Blaue Post ist der Name des ehemaligen Betriebs- und Verwaltungsgebäudes der PTT an der Gäuggelistrasse 7 in Chur im Schweizer Kanton Graubünden. Im lokalen Sprachgebrauch wird der Bau auch als Swisscom-Gebäude bezeichnet. Die Blaue Post bildet mit dem historischen Postgebäude von 1904 einen gemeinsamen Gebäudekomplex. Die Blaue Post entstand nach einem 1969 ausgeschriebenen Architekturwettbewerb nach Plänen des Churer Architekten Richard Brosi (1931–2009) und wurde 1983 fertiggestellt.
Charakteristisch sind die stark horizontal gegliederte blaue Aluminiumfassade mit langen Fensterbändern, die massiven Sichtbetonelemente sowie jene Teile des Baukörpers, die auf grossen Rundstützen ruhen (siehe Abschnitt Architektur). Fachorganisationen ordnen den Bau als bedeutenden Vertreter der Bündner Nachkriegsmoderne ein. Es gilt als Haupt- beziehungsweise Schlüsselwerk Brosis.
Vorgeschichte mini|Der ausgeprägte gestalterische Gegensatz prägt die städtebauliche Wirkung des Ensembles: links die 1904 fertiggestellte Hauptpost, rechts die 1983 fertiggestellte Blaue Post. Beide Gebäudeteile sind durch einen Verbindungsbau aus Sichtbeton miteinander verbunden. Die Blaue Post entstand im Rahmen des Ausbaus der Post- und Fernmeldeanlagen in Chur. Ausgangspunkt war das Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Hauptpostgebäude am Postplatz, in dem neben dem eigentlichen Postbetrieb auch die Telefon- und Telegrafendienste untergebracht waren. Mit deren zunehmendem Platzbedarf wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts zusätzliche Flächen im südlich anschliessenden Gebiet benötigt. In diesem Zusammenhang wurden die Badrutt-Häuser abgebrochen und die angrenzenden Freiflächen sowie kleineren Bauten schrittweise neu überbaut.
Das historische Hauptpostgebäude im Stil der Bundesrenaissance und die modernistische Blaue Post bilden einen gemeinsamen Gebäudekomplex. Das Schweizerische Architekturmuseum charakterisiert die Blaue Post als «Gebäudemaschine», die sich bewusst vom historischen Altbau absetzt. Mit ihrer betont technischen Erscheinung weist sie Parallelen zur High-Tech-Architektur der 1970er-Jahre auf. Fachorganisationen verglichen ihre Wirkung in der Churer Innenstadt deshalb mit einem kleinen «Centre Pompidou».
Ehemalige Hauptpost Die historische Hauptpost an der Grabenstrasse wurde nach den Plänen von Jean Béguin und von Theodor Gohl zwischen 1902 und 1904 errichtet. Der Genfer Bildhauer James Vibert schuf Ornamente und dekorative Elemente an den Fassaden, in der Eingangshalle und auf den Giebeln. Das Gebäude gilt nach dem Staatsgebäude als grösster Neorenaissancebau Churs.
Die Architektur wird der sogenannten Bundesrenaissance zugerechnet. Damit wird eine um 1900 vor allem bei repräsentativen Schweizer Bundesbauten verwendete historistische Formensprache bezeichnet, welche Formen der Renaissance aufgriff. Die Hauptpost vereinte ursprünglich die Bereiche Post, Telegraf und Telefon. Die öffentlichen Schalter befanden sich an der Grabenstrasse. Im Südflügel entlang der Gäuggelistrasse waren das Fernmeldeamt, der Auskunftsdienst, die Telegrafenzentrale und die Verwaltung untergebracht. In den Obergeschossen befanden sich technische Relaisanlagen.
Ab 2017 verliess die Post den historischen Standort schrittweise; nach einem Umbau zog 2018 die Stadtbibliothek Chur in das Gebäude ein.
Badrutt-Häuser Das Areal der Badrutt-Häuser ist für die spätere Entstehung der Blauen Post von Bedeutung. Südlich des späteren Standorts der Blauen Post befand sich eine als Badrutt-Häuser bekannte Häuserzeile. Diese war über die damalige Victoriastrasse (ab 1973 Stadtgartenweg) erschlossen und wurde im Auftrag des Bündner Hoteliers und Grossrats Peter Robert Badrutt (1850–1907) in zwei Etappen, 1892 und 1896, errichtet. Badrutt war Mitbegründer der Engadiner Post und Sohn des bekannten St. Moritzer Hoteliers Johannes Badrutt (siehe Badrutt’s-Palace).
1924 wurde ein Teil des Grundstücks von Badrutt an den Kanton Graubünden abgetreten; zugleich erhielt dieser ein Wegrecht zum benachbarten Staatsgebäude. Damit verfügte der Kanton bereits über Rechte und Flächen auf dem Areal. Später in den Badrutt-Häusern die kantonale Motorfahrzeugkontrolle (MFK), die Vorgängerinstitution des heutigen Strassenverkehrsamts, untergebracht. Deren Dienststelle befand sich ursprünglich im benachbarten Staatsgebäude und wurde infolge Platzmangels in eine gemietete Parterrewohnung verlegt.
Mit dem zunehmenden Motorfahrzeugverkehr stiess die Motorfahrzeugkontrolle gegen Ende der 1960er-Jahre räumlich an ihre Grenzen, was die Anmietung von weiteren Wohnungen in den Badrutt-Häusern notwendig machte. Die räumlichen und betrieblichen Verhältnisse blieben dennoch unzureichend. Eine zeitgenössische Darstellung hielt fest, dass eine eigentliche Schalterhalle fehlte und das Publikum in einem engen Gang bedient werden musste. Fahrzeuge mussten auf der öffentlichen Strasse vor den Büros geprüft werden. Am 25. Oktober 1965 stimmte das Bündner Stimmvolk mit 50,70 % für einen Ersatzbau an der Ringstrasse knapp zu.
Zum Zeitpunkt der Volksabstimmung waren die Badrutt-Häuser bereits in den Besitz der Schweizerischen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) übergegangen. Diese schrieben 1969 einen Architekturwettbewerb für ein neues Betriebs- und Verwaltungsgebäude aus. Im Nachlass Richard Brosis ist dazu ein Wettbewerbsdossier mit der Bezeichnung «Telefon- und Telegraph Verwaltungsgebäude Victoria 8» erhalten. Mit dem Fortschreiten der Planungsarbeiten zog die kantonale Motorfahrzeugkontrolle in ihren Neubau an der Ringstrasse. Damit war auch das Ende der Badrutt-Häuser besiegelt. Die Häuserzeile wurde im Juni 1972 abgebrochen.
Der Bündner Monatsblatt berichtete 1975, die Badrutt-Häuser seien abgebrochen worden und die PTT errichte «an deren Stelle» ihr neues Telefon- und Telegrafen-Betriebs- und Verwaltungsgebäude. Diese Formulierung erweckt den Eindruck, die Blaue Post sei auf dem Badrutt-Areal errichtet worden. Nach der späteren Dokumentation des Churer Fotografen und Journalisten Charly Bieler waren die beiden Standorte jedoch nicht identisch: Die Blaue Post entstand vielmehr in der «Lücke zwischen dem Postgebäude und den Badrutt-Häusern». Zeitgenössische Karten und Luftbilder bestätigen Bielers Version. Nach der Darstellung Bielers wurde das Grundstück der abgebrochenen Häuserzeile mit einem Bürogebäude (1982) für die Graubündner Kantonalbank und einem Wohngebäude (1994) überbaut.
Zu den ehemaligen Nutzern der Badrutt-Häuser zählt auch der Architekt Theodor Hartmann (1910–1996), der dort zu Beginn seiner Laufbahn ein Dachzimmer als Büro nutzte. Die Churer Generalagentur der Mobiliar-Versicherung war von 1929 bis 1933 an der Adresse «Badrutthäuser 216 (hinter der Post)» domiziliert und zog dann in die Villa Brunenngarten.
Planung und Bau der Blauen Post 1969 wurde ein öffentlicher Architekturwettbewerb für das neue Fernmeldezentrum ausgeschrieben. Das siegreiche Projekt stammte vom Churer Architekten Richard Brosi und wurde in den folgenden Jahren weiterentwickelt. Innerhalb des Büros Brosi war Hans Rohr für den Entwurf und Werner Mattle für die Bauleitung zuständig. Die Planung erstreckte sich über rund elf Jahre. Grund waren unter anderem mehrere Einsprachen (siehe Abschnitt Rezeption).Bündner Heimatschutz, Bund Schweizer Architektinnen und Architekten (BSA), Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein (SIA), Schweizerischer Werkbund (SWB): «Blaue Post» in Chur – denkmalpflegerischer Umgang gefragt. Medienmitteilung vom 8. September 2022, PDF.
Der Nachlass Brosis im Staatsarchiv Graubünden dokumentiert diese Projektentwicklung detailliert. Aus 1971/72 sind Studien zur Gebäudeverkleidung überliefert, 1973 entstanden Pläne für die erste Bauetappe. Am 18. Februar 1974 schrieb die Hochbauabteilung der Generaldirektion PTT diese erste Etappe des TT-Betriebs- und Verwaltungsgebäudes Chur 2 öffentlich aus. Die erste Bauetappe umfasste ein TT-Betriebsgebäude mit einem umbauten Raum von ungefähr 40 000 m³. Die Ausschreibung nannte rund 17 000 m³ Abbrucharbeiten, 29 000 m³ Baugrubenaushub und ungefähr 1700 m² Sicherungsarbeiten.
Ab 1975 umfasst der Bestand zahlreiche Detail-, Werk-, Einlege- und Ausbaupläne. Weitere Unterlagen betreffen den Bürotrakt in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre sowie Ausbau- und Detailarbeiten bis in die frühen 1980er-Jahre. Die lange Planungs- und Bauzeit erklärt sich damit auch aus der etappenweisen Projektierung und Ausführung des Gebäudekomplexes.
Die Bündner Woche nennt 1981 als Jahr der Einweihung und bezeichnet den Bau an anderer Stelle als 1980/81 errichtet. Das Schweizerische Architekturmuseum, der Schweizer Heimatschutz und weitere Fachorganisationen geben dagegen 1983 als Fertigstellungsjahr an. Die unterschiedliche Datierung dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Teile des Gebäudes bereits 1981 eingeweiht beziehungsweise in Betrieb genommen wurden, während Ausbau- und Detailarbeiten noch bis 1983 fortgeführt wurden.
Zu den Baukosten finden sich unterschiedliche Angaben. Werner Mattle, der im Büro Brosi zunächst als Hochbauzeichner und später als Bau- und Projektleiter am Gebäude tätig war, nennt für den Neubau eine Bausumme von 30 Millionen Franken. Der Architekt Valentin Bearth bezifferte die damalige Investitionssumme 2023 hingegen auf rund 100 Millionen Franken. Ob sich die abweichenden Angaben auf unterschiedliche Teilbereiche des Gesamtprojekts beziehen, ist nicht dokumentiert.
Architektur Die Blaue Post ist ein mehrgeschossiger Betriebs- und Verwaltungsbau, der der Bündner Nachkriegsmoderne zugerechnet wird. Die äussere Erscheinung ist stark horizontal gegliedert und wird durch die blaue Aluminiumverkleidung, lange Fensterbänder und massive Sichtbetonelemente bestimmt. Die plakative blaue Farbigkeit wird in der fachlichen Rezeption als charakteristisches Gestaltungsmittel der Architektur der 1970er-Jahre eingeordnet.
Sockelzone und Sichtbeton Teile des Baukörpers sind vom Boden abgehoben und ruhen auf grossen Rundstützen aus Sichtbeton. Besonders markant ist die zweigeschossige Sockel- beziehungsweise Arkadenzone.
An der zum Postplatz gerichteten Gebäudeecke erzeugt die Folge der Rundstützen eine monumentale, tempelartige Wirkung. Der Churer Architekt Valentin Bearth verglich die Erscheinung mit einem überdachten Säulengang (Portikus). Die starke horizontale Ausrichtung und die teilweise abgerundeten Sichtbetonelemente würden zudem an einen Hochseedampfer erinnern.
Fassade und Grundriss Das Fassadenkonzept beruht auf dem visuellen Gegensatz zwischen den horizontal ausgerichteten Metallflächen und den massiv ausgeführten Sichtbetonelementen in der Sockelzone.
Der zweigeschossige Arkadengang, die kräftigen Rundstützen und die horizontale Metallfassade werden von Fachorganisationen als wesentliche Bestandteile von Brosi’s künstlerischem Schaffen hervorgehoben. Der grosszügig konzipierte Grundriss ermöglichte es, dass die Büro- und Technikbereiche dank der weitgehend offenen Struktur an wechselnde Anforderungen angepasst werden konnten. Die Verbindung von «futuristisch abgerundetem Sichtbeton» und der industriellen Metallfassade prägt den als «Gebäudemaschine» bezeichneten Bau und steht zugleich in bewusstem Gegensatz zum 1904 errichteten Postgebäude, mit dem die Blaue Post einen Gebäudekomplex bildet.
Nutzung und technische Entwicklung Die Blaue Post wurde als Betriebs- und Verwaltungsgebäude der damaligen PTT errichtet. Es diente vor allem dem Telefon- und Fernmeldewesen, der Unterbringung technischer Anlagen sowie der zugehörigen Verwaltung, die zuvor in der historischen Hauptpost von 1904 angesiedelt gewesen war. (siehe Abschnitt Ehemalige Hauptpost). Die Bündner Woche bezeichnete den Bau als «Gebäude der Kommunikation».
Technische Umbauten