mini|Martin van Creveld (2008) Martin Levi van Creveld (; * 5. März 1946 in Rotterdam) ist ein israelischer Militärhistoriker und -theoretiker niederländischer Herkunft. Er ist emeritierter Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er gilt als einer der weltweit führenden Wissenschaftler seines Fachs.
Leben Martin van Creveld wurde im Jahr 1946 in einer jüdischen Familie im niederländischen Rotterdam geboren. Seine Eltern waren Anhänger des Zionismus. Eigenen Angaben zufolge wurden ein Onkel und weitere Verwandte Opfer des Holocausts.Military Martin Striver for a stronger Israel (Interview). In: Jewish Telegraph, 2010.
Nachdem seine gesamte Familie im Rahmen der Alija von 1950 in den neugegründeten Staat Israel übersiedelt war, studierte van Creveld von 1964 bis 1969 Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem (HUJI) und erwarb den Abschlussgrad Master of Arts.Who’s Who in Israel and Jewish Personalities from All Over the World. 1985–1986. Band 20, Bronfman, Tel Aviv 1985, S. 80.
Im Jahr 1964 wurde Van Creveld aus gesundheitlichen Gründen beim israelischen Militär ausgemustert und musste somit keinen Wehrdienst leisten.Hannes Stein: Terroristen werden die Kriege der Zukunft führen. In: Berliner Zeitung. 14. November 1998.
Von 1969 bis 1971 war er Ph.D.-Student (Doktorand) in Geschichte an der London School of Economics (LSE). In seiner Dissertation befasste er sich mit der Strategie der deutschen Wehrmacht bzw. Hitlers im Balkanfeldzug des Zweiten Weltkriegs. Diese Arbeit wurde 1973 als sein erstes Buch veröffentlicht unter dem Titel „Hitler’s Strategy, 1940-41, the Balkan Clue“.
An der Historischen Abteilung der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Hebräischen Universität Jerusalem wirkte van Creveld ab 1971 Lecturer für Geschichte, später wurde er dort Senior Lecturer (1976), Associate Professor (1982) und Professor (1988). Seit 2008 ist er emeritiert.Martin van Creveld, Professor of History, Hebräische Universität Jerusalem, abgerufen am 16. März 2014. Derzeit lehrt er in Programmen an der Universität Tel Aviv, Universität Tel Aviv, abgerufen am 16. März 2014. und der Webster University Geneva., Webster University Geneva, abgerufen am 16. März 2014.
Darüber hinaus war Van Creveld in der Vergangenheit als freier Journalist für die Jerusalem Post tätig und Wingate Fellow für Militärgeschichte an der HUJI. Von 1975 bis 1976 hielt er sich für ein Research Fellowship am Department of War Studies (Abteilung für Kriegsstudien) am King’s College London auf. Von 1980 bis 1981 war er Stipendiat des Humboldt-Institutes in Freiburg im Breisgau.Elizabeth Sleeman (Hrsg.): The International Who’s Who. 2004. Europa Publications, London 2003, ISBN 1-85743-217-7, S. 1723–1724. Von 1986 bis 1987 gehörte er dem Lehrkörper der National Defense University in Washington, D.C. an. Von 1991 bis 1992 war er Professor an der Marine Corps University auf der Marine Corps Base Quantico, Virginia. Von 1999 bis 2000 unterrichtete er am Naval War College in Newport, Rhode Island. 2011 war er Gastdozent am Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrum Trier, wo sein Dienstvertrag jedoch nach Kritik aus der Studierendenschaft vorzeitig aufgelöst wurde.Markus Böhm: Vortrags-Panne: Uni Trier brüskiert renommierten Kriegsforscher. SPON, 27. Oktober 2010. Von 2012 bis 2013 war er Visiting Professor (Gastprofessor) in War Studies am Churchill College der University of Cambridge.Institute for Strategic Dialogue (Hrsg.): London 2012, S. 23–24.
Van Creveld ist weltweit als Referent an militärischen und zivilen Einrichtungen, als Publizist (Foreign Affairs, The Jewish Daily Forward u. a.), und als Berater u. a. für das Pentagon tätig.Burkhard Bischof: Creveld: Kriege gegen Iran? „Das wäre das nächste US-Desasters“ (Interview). Die Presse.com, 5. Mai 2006. Er ist Mitglied im Advisory Editorial Board (Beratenden Herausgebergremium) der Zeitschrift War in History.
Van Creveld publiziert auch Artikel auf Deutsch für das Magazin Focus.
Seine Thesen fanden Anklang in neurechten Medien wie etwa der Wochenzeitung Junge Freiheit, für die er regelmäßig schreibt.Friedhelm Hufen, Die Freiheit der Wissenschaft und ihre "Feinde, LIT-Verlag 2019, S. 273. Die neurechte Zeitschrift Sezession konnte ihn für eine ihrer Ausgaben 2013 gewinnen.Armin Pfahl-Traughber, Zeitschriftenporträt: Sezession. In: Alexander Gallus, Eckhard Jesse, Uwe Backes, Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Band 29, Nomos 2017, S. 217.
Auch der Deutschen Militärzeitschrift gibt er immer wieder Interviews.
Publikationen und Rezeption Van Creveld ist der Autor von 16 Werken zum Thema Militärgeschichte und -strategie, von denen Supplying War: Logistics from Wallenstein to Patton (1977, Neuauflage 2004), Command in War (1985), The Transformation of War (1991), The Sword and the Olive (1998) (zur Geschichte der israelischen Streitkräfte) und The Rise and Decline of the State (1999) zu den bekanntesten gehören. Derselben Thematik nimmt er sich auch in seiner regen Vortragstätigkeit und zahlreichen Aufsätzen an.
Für die britische Tageszeitung The Guardian und ihren Autor Brian Whitaker ist Van Crefeld einer der führenden Militärhistoriker in Israel oder weltweit, dessen Werke die moderne Militärtheorie beeinflusst hätten. Tatsächlich wurde seine Publikation Supplying War: Logistics from Wallenstein to Patton in die „Professional Reading List“ des Chief of Staff of the Army aufgenommen;The U.S. Army Chief of Staff’s Professional Reading List, Ausgabe 2014, U.S. Army Center Of Military History, Fort McNair, o. S. ( PDF) damit ist er einer der wenigen Nicht-Amerikaner auf dieser Liste. Das Urteil Whitakers teilen in ihren Publikationen unter anderen Gwynne Dyer, Robert J. Bunker, und Michael C. Desch und K. H. Hofstede. Klaus Jochen Arnold bezeichnete ihn 2013 in einem Veranstaltungsbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung Brandenburg als weltweit renommiertesten Militärhistoriker. Van Crevelds Bücher (bisher 26) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Im Jahr 1990 wurde ihm der Distinguished Book Award (etwa „Buchpreis mit Auszeichnung“) der Society for Military History verliehen für sein Buch Technology and War: from 2000 B.C. to the Present.Distinguished Book Awards, The Society for Military History, abgerufen am 17. März 2014.
Fighting Power (1989) (Kampfkraft, 1989) Im Vorwort zur Neuauflage des Buches aus dem Jahr 2005 machte van Creveld deutlich, dass er nichts mit den Lesern gemein habe, die seine Darstellung als Entlastung der Wehrmacht hinsichtlich ihrer Beteiligung an Verbrechen missverstehen würden. Die Wehrmacht sei in Verbrechen verstrickt gewesen und habe Verbrechen ermöglicht, sei aber nicht als Organisation verbrecherisch gewesen. In einem Focus-Artikel verglich er außerdem die Armee Israels mit der Wehrmacht: „In Sachen Strategie, Organisation, Doktrin und dem Verhältnis zwischen den drei Waffengattungen ähnelte keine Armee des 20. Jahrhunderts mehr der Wehrmacht als die israelische.“
The Transformation of War (1991) (Die Zukunft des Krieges, 1998) Besondere Bedeutung hat sein vielübersetztes Werk The Transformation of War bekommen. In dieser militärtheoretischen Abhandlung entwickelt der Autor eine von ihm als „nicht-trinitarisch“ bezeichnete Theorie der Kriegsführung, die er der klassischen Theorie von Clausewitz kritisch und zum Teil als moderne Ergänzung gegenüberstellt.Major K. M. French United States Marine Corps, „Clausewitz vs. the Scholar: Martin Van Creveld’s Expanded Theory Of War“.
In seiner Theorie stellt Van Creveld zunächst das Versagen der atomaren Abschreckung und die Veränderung des Charakters des Krieges nach 1945 dar. Die traditionelle idealtypische Trennung in der „Clausewitzschen Welt“ der Vergangenheit zwischen den Angelegenheiten (affairs) der Bevölkerung, der Armee und der Regierung kritisiert Van Creveld als zu eng und auf den Staat zentriert. Daher sei dieser „trinitarische“ Ansatz (so Van Crefeld über die Dreiheit der von Clausewitz erörterten Schlüsselbegriffe zum Verständnis des Krieges: Zweck, Ziel und Mittel), der schon im Totalen Krieg versagt habe, nicht geeignet, heutige „low intensity“ Konflikte zu analysieren oder erfolgreich zu bestehen, die einen oder mehrere nichtstaatliche Akteure und eine unkonventionelle Form der Kriegsführung einschließen. Daher hätten mächtige Staaten die meisten der militärischen Konflikte nach 1945 verloren. Seiner Meinung nach erleben wir einen Niedergang der Nationalstaaten ohne gleichzeitigen Rückgang der organisierten Gewalt. Trotzdem bereiteten sich die Streitkräfte immer noch auf eine konventionelle Kriegführung vor und seien entsprechend ausgerüstet, währenddessen die Art der Konflikte sich wesentlich verändert habe. Daraus leitet Creveld die Forderung nach einer Reform der Ausbildung und Bewaffnung der Streitkräfte ab, dazu eine Veränderung der Militärstrategie. Die Lösung der Probleme liege auf der konzeptionellen Ebene. Er stellt – anstelle von drei – nunmehr fünf Schlüsselaspekte des Krieges dar, von denen er den dritten, die Militärstrategie, für den entscheidend wichtigen hält: Wer den Krieg führt – staatliche und nichtstaatliche Akteure; Worum es im Krieg geht – die Beziehungen der Akteure und der Nichtakteure; „Wie der Krieg geführt wird – Themen der Strategie und Taktik“ Wofür der Krieg geführt wird – zur Erhöhung der staatlichen Macht oder als Ziel in sich selbst; Warum der Krieg geführt wird – die Motivation des einzelnen Akteurs. Diese fünf Fragen sind zugleich Themen der Kapitel 2–7.
Creveld unterscheidet mehrere Formen „nichtpolitischer“ Kriege, bei denen es um Gerechtigkeit oder Recht (justice), Religion oder um die reine Existenz geht. Dabei beeinflussten die Ziele auch die Mittel und den Charakter der Kriegführung: Beim Kampf ums Überleben verlören alle Maßstäbe ihre Bedeutung, auch die größte Niederlage verstärke den Willen zur Weiterführung und Totalisierung des Kriegs. Bei begrenztem Einsatzwillen sei ein Angreifer diesem Willen auch bei militärischer Überlegenheit nicht gewachsen.
Bei der Motivation stellt Creveld das Individuum, den Soldaten oder Kämpfer, in den Mittelpunkt. Menschen beteiligten sich nicht wegen eines Tötungswunsches an Kriegen, sondern wegen des Risikos.
Im letzten Kapitel prognostiziert Creveld, konventionelle Kriege seien nicht mehr durchführbar und könnten Sicherheit nicht mehr dauerhaft gewährleisten. Nichtstaatliche Gruppen würden neuartige Kriege führen, bei denen es auch keinen Unterschied mehr zwischen Zivilbevölkerung und Kombattanten gebe und territoriale Grenzen unverbindlich würden. Krieg sei dabei oft Selbstzweck, was Creveld aus anthropologischen Grundlagen zu erklären versucht.
In der Rezension von H-Soz-Kult wird kritisiert, die Clausewitzinterpretation sei teilweise unzutreffend, die Überlegungen anregend, aber zum Teil fragwürdig. Es handele sich teilweise um Simplifizierungen und gezielte Fehlinterpretationen. Zum Ansatz insgesamt wird festgestellt: „Die durchgängig zu beobachtende Motivation des Autors durch die Sorge um die prekäre Sicherheitslage Israels mag dem mitteleuropäischen Leser manche Aussagen überzeichnet erscheinen lassen. Dafür verblüfft die Auseinandersetzung van Crevelds mit der deutschen Kriegstheorie und dem deutschen Staatsbegriff des 19. und früheren 20. Jahrhunderts, denen der Autor in höherem Masse verhaftet ist, als er selbst kenntlich macht.“
Bis Mitte 2008 war dieses Buch Pflichtlektüre für Offiziere der United States Army und (mit Sun Tzu und Clausewitz) der dritte Titel auf der Liste zu lesender Bücher.Brian Whitaker: Nowhere to run. In: The Guardian. 29. November 2005. Auch Van Crevelds Supplying War: Logistics from Wallenstein to Patton ist Teil dieser Lektüreliste.
Über die Terrorismusbekämpfung (2004)