Die Hôtel Tassel ist ein historisches Stadthaus in der Hauptstadtregion Brüssel, Gemeinde Ixelles/Elsene, in Belgien. Es wurde von dem belgischen Jugendstil-Architekten Victor Horta für den Wissenschaftler und Professor Émile Tassel entworfen und zwischen 1892 und 1893 erbaut. Aufgrund des äußerst innovativen Grundrisses und des bahnbrechenden Einsatzes von Materialien und Dekorationen, gilt es als eines der ersten Gebäude im Jugendstil (zusammen mit dem Hankar-Haus des belgischen Architekten Paul Hankar, das zur gleichen Zeit ebenfalls in Brüssel errichtet wurde). Das Hôtel Tassel befindet sich in der / 6, nur wenige Schritte von der Avenue Louise/Louizalaan entfernt.

Geschichte Das erste Stadthaus, das Victor Horta erbaute, war das Haus Autrique. Dieses Wohnhaus war bereits innovativ durch ein neuartiges Dekorationskonzept, dem Jugendstil, der keine Zitate anderer historischer Stile enthielt. Der Grundriss und die räumliche Aufteilung des Hauses Autrique blieben jedoch recht traditionell. Auf einem tiefen und schmalen Grundstück waren die Zimmer nach dem traditionellen Schema angeordnet, das in den meisten belgischen Stadthäusern jener Zeit verwendet wurde. Es gab eine Abfolge von Zimmern auf der linken Seite, flankiert von einer recht schmalen Eingangshalle mit Treppen und einem Korridor, der zu einem kleinen Garten hinten führte. Von den Zimmern in ihrer dreiteiligen Abfolge hatten nur das erste und das letzte Fenster, sodass das mittlere, das meist als Speisesaal genutzt wurde, eher düster war.

mini|links|hochkant|Das Hôtel Tassel im frühen 20. Jahrhundert

Im Hôtel Tassel brach Horta endgültig mit diesem traditionellen Schema. Er baute ein Haus, das faktisch aus drei verschiedenen Teilen bestand. Zwei recht konventionelle Teile aus Ziegeln und Naturstein – eines an der Straßenseite und eines an der Seite des Gartens – waren durch einen dritten Teil miteinander verbunden. Es handelt sich um eine mit Glas verkleidete Stahlkonstruktion, in die Treppen und Treppenabsätze eingebaut sind, die die verschiedenen Räume und Stockwerke verbindet. Durch sein Glasdach fungiert dieser Teil des Hauses zugleich als Lichtschacht, der natürliches Licht in die Mitte des Gebäudes bringt. Auf die Gestaltung dieses Bereiches, der auch zum Empfang von Gästen genutzt werden kann, verwendete Horta sehr viel Mühe und entwarf jedes einzelne Detail: Türgriffe, Holzteile, Paneele und Buntglasfenster, Mosaikböden und Möbel. Es gelang ihm, die üppige Dekoration zu integrieren, ohne die bauliche Konstruktion zu verbergen.

Die Innovationen im Hôtel Tassel waren stilprägend für die meisten späteren Stadthäuser von Horta, darunter das Hôtel van Eetvelde, das Hôtel Solvay sowie das Horta-Haus. Diese Häuser waren teuer im Bau und nur für das Großbürgertum erschwinglich. Aus diesem Grund wurden die reinen architektonischen Innovationen von anderen Architekten nicht weitgehend übernommen. Die meisten anderen Jugendstil-Wohnungen in Belgien und anderen europäischen Ländern, oft in baulich traditionelleren Gebäuden, wurden von Hortas Dekorationsstil der geschwungenen Linien inspiriert. Das Hôtel Tassel hatte einen entscheidenden Einfluss auf den französischen Jugendstil-Architekten Hector Guimard, der später eine persönliche Interpretation von Hortas Beispiel entwickelte.

Außenansicht und Fassade Die Fassade des Gebäudes ist selbst ein Ausdruck des Jugendstils. Im Vergleich zu anderen Gebäuden jener Zeit entwickelte Horta hier neue Gestaltungen im Sinne des Jugendstils. Das betrifft die Materialauswahl, die Art und Weise, wie die Materialien zusammenwirken, um ein Gebäude zu bilden, und den Stil als Ganzes. Zum Beispiel ist die Außenseite so gestaltet, dass sie glatt ist und ihre einzelnen Elemente flüssig ineinander übergehen.

Bei den Säulen, die die Vorderseite dominieren, wich Horta in der Weise von den damaligen architektonischen Konventionen ab, dass diese aus Eisen statt aus Stein gefertigt wurden. Dadurch konnten die Säulen vergleichsweise schlank gestaltet werden. Sie stehen vor einem großen Erkerfenster, das dem Gebäude eine Note Leichtigkeit und Offenheit verleiht, was Hortas stilistischen Zielen entspricht. Freiliegende Nieten und Rahmentechniken, wie große Konsolen um Türen und Fenster, schaffen ein Gefühl der Einheit innerhalb der Architektur. Die Akanthus-Dekoration vor den genieteten Eisenbalken der Fenster symbolisiert die Verbindung von Natur und Technik.

Innenansicht Die Innenansicht wird durch den innovativen offenen Grundriss und den Einsatz von natürlichem Licht geprägt. Die Zimmer wurden um eine zentrale Halle herum gebaut, die damals recht bahnbrechend war. Die im Inneren verwendeten Materialien sind bewusst sichtbar und entsprechen dem Jugendstil, indem sie nach organischen Formen modelliert sind. Alles ist aufeinander abgestimmt und vermittelt den Eindruck einer fluiden Leichtigkeit.

UNESCO-Weltkulturerbe

Die UNESCO-Kommission erkannte das Hôtel Tassel im Jahr 2000 als Teil von „Jugendstilbauten von Victor Horta in Brüssel“ als UNESCO-Weltkulturerbe an. Unter diesem Titel werden die vier großen Stadthäuser – neben dem Hôtel Tassel noch das Hôtel Solvay, Hôtel van Eetvelde und das Hortawohnhaus mit Werkstatt (das Horta-Museum) – zusammengefasst, die in Brüssel liegen und von Victor Horta, einem der frühesten Initiatoren des Jugendstils, entworfen wurden.

Siehe auch Jugendstil in Brüssel Liste von Bauwerken des Jugendstils, Abschnitt Belgien

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Wohngebäude in Belgien Kategorie:Erbaut 1893 Kategorie:Ixelles/Elsene Kategorie:Bauwerk des Jugendstils in Belgien Kategorie:Bestandteil einer Welterbestätte in Belgien Kategorie:Bestandteil einer Welterbestätte in Europa Kategorie:Bauwerk von Victor Horta