mini|Tatortfotos des Sechsfachmordes in Hinterkaifeck

Der Einödhof Hinterkaifeck war der Tatort eines nicht aufgeklärten Mehrfachmordes. Auf dem heute nicht mehr existierenden Anwesen, das 500 m südwestlich des Dorfes Gröbern im heutigen Gemeindegebiet von Waidhofen in Oberbayern lag, wurden in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 alle sechs Bewohner ermordet, indem ihnen mit einer Reuthaue massive Kopfverletzungen beigebracht wurden. Bei den Getöteten handelte es sich um das Austragsbauernehepaar Andreas und Cäzilia Gruber (64 bzw. 72 Jahre), deren verwitwete Tochter Viktoria Gabriel (35 Jahre), deren Kinder Cäzilia (7 Jahre) und Josef (2 Jahre) sowie die Magd Maria Baumgartner (45 Jahre).

Der ungeklärte Sechsfachmord gehört deutschlandweit zu den bekanntesten Kriminalfällen und stößt noch heute aufgrund der außergewöhnlichen Umstände der Tat auf reges Interesse in der Öffentlichkeit. Er ist Grundlage zahlreicher journalistischer und literarischer Veröffentlichungen sowie mehrerer Spiel- und Dokumentarfilme.

Bau und Lage des Hofes von Hinterkaifeck mini|Das Wohn- und Stallgebäude in einer Aufnahme aus einer Schulchronik

Der Hof Hinterkaifeck wurde um 1863Der Hof wurde zwischen Herbst/Winter 1862 und Herbst/Winter 1864 neu erbaut. Siehe auch Sonstiges: Der Hof Hinterkaifeck – Erbauung. In: Hinterkaifeck-Wiki, 9. Oktober 2016, abgerufen am 23. Mai 2026. errichtet, nachdem das Areal zuvor offene Flur gewesen war. Zur Zeit der Morde bestand die Anlage aus einem eingeschossigen langgestreckten Wohn- und Stallgebäude, an das rechtwinklig ein größerer Scheunentrakt (der Stadel) angeschlossen war. Auf den L-förmigen Bau war ein durchgehender hoher Dachboden aufgesetzt.

Hinterkaifeck war amtlich nie ein eigener Ortsteil mit diesem Namen, sondern nur ein inoffizieller Hausname. Es gehörte nicht zum einen Kilometer südlich an der Gemeindestraße nach Schrobenhausen gelegenen Kaifeck, sondern als Hausnummer 27 ½ der damaligen Gemeinde Wangen zum Dorf Gröbern, das heute Teil der Gemeinde Waidhofen im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen ist.

Etwa ein Jahr nach den Morden wurde die gesamte Hofanlage abgerissen, nachdem sich aufgrund der Bluttat kein Nachnutzer finden ließ. Da später kein neues Anwesen an der Stelle errichtet wurde, ist der Hausname nur noch eine geschichtliche Bezeichnung. Das ehemalige Hofgelände von Hinterkaifeck ist heute eine landwirtschaftliche Nutzfläche, Spuren der Bebauung sind nicht mehr erkennbar. mini|Alte Flurkarte mit dem Einödhof Hinterkaifeck und zugehörigen Ländereien

Tatgeschehen Geschehnisse vor der Tat Bereits einige Zeit vor der Tat häuften sich merkwürdige Vorkommnisse in und um Hinterkaifeck: So wurde Mitte März 1922 in der Nähe von Hinterkaifeck ein Exemplar der Münchner Zeitung gefunden, die in der Region nicht verbreitet war. Der Austragsbauer Andreas Gruber glaubte zunächst, der Postbote habe die Zeitung verloren, was aber nicht der Fall gewesen sein konnte, da niemand in der näheren Umgebung diese Zeitung abonniert hatte. Einige Tage vor der Tatnacht entdeckte Gruber zudem im Schnee Spuren, die zum Hof Hinterkaifeck hinführten, aber nicht wieder von ihm weg. Ebenso vermissten die Bewohner der Einöde einen Haustürschlüssel. Außerdem hatte jemand an der Motorhütte des Hofes das Vorhängeschloss aufgebrochen und im Stall ein Rind losgebunden. Darüber hinaus bemerkten die Hinterkaifecker, dass das Anwesen vom Wald aus wiederholt von einem Mann mit Schnauzbart beobachtet wurde. In der Nacht hörten sie auf dem Dachboden über ihren Schlafräumen Schritte, doch Andreas Gruber fand niemanden, als er das Gebäude durchsuchte. Obwohl er mehreren Menschen von diesen angeblichen Beobachtungen erzählte, weigerte er sich, Hilfe von Außenstehenden (Nachbarn oder Polizei) anzunehmen. Nach Aussage einer Schulfreundin der siebenjährigen Cäzilia Gabriel soll diese auch berichtet haben, dass ihre Mutter Viktoria in der Nacht vor der Tat nach einem heftigen Streit vom Hof geflohen und erst Stunden später im Wald aufgefunden worden sein soll. 33 Jahre später behauptete die Schulfreundin dann aber, dass nicht Viktoria Gabriel, sondern Cäzilia Gruber geflohen sei.

Tatnacht vom 31. März auf den 1. April 1922 mini|Reuthaue als Mordwaffe Am Nachmittag des 31. März 1922, einem Freitag, kam die neue Dienstmagd Maria Baumgartner auf dem Hof an. Deren Schwester, die sie dorthin begleitet hatte und den Hof nach einem kurzen Aufenthalt wieder verließ, war mit hoher Wahrscheinlichkeit vor der Tat die letzte Person, die die Bewohner lebend sah. Einige Stunden danach wurden die sechs Morde verübt. Der genaue Tathergang konnte später nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden. Aufgrund der späteren Auffindesituation der Opfer gilt als gesichert, dass am späten Abend Viktoria Gabriel, Cäzilia und Andreas Gruber sowie die siebenjährige Cäzilia Gabriel nacheinander (vermutlich in der genannten Reihenfolge) in unmittelbarer Nähe der Übergangstür vom Stall zur Scheune mit einer vor Ort vom Täter bzw. von den Tätern vorgefundenen Reuthaue, die zum Hofbestand gehörte, erschlagen wurden. Bis heute ist ungeklärt, warum und in welchem zeitlichen Abstand sich die ersten vier Opfer in diesen Teil des Anwesens begeben haben. Später durchgeführte Versuche ergaben, dass Schreie aus der Scheune weder in der Mägdekammer noch im Wohn- oder Schlafzimmer zu hören waren. Durch eine Obduktion wurde später nachgewiesen, dass die siebenjährige Cäzilia, nachdem ihr der Schädel eingeschlagen worden war, noch mindestens zwei Stunden gelebt haben muss. Von der Scheune aus drangen der oder die Täter durch den Stall in den Wohnbereich ein, wo – mit derselben Tatwaffe – vermutlich zuerst die Dienstmagd Maria Baumgartner in der Magdkammer und zuletzt der zweijährige Josef in seinem Stubenwagen im Schlafzimmer seiner Mutter erschlagen wurden.

Entdeckung der Tat mini|Sterbebildchen der Ermordeten von Hinterkaifeck Zwischen dem Tatzeitpunkt und der Entdeckung der Tat vier Tage später müssen sich der oder die Täter noch im Haus aufgehalten haben oder mindestens einmal dorthin zurückgekehrt sein, da das Vieh versorgt (getränkt und gemolken) wurde. Außerdem entdeckte die Polizei später, dass der gesamte Brotvorrat aufgebraucht und Fleisch aus der Vorratskammer frisch angeschnitten worden war.

Am 1. April kamen die Kaffeeverkäufer Hans und Eduard Schirovsky in Hinterkaifeck an, um eine Bestellung aufzunehmen. Als niemand auf das Klopfen an der Tür und am Fenster reagierte, gingen sie um den Hof herum, fanden aber niemanden. Ihnen fiel lediglich auf, dass das Tor zum Maschinenhaus offenstand. Anschließend verließen sie den Hof. Am 1. sowie am 3. und 4. April fehlte Cäzilia Gabriel unentschuldigt in der Schule. Außerdem fiel auf, dass die Einwohner der Einöde am 2. April nicht am Sonntagsgottesdienst teilnahmen (Pfarrkirche Mariä Reinigung und St. Wendelin in Waidhofen, ein Fußmarsch von mehr als drei Kilometern, der über die Brücke über die Paar führte). Am Montag, dem 3. April, bemerkte der Postschaffner Josef Mayer, als er nach Hinterkaifeck kam, dass anscheinend niemand auf dem Hof war. Der Monteur Albert Hofner kam am 4. April nach Hinterkaifeck, um dort wie vereinbart den Motor der Futterschneidemaschine zu reparieren. Er gab an, niemanden angetroffen und außer dem Brüllen der Kühe und dem Bellen des Hundes nichts gehört zu haben. Nach einer Stunde des Wartens fing er an, den Motor zu reparieren, und war nach etwa viereinhalb Stunden fertig. Als er anschließend noch einmal um den Hof herumging, um doch noch einen der Bewohner anzutreffen, bemerkte er, dass die Scheunentür offenstand. Ob das Tor bereits bei seiner ersten Umschau oder erst bei der zweiten geöffnet war, konnte er nicht angeben. Hofner schaute zwar in die Scheune, ging aber nicht hinein. In Gröbern traf er die Töchter des Ortsführers Lorenz Schlittenbauer und berichtete ihnen, dass die Reparaturen in Hinterkaifeck erledigt seien. Hofner berichtete auch Georg Greger, dem Bürgermeister von Wangen, von der gespenstischen Leere auf Hinterkaifeck. Schlittenbauer schickte daraufhin seine beiden Söhne Johann und Josef nach Hinterkaifeck, um nach dem Rechten zu sehen. Als sie berichteten, niemanden gesehen zu haben, drang Schlittenbauer noch am selben Tag mit Michael Pöll und Jakob Sigl in das Gebäude ein, wo sie die größtenteils abgedeckten Leichen entdeckten.

Ermittlungen Polizeiliches Vorgehen mini|Fahndungsplakat mit Belohnung von 100 000 Mark Die ersten Polizisten am Tatort waren Beamte der Gendarmeriestation Hohenwart, die am 4. April gegen 18 Uhr eintrafen. Deren Hauptaufgabe war es, die zahlreichen Schaulustigen, die sich bald nach Bekanntwerden der Morde in Hinterkaifeck einfanden, am Betreten des Tatorts zu hindern. Bei der Polizeidirektion München ging die Meldung etwa um 18:15 Uhr ein. Unter der Leitung von Kriminaloberinspektor Georg Reingruber machten sich sechs Beamte aus dem knapp 70 Kilometer entfernten München, darunter zwei Polizeihundeführer, umgehend auf den Weg und kamen um 1:30 Uhr bei Bürgermeister Georg Greger in Wangen an.

Da eine Tatortbegehung bei nächtlicher Dunkelheit als zwecklos erachtet wurde, begaben sie sich erst um 5:30 Uhr morgens nach Hinterkaifeck und besichtigten zusammen mit der Gerichtskommission aus Schrobenhausen systematisch die dortigen Gebäude. Auf dem Dachboden, der durchgängig über Wohnhaus, Stall und Scheune verlief, entdeckten die Polizisten, dass der Boden mit Heu bedeckt war, anscheinend um Schritte zu dämpfen. Außerdem waren einige Dachziegel so verschoben, dass man das gesamte Hofgelände überblicken konnte, und in einem Heuhaufen stellte man zwei Mulden fest, die davon zeugten, dass sich hier Personen befunden haben mussten. Die ersten Vernehmungen fanden im Bauernhaus in der Küche statt.

Als Motiv wurde zunächst Raubmord vermutet, später allerdings zunehmend angezweifelt, da man nicht genau ermitteln konnte, wie viel Geld entwendet wurde. Außerdem wurde viel Geld zurückgelassen, obwohl die Täter genug Zeit gehabt hätten, das Haus genau zu durchsuchen. Bei der Obduktion durch den Neuburger Landgerichtsarzt Johann Baptist Aumüller auf einem provisorischen Seziertisch im Hof des Bauernhofes wurden den Leichen die Köpfe abgetrennt. Dabei wurde auch festgestellt, dass sich Cäzilia Gabriel in ihrem etwa zweistündigen Todeskampf büschelweise die Kopfhaare ausgerissen hatte.

Die Beamten der Mordkommission ermittelten in verschiedenste Richtungen und gingen selbst unwahrscheinlichen Spuren nach. Als Erstes gerieten Vorbestrafte, Hamsterer und Hausierer, die aus der Gegend von Hinterkaifeck stammten oder sich dort herumtrieben, in den Fokus der Polizei. Bereits am 8. April wurden vom Staatsministerium des Innern 100.000 Mark Belohnung für Hinweise zum Täter ausgesetzt, und zwar „für die Ergreifung oder die sichere Ermöglichung der Ergreifung der Täter.“ Viele Personen wurden daraufhin verdächtigt (siehe: Tatverdächtige), und auch viele nicht stichhaltige Hinweise gingen bei der Mordkommission ein, doch die Morde konnten niemandem nachgewiesen werden. Mit den Schädeln der Opfer wurden zudem spiritistische Sitzungen mit Medien durchgeführt, die aber ebenfalls kein Ergebnis brachten.

Am 28. Februar 1930 ging Oberinspektor Reingruber in Pension, und im September desselben Jahres übernahm Martin Riedmayer (1896–1989) den Fall. In: Donaukurier. 8. März 2012.

Tatverdächtige In die umfangreichen Ermittlungen wurden insgesamt etwa hundert Verdächtige einbezogen, jedoch kam es in keinem einzigen Fall zu einer Anklage vor Gericht. Nachfolgend sind Personen aufgeführt, die von der Polizei und/oder in der Bevölkerung als potenzielle Täter angesehen wurden, aber weder als Mörder überführt noch von der Täterschaft zweifelsfrei ausgeschlossen werden konnten.

Karl Gabriel