mini|250px|Gabriel García Moreno Gabriel Gregorio Fernando José María García y Moreno y Morán de Buitrón (* 24. Dezember 1821 in Guayaquil, Real Audiencia de Quito, Vizekönigreich Neugranada; † 6. August 1875 in Quito, Ecuador) war ein ecuadorianischer Politiker, der zweimal Präsident seines Landes war (1859–1865 und 1869–1875). Er war ein ausgeprägt konservativ-katholischer bzw. klerikalistischer Politiker, der einen autoritären und repressiven Regierungsstil pflegte, aber insbesondere das Bildungswesen und die öffentliche Infrastruktur des Landes reformierte bzw. modernisierte. Er gilt daher als eine der herausragenden, aber auch eine der umstrittensten Figuren der ecuadorianischen Geschichte. Wichtigster Rückhalt García Morenos waren der katholische Klerus (insbesondere die Jesuiten), die Großgrundbesitzer der nördlichen und zentralen Andenregion und allgemein die Masse frommer Gläubiger.
Leben Herkunft und Ausbildung (1821–1845) mini|Denkmal für Gabriel García Moreno im Zentrum von Guayaquil (2012) mini|Karte der Provinz Real Audiencia de Quito aus dem Jahr 1779 mit der markanten Bucht von Guayaquil im Westen Gabriel García Moreno kam als neuntes überlebendes Kind von Doña Mercedes Moreno de García und Gabriel García Gómez zur Welt. Von den Geschwistern war er das jüngste; er hatte fünf Brüder und drei Schwestern. Morenos Vater stammte aus Cádiz in Spanien und hatte erst als Schreiber für König Karl IV. gearbeitet, bevor er 1793 nach Callao im heutigen Peru auswanderte, das damals als Vizekönigreich Peru zum spanischen Kolonialreich gehörte. Später übersiedelte er über Lima nach Guayaquil im Vizekönigreich Neugranada. Neben den größeren Karrierechancen in dieser Stadt war die Tatsache ausschlaggebend, dass García Gómez aufgrund seines höheren sozialen Status als gebürtiger Spanier begünstigt, in eine wohlhabende spanische Criollo-Familie einheiraten wollte. Seine Braut Mercedes Moreno de García, die er 1794 als 17-Jährige kennengelernt und 1797 geheiratet hatte, war die Tochter von spanischen Einwanderern. Ihr Vater war Fernhändler und besaß eine einträgliche Kakao-Plantage.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 1 f.
Als Händler kam García Gómez zu bescheidenem Wohlstand und wurde 1820 in das politische Amt des juristischen Vertreters (procurador síndico) der Stadt Guayaquil gewählt. Damit einher ging ein Sitz im Stadtrat, in dessen Funktion er im Oktober 1820 die von José Joaquín de Olmedo initiierte Unabhängigkeitserklärung der Provinz Guayas vom Königreich Spanien unterschrieb und drei Jahre später Geldsammlungen für Simón Bolívars Feldzüge während der südamerikanischen Unabhängigkeitskriege beaufsichtigte. Aus diesen Gründen hält Peter V. N. Henderson (2000) die traditionelle These, Moreno de García habe in den 1820er und 1830er Jahren empfindliche Einkommenseinbußen hinnehmen müssen, weil er dem spanischen König die Treue gehalten habe, für nicht korrekt. Die durch die Koalitionskriege verursachten maritimen Zwistigkeiten auf den Weltmeeren und die Unabhängigkeitskriege in Südamerika seit 1809 hatten vielmehr zu einer Verarmung Ecuadors insgesamt geführt.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 2. Nach dem Zerfall Großkolumbiens infolge des Todes von Bolívar hatte das nunmehr unabhängige Ecuador außerdem einen Teil der Staatsschulden übernehmen müssen, die das Land bis in die 1870er Jahre finanziell schwer belasteten und hauptsächlich in das Vereinigte Königreich flossen.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 12.
Weil für Morenos ältere Brüder Karrieren im Handel und in der Kirche vorgesehen waren und er schon früh Eigenschaften wie Ehrgeiz, Konservativismus und Dominanz zeigte, zeichnete sich für ihn in den Augen der Familie Politik als eine Karrieremöglichkeit ab. Seine Brüder halfen ihm später beim Aufbau eines Patronagenetzwerks in der Küstenregion Ecuadors, vor allem Pedro Pablo durch die Heirat der Tochter von Juan José Flores, dem ersten Präsidenten der Republik, und Miguel, der zweimal Gouverneur der Provinz Guayas wurde.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 2 f. In einer Ära in der Geschichte Ecuador vor der Herausbildung moderner Parteien stellte ein solches Netzwerk das Mittel der Wahl dar, eine nationale Gefolgschaft aufzubauen, was Moreno später zu seinem politischen Vorteil ausnutzte.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 29 f.
Guayaquil hatte zum Zeitpunkt von Morenos Geburt in den 1820er Jahren nur 20000 Einwohner, war aber die bedeutendste Handelsstadt Ecuadors und der wichtigste Ausfuhrhafen für den lukrativen Kakaohandel, der für die nächsten hundert Jahre maßgeblich die Wirtschaft des Landes bestimmte. Weil in der Region um Guayaquil die Anbaubedingungen für Kakao besonders gut waren, floss in diese Region ein gewisser Wohlstand. Außerdem sorgte dies für eine Binnenwanderung aus den Anden in die Provinz Guayas, ein bis heute anhaltender demographischer Prozess in Ecuador. Aus Holzhäusern bestehend und regelmäßig unter Großbränden leidend, wies Guayaquil als einzige Sehenswürdigkeit die Uferpromenade Malecón auf, in deren unmittelbarer Umgebung seit den 1800er Jahren die wohlhabenden Familien lebten, so auch diejenige von Gabriel García Gómez.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 3–5.
Nach der zweiten Unabhängigkeit Ecuadors im Jahr 1830 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage für die Morenos. Ohne öffentliches Amt musste der Vater die Familie von den Ersparnissen und später von der Mitgift seiner Frau über Wasser halten, weil für ihn als gebürtigem Spanier in der lateinamerikanischen Ständegesellschaft körperliche Arbeit nicht akzeptabel war. Trotz der finanziellen Nöte gehörte die Familie weiterhin zur sozialen Elite des Landes. Entsprechend war es Moreno untersagt, Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus niedrigeren Gesellschaftsschichten zu haben. Während die Mutter sich vor allem um die religiöse Erziehung der Kinder sorgte, bemühte sich der Vater, dem als Kind kränklichen Moreno körperliche Härte beizubringen. Bei einer Gelegenheit sperrte er ihn dazu über Nacht mit einer Leiche in eine Kammer ein. Moreno wohlgesonnene Biographen sehen diese und ähnliche Erziehungsmittel des Vaters als ursächlich für die Stärkung seiner Persönlichkeit an, während andere seine spätere Grausamkeit und Strenge als Folge dieser Erfahrungen erachten. Henderson (2008) ordnet diese Debatte als typisch für die kontrovers diskutierte Biographie Morenos ein.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 5–7.
Wegen der klammen familiären Finanzen erhielt Moreno seine Grundschulbildung durch Mutter und Schwestern. Schnell zeigte sich seine große intellektuelle Begabung und der Hausunterricht stieß an die Grenzen. Der die Familie betreuende Priester Miguel Betancourt bot sich als Tutor an und Moreno lernte bei ihm in weniger als einem Jahr Latein. Weil es in Guayaquil keine Sekundarschule gab, entschlossen sich die Morenos, ihren Sohn zur weiteren Ausbildung nach Quito zu schicken. Doña Mercedes hielt an diesem Plan auch nach dem Tod ihres Mannes an einer unbekannten Krankheit im Jahr 1834 fest. Betancourt half ihr aus, indem seine beiden in der Hauptstadt lebenden Schwestern Maria Betancourt und Josefa Espinosa dem Jungen freie Kost und Logis gewährten. Als Moreno 15 Jahre alt war, machte er sich zu Pferd auf die 21-tägige beschwerliche Reise über kaum vorhandene Straßen von der Küste in die Sierra. Als Herbergen standen häufig nur die noch aus der Inkazeit stammenden Tambos zur Verfügung. In Quito freundete er sich mit dem Neffen der Schwestern Javier Espinosa und dem Nachbarsjungen Francisco Javier León an, die später wichtige politische Verbündete wurden. Anders als Guayaquil war Quito keine nennenswerte Handelsstadt, sondern durch katholische Kirche und Verwaltung geprägt. Der tief religiöse Moreno zeigte sich von der klerikalen Architektur der kolonialen Altstadt beeindruckt. Der Gegensatz zwischen Guayaquil und Quito hat einige Historiker in Anlehnung an den Roman von Charles Dickens dazu verleitet, die Geschichte Ecuadors vereinfachend auf Eine Geschichte aus zwei Städten zurückzuführen.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 7–9. Zwar war die Sierra seit Mitte des 18. Jahrhunderts wegen Konkurrenz durch kostengünstigere Importextilien auf den Märkten Kolumbiens und Perus im wirtschaftlichen Niedergang begriffen, stellte aber trotz der Binnenmigration an die Küste weiterhin die Bevölkerungsmehrheit und bestimmte bis 1895 die politische Szene.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 33.
Moreno besuchte in Quito das Colegio San Fernando, eine vorbereitende Schule für die Universität von Quito (Universidad Central del Ecuador), mit der Absicht eines späteren Theologie-Studiums. Obwohl er exzellente Leistungen in den Fächern zeigte und im Alter von 17 Jahren die Tonsur erhielt, entschloss er sich im Jahr 1839, keine Laufbahn als Priester einzuschlagen, sondern im Oktober 1840 ein Studium des Rechts anzutreten. Er hatte dabei mehr eine politische Karriere im Sinne als eine in der Judikative. Entsprechende, später bedeutungsvoll werdende Freundschaften schloss Moreno während dieser Zeit mit Söhnen aus der herrschenden Klasse, von denen einige später seine Minister wurden. Regelmäßiger und wegen seiner Brillanz und vornehmen Herkunft gern gesehener Gast auf den Haziendas in Quito und Umgebung identifizierte er sich schnell selbst als Quiteño. Zu dieser Zeit hatte er mehrere Affären, aus denen im Juli 1841 ein unehelicher Sohn hervorging, den er nie anerkannte. Im folgenden Jahr entdeckte er seine Liebe zu Mercedes Jijón de Flores, der Schwägerin des Präsidenten. Flores verbot Moreno wegen dessen prekären Verhältnissen jedoch den weiteren Umgang mit Mercedes.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 9–11.
Politische Anfänge (1846–1850) Noch vor Abschluss des Studiums suchte García Moreno den Weg in die Politik, die zu dieser Zeit durch die Suche nach einer nationalen Identität gekennzeichnet war. Dieses Problem hatte sich schon in dem Umstand manifestiert, dass Ecuador 1830 geographisch nach der Lage am Äquator und nicht historisch nach der annähernd deckungsgleichen Provinz Real Audiencia de Quito benannt worden war. Insgesamt definierten sich mit der Ausnahme von Brasilien die meisten Lateinamerikaner nicht als Angehörige ihrer jungen Republiken, sondern weiterhin als Spanier oder Indigene. In Ecuador selbst waren die beiden ersten Präsidenten Flores und Vicente Rocafuerte vor allem wegen der drückenden Staatsschulden an einer Modernisierung der Wirtschaft und dem Bau einer Verbindungsstraße zwischen Quito und Guayaquil gescheitert. Beim Sturz von Flores und der Einsetzung von Vicente Ramón Roca als Präsident im Jahr 1845 spielte Moreno nur eine geringe Rolle, aber wegen einer regierungskritischen Rede wurde er kurzzeitig inhaftiert und der Universität verwiesen. Er floh danach in die Provinz Imbabura und schloss sich den Flores-Gegnern an. Nach dem baldigen Tod von Rocafuerte und angesichts Flores’ Exil lag die Führung des Landes in den Händen einer neuen, postrevolutionären Generation.Peter V. N. Henderson: Gabriel García Moreno and Conservative State Formation in the Andes. Austin 2008, S. 12 f.