Dunkeldeutschland ist eine abwertende Bezeichnung für Ostdeutschland, die seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 nachweisbar ist. Anfangs stand der Begriff vor allem für wirtschaftlichen Rückstand und Tristesse. Das Wort wurde 1994 zum Unwort des Jahres nominiert. Später erfuhr der Begriff einen Bedeutungswandel, der besonders durch Äußerungen von Joachim Gauck im Jahr 2015 während der Flüchtlingskrise befördert wurde. In der Folge wurde „Dunkeldeutschland“ verstärkt mit Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus verbunden, insbesondere im Zusammenhang mit dem Erstarken der AfD in Ostdeutschland. Damit verschob sich die Begriffsbedeutung von einer räumlich-sozialen Abwertung hin zu einer Charakterisierung gesellschaftlicher und politischer Haltungen, die der Bevölkerung Ostdeutschlands unterstellt werden. Die Kritik an dieser Begriffsnutzung richtet sich gegen die pauschalisierende und essentialisierende Einordnung der Ostdeutschen. Weiter wird eingewandt, dass durch eine Darstellung von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit als spezifisch ostdeutsches Problem die gesamtdeutsche Dimension dieser Entwicklungen aus dem Blick gerate.

Begriffsgeschichte Die Bezeichnung „Dunkeldeutschland“ für die ehemalige DDR beziehungsweise die ostdeutschen Bundesländer ist seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 nachweisbar.Verlaufskurven des Gebrauchs von „Dunkeldeutschland“ im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), Basis: Gegenwartssprachliche Korpora mit allgemeinem Zugang. Der Ausdruck wurde insbesondere aus westdeutscher Perspektive polemisch für die „neuen Länder“ verwendet.Marcus Böick: Die Erforschung der Transformation Ostdeutschlands seit 1989/90. Ansätze, Voraussetzungen, Wandel. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 2022. In späteren Darstellungen wurde die Wortbildung unter anderem mit der schwächeren Straßenbeleuchtung und fehlenden Leuchtreklame in Ostdeutschland erklärt.Zu Straßenbeleuchtung siehe Joachim Scharloth: Hässliche Wörter: Hatespeech als Prinzip der neuen Rechten. J.B. Metzler, Berlin 2021, ISBN 978-3-662-63501-8, S. 48–49. Zu Leuchtreklame siehe Katharina Warda, Gesprächsbeitrag in Die Kolonisierungs-Analogie auf dem Prüfstand. Im Gespräch mit Katharina Warda und Heiner Schulze in der Reihe Lernen aus der Geschichte, 6. Juni 2023 (Online).

1994 wurde „Dunkeldeutschland“ als Kandidat für das Unwort des Jahres ausgewählt. Die Jury charakterisierte den Ausdruck als „Ironismus für östliche Bundesländer“; im selben Jahr wurde mit „Buschzulage“ eine weitere abwertend konnotierte Bezeichnung aus dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs in Ostdeutschland nominiert.Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres: 1991–1999, Eintrag zum Jahr 1994. Für den Gebrauch in den 1990er Jahren steht beispielhaft ein 1997 in der britischen Zeitschrift Index on Censorship erschienener Essay mit dem Titel Notes from Dunkeldeutschland. Der Autor erläuterte den Ausdruck beiläufig als westdeutsche Bezeichnung für Ostdeutschland. Sein Text behandelt vor allem die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung, darunter Deindustrialisierung und Arbeitslosigkeit, den baulichen Verfall sowie die fortbestehenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen.W. L. Webb: Notes from Dunkeldeutschland. In: Index on Censorship, Band 26, Nr. 6, 1997, S. 167–175, .

2009 untersuchte eine französische Germanistin von der Université de Lille das Bild der neuen Länder in einem Korpus von deutschen Tages- und Wochenzeitungen der Jahre 2008 und 2009. Den Begriff „Dunkeldeutschland“ ordnete sie dabei als vorwiegend westdeutsche, abwertende Bezeichnung für die neuen Länder ein. Das im Korpus vorgefundene Ostbild war insbesondere durch wirtschaftliche Rückständigkeit, Abwanderung und kulturelle Fremdheit geprägt; auch Rechtsextremismus erschien als eines von mehreren negativen Merkmalen. Im Ergebnis sei das Bild der neuen Länder weiterhin wesentlich von einer Ost-West-Dichotomie geprägt.Dominique Herbet: «Dunkeldeutschland», «Nullhoffnungszone». Quelle image des nouveaux Länder la presse véhicule-t-elle à la veille de l'ouverture du Mur?. In: Allemagne d'aujourd'hui, Nr. 189, Juli-September 2009, S. 217–228,

Eine neue öffentliche Aufmerksamkeit und eine veränderte Akzentuierung erhielt der Begriff im August 2015 durch Bundespräsident Joachim Gauck. Bei einem Besuch einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Wilmersdorf (und damit im früheren West-Berlin) würdigte Gauck das Engagement freiwilliger Helfer und stellte es fremdenfeindlichen Übergriffen gegenüber:

Im weiteren Verlauf bezog Gauck das „Dunkeldeutschland“ auf fremdenfeindliche Aktionen gegen Menschen. Er verwendete den Ausdruck damit nicht ausdrücklich als geographische Bezeichnung für Ostdeutschland, sondern als Gegenbegriff zu einem von Hilfsbereitschaft geprägten „hellen Deutschland“. Seine Wortwahl wurde in der nachfolgenden öffentlichen Debatte vielfach aufgegriffen und zu einem festen Bezugspunkt der weiteren Begriffsgeschichte. Die ältere, geographische Konnotation verschwand dabei jedoch nicht, sondern wurde vom moralischen Urteil überlagert. Noch 2024 beschrieb Jana Hensel in der Wochenzeitung Die Zeit die Vorstellung eines „dunkleren“ Ostens gegenüber einem „helleren“ Westen als fortwirkendes Klischee und bezeichnete Gauck als denjenigen, der den Begriff 2015 zurück in die öffentliche Debatte gebracht habe.Jana Hensel: Zum Verwechseln ähnlich. In: Die Zeit, Nr. 49/2024, 21. November 2024.

In den folgenden Jahren wurde „Dunkeldeutschland“ zunehmend als Chiffre für Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in Ostdeutschland verwendet, insbesondere im Zusammenhang mit fremdenfeindlichen Gewalttaten, dem Aufkommen von Pegida und den hohen Wahlergebnissen der AfD in den ostdeutschen Bundesländern. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen beschrieben die mediale Verbreitung des Begriffs nach Gaucks Äußerung als Verstärkung einer negativen Ost-West-Differenz; durch seine Verwendung in Medien und sozialen Netzwerken sei „Dunkeldeutschland“ zu einem negativen Synonym für Ostdeutschland geworden.Susanne Rippl et al: Ostdeutsche Identität: Zwischen medialen Narrativen und eigenem Erleben. In: Deutschland Archiv, Bundeszentrale für politische Bildung, 16. Mai 2018. In der publizistischen Verwendung wurden einzelne ostdeutsche Orte und Regionen aufgrund rechtsextremer oder fremdenfeindlicher Ereignisse sowie hoher AfD-Wahlergebnisse mit dem Begriff verbunden.Catharina Felke: Wo sich Fremdenfeindlichkeit breitmacht. In: Zeit Online, 18. Mai 2017.

Kritik Der Theologe und DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer kritisierte die Verwendung durch Joachim Gauck bereits wenige Tage nach dessen Äußerung. Er wandte sich insbesondere gegen die im Begriff angelegte geographische Gegenüberstellung: „Man kann vom hellen Deutschland und vom dunklen Deutschland sprechen, aber nicht vom Dunkeldeutschland.“ Das Kompositum lege aufgrund seines früheren Gebrauchs die Vorstellung nahe, Ostdeutschland sei die dunkle und Westdeutschland die helle Seite Deutschlands. Fremdenfeindlichkeit sei dagegen ein gesamtdeutsches Problem. Schorlemmer bestritt dabei nicht, dass die Hemmschwellen zur Ablehnung Fremder in einzelnen ostdeutschen Orten niedriger sein könnten, und benannte auch mögliche Ursachen dafür in der DDR und der Nachwendezeit.„Die sollen ihre Klappe halten“, Gespräch von Friedrich Schorlemmer mit Christoph Heinemann, Deutschlandfunk, 31. August 2015.

Ähnlich kritisierte der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Eckhard Jesse Gaucks Wortwahl als „massiv vorbelastet“ und „ressentimentgeladen“. Der Begriff sei in der Vergangenheit von Westdeutschen spöttisch gegenüber Ostdeutschen verwendet worden und habe unter anderem Vorstellungen von Rückständigkeit transportiert. Die Gegenüberstellung eines „hellen“ und eines „dunklen“ Deutschlands wirke somit polarisierend. Auch Jesse verband diese Kritik nicht mit einer Gleichsetzung der Verhältnisse in Ost und West, sondern beschrieb zum Beispiel Sachsen zugleich als konservativer und teilweise weniger weltoffen als andere Bundesländer.Das hätte Gauck nicht passieren dürfen. Eckhard Jesse im Gespräch mit Dirk Müller, Deutschlandfunk, 29. August 2015.

Eine weitere Kritik der Begriffsverwendung lautet, dass die Konzentration auf negative Erscheinungen in Ostdeutschland vergleichbare Entwicklungen in Westdeutschland aus dem Blick geraten lasse.Raj Kollmorgen: Ostdeutsche Identität(en)?. Bundeszentrale für politische Bildung, 22. März 2022. Ein ähnliches diskursives Muster bezeichnet die Kulturwissenschaftlerin Kathleen Heft als „Ossifizierung“. Am Beispiel des medial-öffentlichen Diskurses über den „Braunen Osten“ versteht sie darunter eine Praxis, bei der gesamtgesellschaftliche Phänomene als spezifisch ostdeutsch markiert und auf das Erbe der DDR oder die Transformationserfahrungen seit den 1990er Jahren zurückgeführt würden. Dadurch würden diese Phänomene in den Osten externalisiert, während der Westen als impliziter Standard erscheine.Kathleen Heft: Ossifizierung – Ein diskursives Muster in der Wissensproduktion über Ost- und Westdeutschland. In: Berliner Blätter, Band 91 (2025, „Brauner Osten - Weiße Westen. Zur Gleichzeitigkeit von Ossifizierung und rechter Gewalt“), S. 53–62, .

Weblinks „Dunkeldeutschland“ im Wortschatz-Portal der Universität Leipzig „Dunkeldeutschland“ im Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS, Anmeldung erforderlich) „Dunkeldeutschland“ im Korpus von Google Books (Ngram)

Einzelnachweise

Kategorie:Schimpfwort (Geographie) Kategorie:Deutsche Teilung