Die Reise zum Parnass (Originaltitel: Viaje del Parnaso) ist ein abgesehen vom Prosa-Anhang (Originaltitel: Adjunta al Parnaso) poetisches Werk von Miguel de Cervantes. Außer dem Prosa-Anhang, den Cervantes 1614 verfasste, ist das Werk 1612 geschrieben worden.Esther Fernández Rodríguez: Confessing on the move. „Viaje del Parnaso“ and „Adjunta al Parnaso“ (1614). In: Aaron M. Kahn (Hrsg.): The Oxford handbook of Cervantes. Oxford University Press, Oxford 2021. ISBN 978-0-19-874291-3. S. 445–466. Hier S. 445. Die letztliche Veröffentlichung dieser Gesellschafts- und Literatur-Satire, in der Parodie und Allegorie verknüpft werden,„meshing parodic practice with allegory“ – Isabel Torres: Poetry „bodied forth“ in time. The final ironies of Cervantes’ „Viaje del Parnaso“. In: Bulletin of Spanish Studies, Nr. 1, 2018, S. 1–29. Hier S. 27. (pdf.) erfolgte gegen Ende des Jahres 1614.Torres, Poetry „bodied forth“ in time, S. 3. Der Prosa-Anhang wurde in deutschsprachiger Übersetzung auch schon als selbstständige Novelle unter dem Titel Zugabe zum Parnaß herausgegeben.
Kurzbeschreibung Der Ich-Erzähler besteigt in Cartagena eine von Merkur gebrachte Galeere, die ganz aus Versen besteht. Merkur rekrutiert nämlich Dichter, die Apoll auf dem Parnass gegen den Ansturm minderwertiger Schreiberlinge beschützen sollen, doch viele der Rekrutierten sind selbst minderwertige Poeten. Es kommt nicht nur zu Fehlrekrutierungen, sondern während der gesamten Expedition zu skurrilen Zwischenfällen und grotesken Szenen, bis schließlich eine große Schlacht zwischen Apolls treuen Dichtern und den Möchtegern-Schriftstellern ausbricht, in der literarische Werke als Waffen dienen. Apolls Truppen siegen, es wird gefeiert, und die Dichter-Krieger werden in einen Schlaf versetzt, während dessen sie vom Parnass verschwinden. Im das Werk abschließenden Prosa-Anhang schildert Apoll dem Ich-Erzähler in einem Brief, was seit dessen Abreise vom Parnass dort geschehen ist, und stellt in dem Schreiben ein satirisch-juristisches Regelwerk für spanische Dichter und Dichtkunst auf.
Inhalt Angeregt durch die satirischen Werke Viaggio in Parnaso und Avvisi di Parnaso des Dichters Cesare Caporali die Perugia (1531–1601)Anton M. Rothbauer: Anmerkungen und Erläuterungen. In: Miguel de Cervantes Saavedra: Gesamtausgabe in vier Bänden, Band III. Goverts, Stuttgart 1968. S. 829–846. Hier S. 836. will auch der Ich-Erzähler sich auf den Weg machen, brachte Caporali diese Parnass-Reise doch etwas ein: „Nachdem der Dichter dann zurückgekehrt, allein und ohne Barschaft, in die Heimat, ging sein Bericht berühmt von Pol zu Pol“. Des Ich-Erzählers Vorreiter Caporali war ein buchstäblicher solcher: Ein „altes, müdes Maultier, das auch lahmte“, dürr, unverständig und „fast blind“ war sein Reittier. Der Ich-Erzähler trifft es da besser: Nachdem er das heimatliche Madrid unter nur scheinbarem, sarkastisch verzogenen„a sarcastic adieu to Madrid“ – James Y. Gibson: Translator’s preface. In: Miguel de Cervantes Saavedra: Journey to Parnassus. Kegan Paul, Trench and Co., London 1883. S. IX–LXV. Hier S. XXVII. (pdf). Abschiedsschmerz verlässt, kann er in Cartagena an Bord einer bemerkenswerten Galeere gehen, die Merkur persönlich brachte: „Vom Kiel bis zum Mast, o seltsam Ding!, war alles aufgebaut aus nichts als Versen, kein bißchen Prosa fände man darin. Die Pforten der Geschütze waren Glossen“, das Heck besteht aus Sonetten, der Laufsteg zwischen den Ruderbänken ist eine Elegie, der Mast ist ein Gesang, „sechs Finger dick geteert mit Liedesstrophen“, und das Segelwerk besteht aus „tausend dummen Witzen und noch mehr“ sowie „subtilstem Denkstoff“: Das geschriebene Wort wird in diesem Schiff symbolisch zum einzigen Vehikel, das überhaupt noch von Bedeutung ist. Der Schiffsführer Merkur hat von Apoll allerdings einen besonderen Auftrag bekommen: „Barbaren“ bedrohen den Parnass, „das symbolische Land der Dichter, regiert von Apoll und den Musen“.„the symbolic land of poets governed by Apollo and the Muses“ – Fernández Rodríguez, Confessing on the move, S. 447. Daher „hat Apoll befohlen, daß die berühmten Dichter am Parnaß sich einzufinden hätten, ihn zu schützen“. Merkur geht mit dem Ich-Erzähler zusammen die Dichter-Rekrutierungsliste durch und erwartet während dieses Castings positive oder negative Kommentare. Daher prüft der Ich-Erzähler „die Vorzüge jedes der 130 Dichter“,„reviewing the merits of each of the 130“ – Fernández Rodríguez, Confessing on the move, S. 447. die er auf der Rekrutierungsliste findet: Während einer der auf der Rekrutierungsliste Genannten beispielsweise ein „Schwätzer“ ist, ein anderer ein „Laffe“, sei ein dritter ganz tauglich, wenn er sich nicht „verliert auf der Grammatik dornigen Gefilden“.
Der Ich-Erzähler stellt nach der Listen-Sichtung eine entscheidende Frage – die nach dem Transportmittel: „Wenn einer nichts hat […] was bereitet Apoll ihm dann? Karosse oder Boot? Ein Dromedar, ein Roß mit seltnem Gang?“ Merkur reagiert unwirsch auf diese Neugier, dann bahnt sich ein Unwetter an, und der Ich-Erzähler „sah, wie in dem Aufruhr, hoch vom Himmel ein dichter Regen an Poeten fiel auf die Galeere“. Nach dieser ersten Massen-Einschiffung folgt eine zweite aus einer zweiten Wolke: „Das Schiff war voll von einem End zum anderen […]. Bei solchem Überfluß Merkur erkannte, dass etwas faul war“: Der Gott wirft einige blinde Passagiere von Bord, denn von den auf die Galeere Gekommenen waren „die einen bekannt als gute Leute, die andern bloße Streuner“, die nun ans Ufer zurückschwimmen dürfen. Die Galeere tritt ihre „burleske Odyssee“ an,„burlesque odyssey“ – Torres, Poetry „bodied forth“ in time, S. 2. die Passagiere vertreiben sich auf die eine oder andere Weise die Langeweile, deklamieren beispielsweise selbstverfasste Schäferdichtung („vom eignen Honigseim nur zu gerührt“) oder besingen „zu der Dame Preis […] süß in Versen selbst die Spucke, die der geliebte Mund ins Schnupftuch spie. Es gab auch einen, der so liebeswund war, daß er die Nieren seiner Dame pries mit viel Geschmack und elegantem Können“. Bei Valencia und Narbonne nimmt die Galeere noch einzelne Fahrgäste auf, passiert dann Genua, die Tiber-Mündung, Gaeta, Neapel, die Straße von Messina, wo Merkur antikem Vorbild folgend erwägt, ein Menschenopfer zugunsten einer weiteren glücklichen Fahrt zu bringen: „Seht nach, ob man denn hier auf der Galeere nicht einen Dichter fände, so gering, daß ohne Kummer man ihn opfern könnte“. Der ist rasch gefunden, doch Merkur hat Mitleid mit ihm und ernennt ihn zu seinem Rudervogt. Über Epirus und Korfu gelangt die Galeere zum Parnass.
„Mit froher Miene grüßte dann Apoll die Streiter, die seit langem er erwartet, um sie zu führen zum erhofften Sieg“ über die Barbaren. Zunächst einmal sollen die der Galeere entstiegenen Dichter sich an einem schattigen Plätzchen ausruhen. Der Ich-Erzähler findet keines mehr, zählt seine Verdienste in der Dichtkunst auf wie die Galatea, den Don Quijote, die Novelas ejemplares, was Apoll abwiegelt mit der lakonischen Bemerkung, der Ich-Erzähler könne sich seines Mantels als Schattenwerfer bedienen. Unter anderem nach einem Auftritt der als Nymphe daherkommenden Poesie gibt es eine Diskussion um sechs vermummte Kleriker, die sich „zu sehr ihrer Verbundenheit mit der Kunst schämen, um ihre Identität preiszugeben“.„six clerical poets are too ashamed of their allegiance to art to disclose their identity“ – Torres, Poetry „bodied forth“ in time, S. 28–29. Über sie meint der Ich-Erzähler Merkur gegenüber: „Nie war ich Freund verlogner Ziererei und wollte, unverhohlt, daß man mich lobe für alles, was ich wirklich gut gemacht“. Wenig später hält Apoll eine erste aufmunternde Rede: „Nun liegt’s an euch, dies angestammte Reich zu schützen vor der Frechheit des Gesindels, das nun, des Irrtums voll, im Übermut die Dummheit will zur Herrscherin erheben, auf daß sie Regel sei für alle Zeit“. Ehe die Rede jedoch sehr viel weiter schreiten kann, taucht am Fuße des Parnass ein großes Schiff auf, „vom Heck bis an den Bug beladen mit Poeten“, woraufhin Apoll „der Veitstanz“ überkommt, „als er die unerhörte Menge sah, die ihm so unerwünscht hier kam zu Hilfe“. Merkur gibt dem Ich-Erzähler an der zugrundeliegenden massenhaften Fehlrekrutierung barsch die Schuld („Verräter, der du eingestuft die Dichter hast auf jener langen Liste“), der Ich-Erzähler ruft dessen Vorgesetzten Apoll an: „So deine Göttlichkeit sich dabei irrte und ich dem allen nichts als zugestimmt, darf jener Dummkopf solcherart mir drohen?“ Der zornige Apoll befiehlt: „Schau dir doch an, was jetzt geschieht am Strand!“
Dort wendet sich Neptun gegen die Unwillkommenen: „Er stieß den Dreizack in des Schiffes Wanst und füllte ihn bis oben hin zum Platzen mit Bitterkeit und Salz in reicher Flut. […] Und nach und nach versank das Schiff“ und mit ihm die „vielen tausend Menschen“. Wer sich vom Deck ins Wasser zu retten denkt, um den kümmert sich Neptun höchstpersönlich: „Mit nicht geringerem Genuß und Eifer, mit hämischem Gelächter, böser Lust, aufspießte der entbrannte Gott Poeten“. Dann tritt Venus dazwischen, eher unattraktiv gekleidet: „Aus derbem, bäuerlichen Tuch geschnitten, ein langes Kittelkleid für wochentags hing ihr am Leib gut und fest“. Dennoch versucht sie Neptun, der sich auf den Willen der Parzen und seine Aufgaben beruft, „auf verführerische Weise, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Schließlich gelingt es der Göttin, die Dichter in Kürbisse und Weinschläuche zu verwandeln, um sie vor dem Ertrinken zu retten“,„Venus intercedes in a seductive attempt to dissuade him from his purposes. Finally, the goddess succeeds in turning the poets into gourds and wineskins to save them from drowning“ – Fernández Rodríguez, Confessing on the move, S. 448. was Neptun gleichzeitig ermöglicht, das Gesicht zu wahren: So oder so sind die Unwillkommenen vom angehenden Schlachtfeld verschwunden. Nicht aber aus der Welt, denn Venus lässt die Kürbisse und Weinschläuche westwärts treiben: „An Kürbissen, die solcherart an Land gekommen sind, ist keins so reich wie Spanien. Es ist darum bekannt und sehr geschätzt. Wenn Spanien auch viel Dichter zählt und Krieger, so richtet sein Geschmack sich oft genug nach jener Dichterlinge Kürbissüße“, entstammend einem gelegentlich beeindruckend großen, aber weitgehend hohlen und daher schwimmtauglichen Fruchtgemüse. Später kann der Ich-Erzähler daher keine Kürbisse und Weinschläuche mehr sehen, ohne an Möchtegern-Schriftsteller zu denken, und keinen Dichter, ohne in ihm einen Kürbis und seinem Antlitz ein ledriges Weinschlauchgesicht zu mutmaßen. Doch ehe er später von Kürbissen und Weinschläuchen tagträumt, tritt auf dem Parnass die Nachtruhe ein, und der Ich-Erzähler träumt von einer Frau auf einem Thron, mit zwei Dienerinnen. Es ist die Prahlsucht, „die sich in große Werke mischt und mischte und in Jahrhunderten noch darin lebt“, und die Dienerinnen sind „die guten Schwestern Schmeichelei und Lüge“. Die Prahlsucht wird in der „grotesken“,„grotesque“ – Torres, Poetry „bodied forth“ in time, S. 22. allegorischen Traumvision immer größer, eine „übermäßig aufgeblähte [...] Schönheit, von gigantischen Proportionen“,„inordinately inflated [...] beauty, gigantically proportioned“ – Torres, Poetry „bodied forth“ in time, S. 21. monströs„monstrous“ – Torres, Poetry „bodied forth“ in time, S. 29. dabei auch der Unterleib: „Die Krankheit, die als Wassersucht bekannt ist, trieb aus den rechten Maßen ihr den Bauch, in dem die Meere hätten Platz gefunden“. Rechtzeitig genug erwacht der Ich-Erzähler aus dieser Alptraum-Allegorie.