Marianne Adler (* 4. April 1888 in Brixen; † 1. August 1952 in Los Angeles), ab 1940 Mary Ann Adler, war eine österreichische Künstlerin und Restauratorin, die unter anderem am Kunsthistorischen Museum in Wien und nach ihrer Emigration in London und Kalifornien tätig war. Adler war eine Nichte des österreichischen Sozialdemokraten Victor Adler. Sie stellte 1908 bei der Kunstschau Wien aus.

Leben Marianne Adler wurde als Tochter des Agronom und Journalisten Heinrich Adler (1860–1937) und der Grafikerin Maria Adler (1863–1947) geboren. Ihre Schwester, Gusti Adler (1890–1985), war ebenfalls Künstlerin sowie Schriftstellerin und Theaterorganisatorin und war von 1919 bis zu seiner Emigration 1939 als Privatsekretärin und enge Mitarbeiterin von Max Reinhardt tätig. Sie entstammte väterlicherseits einer jüdischen Familie.

Durch ihre Ausbildung an der Kunstschule für Frauen und Mädchen in Wien kam Marianne Adler mit dem Umfeld der Wiener Moderne in Berührung. Im Jahr 1908 stellte sie bei der Kunstschau Wien im Wiener Konzerthaus aus, einer von Gustav Klimt und Josef Hoffmann gestalteten Kunst- und Kunsthandwerksausstellung. Zu ihren dort gezeigten Arbeiten gehörten ein Bilder-ABC mit auswechselbaren Bildern und Buchstaben, ein mit Perlen besticktes Täschchen und ein Kinderhäubchen. Ihre Arbeiten wurden im Raum 29 unter dem Titel „Kunst für das Kind“ gezeigt.

Ab Mai 1926 arbeitete Adler in der Restaurierwerkstätte des Kunsthistorischen Museums in Wien. Nach dem „Anschluss“ Österreichs wurde sie bereits am 16. März 1938 vom kommissarischen Leiter Fritz Dworschak ihres Dienstes enthoben. Der Direktor der Gemäldegalerie, Ludwig Baldass, bescheinigte ihr zwar ausgezeichnete technische und künstlerische Leistungen, kritisierte jedoch ihre Arbeitsgeschwindigkeit. Mit Wirkung zum 1. April 1938 wurde ihr Dienstverhältnis gekündigt. Als offizieller Grund wurde ein „nicht erzielter Arbeitserfolg einer Vertragsbediensteten trotz Ermahnung“ angegeben. Die Kündigung erfolgte im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Verfolgung jüdischer und als jüdisch geltender Mitarbeiter. Auch Adlers familiäre Herkunft spielte dabei eine Rolle; ihr Vater Heinrich Adler war 1884 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten.

Bei ihrer Emigration wurde Adler von Kenneth Clark, dem Direktor der National Gallery in London, unterstützt, der sie zeitweise als Restauratorin beschäftigte. Später emigrierte sie in die Vereinigten Staaten und lebte in Kalifornien, wo sie ab 1940 den Namen Mary Ann Adler verwendete. Sie arbeitete als Restauratorin für das Huntington Museum in San Marino und übernahm weitere Aufträge für Museen und private Sammlungen. Im Dezember 1940 widmete ihr das Magazin Life einen Artikel über ihre Entdeckungen bei der Restaurierung des Gemäldes Ecce Homo von Urban Görtschacher. Auch nach ihrer Emigration blieb sie mit dem Kunsthistorischen Museum in Wien verbunden und stand in den 1950er-Jahren mit dessen Direktor der Gemäldegalerie, Ernst Buschbeck, in Kontakt. Ab 1942 arbeitete Adler zudem für das kalifornische Sammlerpaar Louise und Walter Conrad Arensberg, das sie mit der Restaurierung mehrerer älterer und moderner Gemälde aus deren Sammlung beauftragte.

Einige ihrer Arbeiten waren in den 1980er-Jahren in Schloss Leopoldskron ausgestellt; 2010 wurde eine Kohlezeichnung von ihr am Kunstmarkt angeboten. Marianne Adler starb unverheiratet am 1. August 1952 in Los Angeles und wurde auf dem Inglewood Park Cemetery in Kalifornien beigesetzt.

Bekanntschaft mit Bruno Jellinek Im Zuge seiner Flucht aus Österreich im Frühjahr 1938 deponierte Bruno Jellinek einen Teil seiner Kunstsammlung bei ihr in ihrer Wiener Wohnung am Brahmsplatz, wo er die Kunstgegenstände offenbar zunächst in Sicherheit glaubte. Am 17. Juni 1938 wurde die Sammlung durch eine Sicherungsanordnung für die Ausfuhr gesperrt, und Adler wurde angewiesen, die bei ihr verwahrten Kunstgegenstände an die Spedition Caro & Jellinek abzuliefern. Neun weitere Miniaturen aus Jellineks Sammlung waren von Adler „zur kurzfristigen Verwahrung“ in der Zentralstelle für Denkmalschutz verwahrt worden und konnten dadurch vor dem späteren Zugriff der Vugesta gerettet werden. Die bei Adler deponierten Kunstgegenstände waren damit unmittelbar von den Maßnahmen der nationalsozialistischen Behörden gegen Jellineks Vermögen betroffen. Die Wiener Restitutionskommission entschied, die betreffenden Objekte an die Rechtsnachfolger Jellineks zurückzugeben.

Werk Ihr frühes Werk umfasst sowohl Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde als auch kunsthandwerkliche Arbeiten. Während ihre bei der Kunstschau Wien 1908 gezeigten Arbeiten durch flächige, ornamentale und geometrische Gestaltung sowie die Verbindung von Bild- und Gebrauchsgestaltung geprägt sind, zeigen ihre überlieferten Zeichnungen und Gemälde ein breiteres Spektrum von Landschaften, Wiener Stadtansichten, Porträts und Studien.

Einige Werke von Marianne Adler sind im 2022 veröffentlichten Katalog Puppenbilder – Trois artistes viennoises – Archives Marie, Marianne et Gusti Adler dokumentiert, der von Daniel Azoulay (Actualités, Paris) herausgegeben wurde. Der anlässlich des Verkaufs des Familienarchivs erschienene Katalog dokumentiert die Archive von Maria Adler und ihren Töchtern und umfasst 324 Positionen. Für Marianne Adler verzeichnet er unter anderem Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und kunsthandwerkliche Arbeiten. Dazu gehören Aus dem Belvedere, ein Zeichen- und Aquarellalbum von 1906, Wiener Stadtansichten, Porträt- und Blumenstudien sowie eine Studie für ein Porträt von Gusti Adler. Zu den kunsthandwerklichen Arbeiten zählen das Bilder-ABC mit auswechselbaren Bildern und Buchstaben sowie die bestickte und mit Perlen verzierte Taschen, welche 1908 auf der Kunstschau gezeigt wurden.

Tätigkeit als Restauratorin Als Restauratorin arbeitete Adler zunächst in Wien, wo sie seit Mai 1926 in der Restaurierwerkstätte des Kunsthistorischen Museums tätig war. Nach ihrer Entlassung im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938 emigrierte sie nach England. Dort wurde sie von Kenneth Clark, dem Direktor der National Gallery in London, zunächst als Restauratorin beschäftigt. Ab 1940 lebte Mary Ann Adler in Kalifornien und arbeitete für das Huntington Museum in San Marino; daneben übernahm sie Aufträge für weitere Museen und Sammlungen.

Zu den von ihr restaurierten Werken gehörten Urban Görtschachers Ecce Homo sowie das als La Belle Ferronnière bekannte Porträt, welches Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. 1951 untersuchte Adler die Unterschiede zwischen einer amerikanischen Fassung des Gemäldes und dem im Pariser Louvre befindlichen Bild. Dabei wies sie auf zwei unter dem Mund der Dargestellten gemalte Linien hin, die nur auf der amerikanischen Fassung sichtbar waren und die sie als mögliches Kennzeichen der Hand Leonardos interpretierte. Adler war damit aktiv in der Diskussion um die Zuschreibung des Gemäldes beteiligt.

Im Zusammenhang mit den Arensberg-Sammlungen stand sie außerdem mit Fiske Kimball, dem Direktor des Philadelphia Museum of Art, in brieflichem Austausch; die Korrespondenz von 1949 bis 1951 betraf unter anderem La Belle Ferronnière und Tizians Sainte Marguerite et le dragon. Für die Arensbergs übernahm Adler die Restaurierung zahlreicher älterer und moderner Gemälde, darunter Werke von Hieronymus Bosch und Tintoretto (ohne Vornamen genannt) sowie von Paul Klee, Pablo Picasso, Albert Gleizes, Oskar Kokoschka, Amedeo Modigliani, Salvador Dalí, Georges Braque, Joan Miró, Marc Chagall und Robert Delaunay. Zu den genannten Arbeiten zählen unter anderem Dalís Construction molle aux haricots bouillis, Braques La Table und Nature morte, Mirós L’Hermitage, Chagalls Le Poète sowie Delaunays Saint-Séverin und Tour Eiffel.

Zu den von ihr restaurierten Werken Marcel Duchamps gehörten unter anderem Baptême (1911), Adam et Eve (1910), Roi et Reine traversés par des nus en vitesse (1912) und Le Buisson (1911). Sie entfernte beispielsweise Übermalungen, legte ursprüngliche Farbschichten wieder frei, entdeckte Inschriften und führte strukturelle Maßnahmen wie das Neubespanntwerden der Leinwand durch.

Weblinks Adler, Marianne (Mary Ann) | Lexikon Provenienzforschung

Literatur Megan Brandow-Faller: The Female Secession: Art and the Decorative at the Viennese Women’s Academy. University Park, Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press, 2020 Agnes Husslein-Arco; Alfred Weidinger (Hrsg.): Gustav Klimt und die Kunstschau 1908. München: Prestel, 2008 Edan Milton Hughes: Artists in California, 1786–1940. San Francisco: Hughes Publishing Company, 1989

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