mini|Rekonstruktion der römischen Villa von Orbe-Boscéaz (Modell) Die römische Villa rustica von Orbe-Boscéaz ist ein bedeutender archäologischer Fundkomplex bei Orbe im Kanton Waadt in der Schweiz.
Fundgeschichte Bereits 1736 sind Mosaiken beobachtet worden, Näheres darüber ist jedoch nicht bekannt. Die ersten der noch erhaltenen Mosaiken im Bereich der Gebäude wurden 1841 entdeckt, weitere in den Jahren 1845, 1862 und 1863. Erste wissenschaftliche Untersuchungen fanden 1896 statt. Bei Luftbilduntersuchungen 1976 wurden die Grösse der Anlage und die Lage von Nebengebäuden dokumentiert. 1986 begannen grossmassstäbliche Ausgrabungen im Areal der villa rustica. Dabei wurde 1993 auch noch ein weiteres Mosaik mit einer Darstellung des Achilleus auf der Insel Skyros gefunden. Forschungsgeschichtlich bedeutend ist die Anlage auch, da die Anzahl der flächig untersuchten römischen Villen in der Provinz Germania superior noch nicht sehr gross ist.
Nach Abschluss der modernen Grabungen sind die Reste der Villa zum Schutz wieder verfüllt worden. Zur Besichtigung der Mosaiken wurden darüber Pavillons errichtet.Kurzbeschreibung der Villa online
Die Villa Die Anlage gehört zu den grössten bekannten römischen Villen der Schweiz. Die umgrenzte Fläche beträgt mindesten 400 × 400 m (16 ha). Das Hauptgebäude hatte mehr als 100 Räume. Ein in einer ersten Bauphase errichtetes Hauptgebäude aus neronisch-flavischer Zeit war allerdings noch deutlich kleiner.Luginbühl et al. S. 24 Fig. 20 Im frühen 2. Jahrhundert erfolgte ein Umbau. Die grösste Ausdehnung wurde mit einer Neubauphase der Zeit um 160/170 erreicht.Luginbühl et al. S. 25 f. Fig. 22 Spätantike Funde des 4. Jahrhunderts sind dann nur noch aus Nebengebäuden im Süden bekannt, in dieser Zeit waren die restlichen Bauten wohl schon aufgegeben worden.
Das Hauptgebäude mit einer Fassadenbreite von 180 m liegt in einem eigenen Bereich (pars urbana) im Nordwesten der Anlage. Im Westen und Südwesten (pars rustica) sind an den Seiten der Grundstückseinfassung Nebengebäude nachgewiesen, sodass sich ein axialer Aufbau ergibt. Der Hofraum des Haupthauses wurde in zwei Innenhöfe mit Säulengängen unterteilt.Luginbühl et al. S. 45 Fig. 40 (Rekonstruktion) Die Wasserversorgung der Bewohner war durch eine eigene Leitung sichergestellt. Zur Villa gehört ein Bad mit Hypokaustenheizung, von der Mosaizierung wurden noch zahlreiche Tesserae geborgen. Zu den Kleinfunden gehören auch diverse Meeresmuscheln und eine 7,5 cm lange Cypraea. Die Villa war luxuriös ausgestattet, es fanden sich Fragmente von Skulpturen, Reste der Marmorausstattung und Malereien. Besonders hervorzuheben sind die Mosaiken, in der Schweiz wurden bislang in keiner Villa mehr davon nachgewiesen.
Neben der landwirtschaftlichen Produktion gibt es auch Hinweise auf die Verarbeitung von Produkten. Ein Teil des geernteten Getreides wurde vor Ort vermahlen, wie Funde von Mühlsteinen zeigen. Es gibt Hinweise auf Metallverarbeitung, Webgewichte und Nadeln zeugen von Textilproduktion und -verarbeitung. Wenigstens einige Personen, wohl aus der Besitzerfamilie, waren schreibkundig, wie Funde von stili belegen. Dem Zeitvertreib dienten Spielsteine und ein Würfel.
Bei dem Villengelände befindet sich auch ein Heiligtum, das nach seiner Form als Mithräum interpretiert worden ist.Luginbühl et al. S. 92–96.
Die Mosaiken Insgesamt wurden neun Mosaiken entdeckt, davon vier (Mosaik 1, 2, 3 und 7) mit geometrischen Mustern. Das 1845 entdeckte Tritonenmosaik (Mosaik 4) wurde bereits 1846 durch Vandalismus in Teilen zerstört, glücklicherweise ist der Fundzustand in einer Zeichnung überliefert. Mosaik 5 zeigt das Labyrinth von Kreta, ursprünglich war in der Mitte der Kampf des Theseus mit dem Minotaurus dargestellt. Mosaik 6 ist nur sehr fragmentarisch erhalten, es zeigt u. a. einen Ochsenwagen. In den Baderäumen wurde Mosaik 8 gefunden, in verschiedenen Medaillons zeigt es antike Gottheiten. Bei den jüngeren Ausgrabungen wurde 1993 in einem mutmaßlichen Empfangsraum dann noch das Mosaik mit Achillesszenen gefundenAbbildungen des Achillesmosaiks und englische Kurzbeschreibung (online).
Literatur Th. Luginbühl et al. (Red.): Vie de palais et travail d’esclave. La villa romaine d’Orbe-Boscéaz. Document du Musée cantonal d’archéologie et d’histoire. Lausanne 2001 (online).
Weblinks
Einzelnachweise
Orbe-Bosceaz Orbe-Bosceaz Kategorie:Kulturgut von nationaler Bedeutung im Kanton Waadt Kategorie:Bauwerk im Kanton Waadt Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Europa Kategorie:Orbe Kategorie:Geschichte (Kanton Waadt)