Die Cannone da 75/27 modello 11, häufig auch mit der Namensergänzung Deport, ist eine Feldkanone, welche von den italienischen Streitkräften vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges als seinerzeit modernes und innovatives Geschütz eingeführt wurde. Es handelt sich um das erste italienische Feldgeschütz, welches Rohrrücklauf, Rohrvorholer und Spreizlafette in einem Geschütz kombinierte.
Entwicklung Die ursprüngliche Verwendung des Geschützes war als schnellschießende Feldartillerie bei der Kavallerie gedacht. Hierbei sollte die Waffe, anders als die einige Jahre zuvor beschaffte modello 1906 von Krupp einige Probleme des italienischen Heeres lösen. Das häufig gebirgige Gelände erforderte einen großen Höhenrichtbereich und auch ein größerer Seitenrichtbereich wurde bevorzugt. Der Einsatz von Patronenmunition wurde schon bei der Einführung des Krupp-Geschütz Standard und war zwingend für eine schnelle Schussfolge. Die Mechanik der Rücklaufbremse und des hydraulischen Rohrvorholers war innovativ. Der Motorisierungsgrad der italienischen Streitkräfte war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gering und es war vom Transport im Pferdezug auszugehen.
Der französische Ingenieur und Offizier Joseph-Albert Deport, der innovativ für Schneider das 75-mm-Geschütz 1897 entworfen hatte, hatte enttäuscht von der geringen Akzeptanz seiner Vorschläge eine weitere Laufbahn in der Rüstungsindustrie eingeschlagen. Als die italienischen Streitkräfte einen Nachfolger für die nicht völlig zufriedenstellende Kanone 1906 von Krupp suchten, ergab sich für ihn die Möglichkeit einen modernen Entwurf vorzustellen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die italienischen Streitkräfte im Italienisch-Türkischen Krieg bereits Erfahrungen mit der Cannone da 75/27 modello 06 gesammelt.
In einem großen Test durften Krupp, Schneider und Forges-de-Chatillon je zwei Geschütze für eine Versuchs-Batterie liefern. Diese Geschütze mussten in kurzer Zeit unter verschiedenen Bedingungen 500 Schuss auf wechselnde Ziele abgeben. Sowohl mit den Geschützen von Krupp als auch von Schneider kam es im Testlauf zu mechanischen Problemen mit den überhitzten Rücklaufsystemen, so dass sich die italienische Führung für den Forges-de-Chatillon-Entwurf von Deport entschied. Durch die Distanz des hydraulischen Zylinders in der horizontalen Rücklaufführung wurde dieser Zylinder bei Rohrerhöhung nicht den erheblichen Temperaturen des Geschützrohrs ausgesetzt und blieb trotz der hohen Schussfolge in Funktion.
Beschreibung Das Geschütz verfügt über ein zweiteiliges Rohr mit einem Schraubenverschluss. Die Abdichtung des Rohrs zum Verschluss hin erfolgt durch die Liderung der Patronenmunition. Ein Massenschlagbolzen im Verschluss löst mechanisch die Zündung der Ladung in der Hülse aus.
Die Besonderheit des Deport-Entwurf war, dass der Rückstoß beim Abfeuern der Waffe in zwei Ebenen ausgeglichen wird. Die Oberlafette der Waffe sitzt auf einem horizontal seitlich auszurichtenden Schlitten dessen Unterteil starr im Zapfen mit der Unterlafette verbunden ist. Beim Schuss wird der Rückstoß zum einen durch einen Zylinder im horizontalen Unterteil gebremst. Ein weiterer Zylinder sitzt oberhalb des Rohrs und bremst die im Neigungswinkel der Waffe je nach Höhenausrichtung wirkenden Kräfte. Dabei läuft Rohr und Verschluss gebremst durch den Zylinder separat zurück.
Als besondere Neuerung der Waffe gilt die Spreizlafette, welche einen verbesserten Höhen- und Seitenrichtbereich ermöglicht. Die rechteckigen Holme sind an einem Rahmen für die gedrehte Achse der Speichen-Holzräder befestigt und weisen die meisten Merkmale späterer Standardkonstruktionen auf. Es fehlt allerdings ein den Rückstoß auffangender Erdsporn an den Enden der Holme.
Einsatz Zwischen 1911 und 1914 wurden etwa sechshundert Geschütze dieses Typs produziert.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren genügend der modernen Geschütze verfügbar, so dass die Fertigung des simpleren Modello 1906 wieder aufgenommen wurde. Jedoch wurde das Geschütz weiter bei Vickers-Terni produziert.
Die Lafette mit den Holzspeichenrädern wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Problem erkannt, da die folgenden Konflikte bereits vermehrt eine schnellere Verlegung der Geschütze im Motorzug erforderten.
Während des Spanischen Bürgerkriegs wurden 99 Geschütze dieses Typs dem Corpo Truppe Volontarie (CTV) für den Einsatz in Spanien zur Verfügung gestellt.
Zwei Batterien des Geschützes wurden an Polen verkauft.
Variante mini|Cannone da 75/27 modello 11 TM am Falzarego Pass Für den Einsatz innerhalb motorisierter Verbände wurden nach dem Ersten Weltkrieg einige Geschütze modifiziert. Diese auf den Motorzug ausgelegten Geschütze erhielten die Ergänzung TM im Namen. Wobei das TM für Trattrice Motorizzata also für den Motorzug steht. Erkennbar sind diese an den gummierten Metallrädern. Solche Geschütze wurden also als Cannone da 75/27 modello 11 TM bezeichnet.
75 K 11 Geschütze, welche im Jahr 1929 an Finnland verkauft wurden, erhielten dort die Bezeichnung 75 K 11.
7,5-cm-FK 244 (i) Im Rahmen der Erfassung ausländischen Geräts durch die deutschen Dienststellen vor und während des Zweiten Weltkriegs erhielt die Cannone da 75/27 modello 11 die deutsche Bezeichnung 7,5-cm-Feldkanone 244 (i). Mit dieser wurde das Geschütz nach dem italienischen Separatfrieden mit den Alliierten 1943 von den deutschen Truppen auf dem italienischen Kriegsschauplatz vermehrt zum Einsatz gebracht.
Munition Die italienischen Streitkräfte verfügten über mehrere Feldgeschütze, welche Patronenmunition im Kaliber 75-mm verschossen. So wurde darauf Wert gelegt, dass die verschiedenen Munitionstypen in den unterschiedlichen Geschützen verwendet werden konnten. Durch die lange Nutzungsdauer ergab sich eine Liste unterschiedlicher Munition mit verschiedenen Zweckbestimmungen, welche den sich über die Jahre veränderten Einsatzbedingungen entsprach.
Museale Rezeption Die Canonne da 75/25 modello 11 wurde lange Zeit verwendet und durch den Waffenstillstand von Cassibile war Italien am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gezwungen, die Geschütze zu verschrotten. So finden sich heute in vielen Museen und an Erinnerungsorten noch Geschütze dieses Typs. So zum Beispiel:
Museo Storica Italiano della Grande Guerra - Rovereto / Italien Museo Gran Vera - Moena / Italien Artilleriemuseum Hämeenlinna / Finnland
Literatur Terry Gander, Peter Chamberlain: Enzyklopädie deutscher Waffen 1939–1945. 2. Auflage, Spezialausgabe, Motorbuchverlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-613-02481-0.
Einzelnachweise
Kategorie:Geschütz Kaliber 50 mm bis 100 mm 75/27 Deport Kategorie:Italienische Artillerie