Gerhard Jörgensen (* 20. November 1924 in Heide (Holstein); † 21. März 1998 in Göttingen) war ein deutscher Humangenetiker. Er war von 1974 bis 1990 Professor für Humangenetik an der Georg-August-Universität Göttingen.

Leben Jörgensen studierte von 1943 bis 1948 Medizin in Berlin, Kiel und Prag. 1948 erfolgte die Approbation, 1950 die Promotion in Kiel. 1955 erhielt er an der Medizinischen Universitätsklinik Kiel die Anerkennung als Facharzt für Innere Medizin.

1960 wurde Jörgensen wissenschaftlicher Assistent am Institut für Humangenetik der Universität Göttingen bei Peter Emil Becker. 1963 habilitierte er sich für Humangenetik mit der Arbeit Zur Genetik der Sarkoidose. 1969 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. 1974 wurde er auf eine planmäßige Professur für Humangenetik an der Universität Göttingen berufen, die er bis 1990 innehatte.

Er war der Vater des Bodenwissenschaftlers Rainer Georg Jörgensen.

Wissenschaftliches Werk Bereits in den 1960er Jahren veröffentlichte Jörgensen in der Zeitschrift Human Genetics mehrere serogenetische Arbeiten, in denen er die Verteilung von Blutgruppen- und Serumprotein-Phänotypen bei verschiedenen Erkrankungen untersuchte, darunter das AB0-System im Rahmen eines multifaktoriellen genetischen Systems, die Gc-Phänotypen bei Diabetes mellitus, Leberparenchymschäden und Psoriasis vulgaris, die entsprechenden Haptoglobin-Phänotypen bei denselben Krankheiten sowie die Blutgruppenverteilung bei malignen Melanomen. Diese frühen Arbeiten bildeten die Grundlage für seinen späteren Forschungsschwerpunkt zu den Interaktionen zwischen Krankheiten und Blutgruppen.

Jörgensens weitere Forschung galt vor allem den genetischen Ursachen angeborener Fehlbildungen von Herz, Kiefer, Gesicht und Ohren. Aus seiner Beschäftigung mit Blutgruppen und Krankheiten entwickelte er 1980 die seinerzeit populäre Hypothese einer „Little more fitness“ der Blutgruppe 0 unter den heutigen europid-zivilisatorischen Lebensbedingungen.

Von bleibender Bedeutung ist seine Beschäftigung mit Intersexualität. 1972 veröffentlichte er gemeinsam mit Paul Eberle das Buch Intersexualität und Sport. Darin beschrieb er das Mann-Frau-Übergangsfeld anhand von vier Kriterien einer Geschlechtstypologie:

Chromosomales Geschlecht: Frauen besitzen 44 Autosomen und zwei X-Chromosomen, Männer 44 Autosomen sowie ein X- und ein Y-Chromosom. Gonadales Geschlecht: Frauen verfügen über zwei intra-abdominale Eierstöcke, Männer über zwei extra-abdominale Hoden. Äußere Form (Phänotyp) der Genitale und des Körpers. Psychologie der Geschlechter: Übereinstimmung der Eigenwahrnehmung mit den ersten drei Kriterien.

Treffen bei einer Person nicht alle vier Kriterien auf dasselbe Geschlecht zu, sprach man nach damaligem Sprachgebrauch von intersexuellen bzw. intergeschlechtlichen Individuen, früher auch als Scheinzwitter oder Pseudohermaphroditen bezeichnet. Jörgensen befürwortete 1987 die Anwendung von Geschlechtsbestimmungstests bei internationalen Sportwettkämpfen.

Zum Transsexualismus vertrat Jörgensen in den 1970er- und 1980er-Jahren als Gutachter und in mehreren Publikationen die Position, dass Betroffene aufgrund ihrer seelischen Konflikte Anspruch auf geschlechtsangleichende Hormonbehandlung und Operation sowie auf Änderung von Vornamen und Personenstand haben sollten.

Literarisches Werk Von 1974 bis 1986 betreute Jörgensen als Redakteur der Münchener Medizinischen Wochenschrift den feuilletonistischen Teil „Die Insel“. 1958 erschien mit Die Feder, die ich halte sein erster Gedichtband, dem 1973 Unfugen und 1974 Stürme der Stille folgten. In Der fröhliche Hainberg (1976), Wörtlich betäubt (1978) und Spötter in Weiß (1979) finden sich ironisch-heitere, teils frivole Texte, die Mensch und Umwelt kritisch beleuchten. Der Band In Moderspraak enthält Gedichte und kurze Texte in plattdeutscher Sprache.

Schriften (Auswahl)

Bücher

mit Paul Eberle: Intersexualität und Sport. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-13-488101-2. Die Feder, die ich halte... Gedichte. Verlag Mayer und Söhne, Aichach 1958. Unfugen. Europäischer Verlag, Wien 1973. Stürme der Stille. J. G. Bläschke Verlag, Darmstadt 1974. ISBN 3-87561-322-8. Der fröhliche Hainberg. Verlag Bert Schlender, Göttingen 1976. ISBN 3-88051-044-X. Wörtlich betäubt. Verlag Pawlik und Schlender, Göttingen 1978, ISBN 3-88051-005-9. Spötter in Weiß. Ellenberg Verlag, Köln 1979, ISBN 3-921369-70-3. In Moderspraak: Plattdüütsches von Gerhard Jörgensen. Verlag Bert Schlender, Göttingen 1984, ISBN 3-88051-018-0.

Aufsätze (Auswahl)

The ABO blood group-polymorphism in the multifactorial genetic system. In: Human Genetics 4, 1967. Die Verteilung der Gc-Phänotypen und Gc-Allele bei einigen Krankheiten. In: Human Genetics 4, 1967. Die Verteilung der Haptoglobinphänotypen und Haptoglobinallele bei einigen Krankheiten. In: Human Genetics 4, 1967. Serogenetic investigations on malignant melanomas... In: Human Genetics 16, 1972. Pharmakogenetik. In: Pharmazie in unserer Zeit 3, Nr. 6, 1974, S. 170–183. AB0-Blutgruppen und Lebenserwartung. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift 105, 1980, S. 103–106. Transsexuellen-Gesetz verabschiedet – Wenn Väter zu Tanten werden. In: Münchner Medizinische Wochenschrift 122, Nr. 32/33, 1980, S. 1112–1113. Transsexualität – eine Krankheit im Sinne der RVO. In: Ärzteblatt Baden-Württemberg 8-82, 1982, S. 351–352. Hochleistungssportlerinnen – Muss der Test zur Geschlechtsbestimmung sein? In: Medical Tribune 22, Nr. 21, 1987, S. 74.

Weblinks

Gerhard Jörgensen bei Scopus Gerhard Jörgensen bei SciSpace

Einzelnachweise

Kategorie:Humangenetiker Kategorie:Mediziner (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Georg-August-Universität Göttingen) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1924 Kategorie:Gestorben 1998 Kategorie:Mann