mini|Jenő Sándor, Aufnahme von Pál M. Vajda, 1936 Jenő Sándor (ungarische Namensreihenfolge: Sándor Jenő, auch farczádi Sándor Jenő; * 30. Juni 1891 in Székelykeresztúr, Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn; † 30. Dezember 1978 in Budapest Abweichend nennt das Magyar Hangosfilm Lexikon den 30. Dezember 1976 als Todestag.) war ein ungarischer Komponist, Jurist und Ministerialbeamter. Als Komponist schrieb er vor allem populäre ungarische Lieder, Operetten, Tanzmusik und Filmmusik. Hauptberuflich war er im ungarischen Innenministerium tätig. In den 1940er Jahren gehörte er zur Leitung der Fremdenpolizeibehörde KEOKH. Die Behörde war an den Deportationen von 1941 beteiligt.Frojimovics 2007.Eisen 2023. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wegen seiner Tätigkeit bei der KEOKH in einem Volksgerichtsverfahren zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.
Leben
Ausbildung und Beginn der Beamtenlaufbahn Sándor lernte bereits als Kind Violine und Klavier und gründete im Alter von 15 Jahren ein Schülerorchester. Er besuchte das Bethlen-Gábor-Kollegium in Nagyenyed und studierte anschließend Rechtswissenschaften in Kolozsvár. 1913 schloss er das Studium ab; ab 1914 arbeitete er als Verwaltungspraktikant im Komitat Unterweißenburg. Das 1931 erschienene Magyar színművészeti lexikon nennt ihn bereits als Verfasser zahlreicher bekannter Lieder und erwähnt mehr als hundert eigene Konzertauftritte in Budapest.Schöpflin 1931.
Im Dezember 1918 verließ Sándor mit seiner Familie Siebenbürgen und ging nach Budapest. Nach Angaben des Magyar Hangosfilm Lexikon lebte die Familie dort zunächst in einem Eisenbahnwaggon am Westbahnhof. Sándor trat zunächst in den Polizeidienst und danach in das Innenministerium ein.
Kompositorische Tätigkeit Sándors erste populäre Lieder entstanden Anfang der 1920er Jahre. Mit Halványsárga rózsát bokrétába szedtem wurde er in Ungarn weithin bekannt. Neben Kompositionen im Genre der magyar nóta komponierte er unter anderem Walzer, Tangos, Foxtrotts und weitere Tanzmusik.
Am 1. März 1930 wurde am Budapester Városi Színház, dem heutigen Erkel-Theater, seine dreiaktige Operette Halványsárga rózsa nach einem Text von Andor Szenes uraufgeführt. 1932 folgte die Operette Weekend nach einem Text von Béla Szenes. Für Aki mer, az nyer (1935) schrieb Jenő Rejtő das Libretto; die Liedtexte stammten von Dezső Kellér.Pályi 2021, S. 238.
1934 übernahm Sándor den Vorsitz der Fráter-Lóránd-Gesellschaft, einer Vereinigung zur Pflege und Verbreitung des ungarischen Liedes. Im Juni 1944 wurde er nach dem Rücktritt von Jenő Huszka zum Vorsitzenden des Vorstands der Genossenschaft der ungarischen Textdichter, Komponisten und Musikverleger gewählt. Eine Übersicht der heutigen ungarischen Verwertungsgesellschaft Artisjus führt Sándor für 1944 als Präsidenten einer ihrer Vorgängerorganisationen.
In den 1930er und 1940er Jahren schrieb Sándor außerdem Musik für eine Reihe ungarischer Spielfilme.
Tätigkeit bei der KEOKH Sándor machte parallel zu seiner musikalischen Laufbahn Karriere im Innenministerium. 1942 wurde er zum Ministerialrat ernannt. Anfang der 1940er Jahre gehörte er zur Leitung der Külföldieket Ellenőrző Országos Központi Hatóság (KEOKH; etwa „Landeszentrale Behörde zur Überwachung der Ausländer“), der zentralen ungarischen Fremdenpolizeibehörde. Die 1930 gesetzlich geschaffene und 1931 in Tätigkeit getretene Behörde war dem Innenministerium unterstellt und für Angelegenheiten des Aufenthalts, der Niederlassung und der Ausweisung von Ausländern zuständig. 1941 war sie an der Deportation von Juden nach Ostgalizien beteiligt.
Nach einer Darstellung des Ungarischen Nationalarchivs war die KEOKH seit 1941 als Unterabteilung VII c in das Innenministerium eingegliedert. Leiter war zu dieser Zeit Sándor Siménfalvy; dessen Stellvertreter waren Jenő Sándor und Emil Szentkláray. Leiter und stellvertretender Leiter verfügten bei den der Behörde übertragenen Angelegenheiten über besondere Entscheidungsbefugnisse und handelten im Namen des Innenministers. Eine fachhistorische Studie von Zoltán András Kovács bezeichnet Sándor als letzten Leiter der KEOKH vor deren Auflösung im November 1944.Kovács 2008, S. 321–355.
Im Juli und August 1941, in einer frühen Phase der Judenverfolgung in Ungarn während des Zweiten Weltkriegs, deportierten ungarische Behörden rund 20.000 Menschen, überwiegend Juden, nach Ostgalizien. Die Maßnahmen richteten sich zunächst gegen als ausländisch oder als Personen ungeklärter Staatsangehörigkeit eingestufte Juden; betroffen waren jedoch auch Menschen, die in Ungarn geboren waren oder ihre ungarische Staatsangehörigkeit nicht kurzfristig nachweisen konnten.Eisen/Stark 2013. Ein großer Teil der Deportierten wurde Ende August beim Massaker von Kamenez-Podolsk von deutschen SS- und Polizeieinheiten ermordet; weitere Deportierte fielen späteren Massenmorden in Ostgalizien zum Opfer.Mallmann 2001, S. 239–264.Gellért/Gellért 2012.
Der Historiker Ádám Gellért weist darauf hin, dass sich die Unterschriften Siménfalvys und Sándors auf Verfügungen befanden, mit denen Ausweisungen angeordnet wurden, und bezeichnet beide als an der Koordinierung der Deportationen beteiligte KEOKH-Funktionäre. In den späteren Volksgerichtsverfahren gab es zugleich Zeugenaussagen, nach denen beide in einzelnen Fällen zugunsten verfolgter Juden interveniert hätten.Gellért 2020, S. 15. Gellért bezieht sich hier auf László Bernát Veszprémy: Gyilkos irodák. A magyar közigazgatás, a német megszállás és a holokauszt, Jaffa, Budapest 2019, S. 23. Veszprémy verweist dort auf Zeugenaussagen aus den Volksgerichtsverfahren, denen zufolge führende KEOKH-Beamte in Zusammenarbeit mit Vertretern der Pester jüdischen Gemeinde Juden retteten oder von Maßnahmen ausnahmen. Gellért bestreitet diese Aussagen nicht, kritisiert jedoch die Gewichtung dieser Darstellung und weist darauf hin, dass Siménfalvy und Sándor zugleich Ausweisungsverfügungen unterzeichneten und zu den KEOKH-Funktionären gehörten, welche die Abschiebungen koordinierten.
Nachkriegsverfahren 1945 wurde Sándor festgenommen. Er gehörte zusammen mit weiteren KEOKH-Funktionären zu den Angeklagten eines Volksgerichtsverfahrens; die erhaltenen Prozessakten werden im Budapester Stadtarchiv unter anderem unter dem Aktenzeichen BFL Nb. 105/1946 geführt.
Im Volksgerichtsverfahren wurde Sándor 1947 im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit bei der KEOKH zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.Zur genauen Abfolge der Urteile machen die zugänglichen Quellen unterschiedliche Angaben: Das Magyar Hangosfilm Lexikon nennt sechs Jahre Haft in erster Instanz und eine Erhöhung auf sieben Jahre in zweiter Instanz. Die Budapester Wochenzeitung A Reggel berichtete dagegen am 2. Juni 1947 bereits von einer siebenjährigen Strafe und zugleich von der bevorstehenden Behandlung des Falls durch den Nationalrat der Volksgerichte. ; außerdem Magyar Hangosfilm Lexikon, Eintrag „Sándor Jenő dr.“.
Werke (Auswahl)
Operetten
Halványsárga rózsa (1930), Text: Andor Szenes Weekend (1932), Text: Béla Szenes Aki mer, az nyer (1935), Libretto: Jenő Rejtő, Liedtexte: Dezső Kellér
Filmmusik (Auswahl)
Csókolj meg, édes! (1932, mit László Angyal) A kölcsönkért kastély (1937) Péntek Rézi (1938) Dankó Pista (1940, mit Tibor Polgár) Házasság (1942) Fráter Lóránd (1942)
Literatur
George Eisen: A Summer of Mass Murder. 1941 Rehearsal for the Hungarian Holocaust. Purdue University Press, West Lafayette 2023, ISBN 978-1-61249-778-5, . (Open Access bei JSTOR) George Eisen, Tamás Stark: The 1941 Galician Deportation and the Kamenets-Podolsk Massacre: A Prologue to the Hungarian Holocaust. In: Holocaust and Genocide Studies. Band 27, Nr. 2, 2013, S. 207–241, . Kinga Frojimovics: I Have Been a Stranger in a Strange Land. The Hungarian State and Jewish Refugees in Hungary, 1933–1945. Yad Vashem, International Institute for Holocaust Research, Jerusalem, 2007 Ádám Gellért: Ellentmondások hálójában: Kritikai észrevételek Veszprémy László Bernát Gyilkos irodák című könyvéhez. In: Clio Műhelytanulmányok. 2020/3. (PDF) Ádám Gellért, János Gellért: Az 1941. évi kőrösmezői deportálások. A kitoloncolásokat jóváhagyó minisztertanácsi döntés háttere. In: Betekintő. 2012/2. (PDF) Zoltán András Kovács: Láday Istvánnak, a Szálasi-kormány belügyminisztériumi államtitkárának fogságban írott feljegyzései. In: Lymbus. 2008, S. 321–355. (PDF) Klaus-Michael Mallmann: Der qualitative Sprung im Vernichtungsprozeß. Das Massaker von Kamenez-Podolsk Ende August 1941. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Band 10, 2001, S. 239–264. Brigitta Pályi: Az operett népszerűségének útja Budapesten társadalomtörténeti kontextusban (1894–1918). Dissertation, 2021, . (PDF) Aladár Schöpflin (Hrsg.): Magyar színművészeti lexikon. Band 4, Budapest 1931. (PDF)
Einzelnachweise
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