mini|Wächterengel auf der Turmspitze der St Michael's Church in Clifton Hampden, Oxfordshire, England

Die Wächter (aramäisch עִיר ʿîr, Plural עִירִין ʿîrîn, griechisch ἐίρ beziehungsweise ἐγρήγορος, egrḗgoros, übersetzt als Grigori im slawischen Henochbuch)Im Buch Daniel verwendet die Septuaginta ἐίρ, während Aquila und Symmachus ἐγρήγορος verwenden. Im Henochbuch steht ἐγρήγορος. sind Engelswesen bzw. gefallene Engel in der biblischen und außerbiblischen jüdischen Überlieferung. Das griechische ἐγρήγοροι (egrḗgoroi) bedeutet „Wächter“, „die Wachen“ beziehungsweise „die Wachenden“. Im Buch Daniel erscheint die Bezeichnung sowohl im Singular als auch im Plural und ist dort mit der Heiligkeit dieser Wesen verbunden. Die apokryphen beziehungsweise pseudepigraphischen Henochbücher aus dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. kennen sowohl gute als auch gefallene Wächter, beschäftigen sich jedoch vor allem mit den rebellischen Wächtern.

Gute Wächter im Buch Daniel

In , und finden sich drei Erwähnungen der Wesenklasse „Wächter, Heiliger“ (aramäisch ʿîr, „Wächter“, und qaddîš, „Heiliger“). Der Begriff wird von Nebukadnezar eingeführt, der berichtet, in seinem Traum einen „Wächter, einen Heiligen“ vom Himmel herabsteigen gesehen zu haben. Dieser verkündet, dass Nebukadnezar wie ein Tier Gras fressen und den Verstand verlieren werde. Das Urteil ergehe nach dem „Beschluss der Wächter“ und dem „Spruch der Heiligen“, damit die Lebenden erkennen sollten, dass der Höchste über die Herrschaft der Menschen verfüge.

Nachdem Daniel den Traum des Königs gehört hat, deutet er den herabsteigenden heiligen Wächter als Überbringer eines Beschlusses des Höchsten: Nebukadnezar werde aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen, bei den Tieren leben und Gras wie ein Rind fressen, bis er anerkenne, dass der Höchste über die Königreiche der Menschen herrsche und sie gebe, wem er wolle.

Der lutherische Reformator Johann Wigand deutete den Wächter in Nebukadnezars Traum entweder als Gott selbst oder als den Sohn Gottes. Er verband , wo das Urteil als „Beschluss der Wächter“ bezeichnet wird, mit , wo Daniel es als „Beschluss des Höchsten“ deutet, und verwendete diese Verbindung im Rahmen einer trinitarischen Interpretation.

In der Forschung werden die „Wächter“ beziehungsweise „Heiligen“ teilweise als Hinweis auf den Einfluss der babylonischen Religion gedeutet. Demnach könnte der Verfasser dieses Abschnitts des Danielbuchs die babylonischen Gottheiten Nebukadnezars als Wesen dargestellt haben, die ihrerseits die Macht des Gottes Israels als des „Höchsten“ anerkennen.Norman W. Porteous: Daniel: A Commentary. Westminster Press, Philadelphia 1965, S. 69. Die griechische Septuaginta unterscheidet sich dabei vom aramäischen masoretischen Text. So bleibt im aramäischen Text etwa bei mehrdeutig, ob Nebukadnezar selbst oder der Wächter aus seinem Traum spricht.T. J. Meadowcroft: Aramaic Daniel and Greek Daniel: A Literary Comparison. Sheffield Academic Press, Sheffield 1995, S. 45.

Wächter der Henochbücher

Das Äthiopische bzw. Erste Henochbuch behandelt ausführlich den Fall der Wächter. Das Zweite Henochbuch beschäftigt sich mit den Wächtern (griechisch egrḗgoroi), die sich im fünften Himmel befinden, wo der Abfall stattgefunden haben soll. Im Dritten Henochbuch stehen dagegen auch die nicht gefallenen Wächter im Mittelpunkt.James H. Charlesworth (Hrsg.): The Old Testament Pseudepigrapha. Hendrickson, Peabody 2010, S. 130, ISBN 978-1-59856-491-4.

Der Begriff „Wächter“ ist insbesondere im 1. Henochbuch verbreitet. Das sogenannte Buch der Wächter (1 Henoch 6–36) enthält in seinen aramäischen Fragmenten die Wendung ʿîrîn we-qaddîšîn, „Wächter und Heilige“, die an das aramäische Danielbuch anknüpft.Gabriele Boccaccini (Hrsg.): Enoch and Qumran Origins: New Light on a Forgotten Connection. W. B. Eerdmans, Grand Rapids 2005, S. 157, ISBN 0-8028-2878-7. Das aramäische ʿîrîn („Wächter“) wurde in der griechischen beziehungsweise äthiopischen Übersetzung als „Engel“ wiedergegeben, obwohl der gewöhnliche aramäische Begriff für einen Engel, malʾāḵā, im aramäischen Henochtext nicht vorkommt.George W. E. Nickelsburg: 1 Enoch: A New Translation. Fortress Press, Minneapolis 2004, S. 44, ISBN 0-8006-3694-5.

Einige Forscher datieren diesen Teil des 1. Henochbuches in das 2. bis 1. Jahrhundert v. Chr. und betrachten ihn als Interpretation der Erzählung von den Gottessöhnen in . Danach verbanden sich Engel mit menschlichen Frauen, woraus die als Nephilim bezeichneten Mischwesen hervorgingen. Der Begriff ʿîrîn wird dabei vor allem auf die insgesamt 200 ungehorsamen Wächter angewandt. Die Singularform ʿîr wird jedoch auch für gehorsame Erzengel wie Raphael verwendet, die die gefallenen Wächter fesseln.

Die gefallenen Wächter im Ersten Henochbuch

Im 1. Buch Henoch sind die Wächter (aramäisch עִירִין, ʿîrîn) Engel, die zur Erde gesandt worden seien, um über die Menschen zu wachen. Sie beginnen jedoch, menschliche Frauen zu begehren. Unter ihrem Anführer Semjaza beschließen sie, sich gegen die göttliche Ordnung aufzulehnen, den Menschen verbotenes Wissen zu vermitteln und mit menschlichen Frauen Nachkommen zu zeugen. Die Wächter steigen hierzu auf dem Hermon zur Erde herab. Aus den Verbindungen entstehen die Nephilim, gewalttätige Riesen, die die Erde verwüsten und die Menschheit bedrohen.

Semjaza und seine Gefährten lehren die Menschen außerdem verschiedene Kenntnisse und Techniken, darunter die Herstellung von Waffen, Kosmetik, Spiegel, Magie, Beschwörungen und weitere Künste, die die Menschen nach der Darstellung des Henochbuches ansonsten erst allmählich selbst entdeckt hätten. Schließlich lässt Gott die Sintflut über die Erde kommen, um die Nephilim zu vernichten. Zuvor schickt er Uriel, um Noach zu warnen und so das Fortbestehen der Menschheit zu sichern. Die Wächter werden bis zum Jüngsten Gericht „in den Tälern der Erde“ gefesselt. Eine ähnliche Vorstellung findet sich im Judasbrief, nach dem Gott jene Engel, die ihren eigenen Herrschaftsbereich verlassen hätten, „mit ewigen Fesseln in der Finsternis“ für das Gericht festhalte.

Das 1. Henochbuch nennt zwanzig bzw. 19 Anführer beziehungsweise „Vorsteher über zehn“. Die Namensformen sowie Anzahl der Wächter unterscheiden sich je nach Version, Handschrift und Übersetzung. In einer deutschen Übersetzung von Paul Rießler von 1928 werden sie als Semjaza, Arakiel, Rameel, Kokabiel, Tamiel, Ramiel, Danel, Ezekeel, Barakijal, Azael, Armaros, Batarel, Ananiel, Sakiel, Samsiel beziehungsweise Samsapeel, Satarel, Turel, Jomjael und Sariel wiedergegeben. Als in dieser Version „fehlender Engel“ wird außerdem noch Tummiel genannt.George W. E. Nickelsburg: 1 Enoch: A New Translation: Based on the Hermeneia Commentary. Fortress Press, Minneapolis 2004, S. 23, ISBN 0-8006-3694-5.

Das Henochbuch nennt darüber hinaus weitere gefallene Engel und beschreibt das von ihnen an die Menschen weitergegebene verbotene Wissen. Einige dieser Namen erscheinen auch im Sefer Raziel HaMalach, im Zohar und im Jubiläenbuch.

Arakiel (auch Araqiel, Arqael oder Araciel) lehrte die Menschen die Zeichen der Erde beziehungsweise die Geomantie. In den Sibyllinischen Orakeln erscheint Arakiel dagegen nicht als gefallener Engel, sondern als einer von fünf Engeln, welche die Seelen der Menschen zum Gericht führen; die anderen vier sind Ramiel, Uriel, Samael und Azazel. Armaros (auch Amaros oder Armoniel) lehrte nach dem 1. Henochbuch das Lösen von Beschwörungen beziehungsweise Zaubern. Azazel (auch Asasel) lehrte die Menschen die Herstellung von Messern, Schwertern und Schilden sowie die Herstellung von Schmuck und Kosmetika und damit insbesondere die Verarbeitung von Metallen zu Kriegszwecken. Gadriel beziehungsweise Gadreel lehrte den Gebrauch von Kosmetika beziehungsweise Tarnung, Waffen und tödlichen Schlägen. Barakiel beziehungsweise Baraqiel lehrte die Zeichen der Sterne und damit die Astrologie. Bezaliel wird im 1. Henochbuch genannt, fehlt jedoch aufgrund beschädigter Handschriften und einer problematischen Textüberlieferung in zahlreichen Übersetzungen. Ezekeel beziehungsweise Chazaqiel lehrte die Zeichen der Wolken und damit Kenntnisse, die der Meteorologie zugeordnet werden können. Kokabiel (auch Kakabel, Kochbiel oder Kokabel) gilt im Sefer Raziel als hochrangiger heiliger Engel. Im 1. Henochbuch erscheint er dagegen als gefallener Wächter. Dort wird ihm unter anderem die Unterweisung in der Astrologie zugeschrieben. Penemue soll die Menschen die Kunst des Schreibens mit Tinte und Papier sowie „das Bittere und das Süße“ und die Geheimnisse der Weisheit gelehrt haben (1 Henoch 69,8). Sariel (auch Suriel) lehrte die Menschen die Bahnen des Mondes, was als verbotenes Wissen gilt. Semjaza (auch Semiaza, Semyaza, Shemhazi oder Samyaza) gilt als einer der wichtigsten Anführer des Falls der Wächter. Samsiel (auch Samsapeel und Shamsiel) wird im Zohar als ehemaliger Wächter des Gartens Eden beschrieben. Er soll neben Hasdiel einer der beiden wichtigsten Gehilfen Uriels gewesen sein und 365 Legionen von Engeln angeführt haben. Im Jubiläenbuch erscheint er als einer der Wächter. Als gefallener Engel lehrt er die Zeichen der Sonne. Jeqon beziehungsweise Jekon (hebräisch יָקוּם, Yāqūm, „er wird sich erheben“) gilt als derjenige, der die übrigen Wächter zuerst dazu verleitet habe, sexuelle Beziehungen mit Menschen einzugehen. Als seine Gefährten werden Asbeel, Gadriel, Penemue und Kasdeja beziehungsweise Kasadya genannt, die jeweils als einzelne „Satane“ bezeichnet werden.

Die Erzählung des Henochbuches wurde mit in Verbindung gebracht. Dort werden anstelle der Wächter die „Gottessöhne“ genannt, die sich Frauen unter den Menschentöchtern nehmen; zugleich treten die Nephilim auf, die als „Helden der Vorzeit“ beziehungsweise berühmte Männer beschrieben werden.

Zweites Buch Henoch

Das jüdische Pseudepigraphon 2. Buch Henoch („Slawisches Henochbuch“) bezeichnet die Wächter des 1. Henochbuches als Grigori.Andrei A. Orlov: Dark Mirrors: Azazel and Satanael in Early Jewish Demonology. State University of New York Press, Albany 2011, S. 164, ISBN 978-1-4384-3951-8. Das im slawischen Text verwendete Wort Grigori ist eine TranskriptionAndrei A. Orlov: Dark Mirrors: Azazel and Satanael in Early Jewish Demonology. State University of New York Press, Albany 2011, S. 93, ISBN 978-1-4384-3951-8. des griechischen ἐγρήγοροι (egrḗgoroi) und bedeutet „die Wachsamen“ beziehungsweise „die Wachenden“. Das hebräische Äquivalent ist עִירִים und bezeichnet entsprechend „Wachende“ oder „Wachsame“.

Kapitel 18 beschreibt die Grigori als eine unzählbare Schar von Wesen in menschlicher Gestalt, deren Größe die großer Riesen übertreffe. Sie befinden sich im fünften Himmel und werden als „die Grigori, die mit ihrem Fürsten Satanail den Herrn des Lichts verwarfen“, bezeichnet. Eine Fassung des 2. Henochbuchs gibt ihre Zahl mit 200 Myriaden, also zwei Millionen, an.

Einige der Grigori seien „vom Thron des Herrn zur Erde hinabgestiegen“, hätten dort Frauen geheiratet und „die Erde mit ihren Taten befleckt“. Als Folge seien sie unter der Erde gefangen gesetzt worden.Karel van der Toorn; Bob Becking; Pieter W. van der Horst: Dictionary of Deities and Demons in the Bible. 2. Auflage, Brill, Leiden 1998, S. 893, ISBN 90-04-11119-0. Die Zahl der zur Erde herabgestiegenen Wesen wird gewöhnlich mit drei angegeben, wobei Andrei A. Orlov darauf hinweist, dass andere Handschriften 200 beziehungsweise 200 Myriaden nennen.