mini|Mauritz Stiller, ein aus dem finnlandschwedischen Theater hervorgegangener Pionier des schwedischen Films Finnlandschwedischer Film, originalsprachig , bezeichnet Filme und Filmproduktionen, die sprachlich, kulturell oder durch ihre Filmschaffenden mit der schwedischsprachigen Minderheit Finnlands verbunden sind. Er gilt als ein wesentlicher Bestandteil der finnischen Filmkultur.
Im engeren Sinne werden darunter vor allem in Finnland produzierte Filme mit Schwedisch als Hauptsprache verstanden; weiter gefasste Definitionen beziehen auch Filme ein, die in einem finnlandschwedischen kulturellen Kontext spielen oder von finnlandschwedischen Filmschaffenden produziert wurden. Wichtige Institutionen sind Svenska Yle, die schwedischsprachige Abteilung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und der 1989 gegründete Verein Finlandssvenskt filmcentrum.
Finnlandschwedische Filmschaffende sind dabei häufig sowohl in schwedisch- als auch in finnischsprachigen Produktionen tätig. Finnlandschwedische Schauspieler wirken darüber hinaus auch an Produktionen in Schweden mit.
Begriff und Abgrenzung Wie bei finnlandschwedischer Literatur ist die Abgrenzung des finnlandschwedischen Films nicht immer eindeutig. Das Finnlandschwedische Filmzentrum verzichtet ausdrücklich auf eine Festlegung von Kriterien und beschreibt sein Tätigkeitsfeld allgemein als Filmkultur in schwedischer Sprache in Finnland.
Auch unter Filmschaffenden bestehen unterschiedliche Auffassungen. Die Regisseurin Ulrika Bengts nannte zunächst Schwedisch als Hauptsprache und eine Produktion in Finnland als Kriterien, schloss sich in einer Diskussion 2023 jedoch einer weiter gefassten Definition über den finnlandschwedischen kulturellen Kontext an. Die Drehbuchautorin Eva-Maria Koskinen sieht einen solchen Kontext als ausreichend an, während der Regisseur und Produzent Claes Olsson die Darstellung finnlandschwedischer Lebenswirklichkeit als wesentliches Merkmal hervorhebt, ohne sie an einen bestimmten Schauplatz oder einen festgelegten Anteil schwedischsprachiger Dialoge zu binden.
Beim Festival des finnischen Films in Turku bildete der finnlandschwedische Film 2018 das Hauptthema. Das Programm umfasste überwiegend schwedischsprachige Werke finnlandschwedischer Filmschaffender, daneben aber auch schwedischsprachige Parallelfassungen finnischsprachiger Filme sowie einzelne in Schweden produzierte Filme.
Geschichte mini|Für den Dreh der Fernsehserie über Maja von Stormskär errichtetes Gebäude auf der Insel Väderskär auf Åland, hier 40 Jahre später mini|Die finnlandschwedische Schauspielerin Stina Ekblad mini|hochkant=0.9|Der finnlandschwedische Regisseur Klaus Härö arbeitet auf Schwedisch und Finnisch Schwedischsprachige Filmproduktion ist seit der frühen Geschichte des finnischen Films Teil der Filmkultur des Landes.
Zu den frühen finnlandschwedischen Filmschaffenden gehörte der 1883 in Helsinki (Helsingfors) geborene Mauritz Stiller. Seine Laufbahn begann er als Schauspieler an schwedischsprachigen Theatern in Finnland, unter anderem in Helsinki und Turku (Åbo). Nach seiner Übersiedlung nach Schweden wandte er sich dem Film zu und wurde seit 1912 als Regisseur zu einer der prägenden Persönlichkeiten des schwedischen Stummfilms. Seine Filme entstanden damit zwar überwiegend außerhalb Finnlands, Stillers Biografie verweist jedoch bereits auf die engen personellen Verbindungen zwischen dem schwedischsprachigen Kulturleben Finnlands und der schwedischen Filmproduktion.
Einen großen kommerziellen und kritischen Erfolg erzielte 1975 der finnlandschwedische Fernsehfilm Stormskärs Maja („Maja von Stormskär“) nach den Romanen der åländischen Schriftstellerin Anni Blomqvist. Regie führte Åke Lindman, die Filmmusik komponierte Lasse Mårtenson. Jörn Donner verfilmte 1978 Märta Tikkanens Roman Män kan inte våldtas (deutsch Wie vergewaltige ich einen Mann? 1980). Im Lexikon Uppslagsverket Finland wird dieser Film als Beispiel für ein Werk mit ausgeprägter finnlandschwedischer Identität genannt.
Seit den 1990er Jahren entstanden unter anderem mehrere finnlandschwedisch geprägte Filme, darunter von Claes Olsson Akvariekärlek (1993; nach Anna-Leena Härkönens Aquariumsliebe, deutsch 1990), Underbara kvinnor vid vatten (1998; nach Monika Fagerholms Wunderbare Frauen am Wasser, deutsch 1997) und von Peter Lindholm Drakarna över Helsingfors (2001; nach Kjell Westös gleichnamigem Roman von 1996). Åke Lindman griff 2004 mit dem Spielfilm Framom främsta linjen (deutsch Beyond the Front Line – Kampf um Karelien) erneut einen finnlandschwedischen Stoff auf. Der Film basiert auf den Kriegserfahrungen des Schriftstellers Harry Järv und seiner Kameraden im Fortsetzungskrieg von 1941 bis 1944.
Weitere finnlandschwedische Regisseure arbeiteten insbesondere für das Fernsehen, darunter Gösta Ågren und Carl Mesterton. Zur jüngeren Generation zählen Ulrika Bengts und Anders Engström.
Beim Festival des finnischen Films 2018, das dem finnlandschwedischen Film gewidmet war, wurden neben Werken verschiedener bereits etablierter Regisseure auch frühe Filme von Jon Lindström gezeigt; zum Programm gehörten außerdem Filme von Peter Lindholm und Klaus Härö.
Im Verhältnis zur gesamten finnischen Filmproduktion ist die Zahl schwedischsprachiger Spielfilme gering. Von den 221 finnischen Spielfilmen, die zwischen 2006 und 2015 produziert wurden, waren sechs schwedischsprachig, entsprechend rund drei Prozent. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren wurden neun finnlandschwedische Spielfilme gezählt. Vier davon beruhten auf Romanen finnlandschwedischer Autoren, drei behandelten Kriegsereignisse des 20. Jahrhunderts. Bengts’ Film Lärjungen („Der Lehrjunge“) war 2013 der finnische Beitrag für eine Nominierung zum Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Ein großer Publikumserfolg war 2020 der biografische Film Tove von Zaida Bergroth über die finnlandschwedische Schriftstellerin und Künstlerin Tove Jansson, mit Alma Pöysti in der Titelrolle. Mit über 100.000 Kinobesuchern wurde er zum bis dahin meistgesehenen finnlandschwedischen Film der jüngeren Zeit.
Produktionsbedingungen mini|Bio Forum in der überwiegend schwedischsprachigen Stadt Ekenäs, das älteste durchgehend betriebene Kino Finnlands Die technischen und institutionellen Voraussetzungen für kleinere Filmproduktionen veränderten sich seit den 1990er Jahren durch die Digitalisierung der Aufnahme- und Schnitttechnik sowie durch verbesserte Ausbildungsmöglichkeiten. Vertreter des Finnlandschwedischen Filmzentrums sahen darin 2011 zwei wesentliche Faktoren für die Entwicklung schwedischsprachiger Filmproduktion in Finnland.
Die Stellung des finnlandschwedischen Films ist zugleich Gegenstand kulturpolitischer Diskussionen. Filmschaffende verweisen unter anderem auf begrenzte Finanzierungsmöglichkeiten, die geringe Größe des schwedischsprachigen Publikums und Veränderungen der Distribution durch Streamingangebote. Zugleich wird dem finnlandschwedischen Film eine Funktion bei der Darstellung der Lebenswirklichkeit der schwedischsprachigen Minderheit und der kulturellen Vielfalt Finnlands zugeschrieben. Der Filmproduzent Oskar Forstén betonte 2023 insbesondere die Bedeutung kulturspezifischer Perspektiven für die Vielfalt der finnischen Filmkultur.
Die sprachliche Grenze zwischen finnisch- und schwedischsprachiger Filmproduktion ist auf personeller Ebene durchlässig; finnlandschwedische Filmschaffende arbeiten oft sowohl in schwedisch- als auch in finnischsprachigen Produktionen. Umgekehrt war Schwedisch in der mehrheitlich finnischsprachigen Filmproduktion traditionell weniger präsent. Seit den 2020er Jahren zeichnet sich jedoch eine zunehmende Offenheit auch finnischsprachiger Filmschaffender und Produktionsgesellschaften für schwedischsprachige Produktionen ab.
Finnlandschwedische Schauspieler sind zudem regelmäßig an Produktionen in Schweden beteiligt. Ein Beispiel ist die schwedisch-finnische Koproduktion Rörelser (2025), der erste überwiegend in Meänkieli gedrehte Spielfilm. Mit Jessica Grabowsky und Jakob Öhrman in den Hauptrollen sowie Alma Pöysti und Sampo Sarkola in weiteren Rollen wirkten mehrere finnlandschwedische Schauspieler an dem Film mit.
Svenska Yle
Eine zentrale Rolle für die Produktion und Verbreitung finnlandschwedischer Filme und Fernsehproduktionen spielt die schwedischsprachige Abteilung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Yleisradio). Sie blickt auf eine lange Tradition eigener und koproduzierter schwedischsprachiger Fernsehfilme und Dramen zurück. Zu den bekannten älteren Produktionen gehören Stormskärs Maja (1975) sowie weitere Fernsehfilme und -serien von Åke Lindman, Carl Mesterton und anderen finnlandschwedischen Regisseuren.
Neben eigenen Produktionen fördert Svenska Yle schwedischsprachige Filmprojekte in Zusammenarbeit mit unabhängigen Produktionsgesellschaften und anderen Förderinstitutionen. Gemeinsam mit der Finnischen Filmstiftung und der Stiftung Svenska kulturfonden initiierte Svenska Yle 2013 ein umfangreiches Kurz- und Novellenfilmprojekt zur Förderung professioneller Filmproduktion auf Schwedisch in Finnland. Das daraus weiterentwickelte Projekt Novellfilm 2017 sollte insbesondere finnlandschwedisches Drama sowie neue Filmschaffende und Drehbuchautoren fördern.
2019 verstärkte Svenska Yle seine Dramaproduktion durch eine neu organisierte Dramaabteilung. Diese ist für von Svenska Yle produzierte und koproduzierte Fernseh-, Audio- und Webdramen zuständig; einen Schwerpunkt bildet die Entwicklung von Drehbüchern und die Zusammenarbeit mit finnlandschwedischen Drehbuchautoren. Svenska Yle arbeitet dabei weiterhin mit unabhängigen Produktionsgesellschaften zusammen und nimmt unter anderem Vorschläge für schwedischsprachige Spielfilmproduktionen entgegen.
Finnlandschwedisches Filmzentrum Das Finnlandschwedische Filmzentrum, originalsprachig , ist eine 1989 als eingetragener Verein gegründete Organisation zur Förderung des finnlandschwedischen Films. Es gehört zu den regionalen Filmzentren Finnlands, unterscheidet sich von den übrigen jedoch dadurch, dass sein Tätigkeitsgebiet nicht geographisch auf eine einzelne Region begrenzt ist. Es umfasst ganz Svenskfinland sowie schwedischsprachige Einwohner Finnlands unabhängig von ihrem Wohnort.
Das Filmzentrum richtet sich sowohl an das finnlandschwedische Filmpublikum als auch an Filmschaffende. Es organisiert Filmvorführungen, Schulkinoprogramme und filmpädagogische Angebote und fördert die Verbreitung und Sichtbarkeit finnlandschwedischer Filme. Daneben veranstaltet es Treffen und Weiterbildungsangebote für Filmschaffende und verfolgt das Ziel, sowohl die berufliche Entwicklung einzelner Filmschaffender als auch die Kompetenz der finnlandschwedischen Filmbranche zu stärken. Zu seinen filmpolitischen Aufgaben gehören außerdem die Interessenvertretung für schwedischsprachige Filmproduktionen und die Förderung schwedischsprachiger Untertitelungen.
Das Filmzentrum arbeitet mit Gemeinden, Bibliotheken, Schulen, Vereinen und anderen Filmorganisationen zusammen. Ein enger Kooperationspartner ist der Verein Walhalla, mit dem es in Helsinki Büroräume und Personal teilt; in Ostbottnien arbeitet es mit Film i Österbotten zusammen. Die Tätigkeit wird unter anderem von der Stiftung Svenska kulturfonden und der staatlichen Kunst- und Kulturförderung finanziert.
Von der Gründung bis zum Frühjahr 2023 wurde das Filmzentrum von Dag Andersson geleitet. Ihm folgte Mikaela Westerlund, die zuvor fast 20 Jahre für die Organisation gearbeitet hatte.
Das Filmzentrum gab über viele Jahre die schwedischsprachige Filmzeitschrift Filmjournalen heraus. Seit 2022 erscheint mit Filmvision Finland eine eigenständige finnlandschwedische Onlinezeitschrift über Film- und Fernsehproduktionen sowie Medienkunst in schwedischer Sprache in Finnland.
Literatur
Weblinks Finlandssvenskt filmcentrum (schwedisch) Filmvision Finland (schwedisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Filmgeschichte