mini|Leni Riefenstahl in Końskie während der Erschießung jüdischer Zivilisten, 12. September 1939 mini|Leni Riefenstahl unter deutschen Soldaten, September 1939 Das Massaker von Końskie war ein deutsches Kriegsverbrechen, das am 12. September 1939 während des Überfalls auf Polen in der Stadt Końskie verübt wurde. Angehörige der Wehrmacht trieben eine Gruppe jüdischer Männer auf einem Platz zusammen und zwangen sie, Gräber für gefallene deutsche Soldaten auszuheben. Während die Männer misshandelt wurden, kam es zu einer ungeordneten Schießerei, bei der 19 von ihnen sofort getötet wurden. Drei der acht Verletzten starben in den folgenden Tagen, sodass die Zahl der Todesopfer auf 22 stieg.

Internationale Bekanntheit erlangte das Ereignis, weil sich die Filmregisseurin und NS-Propagandistin Leni Riefenstahl mit einem Kamerateam in Końskie aufhielt und zur Augenzeugin wurde. Fotografien, die ihre Reaktion festhielten, wurden später Teil der historischen Überlieferung.

Vorgeschichte Końskie wurde am 8. September 1939 von der Wehrmacht besetzt. Noch am selben Tag brannten deutsche Soldaten die Synagoge nieder. Für den 12. September war die Beerdigung von vier deutschen Soldaten angesetzt, die im Kampf gegen reguläre polnische Truppen gefallen waren. Ihre Leichen waren zeitweise in der Kollegiatkirche St. Nikolaus aufgebahrt. Unter den Deutschen in der Stadt verbreitete sich das Gerücht, die Toten seien von polnischen Partisanen verstümmelt worden, was zu starker Erregung führte.Ein organisierter polnischer Widerstand existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Unter deutschen Soldaten war jedoch eine „Partisanenpsychose“ verbreitet, die unter anderem auf antisemitische und antipolnische Stereotype sowie auf überzogene Befürchtungen der Wehrmachtführung zurückging.

Ablauf des Massakers mini|Jüdische Männer aus Końskie beim Ausheben der Gräber, 12. September 1939 Am Tag der Beerdigung trieben Angehörige eines Fliegeraufklärungs-Bataillons der 10. Armee gemeinsam mit Männern des Reichsarbeitsdienstes etwa 40 bis 50 jüdische Männer, die man aus den umliegenden Häusern geholt hatte, auf den Platz an der Kollegiatkirche St. Nikolaus. Sie mussten Gräber für die gefallenen Soldaten ausheben. Einige erhielten Schaufeln, andere waren gezwungen, mit bloßen Händen zu graben. Die Deutschen misshandelten die Männer schwer, schlugen sie mit Zaunlatten und Gewehrkolben und traten Gestürzten ins Gesicht. Das Verhalten eines Soldaten war so brutal, dass ein anwesender Leutnant der Luftwaffe sich veranlasst sah, ihn in die Kaserne zurückzubringen. Der Stadtkommandant Major Schulz unterband die Misshandlungen nicht, sondern bemerkte lediglich, die Juden trügen zwar die Schuld an allem Unglück der Welt, deutsche Soldaten müssten jedoch Disziplin halten und Ausschreitungen vermeiden. mini|Getötete auf dem Platz nach der Schießerei, 12. September 1939 Nach getaner Arbeit durften die Männer zunächst nach Hause gehen. Noch bevor sie sich zerstreut hatten, begannen Soldaten erneut, auf sie einzuschlagen. Der neuerliche Ausbruch von Gewalt löste Panik aus, woraufhin die Männer in Richtung der Toreinfahrt des Hauses am Kościuszko-Platz 3 flüchteten. In diesem Moment fuhr ein deutsches Militärfahrzeug auf den Platz, gesteuert von Leutnant Bruno Kleinmichel. Als er die auf ihn zulaufende Menge sah, eröffnete er das Feuer mit einer Maschinenpistole. Weitere Soldaten schlossen sich an, Kleinmichel stieg aus und setzte den Beschuss fort. 19 Männer wurden getötet, acht weitere verletzt. Bis zum 15. September starben drei der Verletzten, wodurch die Gesamtzahl der Opfer auf 22 anstieg. In der Forschung wird teils die Zahl von 19 sofort Getöteten, teils die Gesamtzahl von 22 Opfern angegeben.

Die Überlebenden mussten die Leichen forträumen, die anschließend auf dem jüdischen Friedhof in Końskie bestattet wurden.

Verantwortung und juristische Aufarbeitung Bruno Kleinmichel wurde vor einem Kriegsgericht der 10. Armee angeklagt, allerdings nicht wegen Mordes, sondern lediglich wegen eines Verstoßes gegen die Disziplin. Er wurde zu einem Jahr Haft verurteilt. Als strafmildernd wertete das Gericht die Annahme, Partisanen hätten die Leichen der gefallenen deutschen Soldaten verstümmelt, eine Behauptung, für die es keine Grundlage gab. Die übrigen Soldaten, die die Männer misshandelt und anschließend auf sie geschossen hatten, wurden nicht zur Verantwortung gezogen.

Der Historiker Jochen Böhler ordnet das Verfahren als Ausdruck der Straflosigkeit ein, die deutschen Tätern bei Verbrechen an Juden und polnischen Zivilisten von Beginn des Krieges an gewährt wurde. Er weist darauf hin, dass die gerichtliche Rechtfertigung der Tat mit angeblichen Grausamkeiten von Partisanen die erstmalige Anwendung der Formel „Wo Juden sind, sind auch Partisanen“ darstellte. Diese Formel diente den Deutschen im weiteren Verlauf des Krieges als Vorwand für die massenhafte Ermordung der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ländern Europas.

Leni Riefenstahl als Augenzeugin Leni Riefenstahl reiste im Auftrag Adolf Hitlers als Filmregisseurin nach Polen, um den Feldzug zu dokumentieren. Wenige Tage nach Beginn des Überfalls zog sie mit einem eigenen, nach ihr benannten „Sonderfilmtrupp Riefenstahl“ an die Front. Am 12. September 1939 hielt sie sich während der Beerdigung der vier gefallenen Soldaten in Końskie auf, wo Mitglieder ihres Teams Zeugen der Schießerei wurden.

In den später veröffentlichten Memoiren gab Riefenstahl den Ablauf weitgehend zutreffend wieder, wiederholte jedoch die unwahre Behauptung, die deutschen Toten seien verstümmelt worden, und gab an, nicht erkannt zu haben, dass es sich bei den Opfern um Juden handelte. Sie schilderte, sie habe versucht, die Soldaten aufzuhalten, und anschließend den Oberbefehlshaber der 10. Armee, Walter von Reichenau, informiert. Erschüttert habe sie daraufhin ihre Arbeit abgebrochen und Polen verlassen. Dieser Angabe widersprechen Fotografien, die ihre Anwesenheit bei der von Hitler am 5. Oktober 1939 in Warschau abgenommenen Siegesparade belegen.

Riefenstahls Umgang mit dem Geschehen steht exemplarisch für ihre Nachkriegsdarstellung insgesamt. Ihre Beteuerung, von den Verbrechen des Regimes nichts gewusst zu haben, hielt sie bis zu ihrem Tod 2003 im Alter von 101 Jahren aufrecht. In der dokumentarischen Aufarbeitung gilt diese Selbstdarstellung als widerlegt und wurde wiederholt als Legendenbildung beschrieben. Ihre eigenen, teils erst posthum ausgewerteten Aufzeichnungen belegen eine anhaltende Nähe zur Führung des Regimes, die sie nach 1945 bestritt.

Über die Rolle der Augenzeugin hinaus rückte der Dokumentarfilm Riefenstahl (2024) von Andres Veiel eine mögliche unmittelbare Mitverantwortung Riefenstahls in den Blick. Gestützt auf einen Brief aus ihrem Nachlass von 1952 legt der Film nahe, dass Riefenstahl beim Dreh gefordert habe, „die Juden“ aus dem Bildausschnitt zu entfernen. Ein Soldat habe diese Aufforderung als Befehl „Schafft die Juden weg“ weitergegeben, was zu den Schüssen beigetragen haben könnte, als die Männer zu fliehen versuchten. Der Film präsentiert dies als eigene Deutung, nicht als gerichtlich festgestellten Sachverhalt.

In der fünfteiligen WDR-Podcastserie Riefenstahl. Influencerin des Bösen (2026) von Katja Paysen-Petersen befasst sich Folge 5 Sonderfilmtrupp für Hitler mit Riefenstahls Aufenthalt in Polen. Auf Grundlage bislang unveröffentlichter Tonaufnahmen aus ihrem Nachlass zeichnet die Folge nach, dass Riefenstahl fünf Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen mit einem eigenen, nach ihr benannten Filmtrupp an die Front zog, ausgerüstet mit Gasmaske und Pistole, um den Vormarsch der Wehrmacht filmisch zu begleiten. Die Serie schildert, wie Riefenstahl am 12. September 1939 in Końskie in das Massaker geriet und dessen Verlauf unmittelbar miterlebte. Sie hält fest, dass Riefenstahl ihre Anwesenheit am Ort des Verbrechens später abstritt, und ordnet dieses Abstreiten in das wiederkehrende Muster ein, mit dem Riefenstahl nach 1945 ihre Nähe zum Regime und ihre Kenntnis von dessen Verbrechen in Abrede stellte.

Schilderung durch Erich von Manstein Erich von Manstein, während des Feldzugs Chef des Stabes der Heeresgruppe Süd, ging in seinen Memoiren Verlorene Siege auf das Massaker ein. Er beschrieb es als sinnlose Schießerei auf einem überfüllten Marktplatz, die durch die Nervosität eines einzelnen Flakoffiziers ausgelöst worden sei. Die gerichtliche Verfolgung des Täters führte er als vermeintlichen Beleg dafür an, dass die Führung der Wehrmacht um eine humane Behandlung der polnischen Zivilbevölkerung bemüht gewesen sei.

Weiteres Schicksal der jüdischen Gemeinde Das Massaker ist von der späteren Vernichtung der jüdischen Gemeinde Końskies zu unterscheiden. Während der Besatzung richteten die Deutschen in der Stadt ein Ghetto ein. Es wurde im November 1942 aufgelöst, seine Bewohner wurden überwiegend in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Eine kleine Zahl Überlebender wurde im Januar 1943 in das Ghetto von Szydłowiec verlegt.

Gedenken mini|Gedenktafel am Kościuszko-Platz 3 Eine Gedenktafel am Haus am Kościuszko-Platz 3 erinnert an die 22 jüdischen Opfer des 12. September 1939.

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

Einzelnachweise

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