Manfredo Barbarino Lupo (latinisiert Manfredus Barbarinus Lupus) war ein italienischer Sänger und Komponist des 16. Jahrhunderts, der wahrscheinlich aus Correggio in der Emilia-Romagna stammte. Seine genauen Geburts- und Sterbedaten sind unbekannt. Er ist erstmals 1557 als Kantor in Locarno nachweisbar und wirkte anschließend unter anderem in Basel, Augsburg und St. Gallen. Ein eigenhändiger Eintrag in einem Album amicorum belegt seine Anwesenheit am 21. April 1564 in Dole; er muss daher nach diesem Datum gestorben sein.

In der neueren Forschung, insbesondere im Zusammenhang mit den St. Galler Handschriften, wird er auch als Manfred Barbarini Lupus geschrieben. Die zeitgenössischen Drucke von 1558 und 1559 nennen ihn dagegen lateinisch als Manfredum Barbarinum Coregiensem Lupum bzw. Manfredo Barbarino Coregiensi Lupo. Die latinisierte Nominativform Manfredus Barbarinus Lupus ist ebenfalls seit dem 19. Jahrhundert wissenschaftlich belegt.

Leben Über Lupos Herkunft und Jugend ist wenig bekannt. Der Beiname Coregiensis in seinen Drucken weist auf Correggio als Herkunftsort hin. Sein Geburtsjahr lässt sich aus den bekannten Quellen nicht bestimmen. Auch ein genaues Todesdatum ist unbekannt.

Von Arnold Geering wird er mit einem Martin Lupus/Wolff aus Correggio gleichgesetzt, der 1572 als Organist am Dom von Chur und dann bis 1576 an St. Leodegar im Hof in Luzern belegt ist.Arnold Geering: Homer Herpol und Manfred Barbarini Lupus. In: Edgar Refardt, Hans Ehinger, Wilhelm Merian (Hrsg.): Festschrift Karl Nef zum 60. Geburtstag. Zürich/Leipzig 1933, S. 48–71. Diese Gleichsetzung gilt jedoch als wenig wahrscheinlich.Therese Bruggisser-Lanker: Musik und Liturgie im Kloster St. Gallen im Spätmittelalter und in der Renaissance. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-27912-4, S. 94.

Locarno 1557 ist Lupo als Kantor in Locarno belegt. Über seine dortige Tätigkeit und seine vorherigen Lebensstationen sind keine gesicherten Nachweise bekannt. Seine spätere Verbindung zu humanistischen Kreisen der Schweiz zeigt sich unter anderem in der Auseinandersetzung mit den Schriften des Schweizer Humanisten Heinrich Glarean.

Basel 1558 hielt sich Lupo in Basel auf. Dort erschien beim Drucker Hieronymus Curio seine Sammlung Symphoniae seu insigniores aliquot ac dulcisonae quinque vocum melodiae super D. Henrici Glareani Panegyrico de Helvetiarum tredecim urbium laudibus. Die Widmung an Cristoforo Torricelli, Archidiakon des Basler Domkapitels, ist auf den 14. Dezember 1558 datiert. ie Sammlung vertont Gedichte Heinrich Glareans aus dessen Descriptio Helvetiae über die dreizehn eidgenössischen Orte sowie weitere Gedichte über Lugano und Locarno und Lobgedichte auf Glarean und Torricelli. Sie wurde 1559 erneut als Anhang zu einer Ausgabe von Glareans Dodecachordon gedruckt.

Die Zuschreibung der Musik an Lupo ist heute allerdings widerlegt. Untersuchungen von Martin Ham (University of Surrey) haben gezeigt, dass die siebzehn fünfstimmigen Stücke der Sammlung auf Motetten Vincenzo Ruffos aus dessen 1542 erschienenem Primo libro de motetti a cinque voci beruhen. Lupo ersetzte die ursprünglichen Texte durch die Gedichte Glareans und weitere Texte und nahm teilweise musikalische Veränderungen vor. Die Sammlung wird daher als Plagiat Lupos bewertet.

Augsburg 1560 erschien in Augsburg Lupos Sammlung Cantiones sacrae mit vierstimmigen Motetten. Auch bei diesem Druck wurden nach den Untersuchungen Hams Motetten von Maistre Jhan und Leonardo Barré als Vorlagen für Lupos Plagiate ausgemacht.

St. Gallen Eine wesentlich bedeutendere Tätigkeit entfaltete Lupo in St. Gallen. Unter dem Fürstabt Diethelm Blarer von Wartensee wurde er um 1560 mit der Einrichtung eines umfangreichen vierstimmigen Zyklus für die Liturgie des Klosters beauftragt. Gegenstand waren Gesänge für die Messe und das Stundengebet an hohen Festtagen.

Die Kompositionen beruhen auf den Melodien des gregorianischen Chorals. Der Choral liegt in der Regel als rhythmisch gleichförmiger cantus firmus im Tenor; diese Stimme ist in der in St. Gallen üblichen Hufnagelnotation geschrieben, während Sopran, Alt und Bass in weißer Mensuralnotation notiert sind. Die Werke wurden in zwei großformatigen Pergamenthandschriften überliefert (Graduale: Cod. Sang. 542; Antiphonar: Cod. Sang. 543). Die Handschriften entstanden in den frühen 1560er Jahren und enthalten insgesamt rund 204 vierstimmige Kompositionen für das Kirchenjahr.

Die Einführung der Mehrstimmigkeit in die St. Galler Liturgie war offenbar nicht unumstritten. Der St. Galler Mönch Mauritius Enk verfasste zeitgleich zwei Reden zur Verteidigung der mehrstimmigen Musik. In einer dieser Schriften nennt er Lupo und beschreibt dessen kompositorisches Verfahren, bei dem mehrere Stimmen über einem unverändert bleibenden Choral erklingen. Die St. Galler Arbeiten bilden das wichtigste erhaltene Zeugnis für Lupos tatsächliche kompositorische Tätigkeit.

Dole Ein besonders wichtiger biografischer Beleg befindet sich im Album amicorum des Veit Seytz. Auf Folio 191 schrieb sich Lupo eigenhändig als Manfredus Barbarinus Lupus ein und datierte den Eintrag auf den 21. April 1564 in Dole (Burgund). Der Eintrag enthält außerdem eine Notenzeile und ein Wappen. Damit ist belegt, dass Lupo am 21. April 1564 noch lebte. Ein in einigen Nachschlagewerken überliefertes Todesjahr 1560 ist daher nicht haltbar.

Rezeption und Forschung Lupo wird seit dem 19. Jahrhundert in der Musikwissenschaft untersucht. Raymund Schlecht veröffentlichte 1871 die Studie Manfredus Barbarinus Lupus Corregiensis Italus. 1979 widmete Fernando Ghilardotti ihm die Untersuchung Manfredus Barbarinus Lupus, „Cantor“ in Locarno.

Die neuere Forschung hat insbesondere die Zuschreibung seiner frühen Druckwerke untersucht und diese als Plagiate aufgedeckt. Martin Ham zeigte 2018 in seiner Studie Ravens and Swans: Manfred Barbarini Lupus and Two Fraudulent Music Prints, dass die beiden Drucke von 1558 und 1560 auf Motetten anderer Komponisten beruhen.

Die St. Galler Handschriften waren Gegenstand eines Editionsprojekts der Universität Tübingen. Die Edition Cantus coagulatus erschließt die vierstimmigen Kompositionen für Messe und Offizium, die Lupo um 1560 für das Kloster St. Gallen schuf.

Gedruckte Werke Symphoniae seu insigniores aliquot ac dulcisonae quinque vocum melodiae super D. Henrici Glareani Panegyrico de Helvetiarum tredecim urbium laudibus, Basel 1558 (2018 als Plagiat aufgedeckt) Musicae epitome ex Glareani Dodecachordo, mit den fünfstimmigen Melodien über Glareans Panegyricum, Basel 1559 (Zweitveröffentlichung der Werke von 1558) Cantiones sacrae, Augsburg 1560 (2018 als Plagiat aufgedeckt)

Literatur Raymund Schlecht: Manfredus Barbarinus Lupus Corregiensis Italus. In: Monatshefte für Musikgeschichte, 3, 1871, S. 12–24; digitale-sammlungen.de. Arnold Geering: Homer Herpol und Manfred Barbarini Lupus. In: Edgar Refardt, Hans Ehinger, Wilhelm Merian (Hrsg.): Festschrift Karl Nef zum 60. Geburtstag. Zürich/Leipzig 1933, S. 48–71. Fernando Ghilardotti: Manfredus Barbarinus Lupus, „Cantor“ in Locarno. In: Schweizerische Musikzeitung, 119, 1979, S. 125–127.

Therese Bruggisser-Lanker: Musik und Liturgie im Kloster St. Gallen im Spätmittelalter und in der Renaissance. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-27912-4; doi:10.13109/9783666279126 (zugleich: Dissertation Universität Bern 1999). Martin Ham: Ravens and Swans: Manfred Barbarini Lupus and Two Fraudulent Music Prints. In: Revue belge de Musicologie, 72, 2018, S. 313–340; .

Weblinks Edition Barbarini Lupus, Stiftsbibliothek St. Gallen (Gesamt-Edition der überlieferten Musik von Manfred Barbarini Lupus für das Kloster St. Gallen in moderner Umschrift als PDF).

David Amherdt: Anonym. Gedichte über Lugano, Locarno, Glarean und Torricelli. In: Humanistica Helvetica, Version vom 9. Oktober 2024.

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