Der Begriff Zugnomade wird medial und literarisch als Bezeichnung für Menschen verwendet, die in Personenzügen, meist mit einer für das gesamte nationale Zugstreckennetz gültigen Jahresnetzkarte, dauerhaft ohne ein bestimmtes Streckenziel hin- und herreisen, ihren Lebensmittelpunkt überwiegend in Zügen haben und dabei auf einen festen Wohnsitz verzichten.
Wortherkunft Zugnomade ist ein Kompositum aus „Zug“ (Eisenbahn) und „Nomade“, das in der aktuellen Lexikografie nicht als eigenständiges Stichwort geführt wird; die Bedeutung erschließt sich im Sprachgebrauch über die Zusammensetzung der beiden bekannten Wörter.
Entwicklung und Verbreitung
1981 thematisierte Sten Nadolny in seinem Erstlingsroman Netzkarte das ziellose Reisen des fiktiven Studenten Ole Reuter mit der Bahn durch Deutschland und beschrieb damit „das Lebensgefühl einer Generation, deren Welt zwar begrenzt und doch geprägt ist von Neugier und nahezu unendlichen Möglichkeiten“‚Netzkarte‘ von Sten Nadolny. Buchbesprechung, 17. März 2021, ohne dabei den Begriff des Zugnomaden zu verwenden.
2011 erhielt der Journalist Uwe Ebbinghaus für seine Reportage Der Zugnomade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über einen seit Jahren vorwiegend in Zügen lebenden Flaschensammler den Theodor-Wolff-Preis für Journalismus.Der Zugnomade. Text beim Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDVZ), 2011. Im Jahr darauf erschienen das Buch Der Zugnomade: Beobachtungen eines Bahnreisenden von Tobias Wassermann, in dem er seine Erlebnisse als IT-Berater schildert, der sein Büro in Züge verlegt hat, sowie Alles auf eine Karte – Wir sehen uns im Zug von René El Khazraje, der ebenfalls Geschichten seiner ziellosen Bahnreisen binnen eines Jahres erzählt. Auch Leonie Müller veröffentlichte 2016 ihre Erfahrungen als Zugnomadin für das Experiment Leben im Zug in ihrer Masterarbeit zum Studienabschluss der Kommunikationswissenschaft und in einem Buch. Mit Fliegen legte Albrecht Selge einen weiteren Roman mit einer Zugnomadin als Protagonistin vorUlrich Rüdenauer: Zugnomaden: Endlose Wagenreihung. Süddeutsche Zeitung, 14. März 2019, während Agnieszka Jurek ein Drehbuch verfasste, das die Geschichte von zwei Personen erzählt, die sich als dauerhaft Zugreisende begegnen.Vergabeentscheidungen vom 03.07.2019. Nordmedia, 3. Juli 2019.
Weitere Medienberichte über Zugnomaden folgten ab 2020. Besonders und auch international bekannt wurde der Lebensstil von Zugnomaden durch Lasse Stolley (* 2006), der bereits als Teenager ohne festen Wohnsitz in den Zügen der Deutschen Bahn lebte und damit ab Sommer 2022 breite Aufmerksamkeit erlangte. Er war täglich mit Fernzügen quer durch Deutschland unterwegs, tagsüber arbeitete er im Zug mit dem Laptop als Programmierer und schlief dort nachts. Bis Februar 2026 hatte er laut der Reiseplattform Träwelling bereits über 1,15 Millionen Kilometer und fast 11.000 Stunden in Zügen verbracht.
Beweggründe Verschiedene Faktoren führen dazu, dass sich Menschen entscheiden, ihr Leben statt in einer festen Wohnung in Eisenbahnzügen zu verbringen, insbesondere werden hier häufig folgende Gründe genannt: hohe Mobilität Alternative zum bürgerlichen Dasein Geldsparen Abenteuerlust.
Literatur Romane Sten Nadolny: Netzkarte. List Verlag, 1981, ISBN 3-471-78220-6 Albrecht Selge: Fliegen. Rowohlt, 2019, ISBN 978-3-737-10067-0 Agnieszka Jurek: Fahrplan. (Drehbuch), 2019 Erfahrungsberichte Tobias Wassermann: Der Zugnomade: Beobachtungen eines Bahnreisenden. nardelli, 2012, ISBN 978-3-981-46161-9 René El Khazraje: Alles auf eine Karte - Wir sehen uns im Zug. Rowohlt, 2012, ISBN 978-3-644-46341-7 Leonie Müller: Tausche Wohnung gegen BahnCard. S. Fischer, 2018, ISBN 978-3-596-29689-7
Siehe auch
Weblinks I live on trains, Info zu Lasse Stolley im The Guardian, 2024. Darf man mit Bahncard 100 im ICE-Zug leben?. Legal Tribune Online, 26. Mai 2026
Einzelnachweise
Kategorie:Personenbezeichnung Kategorie:Lebensstilgruppe Kategorie:Schienenverkehr in der Kultur