mini|Das Reich der Xiongnu, ca. 250 v. Chr. Xiōngnú () ist die chinesische Bezeichnung für einen Stammesverband aus Reiternomaden, der zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und dem späten 1. Jahrhundert n. Chr. weite Teile des östlichen Zentralasien kontrollierte. Das Reich der Xiongnu war das früheste und gleichzeitig längstlebige Steppenreich.

Die Xiongnu wurden erstmals in chinesischen Quellen im Jahr 215 v. Chr. erwähnt, als der erste Kaiser Qin Shihuangdi eine Offensive gegen sie führen ließ. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass sich der Begriff Xiongnu in den chinesischen Quellen offenbar nicht auf einen fest umrissenen, homogenen Verbund bezog, sondern es sich vielmehr um einen Sammelbegriff für heterogen zusammengesetzte Gruppen im Steppenbereich der heutigen Mongolei handelt.Vgl. U. Brosseder, B. K. Miller: State of Research and Future Direction of Xiongnu Studies. In: U. Brosseder, B. K. Miller (Hrsg.): Xiongnu Archaeology: Multidisciplinary Perspectives of the First Steppe Empire in Inner Asia. Bonn 2011, S. 19–33, hier S. 30 f.

Lange Zeit konnten sich die Xiongnu gegen die Han-Dynastie behaupten. Zeitweise versuchten chinesische Kaiser, da militärisches Vorgehen nicht immer erfolgreich war, die Xiongnu durch Zahlungen und Geschenke im Zusammenhang mit Heiratsverträgen zu besänftigen (die sogenannte heqin-PolitikVgl. Helwig Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008, S. 48; Kai Vogelsang: Geschichte Chinas. 3. durchgesehene und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2013, S. 145.). Die Xiongnu benötigten ökonomisch grundsätzlich chinesische Tributleistungen, da ihre eigene Lebensweise keine ausreichende materielle Grundlage darstellte. In diesem Sinne waren die Xiongnu auf die wirtschaftliche Prosperität des Han-Reiches angewiesen.

Es kam schließlich im Inneren des Stammesverbunds zu Auflösungserscheinungen. Der südliche Teil der Xiongnu unterwarf sich Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. den Chinesen und geriet so unter chinesisches Protektorat, der nördliche Teil der Xiongnu geriet Ende des 1. Jahrhunderts unter verstärkten chinesischen Druck und wurde schließlich von den Truppen der Han und ihren Verbündeten vernichtet; die letzten Berichte über sie stammen aus der Mitte des 2. Jahrhunderts. Die auf chinesischem Territorium angesiedelte Gruppe der südlichen Xiongnu erhob sich im frühen 4. Jahrhundert gegen die Jin-Dynastie und errichtete die kurzlebige Han-Zhao-Dynastie sowie die spätere-Zhao-Dynastie.

In Europa wurde für die Xiongnu teilweise der Begriff Hunnen verwendet, da die ältere Forschung von einer Verbindung zwischen diesen beiden Gruppen ausging. Die Ethnizität der Xiongnu ist in der Forschung umstritten. In der neueren historischen und archäologischen Forschung werden Hunnen und Xiongnu in der Regel nicht mehr gleichgesetzt,Vgl. unter anderem Di Cosmo, Ancient China and its Enemies, S. 163 ff., mit weiterer Literatur. Siehe auch Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 21 ff. was auch dadurch begründet wird, dass es sich bei den frühen Nomadenvölkern um Stammeskonföderationen handelte, die sich aus verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppierungen zusammensetzten und sich je nach Situation in rudimentären Herrschaftswesen organisierten, trennten und neu organisierten (vgl. dazu Reichsbildung bei frühen Nomadenvölkern). In diesem Zusammenhang spricht auch die zeitliche Differenz gegen eine Verbindung von Xiongnu und Hunnen, archäologisch fehlen ebenfalls überzeugende Belege.

Anhand der aktuell verfügbaren Befunde ist die ethnische Zuordnung der (wohl heterogen zusammengesetzten) Xiongnu nicht zweifelsfrei zu klären. Neben einer sprachlichen Zuordnung als altaischsprachig (Turksprachen, Mongolisch) oder iranischsprachig wird besonders in der neueren Forschung vermutet, die Xiongnu hätten mehrere Sprachen gesprochen, darunter eine jenisseische Sprache (Ketisch) oder eine ausgestorbene Sprache, die keiner der heute bekannten Sprachfamilien Eurasiens angehört.

Ursprünge Namensvarianten und Abgrenzung zu den „europäischen Hunnen“ Nach heutiger Erkenntnis spricht vieles für eine Herkunft der Xiongnu aus der heutigen Mongolei und der angrenzenden Altai- und Sajangebirge. Die unterschiedlichen Namen Xiongnu und Hunnen werden oftmals zur Illustrierung unterschiedlicher Sachverhalte verwendet:

1.) Die chinesische Bezeichnung Xiongnu wird in aller Regel nur für die Gruppen im Reich Mao-tuns und seiner Nachfolger verwendet, das im späten 1. Jahrhundert n. Chr. unterging. Nur die Teile der südlichen Xiongnu, die seit ca. 50 n. Chr. in Nordchina angesiedelt wurden, werden auch nach Mitte des 2. Jahrhunderts noch in chinesischen Quellen erwähnt (siehe Geschichtsabschnitt unten).

2.) Die Bezeichnung Hunnen kennzeichnet in der Forschung hingegen die Gruppe von (sehr wahrscheinlich zentralasiatischen) Stämmen, die um Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. nördlich des Kaukasus lebten und schließlich 375/376 nach Westen vorstießen und damit die sogenannte Völkerwanderung auslösten. Während im frühen 4. Jahrhundert die südlichen Xiongnu unter Liu Cong in China agierten, verschwinden die nördlichen Xiongnu bereits Mitte des 2. Jahrhunderts aus den Quellen. Auf ebendiese nördliche Gruppe beziehen sich alle Spekulationen hinsichtlich der Entstehung der „europäischen Hunnen“. Die neuere Forschung betont, dass es keinen Beweis für eine Verbindung zwischen Xiongnu und den in spätantiken Quellen als „Hunnen“ bezeichneten heterogenen Gruppen im Westen gibt (zumal in Zentralasien in diesem Zeitraum noch andere Gruppen auftauchten, siehe Iranische Hunnen).

Eine Minderheit von Forschern, so James Howard-Johnston und Étienne de La Vaissière, hält zwar trotzdem an der These einer zumindest teilweisen Identität von Xiongnu und Hunnen fest. Allerdings betonen auch diese Forscher, dass es sich letztlich nur um Hypothesen handelt. Étienne de La Vaissière nimmt an, dass Teile der Xiongnu nach Westen wanderten und sich andere Gruppen ihnen anschlossen, so dass keine vollständige, aber eine gewisse kulturelle Kontinuität vorhanden sei.Étienne de La Vaissière: The Steppe World and the Rise of the Huns. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Attila. Cambridge 2014, S. 175 ff. Für ein kulturelles und politisches Erbe, aber keine „genetische Verbindung“ zwischen den heterogen zusammengesetzten Gruppen von Xiongnu und Hunnen, plädiert auch etwa Hyun Jin Kim.Hyun Jin Kim: The Huns. New York 2016, S. 6ff.

Problematisch ist, dass keine eindeutigen archäologischen Befunde und schriftliche Quellen nur singulär die Verbindung zwischen Hunnen und Xiongnu belegen, zumal in chinesischen Quellen die Bezeichnung Xiongnu (und äquivalente Bezeichnungen) für Stämme benutzt wurden, die eindeutig nicht mehr die „alten Xiongnu“ waren.Vgl. Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt 2009, S. 52. Es existiert zwar ein Beleg, dass die von den Chinesen als Xiongnu bezeichneten Ethnien weiter westlich als Hunnen bekannt waren. Einer der von Aurel Stein aufgefundenen alten sogdischen Briefe erwähnt die Eroberung und Zerstörung der chinesischen Hauptstadt Saraγ (Luoyang) durch eine als Hunnen (xwn) bezeichnete Gruppe. Der Iranist Walter Bruno Henning konnte dieses Ereignis mit der Eroberung und Zerstörung von Luoyang durch den Herrscher der südlichen Xiongnu Liu Cong im Jahr 311 identifizieren.Walter Bruno Henning: The Date of the Sogdian Ancient Letters. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies, University of London 12, 1948, S. 601–615. Allerdings ist dieser reine Namensbezug kein Beleg dafür, dass die um 375 im Westen auftauchende als Hunnen bezeichnete Gruppe mit den alten Xiongnu identisch sind. Es ist aber möglich, dass diese Gruppen (ebenso wie die erwähnten iranischen Hunnen) die Bezeichnung als einen in der eurasischen Steppe verbreiteten Prestigenamen übernahmen, ohne jedoch mit diesen verwandt zu sein.Vgl. Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24 ff.

Vorgeschichte Die Xiongnu gingen aus einer Verschmelzung verschiedener Altai- und Sajanvölker hervor. Es vermischten sich über mehrere Jahrhunderte etliche indogermanische Gruppen (Saken, Sarmaten) einerseits und mongolische Volksteile aus der Taiga sowie aus dem chinesischen Randgebiet vertriebene Viehzüchter andererseits. Die Jie, einer der 19 Stämme der Xiongnu-Konföderation wurden zum Beispiel an ihren langen Nasen und vollen Bärten erkannt (349 v. Chr.).

Seit etwa dem 9. Jahrhundert wurden die bronzezeitlichen Viehzüchtergesellschaften Südsibiriens, Baikaliens und der Mongolei von Gesellschaften abgelöst, die typische Merkmale der eurasischen Reiternomadenkulturen aufwiesen. Den Chinesen waren diese „Barbaren“, gemeinsam mit anderen Gruppen an den nördlichen Grenzen Chinas, unter verschiedenen Sammelbezeichnungen, in erster Linie Rong und Di, bekannt. Die Di wurden in zwei Feldzügen (714 und 541 v. Chr.) als zu Fuß kämpfend beschrieben. Die Xiongnu – laut gängiger Überlieferung ein „Zweig“ der oben aufgeführten Stämme – waren überwiegend als Reiternomaden anzusehen. Doch ist durch archäologische Untersuchungen bekannt, dass in Transbaikalien auch sesshafte Xiongnu lebten (beispielsweise in der Iwolginsker Ringwallsiedlung bei Ulan-Ude).

Im Zeitraum von 350 bis 290 v. Chr. entstanden Befestigungsanlagen an den Nordgrenzen der chinesischen Teilreiche, die Vorläufer der Großen Mauer. Der Zhou-König Wu-ling ließ seine Truppen Reiten und Bogenschießen üben und übernahm auch die Kleidung seiner Feinde. Im 26. Jahr seiner Regierung vernichtete er die Wald-Xiongnu. Aus dem Jahr 318 v. Chr. stammt das älteste heute bekannte Dokument, das nicht in den Bereich der Legenden zu verweisen ist: Ein Grenzvertrag zwischen den Chinesen und Xiongnu wurde unterzeichnet.

Die Xiongnu Über die Xiongnu liegen insbesondere durch die Schriften des ersten großen chinesischen Historikers Sima Qian († 85 v. Chr.) recht detaillierte Beschreibungen vor. Einiges davon erinnert an die Beschreibungen Herodots der skythischen Eigenschaften. So hebt auch Sima Qian die besondere Mobilität der Xiongnu-Krieger, ihre raschen Angriffe und die überraschenden Rückzüge hervor, die erfolgen, sobald der erste Schwung gebrochen ist.Wolfgang-Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Darmstadt 1998, S. 6.

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