mini|Antonio Negretti (Antonio Palma): Esther vor Ahasveros, 1574, Öl auf Leinwand, The John and Mable Ringling Museum of Art, Sarasota Antonio Palma (eigentlich Antonio Negretti, auch Negreti oder Nigreti; * um 1515 in Serina; † zwischen dem 10. November 1578 und dem 23. März 1585 in Venedig) war ein italienischer Maler. Er war ein Neffe von Jacopo Palma il Vecchio und der Vater von Jacopo Palma il Giovane.Mattia Biffis: Negretti, Antonio, detto Antonio Palma. In: Raffaele Romanelli (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani. Band 78: Natta–Nurra. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2013 (italienisch, treccani.it).
Leben Antonio Palma war der Sohn des Bartolomeo Negretti und der Antonia Mussige. Als Ausgangspunkt für sein lange als gesichert geltendes Geburtsjahr diente Tizians Bildnis eines Mannes mit Palmzweig (Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister), das auf das Jahr 1561 datiert ist und das Alter des Dargestellten mit 46 Jahren angibt. In der neueren Forschung gilt das Gemälde jedoch als Bildnis eines Farbhändlers und nicht als Porträt Antonio Palmas. Antonio Palma war noch minderjährig, als sein Onkel Jacopo Palma il Vecchio am 30. Mai 1524, kurz nach dem Tod des Vaters, die Bestellung eines Vormunds für ihn, seine beiden Brüder und seine beiden Halbschwestern beantragte. Im Juni 1528 wurden er und seine Geschwister, die damals in Venedig ansässig waren, zu Erben des Onkels erklärt. Vermutlich knüpfte er in dieser Zeit auch erste Kontakte zu Bonifazio Veronese (Bonifazio de’ Pitati), dem wichtigsten Mitarbeiter seines Onkels, der nach dessen Tod die Werkstatt weiterführte. Es wird angenommen, dass Antonio Palma seine Ausbildung in dieser Werkstatt erhielt. Im Oktober 1536 ist er in derselben Pfarrei San Alvise nachgewiesen, die seit 1535 auch Bonifazios Werkstatt zugehörig war.
Um die Mitte der 1540er Jahre heiratete Palma Giulia Brunello, eine Nichte des kinderlosen Bonifazio. Dadurch verbesserte sich seine bis dahin wohl untergeordnete Stellung in der Werkstatt. Von den vier Kindern des Paares führte der zweitgeborene Sohn Jacopo als Jacopo Palma il Giovane die Familientradition mit großem Erfolg fort.
Nach dem Tod Bonifazios im Jahr 1553 übernahm Antonio Palma die Leitung von dessen Werkstatt. In dieser Funktion war er zwischen 1551 und 1555 im Auftrag des Priors Bernardo Torlioni an einer Serie von Gemälden für die Sakristei von San Sebastiano beteiligt. Die von ihm geleitete Werkstatt setzte zudem die seit den 1530er Jahren laufenden Arbeiten für den Palazzo dei Camerlenghi fort. Palma war seit 1548 Mitglied der Scuola Grande di San Marco. Eine Steuereinschätzung von 1566 belegt, dass er trotz nachlassender öffentlicher Aufträge wirtschaftlich abgesichert war. Mit dem letzten Testament der Witwe Bonifazios im Jahr 1570 ging die Werkstatt endgültig in seinen Besitz über. Zeitpunkt und Ort seines Todes sind, wie schon sein Geburtsdatum, nicht genau überliefert; er starb jedenfalls vor dem 23. März 1585.
Werk Innerhalb der Bonifazio-Werkstatt lässt sich Palmas künstlerische Handschrift kaum individuell fassen. Bereits früh scheint er jedoch auch private Auftraggeber gefunden zu haben, für die er Werke schuf, die mit denen seiner in derselben Werkstatt tätigen Altersgenossen Jacopo Bassano, Jacopo Tintoretto und Andrea Schiavone vergleichbar sind. Um das signierte Gemälde Auferstehung Christi (Staatsgalerie Stuttgart) werden mehrere, stärker an Bonifazio orientierte Werke aus dieser Zeit gruppiert, darunter weitere Auferstehung Christi-Darstellungen (National Gallery of Ireland, Dublin; Galleria Borghese, Rom), Anbetung der Könige (Palazzo Rosso, Genua) sowie Die Heimkehr des verlorenen Sohnes (Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel).
Ein eigenständigeres künstlerisches Profil entwickelte Palma erst nach der Übernahme der Werkstattleitung im Jahr 1553, wie der ihm zugeschriebene Traum Jakobs für die Sakristei von San Sebastiano zeigt, in dem sich erstmals ein vorsichtiges Interesse an Neuerungen der mittelitalienischen Malerei zeigt. Für den Palazzo dei Camerlenghi werden ihm die Werke Die Königin von Saba vor Salomon (1556) und Anbetung der Könige (1558) zugeschrieben, die sich beide in der Gallerie dell’Accademia in Venedig befinden. Für die Zecca entstanden die Werke Anbetung der Könige (1557–1558) und Die Königin von Saba bei Salomon (1559–1560). Mit diesen Werken stehen vermutlich 110 Skizzen im Département des Arts graphiques des Louvre in Verbindung, die als Kompositionsentwürfe für die Werkstatt gelten. Ein Gemälde für den Dogenpalast sowie eine Altartafel für die Kirche Santi Apostoli gelten als verloren.
Die anhaltende Verbindung zu seinem Geburtsort Serina belegen eine signierte, stark beschädigte Prozessionsfahne aus dem Jahr 1561 in der dortigen Sakristei sowie eine signierte Pietà aus dem Jahr 1565 in der Kirche San Maria Annunciata. Als sein letztes bekanntes Gemälde gilt ein großes Wandbild mit Esther und Ahasver (1574, Sarasota, The John and Mable Ringling Museum of Art), auf dem das Wappen der Familie Contarini erscheint. Dies deutet auf einen möglichen privaten Auftraggeber aus dieser Familie hin.
Literatur Mattia Biffis: Negretti, Antonio, detto Antonio Palma. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Band 78. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2013 (italienisch, treccani.it).
Dorothee Westphal: Bonifazio Veronese. F. Bruckmann A.-G., München 1931. Dorothee Westphal: Beiträge zu Antonio Palma. In: Zeitschrift für bildende Kunst. Band 65, 1931/1932, S. 16–18. Nicola Ivanoff: Antonio Negretti detto Antonio Palma. In: Pietro Zampetti (Hrsg.): I pittori bergamaschi dal XIII al XIX secolo. Il Cinquecento. Band 3. Bolis, Bergamo 1979, S. 381–399. Luisa Vertova: Profilo di Antonio Palma. In: Antichità viva. Band 24, Nr. 5–6, 1985, S. 21–32. Philip Cottrell: The Artistic Parentage of Palma Giovane. In: The Burlington Magazine. Band 144, Nr. 1190, 2002, S. 289–291. Gabriele Köster: Künstler und ihre Brüder. Maler, Bildhauer und Architekten in den venezianischen Scuole grandi (bis ca. 1600). Berliner Schriften zur Kunst, Band XXII. Mann, Berlin 2008. Melania G. Mazzucco: Jacomo Tintoretto e i suoi figli. Storia di una famiglia veneziana. Rizzoli, Mailand 2009. Gregor J. M. Weber, Tristan Weddigen: Tizians Bildnis des Farbenhändlers Alvise della Scala. In: Andreas Henning, Uta Neidhardt, Michael Roth (Hrsg.): Man könnt vom Paradies nicht angenehmer träumen. Festschrift für Prof. Dr. Harald Marx zum 15. Februar 2009. Deutscher Kunstverlag/Edition Imorde, Berlin 2009, S. 58–65. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 10: Müller – Pinchetti. Paris, 2006.
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