Mit Todsünde ( oder ) werden in der römisch-katholischen Kirche besonders schwerwiegende Arten der Sünde bezeichnet, durch die der Mensch die Gemeinschaft mit Gott bewusst und willentlich verlässt. Ein besonders grobes Vergehen wird auch himmelschreiende Sünde () genannt.
Der Katechismus der römisch-katholischen Kirche grenzt die lässliche Sünde () als minderschweres, geringfügiges Vergehen von der Todsünde ab. Den Todsünden werden die Kardinaltugenden gegenübergestellt.Katechismus der Katholischen Kirche (1997), Nr. 1866.
Definition Damit eine Sünde als Todsünde zu beurteilen ist, müssen drei Voraussetzungen gegeben sein:Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), Nr. 1857. Die Sünde muss eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand haben, insbesondere einen Verstoß gegen die Zehn Gebote; traditionell werden Ehebruch, Mord oder Apostasie (= Glaubensabfall) genannt. Der Sünder muss die Todsünde „mit vollem Bewusstsein“ begehen, die Schwere der Sünde also bereits zuvor erkannt haben. Die Sünde muss „mit bedachter Zustimmung“ (also aus freiem Willen) begangen werden.
Papst Johannes Paul II. konkretisierte den Begriff Todsünde im Apostolischen Schreiben über Versöhnung und Buße in der Kirche Reconciliatio et paenitentia aus dem Jahre 1984 wie folgt:
Insgesamt kommt in der Todsünde eine Abkehr von der in der Sündenvergebung durch die Taufe begründeten Gemeinschaft mit Gott zum Ausdruck. Für die erneute Vergebung der persönlichen Schuld genügt die vollkommene oder unvollkommene Reue, also die bewusste Hinwendung zur Liebe Gottes im Bußsakrament.
Abgrenzung vom Laster mini|hochkant=2|Hieronymus Bosch (1450–1516): Die Sieben Todsünden; in den Ecken: Die vier letzten Dinge
Sünden entstehen nach der klassischen Theologie aus sieben schlechten Charaktereigenschaften:
1. Superbia Hochmut (Stolz, Eitelkeit, Übermut) 2. Avaritia Geiz (Habgier, Habsucht) 3. Luxuria Wollust (Ausschweifung, Genusssucht, Begehren, Unkeuschheit) 4. Ira Zorn (Jähzorn, Wut, Rachsucht) 5. Gula Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Unmäßigkeit, Selbstsucht) 6. Invidia Neid (Eifersucht, Missgunst) 7. Acedia Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Überdruss, Trägheit des Herzens)
Diese Charaktereigenschaften werden als Hauptlaster bezeichnet und unter dem im Mittelalter entstandenen Akronym Saligia zusammengefasst. Sie gelten als Ursache vieler Sünden (Tochtersünden)Bertram Söller: ‚Von den sieben Todsünden‘ II (Prosatraktat über die sieben Todsünden und ihre Tochtersünden). In: Verfasserlexikon. Band VIII, Sp. 1173 f. und können sowohl zu schweren als auch zu lässlichen Sünden führen. Da die Hauptlaster Ursache und somit Wurzel von Sünden sind, werden sie gelegentlich auch als Wurzelsünden bezeichnet; auch der Begriff Hauptsünden ist gebräuchlich.
Verwirrend und theologisch falsch, aber umgangssprachlich gebräuchlich ist die Bezeichnung der sieben Hauptlaster als „sieben Todsünden“; sie sind zwar durchaus auch selbständige Sünden, Todsünden sind aber nur einige davon – sogar allein der Materie nach, also auch ohne Berücksichtigung der „mildernden Umstände“ Wissens- und Willensmangel – und dann auch meist nur in ihrer vollen Ausprägung.
Erstmals findet sich eine solche Kategorisierung von menschlichen Lastern bei Euagrios Pontikos Ende des 4. Jahrhunderts. Er benennt acht negative Eigenschaften, von denen die Mönche heimgesucht werden können. Invidia gehörte für ihn nicht dazu, aber zusätzlich zu den oben genannten Vana Gloria (Ruhmsucht) und Tristitia (Trübsinn). Papst Gregor I. († 604) ordnete den Trübsinn der Acedia zu, die Ruhmsucht dem Hochmut und fügte dem Sündenkatalog den Neid hinzu.
Schon damals wurden den Hauptlastern bestimmte Dämonen zugeordnet. Am weitesten verbreitet sind jedoch die Zuordnungen des Peter Binsfeld aus dem 16. Jahrhundert. Er ordnet Luzifer den Hochmut, Mammon den Geiz, Leviathan den Neid, Satan den Zorn, Asmodeus die Wollust, Beelzebub die Völlerei und Belphegor die Faulheit zu.
In der mittelalterlichen Theologie werden den Hauptlastern häufig die Kardinaltugenden gegenübergestellt. Mehrere Kirchenväter und Theologen befassten sich mit den Hauptsünden und trugen auch zu ihrer Systematisierung bei. Papst Gregor I. stellte ihnen etwa die „Sieben Gaben des Heiligen Geistes“ gegenüber.
Im Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahr 1992 wird als erste Hauptsünde nicht Hochmut, sondern Stolz genannt.
Theologische Konsequenzen Nach der Lehre der katholischen Kirche zieht die (schwere) Sünde den zweiten Tod, die Höllenstrafe nach sich, wenn man ohne vollkommene Reue und Buße stirbt. Die Vergebung der Todsünde kann nur im Bußsakrament oder durch vollkommene Reue (d. h. Reue aus Liebe zu Gott) erreicht werden. Die vollkommene Reue muss den Wunsch enthalten, das Bußsakrament und die Absolution (s. u.) zu empfangen. Auch der Empfang der heiligen Kommunion ist als unwürdig verboten. In der persönlichen Beichte spricht die Kirche durch den Priester den Sünder kraft göttlicher Vollmacht von seinen Sünden los: Er erteilt die Absolution. Hier genügt auch eine nur unvollkommene Reue (d. h. Reue aus Furcht vor Gottes Strafe) für die wirksame Wiederherstellung der Taufgnade.
Die „sieben Todsünden“ in Kunst und Popkultur Bildende Kunst Die sieben Hauptsünden (auch als „die sieben Todsünden“ bezeichnet) sind in der bildenden Kunst und vor allem in der Malerei und der Grafik ein häufiges Bildthema. Bilderzyklen gab es schon im Mittelalter und reichen bis in die Gegenwart.
Beispiele um 1510 Hans Burgkmair der Ältere: Die sieben Todsünden, Folge von sieben Holzschnitten 1557 Sieben Kupferstiche von Hieronymus Cock nach Pieter Bruegel dem Älteren 1617–1620 Jacques Callot: Die sieben Todsünden, Folge von sieben Radierungen 1715 Balthasar Esterbauer: Die Sieben Todsünden, sieben farbig gefasste Skulpturen auf der Kanzel im Kloster Comburg 1861 Eduard Ille: Die sieben Todsünden, Folge von sieben Holzschnitten, 1888 und 1902–1904 James Ensor: Les sept péchés capitaux, Folge von acht Radierungen mit Titelblatt Les Péchés capitaux dominés par la mort, deutsch: Die sieben Todsünden, vom Tod dominiert, dargestellt mit Totenkopf und personifizierten Sünden „über denen der geflügelte Tod schwebt“Inge Herold: Der Tod und die Masken. In: Inge Herold, Johan Holten (Hrsg.): James Ensor. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2021, ISBN 978-3-422-98635-0, S. 100., mit einem Vorwort von seinem Freund, Eugène DemolderRoland Augustin: James Ensor. Der Zorn. La colère. In: Meinrad Maria Grewenig (Hrsg.): James Ensor. Sterben für die Unsterblichkeit. Meisterwerke der Grafik. Das Wunderhorn, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-88423-395-5, S. 54.; Musée des Beaux-Arts de GandJames Ensor. Les Péchés capitaux dominés par la mort, 1904. In: Musée des Beaux-Arts de Gand, abgerufen am 18. April 2024.; MoMa, New YorkJames Ensor. The Deadly Sins (Les Péchés capitaux) 1888–1904, published 1904. In: Museum of Modern Art, abgerufen am 18. April 2024.; Museum Oskar Reinhart, Winterthur 1911 Ludwig Linzinger: Sieben-Todsünden-Kanzel, Pfarrkirche Reichenthal 1914 Alfred Kubin: Die sieben Todsünden, Folge von acht Lithografien 1925 Marc Chagall: Die sieben Todsünden, Folge von 16 Blättern 1933 Otto Dix: Die sieben Todsünden, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 1983/2008 Bruce Nauman: Vices and virtues, Neon-Schrift, 18-teilig, Stuart Collection, University of California, San Diego 1993–1994 Eva Aeppli: . Sieben Skulpturen aus Bronze 2017–2019 Denis Stuart Rose: Die 7 Todsünden. Objekte, Mixed Media 2018 Erwin Hilbert: Die 7 Todsünden. Bilder in Mischtechniken auf Leinwand und Fotopapier
Ausstellungen Seven Sins. Museion – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Bozen 2004. – Acht Ausstellungen: Acht einzelne Kataloge. Centre Pompidou, Paris 1996/97. Lust und Laster. Die sieben Todsünden von Dürer bis Nauman. Ausstellungskatalog. Kunstmuseum Bern, Zentrum Paul Klee, Bern 2010, ISBN 978-3-7757-2647-4 (s. Sekundärliteratur). Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Albertina, Wien. Wien 2013 (Es ist u. a. ein Animationsfilm des belgischen Künstlers Antoine Roegiers (* 1980) zu Pieter Bruegels Sieben Todsünden zu sehen.). Die 7 Todsünden. Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur. Lichtenau-Dalheim 2015 (s. Sekundärliteratur).
Literatur Selma Lagerlöf: Die sieben Todsünden. Erzählungen. Übers. von Marie Franzos. Nymphenburger Verl.-Handl., München 1952, (Legende von 1899). In der Reihe Die Schlüssel zum Königreich von Garth Nix verkörpern die sieben Antagonisten jeweils eine der Todsünden. Swantje Oppermann: Saligia – Spiel der Todsünden. Gulliver, Weinheim 2019, ISBN 978-3-407-74960-4. Eva Menasse: Lässliche Todsünden. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, ISBN 978-3-462-04127-9. B. Movie: Vitia – Die sieben Todsünden. Lindwurm Verlag, Hamburg 2021, ISBN 978-3-948695-26-2. Simon Strauß: Sieben Nächte. Blumenbar (Imprint von Aufbau Verlag), Berlin 2017, ISBN 978-3-351-05041-2.
Film John M. Stahl: Todsünde (USA 1945) Philippe de Broca: Die sieben Todsünden (Les Sept péchés capitaux – Frankreich, Italien 1962) Graham Stark: Die herrlichen sieben Todsünden (The Magnificent Seven Deadly Sins – UK 1971) Heinz Schirk: Der Heiligenschein (TV-Film, BR Deutschland 1977) David Fincher: Sieben (USA 1995) Robyn Dyer: Die sieben Sex-Sünden (USA 1999) Gert Verhulst: Das Haus Anubis – Pfad der 7 Sünden (Deutschland 2012) Joss Whedon: Serenity – Flucht in neue Welten (USA 2005) David F. Sandberg: Shazam! (USA 2019) Rolfe Kanefsky: Seven Deadly Sins (USA 2021)
Theater Rafael Spregelburd: Heptalogie des Hieronymus Bosch. In dem siebenteiligen Zyklus aus Theaterstücken sucht der argentinische Dramatiker und Regisseur Rafael Spregelburd für jede der klassischen Todsünden eine zeitgenössische Entsprechung. Sechs Stücke sind bisher fertiggestellt. Einige davon wurden bereits in Deutschland gezeigt, zum Beispiel Die Dummheit (Schaubühne Berlin 2005) und Die Panik (Münchner Kammerspiele 2007).
Tanz Bertolt Brecht, Kurt Weill: Die sieben Todsünden, Ballett mit Gesang (1933; uraufgeführt am Théâtre des Champs-Elysées in Paris) als Tanzbend in Bearbeitung durch Pina Bausch (und Wilhelm Brückner-Rüggeberg): Die sieben Todsünden, Ballett mit Pantomime, Tanz und Gesang, 1976 (und 2025 in Wuppertal)Die sieben Todsünden. Tanzabend von Pina Bausch. Programmheft anlässlich der Wiederaufnahme von Die sieben Todsünden in der Spielzeit 2024/25 im Tanztheater Wuppertal Pina Bausch + Terrain Boris Charmatz. 10. April 2025 (pina-bausch.de [PDF; 6,3 MB]). The Seven Sins, Tanzabend für Gauthier Dance, sieben Tanzstücke von sieben Choreografen
Fernsehserie
Charmed – Zauberhafte Hexen, Die sieben Todsünden. Episode 62 (3.18) (Originaltitel: Charmed, ), 2000. Fullmetal Alchemist, 2001–2010, die Homunculi, benannt nach den Todsünden und mit entsprechenden Charakteren. ProSieben: Die 7 Todsünden – Der Abgrund in uns, High-End-Doku-Fiction Serie, 2007. Supernatural, Die glorreichen Sieben, Episode 45 (3.01) (Originaltitel: Supernatural, The Magnificent Seven), 2007. Xena – Die Kriegerprinzessin, Herz der Dunkelheit, Episode (6.03). In der Animeserie Digimon treten Demon (Zorn, 2. Staffel), Beelzebumon (Völlerei, 3. Staffel), Lucemon Falldown Mode (Hochmut, 4. Staffel), Belphemon (Trägheit, 5. Staffel), Lilithmon (Wollust, 6. Staffel) sowie Leviamon (Neid, 6. Staffel) auf.Dämonenkönige. Leviamon. In: DigiPedia, abgerufen am 30. Januar 2024. Das bei Arte ausgestrahlte Magazin Abgedreht! behandelte seit September 2014 in je einer sonntäglichen Folge die sieben Todsünden satirisch. Die Simpsons, Treehouse of Horror XVIII. Episode 405 (19.5) 2007. Als Anime Seven Deadly Sins, 2012
Musik Adalbert von Goldschmidt: Die sieben Todsünden. Oratorium für Soli, Chor und Orchester (1871) Kurt Weill (Musik) und Bertolt Brecht (Text): Die sieben Todsünden der Kleinbürger (1933), gesungenes Ballett () für Sopran, Männerquartett und Orchester