Alain Finkielkraut versammelt in Vom Ende der Literatur. Die neue moralische UnordnungAlain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur. Die neue moralische Unordnung, aus dem Französischen von Rainer von Savigny, Langen Müller, München 2023, ISBN 978-3-7844-3656-2. 25 Essays, Kolumnen und Radiobeiträge zu Themen der Literatur und Kultur. Es geht ihm vor allem um die in der europäischen und amerikanischen Kultur „woke“ Moralisierung und das ideologische Abdriften der Gesellschaft, das den Freiraum der Kunst und der Debatten verenge:

In einem Vorwort bestimmt Harald Martenstein das Gewicht Finkielkrauts durch einen Vergleich: er besetze „im französischen Kulturbetrieb in etwa den Platz, den in Deutschland Peter Sloterdijk einnimmt.“ Finkielkraut führe an ähnlichen Fronten wie in Deutschland genau die Diskussionen, die andere gern vermeiden möchten.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 9, 11.

Finkielkraut äußert sich nicht nur zur Literatur, sondern in einem weiten Rahmen zu aktuellen Entwicklungen, die die Produktion und Rezeption von Literatur beeinflussen. Die Texte haben einen wechselnden Umfang zwischen drei und zwanzig Seiten. Der Autor argumentiert an vielen Stellen gegen oder für in Deutschland eher weniger bekannte Teilnehmer der Kulturdebatten und hat daher ein hilfreiches sechs-seitiges Literatur- und Quellenverzeichnis zusammengestellt.

Positionen zu Inklusion, Diversität Der linke egalitäre, sich gegen das Klassensystem wendende Impuls werde zu einer weiten Inklusion, die aus Mitgefühl alle Artefakte als „Kunst“ akzeptiere, denn eine Anerkennung von etwas als „Meisterwerk“ impliziere immer schon die Diskriminierung anderer. Diese grenzenlose Inklusion, verstanden als Anti-Elitarismus, verführe dazu, das Kulturerbe und jede Form der Leistungsauslese abzuschaffen – mit dem ironischen Effekt, dass die Kinder der Eliten auf Privatschulen ausweichen und sich die Chancenungleichheit so fortsetzt.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 17 ff., 133, 135 f., 139.

Die weite Inklusion, das Gebot allseitiger Akzeptanz, habe den Diskurs und die Kritik unter Strafe gestellt und zugleich den Respekt vor anderen Persönlichkeiten oder die Toleranz für andere Meinungen reduziert. Mit dem Verlust der Debatte sei auch die Zivilität der Auseinandersetzung und die Einhaltung von Anstandsregeln verloren- und die Häufigkeit persönlicher Drohungen in die Höhe gegangen.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 143 ff.

In seinem längsten Essay Die Zeit der Schlafwandler räumt er einen gegenwärtig starken weißen Rassismus und erhebliche wirtschaftliche Klassenunterschiede ein, verweist aber auf die deutlichen Erfolge des heute mehrheitlichen Antirassismus seit der Abschaffung der Rassentrennung. Inzwischen habe sich aber der Antirassismus radikalisiert und sehe die Welt mit den Augen der die Fakten ignorierenden Schlafwandler, die „vor Empörung blind“ seien: Alle Weißen und ihre Institutionen seien, so der radikale Antirassismus, inhärent rassistisch und mitschuldig an den Übeln der Welt – der Antirassismus werde zu einem anti-weißen Rassismus. Multikulturalismus sei keine Bereicherung mehr, sondern wegen des Verbots von Kritik und Debatte nur ein „triumphaler Monolog.“ Individuen gelten nur noch als Repräsentanten von Gruppen, „man kämpft unablässig gegen Diskriminierung und blickt doch bei allen Menschen auf nichts anderes mehr als Hautfarbe und Herkunft.“Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 106 f., 111, 154 f., 212.

Die „Herrschaft der Identität“ beenge das Denken: auch alle weiße solidarische Kunst werde diffamiert als kulturelle Aneignung und Verspottung schwarzen Leids – damit aber, so Finkielkraut, dürfe auch kein Autor mehr mit seiner Fantasie in ein fremdes Ich eindringen, erlaubt sei nur die Schablone. Das Ziel des neuen Antirassismus sei es, „das Abendland innerhalb seiner eigenen Grenzen abzuschaffen“, beispielsweise durch die an der Diversität orientierte Säuberung alter Texte von inkriminierten Wörtern.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 95 ff., 100 ff. 154 ff.

Positionen zu Migration, Islam Finkielkraut sieht sich mit seinem Eintreten für die Schwachen als ein früheres Mitglied der Linken, die sich durch ihre unkritische Solidarität mit antisemitischen, frauenunterdrückenden und frankophoben Immigranten, den zwecks Umkehr von Schuldigen in Opfer umbenannten Indigènes de la Republique,„Aus den Schuldigen macht man Opfer und aus erklärten Feinden zum Äußersten gereizte Unterdrückte. Der Ursprung des Übels ist demnach darin zu suchen, wie die Gesellschaft funktioniert, die dem Übel zum Opfer fällt.“ Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 132. von ihren ursprünglichen Positionen und damit auch von ihm entfernt habe.

Die Verbeugungen vor der migrantischen, fremden Identität führe dazu, dass von Neuankömmlingen nicht mehr Integration gefordert werde und sie ihre Parallelgesellschaften aufbauen könnten. Eine woke-linke Elite helfe mit, wende sich im Namen der Menschenrechte gegen angeblich elitäre nationale Traditionen, versuche weiter, die Grenzen abzuschaffen und werde aus Gründen der Inklusion und Feigheit zu Kollaborateuren der Unterdrückung im Islam.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 106 f., 122 ff., 142 f.

Positionen zu Feminismus, Pädophilie In den „westlichen“ Staaten sei der Feminismus der vergangenen Jahrzehnte mit seinen Fortschritten in der Emanzipation sehr erfolgreich gewesen: „In keiner Epoche der Menschheit hat man gleichzeitig alle Formen der Ausgrenzung angeprangert.“ Aber mit #MeToo sei der umfassende Feminismus auf Sex, Missbrauch und symbolische Debatten reduziert und damit systemisch harmlos geworden.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 31 ff., 211 f.

Die Mehrheit der heutigen Feministinnen vertrete ein schwarz-weißes Gruppendenken mit dem Kitsch der „guten Frauen“ und „bösen Männer“. Damit ergebe man sich allen Vereinfachungen und könne weder in der Literatur einer Figur wie Lady Macbeth gerecht werden noch in der Politik dem islamischen Fundamentalismus mit seiner Unterdrückung der Frauen.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 41 ff.

Der binäre Neo-Feminismus nutze jede moralische Zweideutigkeit eines Autors, um mit dessen Person auch seine Werke zu verdammen – „unmoralische“ Autoren wie Euripides, Milan Kundera oder Philip Roth mit ihren männlichen Perspektiven könnten demnach nur Schund produzieren, Filme mit nachträglich der Pädophilie beschuldigten Schauspielern würden daher in Teilen neu gedreht. Auch Humor und Ironie sei mit dieser intellektuellen Beschränktheit nicht zu vereinbaren.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 56 ff., 81 ff., 203 ff., 208.

Der in der Linken populäre Moralismus übersehe, dass die 68er mit ihrem Kampf gegen Tradition und Prüderie auch die Grenze zur Sexualität mit Minderjährigen eingerissen und Pädophilie salonfähig gemacht hätten.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 31 ff., 41 ff., 56 ff., 68 ff., 81 ff., 203 ff., 208, 211ff.

Positionen zu Umweltschutz, Tierwohl, Pandemie Die zerstörerischen Folgen des Fortschritts seien lange verdrängt worden und das Erschrecken darüber nicht falsch. Aber die „grüne Energie“ werde mit der Zerstörung der Landschaft durch Windräder zum Albtraum einer „allseits um sich greifende Hässlichkeit“, sodass die amtlichen Umweltschützer die Verwüstung der Erde „nicht verhindern, sondern noch verschlimmern.“ Jede neue Technologie erspare vermutlich nicht nur Ressourcen, sondern verbrauche andere zusätzlich. Trotz eines zeitweiligen wissenschaftlichen Konsenses könne der „Wahnsinn der Vernunft“ die tragische Offenheit der Geschichte für unerwünschte Folgen nicht vermeiden.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 162 ff., 167, 187 f.

Die Schönheit der Landschaft, die „Anmut der Dinge“ und mit ihnen die Poesie könnten aus der Welt verschwinden, weil das „inklusive Schreiben“ und das „einebnende Neusprech“ der Jugend die wirklichen Dichter ignoriere, die es brauche, um die Natur „sehen und bewundern“ zu können.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 165 ff.

Mit Greta Thunberg habe „die Jugend das Umweltproblem an sich gerissen“ und betrete die Politik „durch die Tür der Empörung“. Die Fähigkeit zur Differenzierung in der Jugend korrespondiere mit ihrer geringen Welterfahrung, ihr heiliger Zorn lasse Einsicht in Komplexität und Ratlosigkeit nicht zu.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 166 f., 169 f.

Die industrielle Tierzucht habe Nutztiere in „Maschinen“ verwandelt, deren Armseligkeit dazu führte, sich auch um die Rechte der Tiere zu kümmern und die als „Speziesismus“ auftretende menschliche Hybris zurückzuweisen. Aber die radikalen Tierbefreier, die Abolitionisten, wollten nun die Fortpflanzung dieser versklavten Tiere verhindern, sie also tendenziell ausrotten, und Fleischkonsum durch den Konsum von Zellkulturen ersetzen – eine „paradoxe Allianz von Nahrungsmittelindustrie und radikalen Tierschützern“, die die menschliche Hybris in neuer Form reproduziert, gegen die der Tierschutz polemisiert.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 172 ff.

In der 2020 beginnenden Corona-Pandemie musste sich auch die Politik erst durch den Nebel der Optionen tasten. Die Kritiker der Politik aber warfen ihr sehr Verschiedenes vor: ihren Despotismus zu genießen oder zu spät zu reagieren oder die alten Kranken nicht geopfert zu haben oder zu wenig oder zu viel Zwang ausgeübt zu haben oder oder. Der Vorwurf einer autoritären Machtausübung werde allein schon durch die parallele öffentliche Diskussion entkräftet. Auch hier würde absolute Machbarkeit unterstellt und versucht, „mit aller Kraft die Zufälligkeit der Ereignisse aus der Welt zu schaffen“ und sie zu leugnen.Alain Finkielkraut: Vom Ende der Literatur, S. 189 ff.

Rezeption Ronald Pohl las für den Standard am 25. April 2023 „flammende Anklagen gegen die Wokeness“: Finkielkraut, „Frankreichs streitbarster jüdischer Intellektueller, scheut keine verbalen Raufhändel. […] Die Scharfmacher unter den neuerdings Sensibilisierten reizen ihn bis aufs Blut.“ Eine – unwahrscheinliche – Heilung von der Intoleranz „woker“ Aktivistinnen verheiße einzig und allein die Literatur: Deren Schönheit preist Finkielkraut, indem er zum Beispiel ausführlich für seine beiden „Hausheiligen“ Philip Roth und Milan Kundera Partei ergreife. Alain Finkielkraut bleibe ein unberechenbarer Heißsporn „ein freier Radikaler, ein Unruheherd“, der „Narrenfreiheit“ genieße – immerhin habe er die Einwanderung in Frankreich wiederholt bitter beklagt.

Helmuth Schönauer kommentiert am 7. August 2023 im Schoepfblog.AT, dass Finkielkrauts Texte „letztlich auf der These aufbauen, dass wir Teile unserer verschriftlichten Kultur für sakrosankt halten müssen, damit uns nicht das Wertesystem um die Ohren fliegt.“ Unter diesem Aspekt der Radikalisierung würden wichtige Fragen der Kunst und Literatur der letzten Jahre zur Sprache gebracht. „Seine Fallbeispiele aus dem französischen Kulturbetrieb, gespiegelt an der unbestechlichen Reflexionswand des Philip Roth, lassen unsere in Berlin, Frankfurt und Innsbruck geführten Rasereien in einem schlampigen Licht erscheinen: Ironie wäre angesagt.“

Der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber kritisiert die „schiefe Betitelung“, denn um Literatur gehe es nur in wenigen Texten der Sammlung. Finkielkraut schreibe polemisch und überziehe teilweise, und das könne „schnell zu Missverständnissen bei jenen führen, die man doch eigentlich für selbstkritische Reflexionen gewinnen will“. Insgesamt enthalte der Band aber viele „aufklärerische Rosinen“.Armin Pfahl-Traughber: Vom Ende der Literatur. hagalil.com, 5. Juni 2023.

Einzelbelege

Kategorie:Literarisches Werk