Pisuhänd (deutsch Der Schrat) ist eine Komödie in drei Akten des estnischen Schriftstellers Eduard Vilde (1865–1933). Das 1913 entstandene Stück gilt als eines der bekanntesten und meistgespielten Werke der estnischen Bühnenliteratur und war nach Tabamata ime (1912) das zweite Theaterstück des Autors.
Entstehung Vilde musste Estland nach seiner Beteiligung an der Revolution von 1905 verlassen und lebte bis zur Februarrevolution 1917 im Exil, unter anderem in der Schweiz, in Finnland, Deutschland, den USA und – von 1911 bis 1917 – in Kopenhagen. Dort schrieb er 1913 Pisuhänd; das Stück erschien noch im selben Herbst im Verlag „Maa“ in Tallinn.Raamatud.postimees.ee: „Pisuhänd. Raamat, mis pilab kunstlikku maaläheduse nõuet“, abgerufen am 26. August 2026.
Nach einer Darstellung soll der ursprüngliche Anlass eine Spitze gegen die Vergabepraxis der Jury der Eesti Kirjanduse Selts (Estnische Literaturgesellschaft) gewesen sein, deren literarische Jahrespreise Vilde für allzu beziehungsabhängig hielt – ein Motiv, das sich im fertigen Stück in der Kritik am Literaturbetrieb wiederfindet.Vanemuise arhiiv: „Pisuhänd“ (PDF; 1,0 MB), abgerufen am 26. August 2026.
Personen Vana Vestmann („Alter Vestmann“) – ein neureicher, im Immobilien- und Baugeschäft zu Wohlstand gekommener Geschäftsmann, Vater von Mathilde und Laura Mathilde – Vestmanns ältere Tochter, mit Sander verheiratet Laura – Vestmanns jüngere Tochter Ludvig Sander – Bauingenieur in Vestmanns Firma, Mathildes Ehemann und Vestmanns Schwiegersohn Tiit Piibeleht – Sanders alter Schulkamerad, mittelloser Schriftsteller Liina – Dienstmädchen im Hause Sander
Handlung Die Handlung spielt im Arbeitszimmer des Bauingenieurs Ludvig Sander, der in die Familie des vermögenden Geschäftsmanns und Häuserspekulanten Vestmann eingeheiratet hat. Eigentlich ist er ein Nichtskönner. Sanders Frau Mathilde, die ihn einst auch wegen seines vermeintlichen dichterischen Talents geheiratet hatte – tatsächlich hatte er ihr im Brautstand fremde, geliehene Gedichte als eigene vorgelegt –, verlangt nun von ihm einen fertigen Roman, um den gesellschaftlichen Rang der Familie zu untermauern. Da Sander selbst über kein schriftstellerisches Talent verfügt, kauft er seinem verarmten, aus Russland zurückgekehrten Schulfreund Tiit Piibeleht heimlich dessen fertiges Romanmanuskript ab und veröffentlicht es unter eigenem Namen. Der Roman trägt bereits im Manuskript den Titel Pisuhänd („Schrat“).
Das Buch wird zum gefeierten Erfolg und bringt Sander den höchsten Literaturpreis der Eesti Kirjanduse Selts ein. Mathilde ist überglücklich. Piibeleht, der inzwischen heimlich Vestmanns jüngere Tochter Laura für sich gewonnen hat, nutzt sein Wissen um die Fälschung, um Sander zu erpressen: Er verlangt, als Fürsprecher bei Vestmann eingesetzt zu werden, und zwingt Sander zugleich, ihm Geld zu überlassen, das dieser eigentlich nach Sankt Petersburg bringen soll, um für Vestmann ein wertvolles Grundstück zu erwerben. Mit diesem Geld ersteht Piibeleht das Grundstück heimlich selbst und durchkreuzt damit Vestmanns Geschäft.
Als sich herausstellt, dass ihm ein Unbekannter zuvorgekommen ist, tobt Vestmann zunächst vor Wut – bis er erfährt, dass der geschickte Rivale sein künftiger Schwiegersohn ist: Er ist von Piibelehts Geschäftssinn so beeindruckt, dass er ihm noch vor der eigentlichen Werbung um Laura eine großzügige Mitgift und sein Erbe verspricht. Im allgemeinen Trubel platzt der gedemütigte Sander schließlich mit der Wahrheit über die Autorschaft von Pisuhänd heraus. Die Familie – allen voran Mathilde, der vor allem am gesellschaftlichen Ansehen gelegen ist – beschließt, die Angelegenheit als Familiengeheimnis zu behandeln. Piibeleht händigt das belastende Originalmanuskript aus, das vernichtet werden soll.
Das Stück endet versöhnlich: Piibeleht und Laura werden mit Vestmanns Segen ein Paar, wobei sich Piibeleht entscheidet, entgegen den Erwartungen kein Geschäftsmann, sondern weiterhin Schriftsteller zu bleiben. Sander darf sich in der Öffentlichkeit weiterhin als preisgekrönter Schriftsteller gerieren und Mathilde ist glücklich.Vgl. die Inhaltsangaben bei Ekirjandus.ee: „Eduard Vilde“ sowie Mixi Kirjastus: „Pisuhänd“, beide abgerufen am 26. August 2026.
Der Titel Der Titel bezieht sich auf eine Gestalt der estnischen Mythologie: den Pisuhänd (auch Kratt, Puuk oder Tulihänd genannt), einen von seinem Schöpfer mittels dreier Bluttropfen an den Teufel zum Leben erweckten Geist, der seinem Besitzer Reichtümer herbeischafft und dabei am Himmel als feuriger Schweif sichtbar wird; die Gestalt ist mit dem deutschen Schrat beziehungsweise dem Kobold verwandt.
Im Stück trägt nicht nur das von Piibeleht heimlich verfasste Romanmanuskript diesen Titel, sondern Sander beschimpft auch im Streit Piibeleht selbst als „verfluchten Pisuhänd“ – eine Anspielung darauf, dass dieser wie ein Schrat zunächst heimlich für seinen vermeintlichen „Herrn“ arbeitet, sich am Ende aber gegen ihn wendet.
Themen und Rezeption Der estnische Literaturwissenschaftler Ants Järv bezeichnete Pisuhänd als Vildes bekanntestes Bühnenwerk; die ideelle Hauptabsicht des Stücks liege in der Bloßstellung von Aspekten der Mentalität des aufstrebenden estnischen Bürgertums, insbesondere seines Verlangens nach Reichtum und Ruhm. Neben der Kritik am gesellschaftlichen Aufstiegsstreben zielt das Stück wiederholt auf den estnischen Literaturbetrieb selbst, dessen Bereitschaft, sich durch Marketing, gesellschaftliche Stellung und Beziehungen blenden zu lassen, es persifliert.
Die Uraufführung fand am 25. Februar 1914 im Theater Estonia in Tallinn statt. Kurz darauf wurde das Stück auch am Theater Vanemuine in Tartu gespielt. Seither gehört Pisuhänd zu den meistgespielten Stücken des estnischen Repertoires und wurde immer wieder neu inszeniert, unter anderem am Endla-Theater in Pärnu.Endla Teater: „Pisuhänd“, abgerufen am 26. August 2026.
Cornelius Hasselblatt sieht in Pisuhänd eine typische Komödie, „die durch ihre spritzigen Dialoge, die schillernden Figuren und die starke Ironie zu einem großen Bühnenerfolg wurde. Pisuhänd erschien bald auch auf Finnisch, und nachdem Vilde das Stück selbst ins Deutsche übersetzt hatte, erreichte es hierüber auch andere Sprachen und wurde auf Tschechisch, Lettisch und Litauisch auf die Bühne gebracht. Ebenso gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg Inszenierungen auch in Polen und einigen Sowjetrepubliken.“Cornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 3-11-018025-1, S. 342
Besondere Popularität erlangte die Fernsehverfilmung von 1981 unter der Regie von Ago-Endrik Kerge mit Urmas Kibuspuu und Jüri Krjukov in den Hauptrollen; seither sind mehrere Redewendungen aus dem Stück – etwa Vestmanns Selbstbeschreibung „Vestmann Vestmanni uulitsast“ (sinngemäß: „Vestmann von der Vestmann-Straße“, ein vom Tellerwäscher zum Millionär aufgestiegener Mann) oder der Ausspruch „Kord Vestmann all ja Piibeleht peal“ („Einmal ist Vestmann unten und Piibeleht oben“) – bis heute geflügelte Worte der estnischen Alltagssprache.
Ausgaben Eduard Wilde: Pisuhänd. Kolme waatusega lõbumäng. Maa, Tallinn 1913, 160 S. (weitere Auflagen 1929, 1940, 1944, 1947, 1956, 1959, 1971, 1982, 2003, 2018, 2022 und 2024).Estonian Writers’ Online Dictionary: „Eduard Vilde“, abgerufen am 26. August 2026.
Sekundärliteratur Karl Mihkla: Eduard Vilde elu ja looming. Eesti Raamat, Tallinn 1972, S. 395–400. Epp Annus, Luule Epner, Ants Järv, Sirje Olesk, Ele Süvalep, Mart Velsker: Eesti kirjanduslugu. Koolibri, Tallinn 2001, ISBN 9985-0-1127-9. Cornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 3-11-018025-1, S. 341f.
Weblinks Digitalisierter Originaltext (estnisch) im Portal „Kreutzwaldi sajand“ des Eesti Kirjandusmuuseum
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Drama Kategorie:Literatur (Estnisch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)