythmisch angeordneten Falten einen wesentlichen Bestandteil der plastischen Gestaltung. Die Darstellung verbindet die traditionelle Form des mittelalterlichen Grabmals mit einer für die frühe italienische Gotik ungewöhnlich eindringlichen Charakterisierung des Gesichts.

Die Figur gehörte ursprünglich zu einem heute nicht mehr erhaltenen Grabmonument für die Reliquien des Heiligen. Der ursprüngliche Sarkophag, auf dem sich vermutlich eine Inschrift befand, ist verloren gegangen. Der heutige Sarkophag, auf dem die Liegefigur aufliegt, diente ursprünglich der Aufnahme der Gebeine des Heiligen und wurde erst bei der Errichtung des Grabmals durch die Figur überlagert. Deshalb bezeichnet der Bildindex die erhaltene Skulptur als Fragment des ursprünglichen Grabmals.

Die folgenden Werke werden Marco Romano auf stilkritischer Grundlage zugeschrieben, insbesondere nach den Untersuchungen Giovanni Previtalis aus dem Jahr 1983. Hierbei handelt es sich um Hypothesen der kunsthistorischen Forschung und nicht um urkundlich belegte Zuweisungen.

vier Büsten und zwei Löwen an der Fassade des Doms von Siena (um 1290), eine heute im Museo dell’Opera del Duomo in Siena aufbewahrte Prophetenfigur sowie eine Marienstatue mit Kind, die Figuren des heiligen Imerio und des heiligen Omobono an der Fassade des Doms von Cremona (wohl frühes 14. Jahrhundert) sowie das Grabmal des Beltramo degli Aringhieri, genannt Messer Porrina, in der Stiftskirche Santa Maria Assunta in Casole d’Elsa (nach 1309) sowie ein hölzernes Kruzifix im Museo Civico e Diocesano in Colle di Val d’Elsa, das ursprünglich in der Kirche Santa Maria a Radi di Montagna stand (vermutlich vor 1313).

Als jüngere, in der Forschung umstrittene Zuschreibungen gelten ein elfenbeinernes Kruzifix im Victoria and Albert Museum in London und eine Verkündigungsgruppe, die ursprünglich in der Markuskirche in Venedig aufgestellt war und sich heute im Tesoro der Basilika San Marco befindet. Letztere wird von einem Teil der Forschung einem Nachfolger Marco Romanos und einer späteren Entstehungszeit zugewiesen.

Stil und Bedeutung Marco Romanos Kunst wird in der Forschung als Ausprägung eines gotischen Klassizismus beschrieben. Er verbindet darin Elemente der französischen Gotik des späteren 13. Jahrhunderts mit einer ausgeprägt naturalistischen Formensprache, die sich für porträthafte Züge interessiert. Damit unterscheidet sich sein Werk von der dramatisch bewegten Bildsprache Giovanni Pisanos. In der Forschung wird Marco Romano zudem als möglicher Wegbereiter bestimmter formaler Aspekte der Kunst Simone Martinis sowie als Einfluss auf die sogenannte antipisanische Wende in der sienesischen Skulptur des zweiten Jahrzehnts des 14. Jahrhunderts diskutiert. Mit dieser werden unter anderem Namen wie Tino di Camaino in Verbindung gebracht.

Literatur Joachim Poeschke: Die Skulptur des Mittelalters in Italien. Bd. 2: Gotik. Hirmer, München 2000, S. 143, Taf. 173.

Laura Di Calisto: Marco Romano. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Bd. 69, Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2007. Giovanni Previtali: Alcune opere ‘fuori contesto’: il caso di Marco Romano. In: Bollettino d'Arte. Bd. 68, Nr. 22, 1983, S. 43–68. Alessandro Bagnoli (Hrsg.): Marco Romano e il contesto artistico senese fra la fine del Duecento e gli inizi del Trecento. Silvana Editoriale, Mailand 2010. Wolfgang Wolters: La scultura veneziana gotica (1300–1460). 2 Bde., Alfieri, Venedig 1976.

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Einzelnachweise

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