Die Gewerkschaften in Indonesien haben eine lange Tradition, die auf die Kolonialzeit und den Unabhängigkeitskampf zurückgeht. Sie spielten wiederholt eine wichtige Rolle in der antikolonialen Nationalbewegung, bei der Durchsetzung sozialer Rechte und in den Demokratisierungsbewegungen gegen die autoritäre Herrschaft Suhartos. Zwar ist ihre Bedeutung vergleichsweise gering wegen des insgesamt niedrigen Organisationsgrades und ihrer politischen Zersplitterung, eine Folge vor allem der jahrelangen Repression unter der Diktatur Suhartos. Die neuere Gewerkschaftsforschung verweist jedoch auf eine für Indonesien charakteristische netzwerkförmige Mobilisierungsmacht, durch die die Gewerkschaften in Verbindung mit anderen Organisationen wiederholt erhebliche arbeits- und sozialpolitische Zugeständnisse durchsetzen konnten.

Gewerkschaftsbünde Die größten und einflussreichsten Gewerkschaftsbünde in Indonesien sind Name des GewerkschaftsbundsMitgliederZugehörigkeit zu einemInternationalen GewerkschaftsverbandKonfederasi Serikat Pekerja Indonesia(KSPI, Indonesian Trade Union Confederation)2,2 – 2,9 Mio. in den BereichenMetallverarbeitung, Chemie, Bergbau und TransportIGB, ITUC Asia-PacificIndonesian trade unions draw a roadmap for labour law reforms auf ituc-ap.org, 24. August 2023. ITUC Asia-Pacific ist die Regionalorganisation des IGB für Asien und Pazifik.Konfederasi Serikat Pekerja Seluruh Indonesia(KSPSI, Confederation of All Indonesian Workers' Unions)https://dppkspsi.com/ Website von KSPSIbis zu 3 Mio. (?? nicht verifizierbar)IGB, ITUC Asia-PacificSerikat Buruh Sejahtera Indonesia(SBSI, Indonesian Workers Welfare Union)bis zu 2,1 Mio. (?? nicht verifizierbar)IGB, ITUC Asia-PacificKonfederasi Aliansi Serikat Buruh Indonesia(KASBI, Congress of Indonesia Unions Alliance)ca. 130.000 in den BereichenProduktion, Energie und TransportWGB

KSPI entstand 2003 aus dem Zusammenschluss verschiedener Gewerkschaften, KSPSI 1994 über mehrere Zwischenschritte aus dem 1973 gegründeten FBSI. Während KSPI und KSPSI teilweise eng mit dem politischen System verbunden waren und die FBSI bzw. KSPSI unter Suharto sogar die einzige zugelassene Gewerkschaft war, wurde der SBSI 1992 im Kampf gegen die Suharto-Diktatur gegründet. KASBI ist ein 2005 gegründeter militanter Dachverband, der vor allem gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse eintritt.

Die gewerkschaftseigenen Angaben zu den Mitgliederzahlen sind teils als überhöht zu betrachten und oft nicht zu ermitteln. Insgesamt waren 2025 nur etwa 2,7 Millionen Einwohner des Landes als Gewerkschaftsmitglieder offiziell registriert, was feste Arbeitsverträge voraussetzt, aber mit den Angaben der verschiedenen Gewerkschaften nicht vereinbar ist, vor allem wohl weil diese auch prekär Beschäftigte vertreten.Mark Johnson: We Are The Working Class?: Indonesia’s Labour Party and the Limits of Reformist Politics auf internationalviewpoint.org, 2. November 2025 Der Organisationsgrad ist in den letzten 10 Jahren gesunken und betrug nach OECD-Angaben 2024 noch 5,3 %.[ds=dsDisseminateFinalDMZ&df[id]=DSD_TUD_CBC%40DF_TUD&df[ag]=OECD.ELS.SAE&df[vs]=1.0&dq=..&ly[cl]=TIME_PERIOD&ly[rs]=REF_AREA&to[TIME_PERIOD]=false&lom=LASTNPERIODS&lo=10&vw=tb OECD-Data Explorer], abgerufen am 7. September 2026

Geschichte Kolonialzeit Da bis 1919 indonesische Vereinigungen politischer Art verboten waren, gründeten sich zunächst nationalistische oder islamische Kulturvereine wie Budi Utomo (1908) und Genossenschaften wie Sarekat Islam (2011), in denen sich die indonesischen Mitglieder der Kolonialverwaltung sammelten und ihre Interessen vertraten. Ab 1905 traten sie holländischen Gewerkschaften bei, falls diese damals überhaupt indonesische Mitglieder aufnahmen. Der niederländische kommunistische Gewerkschafter Henk Sneevliet lebte von 1913 bis 1918 in Niederländisch-Ostindien und wurde im Kampf gegen die niederländische Kolonialherrschaft aktiv. Er begründete die marxistische Indies Social Democratic Association (ISDV), die mit Sarekat Islam zusammenarbeitete, sowie die Eisenbahnergewerkschaft Vereniging van spoor- en tramwegpersoneel (VSTP), in denen Niederländer und Indonesier mitarbeiteten.Fritjof Tichelman: Henk Sneevliet. 1873—142. Bochum 1973

Führer der in dieser Zeit entstandenen gewerkschaftlichen Vereinigungen, die sich meist auf Java gegründet hatten, waren teils Muslime, teils Kommunisten, die zeitweise eng kooperierten. Sozialistische und islamische Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit ließen sich zunächst erfolgreich in einer breiten Massenbewegung miteinander verbinden; erst 1921–1923 kam es zur organisatorischen Spaltung von islamischer und kommunistischer Bewegung.Rianne Subijanto: Communication against Capital: Red Enlightenment at the Dawn of Indonesia. Cornell Scholarship Online, 18 Sept. 2025. DOI:10.7591/cornell/9781501778650.001.0001

Im Jahr 1923 lähmte ein Streik der Eisenbahnergewerkschaft mit 10.000 Teilnehmern große Teile Javas. Der Hauptorganisator des Streiks, Semaun (Semaoen, 1899–1971), ein Schüler von Sneevliet, war Vorsitzender von Sarekat Islam in Semarang, Gewerkschaftsführer der VSTP und erster Vorsitzender der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI). Insofern bildete er eine Schnittstelle zwischen der islamischen und der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung. Seine Verhaftung und Exilierung durch die niederländische Kolonialregierung führte zur massiven Ausweitung des Streiks.John Ingleson: Bound Hand and Foot: Railway Workers and the 1923 Strike in Java. In: Indonesia, Nr. 31, 1981, S. 53–87. mini|hochkant|Semaun (ca. 1955) im sowjetischen Exil Nach einer Phase gewaltsamer Unruhen und kommunistischer Aufstände 1926/27 und deren Niederschlagung bildeten sich rein indonesische Gewerkschaften, die sich regional ausweiteten und trotz repressiver Politik der Kolonialmacht immer mehr erstarkten und sich mit der nationalistischen Intelligenz verbündeten, aber weniger konfrontative Formen der Interessenvertretung entwickelten, darunter Unterstützungskassen, Bildungsangebote, Rechtsberatung und gewerkschaftliche Publizistik. 1942 wurden sie von der japanischen Besatzungsmacht verboten.

Nach der Unabhängigkeit Nach der Unabhängigkeit entstand eine außergewöhnlich aktive und pluralistische Gewerkschaftsbewegung mit einigen Dachverbänden, darunter der kommunistische SOBSI (Sentral Organisasi Buruh Seluruh Indonesia), der etwa 60 % aller organisierten Arbeiter angehörten, ferner die islamistische GASBIINDO und der mit der Regierungspartei verbundene KBKI. SOBSI, dem bemerkenswerte Erfolge wie die Einführung des 7-Stunden-Tages durch Kooperation mit der Regierung gelangen. Mit dem ihm angeschlossenen Verband SARBUPRI setzte SOBSI Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der für die Exportwirtschaft wichtigen Plantagenarbeiter in Streiks 1950 und 1953 durch.Colin Brown: The Politics of Trade Union Formation in the Java Sugar Industry 1945–1949. Modern Asian Studies 43 (2009), S. 495–522. Zum Umfeld von SOBSI gehörte auch die Serikat Buruh Rokok Indonesia (SBRI), die die Hafen- und Industriearbeiter in der Metropole Surabaya organisierte. Bei der Nationalisierung niederländischer Unternehmen Ende 1957 hatten Gewerkschaften zunächst vielfach eine treibende Rolle gespielt; die Kontrolle über zahlreiche Betriebe ging anschließend jedoch an das Militär über. Dadurch wurde seit 1957 die autonome Macht der Gewerkschaften in den verstaatlichten Unternehmen eingeschränkt; die gewerkschaftlichen Freiheiten wurden in diesen Unternehmen eingeschränkt.

Die „Neue Ordnung“ 1965–1998 SOBSI wurde nach dem Staatsstreich Suhartos 1965 verboten; die Gewerkschaften wurden im Rahmen eines korporatistischen Systems zentral kontrolliert und entpolitisiert. Mit dem Wachstum der industriellen Arbeiterschaft entwickelten sich jedoch neue Formen des Widerstands.Vedi R. Hadiz: Workers and the State in New Order Indonesia. Routledge, London/New York 1997. GASBIINDO initiierte unter staatlichem Zwang 1975 die Gründung des regierungsnahen Einheitspartei FBSI (Federasi Buruh Seluruh Indonesia / All Indonesian Trade Union Federation), der formell nach dem Vorbild des deutschen DGB organisiert warEva-Maria Garang-Schaarschmidt: Gewerkschaften in Indonesien in: Verfassung und Recht in Übersee / Law and Politics in Africa, Asia and Latin America. 15 (1982) 3, S. 333–349. und aus dem 1994 der KSPI entstand.

Die asiatische Finanzkrise von 1997/98 verschärfte die soziale Lage der Industriearbeiterschaft drastisch. Inflation, Betriebsschließungen und Arbeitsplatzverluste gingen mit Protesten gegen sinkende Reallöhne und gegen die staatlich kontrollierten Gewerkschaftsstrukturen einher. Trotz staatlicher Kontrollversuche kam es zunehmend zu wilden Streiks und zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften. 1997 und 2012 mobilisierten Proteste bei Nike-Zulieferbetrieben mehrere Tausend Beschäftigte gegen die Nichtzahlung des gesetzlichen Mindestlohns.Arbeiter von Nike-Zulieferern in Indonesien erhalten Entschädigung auf swissinfo.ch, 12. Januar 2012

Seit 1998 Nach dem Sturz Suhartos 1998 kam es in der Periode der Reformasi zu einem Gründungsboom zahlreicher kleiner Gewerkschaften. In Indonesien reichen oft zehn Mitglieder, um eine formelle Gewerkschaft zu gründen, was zur Existenz zahlloser Kleinstverbände führt. Gleichzeitig blockieren strenge Gesetze die Ausweitung der Mitgliedschaft auf den riesigen informellen Sektor sowie auf die Gig-Worker (Plattformarbeiter). Zudem ist die Generation der heute etwa 30-Jährigen aufgrund der Auswirkungen der Suharto-Herrschaft mit der Tradition und den Organisationsformen der Gewerkschaften nicht mehr vertraut.Caraway, Ford 2020. Maxwell Lane bescheinigte den Gewerkschaften noch 2020, in den Kinderschuhen zu stecken (in its infancy). Sie kämpften nach wie vor damit, eine klare Identität und ideologische Schlagkraft zu entwickeln. Es gebe tiefe Gräben und Konkurrenzkämpfe zwischen den Dachverbänden.Max Lane: An Introduction to the Politics of the Indonesian Union Movement. Journal of the Humanities and Social Sciences of Southeast Asia/BKI, Vol. 176, No. 2, 2020, 435–437.DOI:10.1163/22134379-17602012

Dennoch gewannen die Gewerkschaften nach 1998 erheblichen politischen Einfluss auf die Novellierung des Arbeitsrechts und die Festlegung von Mindestlöhnen. Neue Konflikte entzündeten sich an den an internationalen Investoren orientierten neoliberalen Reformen der 2020er Jahre. Im Fokus heutiger Gewerkschaftsarbeit stehen Proteste gegen die Folgen des umstrittenen Omnibus-Gesetzes (Undang-Undang Cipta Kerja, Omnibus Law on Job Creation vom 5. Oktober 2020) von Präsident Joko Widodo, das den Kündigungsschutz lockerte, sowie der Kampf um existenzsichernde Mindestlöhne insbesondere in der Textil- und SchuhindustrieReingard Zimmer: Das indonesische Freedom of Associaton Protocol auf boeckler.de, Working Paper 221, Juli 2021Tia Mboeik, Annika Salingré: Indonesische Gewerkschaften: Keine schweigenden Beobachter des Wirtschaftswachstums. In: Südostasien 2/2025, S. 35–37. und gegen Umweltzerstörung.Hans Nichola Jong: Profit geht vor Umweltschutz (Teil I) auf suedostasien.net, abgerufen am 7. September 2026

Organisierung der Plattformarbeiter