Articulations ist ein Musikalbum von James Emery und Anthony Braxton. Die am 19. Juni 1992 in Florenz entstandenen Aufnahmen erschienen im August 2026 in Emerys Selbstverlag auf der Plattform Bandcamp.
Hintergrund Die Duo-Session Articulations von Anthony Braxton und dem Gitarristen James Emery wurde 1992 aufgenommen und erschien 34 Jahre später auf Emerys eigenem Bandcamp-Label. Die Veröffentlichung erfolgte in Eigenregie und wurde von Emery zusammen mit Ed Petersen produziert.
Emerys Verbindung zu Braxton ist tiefgreifend. Bekannt als Gründungsmitglied des String Trio of New York, bewegt er sich seit Jahrzehnten zwischen notierter Kammermusik und freier Improvisation, und seine Beziehung zu Braxton reicht Jahre vor diese Session zurück (Composition No. 94 for Three Instrumentalists (1980)).
Der Eröffnungstrack ist „Maguro“, in dem Emery einen Basspuls vorlegt, der an Braxtons extravagante, auf Marschmusik basierende Kompositionen aus der Mitte der 1970er-Jahre angelehnt ist und sich während der gesamten Spieldauer von 7:20 Minuten mit „sechs oder sieben Hintergrundfiguren – kleinen Rhythmen“ abwechselt, von denen jede Braxton dazu anregt, seine Improvisation in eine andere Richtung zu lenken, hieß es in den Liner Notes des Albums.
Bei der Konzeption von „Falling River Time“, dieses „turbulenten Stücks mit Phrasen, die in ihrer Struktur sehr fortgeschritten sind“, griff Emery die melodischen Formen und den pentatonischen Charakter auf, die Muhal Richard Abrams dem Stück „Charlie in the Parker“ auf seinem 1977 bei Black Saint erschienenen Album 1-OQA+19 mit Braxton, Henry Threadgill, Steve McCall und dem Bassisten Leonard Jones verliehen hatte. Während Braxtons von großer Intensität geprägter Deklamation auf dem Altsaxophon scheint er ein Motiv aus Dave Hollands „Four Winds“ im Sinn zu haben, das er gemeinsam mit Holland, Sam Rivers und Barry Altschul auf dem Album Conference of the Birds aufgenommen hatte.
Das melodische „Duo 2.01“ ist „eine vielschichtige Komposition, in der sich nichts wiederholt – so, als würde man eine Reise unternehmen, auf der man verschiedene Orte besucht und unterwegs unterschiedliche Dinge sieht.“ Emery verweist auf einen Abschnitt etwa in der Mitte, „in dem ich eine Basslinie spiele, wie Dave Holland sie auf dem Bass spielen würde – superschnell –, und Braxton spielt darüber mit Dreifachzunge und Zirkularatmung“.
In „Composition 167“ setzt Braxton ein großes Arsenal an Instrumenten ein (Alt- und Sopraninosaxophon, Klarinette und Kontrabassklarinette sowie Flöte), während Emery sowohl seine D’Aquisto-Archtop-Gitarre als auch – nur in diesem Stück – einen Gitarrensynthesizer spielt, für den er eigens entwickelte Programme geschrieben hat. Diese erzeugen schnell wechselnde Klangfarbenmelodien, inspiriert von Anton Weberns Sinfonie op. 21 von 1929, in der ein einzelnes Instrument selten mehr als zwei Töne nacheinander spielt, bevor sich die Klangfarbe ändert. „Braxton liebt es, schnell zwischen verschiedenen Registern zu wechseln, von tief nach hoch und von hoch nach tief zu spielen“, sagt Emery. „Das ist sogar eine seiner charakteristischen musikalischen Bezeichnungen. Vor der Aufführung haben wir die Partitur durchgesprochen und festgelegt, welche Instrumente wir spielen würden und welche Herangehensweisen wir wählen würden.“
„Nesting“ ist eine Ballade, deren Titel sich auf die Vorbereitungen bezieht, die Emery und seine Frau für die Geburt ihrer Tochter Hannah trafen, die zwei Monate nach der Aufnahme geboren wurde. Emery beschreibt die Stimmung als „bittersüß, mit Anklängen an Wayne Shorter in den Harmonien, die zu einem festen Bestandteil seiner musikalischen Sprache wurden“.
Titelliste James Emery / Anthony Braxton: Articulations Maguro (Emery) 7:25 Falling River Time (Braxton) 4:07 Duo 2.01 (Emery) 8:23 Composition No. 167 28:00 Nesting (Emery) 7:16 The Next Level (Emery) 10:08
Rezeption Nach Ansicht von Glenn Astarita, der das Album in All About Jazz rezensierte, zeige die Aufnahme zwei herausragende Improvisatoren auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, wie auch der Kommentator Ted Panken im Begleittext anmerkt. Die Vertrautheit der beiden sei sofort spürbar. Wo ein erstes Treffen zwischen Saxophonist und Gitarrist eher vorsichtig verlaufen mag, sprächen die beiden bei „Articulations“ bereits von Beginn an eine gemeinsame Sprache – ein Idiom, die auf Braxtons Tonhöhen- und Rhythmussystemen und Emerys eigenem Vokabular aus geclusterten Obertönen und schrägen Stimmführungen basiere.
Mit 28 Minuten Spielzeit bilde „Composition No. 167“ als einziges durchkomponiertes Stück den Ankerpunkt des Albums, und es sei aufschlussreich, es in diesem reduzierten Rahmen zu hören, so Astarita. Das Duo interpretiere Miniatur-Motive spontan neu, eingebettet in kurze Unisono-Passagen, die Hinweise auf etwas Größeres geben. Braxtons melodische Fragmente, die mitunter in größeren Ensembles verborgen sind, träten deutlich vor Emerys Gitarre hervor, die weder begleitet noch überschattet, sondern vielmehr eine Gegenthese formuliere.
Die beiden verbleibenden, Braxton nahestehenden Stücke, „Falling River Time“ und „Duo 2.01“, griffen auf die grafische und proportionale Notation zurück, die Braxton in dieser Zeit verfeinerte, doch nichts wirke hier akademisch, meint Astarita. Das Spiel zeuge von Gewicht und Geduld, inmitten mühelos ausgeführter Unisono-Linien und dem Zusammentreffen erhabener Melodien. Die freieren Stücke lohnen genaueres Hinhören, so Astarita. In „Nesting“ fänden die beiden in einen echten Dialog, Sätze werden schmucklos hin und her gereicht, und „The Next Level“ schließe die Sache mit unerwarteter Direktheit ab – blitzschnelle, wirbelnde Chorusse – und Braxton, der in der letzten Minute beinahe swinge. „Articulations“ werde wohl kaum die Rangliste der wichtigsten Alben beider Musiker verändern, füge aber ein wirklich wertvolles Kapitel hinzu, dessen Fehlen ihnen schlichtweg nicht bewusst war. Drei Jahrzehnte später spielte die Verzögerung keine Rolle mehr. Wichtig sei, dass das Band erhalten geblieben ist – und dass die Musik nach all der Zeit immer noch so lebendig klinge, wie sie es verdiene.
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Einzelnachweise
Kategorie:Album (Jazz) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 2026 Kategorie:Anthony-Braxton-Album