Christian Gartmann (* 15. Februar 1930 in Schiers) ist ein Schweizer Romanist, Dialektologe und Professor für Französisch und Italienisch.

Leben Christian Gartmann besuchte die Schulen in Chur und immatrikulierte sich danach an der Universität Zürich, wo er Französisch und Italienisch bei den Professoren Theophil Spoerri, Konrad Huber, Reto Bezzola und Arnald Steiger studierte. 1952/53 studierte er an der Sorbonne in Paris, 1953/54 verbrachte er dank eines Stipendiums ein weiteres Auslandssemester an der Scuola Normale Superiore in Pisa. 1956 promovierte er mit der von Steiger und Huber betreuten Dissertation «Die Mundart von Sorso (Provinz Sassari, Sardinien)», der Themenvorschlag stammt dabei vom berühmten Romanisten Max Leopold Wagner (Washington).Christian Gartmann: Die Mundart von Sorso. Juris Verlag, Zürich 1967. 1957 wurde Gartmann als Professor für Französisch und Italienisch und Italienisch an die Bündner Kantonsschule in Chur berufen, wo er 1995 pensioniert wurde. Gartmann ist der Vater des Cellisten Luzius Gartmann und des Musikwissenschaftlers Thomas Gartmann.

Wissenschaftliche Bedeutung Gartmann untersuchte die lokale Mundart (Sussincu) der Gemeinde Sorso im Norden Sardiniens. Die Sprache dort nimmt eine faszinierende Sonderstellung ein als Bindeglied zwischen dem Sassaresischen (einem stark toskanisch beeinflussten Dialekt) und dem archaischen sardischen Logudoresisch. Gartmann wies in seiner Arbeit nach, dass die sprachlichen Merkmale in Sorso quantitativ extrem ausbalanciert sind. Er zeigte auf, wie urtümliche sardische Lautstände direkt neben neueren, aus Pisa und Korsika importierten Sprachelementen koexistieren. Mit minutiös erhobenen Daten wird so bewiesen, dass Dialekte in Sprachgrenzregionen nicht willkürlich zerfallen, sondern quantitativ stabile, eigenständige Systeme bilden. Entsprechend oft werden seine Forschungen bis heute international zitiert.Eduardo Blasco Ferrer: Storia linguistica della Sardegna. De Gruyter, Berlin 1984.Joachim Lengert: Romanische Phraseologie und Parömiologie. Band 2: Katalanisch-portugiesisch-provenzalisch-rumänisch-sardisch-spanisch. Gunter Narr Verlag, Tübingen 1999.

Die Dissertation von Christian Gartmann ist eine wegweisende mikro-linguistische Monografie zur sardischen Dialektologie. Sie füllt eine entscheidende Lücke im Verständnis der Übergangsmundarten im Nordwesten Sardiniens. Methodisch basiert sie auf Feldforschung und orientiert sich an der klassischen "Wörter und Sachen"-Schule, die Max Leopold Wagner etabliert hatte. Er verbrachte viel Zeit vor Ort in Sorso, um die native Bevölkerung direkt zu befragen und sprachliche Daten phonetisch präzise zu transkribieren. Nach einer Einführung zu Sorso und seinen Bewohnern und einer historischen und linguistischen Kontextualisierung sowie methodischen Überlegungen stellt die Untersuchung zunächst eine umfassende Lautlehre vor. Eine akribische Analyse zeigt in dieser historischen Phonetik, wie sich die lateinischen Vokale und Konsonanten im lokalen Dialekt verändert haben (z. B. die für das Sassaresische typische Abschwächung von intervokalischen Konsonanten). Besondere Berücksichtigung finden hier auch typische Phänomene wie Konsonantenverbindungen und -umstellungen, Nasalverbindungen und eine ausgesprochene Differenzierung nach sozialer Schichtung.Laura Linzmeier: Compendium of the Sassarese Language: A Survey of Genesis, Structure, and Language Awareness. Studia linguistica et philologica, 3, Ibykos-Verlag, Norderstedt 2019

Ein zweiter Teil widmet sich der Morphosyntax, also der Wortbildungslehre. Hier interessieren insbesondere spezifische grammatikalische Strukturen wie Nominalsuffixe oder eine differentielle Objektmarkierung, bei der etwa die Präposition a bei belebten direkten Objekten vorangestellt wird. Besonderes Augenmerk erfährt auch der Elativ, die Steigerungsformen eines Adjektivs etwa als Suffixhäufung beim Diminutiv oder spezielle appretiative Funktionen (caritativ oder pejorativ). Eigentümlichkeiten wie die affektgeladene Verstärkung der Negation oder die Verstärkung durch das Gegenteil werden ebenso beleuchtet wie Intensitätsadverbien oder die Iteration.

Grosse ethnologische wie historische Bedeutung hat die Arbeit schliesslich auch dank der Erfassung des lokalen Vokabulars einschliesslich landwirtschaftlicher und handwerklicher Fachbegriffe, um etymologische Schichten (Sardisch, Genuesisch, Toskanisch, Katalanisch, Spanisch) freizulegen. Dies gilt umso mehr, weil die 1950er- und 1960er-Jahre den Beginn der massiven Italianisierung Sardiniens durch Schule und Massenmedien und zugleich wenig später auch einer Technisierung und Industrialisierung markierten. Gartmann erfasste die Mundart von Sorso zu einem Zeitpunkt, als sie im Alltag der älteren, oft analphabetischen Dorfbevölkerung noch weitgehend intakt und unberührt vom Standarditalienischen war. Seine Monografie gilt daher heute als das wichtigste sprachliche Archiv eines sardischen Dorfes und bedeutet auch eine Rettung des immateriellen Kulturguts durch Oral History. Seine gedruckte Dissertation hat deshalb auch bis heute einen Ehrenplatz im Gemeindemuseum und auf der Tourismus-Website von Sorso findet sich ein Essay über seine Feldforschung inklusive einer Fotografie von ihm und seiner Frau Cécile Gartmann-Renold.

Einzelnachweise

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