Manfred Miersch (* 1961 in West-Berlin) ist ein deutscher bildender Künstler und Klangforscher. Sein Werk reicht von Objekt-, Installations- und Konzeptkunst bis zu klangkünstlerischen Arbeiten. International bekannt wurde er als Wiederentdecker des in der DDR entwickelten Klangerzeugers Subharchord. Miersch lebt und arbeitet in Berlin.
Leben
Miersch studierte 1982 bis 1985 Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, anschließend von 1985 bis 1988 Freie Kunst an der Hochschule der Künste (HdK) Berlin bei Dieter Appelt und von 1988 bis 1992 mit Diplomabschluss Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste (HfBK) Hamburg bei Franz Erhard Walther. An der HdK Berlin war er zugleich als Videotutor tätig. Von 1994 bis 1999 hatte er dort einen Lehrauftrag für Bildhauerei und Malerei.Jens Asthoff: Manfred Miersch. Mysterien der Signifikation. In: Kunstforum International, Bd. 151, 2000, S. 274–281 Während des Studiums und in den Jahren danach war Miersch mit Ausstellungsbeteiligungen in Galerien, Kunstvereinen und Museen präsent.
Bereits während seiner künstlerischen Ausbildung war Miersch mit Klangperformances aktiv und als Gitarrist in Punkband-Formationen der Westberliner Szene der 1980er Jahre. In dieser Zeit entstand sein erster Kontakt mit der Geschichte subharmonischer Klänge. Eine frühe Bandaufnahme wurde im Dachgeschoss der damaligen HdK Berlin eingespielt, in jenem Raum, in dem zuvor Oskar Sala jahrelang an seinem Trautonium gearbeitet hatte.Amazing Readers Music: Manfred Miersch „Subharchord Favourites“, Amazona.de, 10. April 2021 (Selbstauskunft Miersch: erste Bandaufnahme im Dachgeschoss der damaligen HdK Berlin, Fasanenstraße 1B, dem früheren Trautonium-Arbeitsraum Oskar Salas; „Multiples“-Selbstverständnis)
1997 vertiefte Miersch seine Beschäftigung mit elektronischer und elektroakustischer Musik und gründete das Ensemble atelierTheremin.Interview: Manfred Miersch und das Subharchord (1962), Amazona.de (Gitarrenunterricht 1977, Theremin-Studium 1998/2000 bei Smirnov und Kavina, Zodiak-Aktivität 2009–2011, Subharchord-Recherchebeginn Juli 2000) Das Theremin-Spiel erlernte er 1998/2000.
Seit der Jahrtausendwende wurde die Erforschung subharmonischer Klangerzeugung zu einem wichtigen Beschäftigungsfeld für Miersch. Er stieß auf Hinweise zur Existenz des in der DDR entwickelten Subharchord und begab sich auf die Suche nach dem in Vergessenheit geratenen Instrument. Der Tagesspiegel bezeichnete ihn 2005 als „den eigentlichen Entdecker des Gerätes“.Bodo Mrozek: Genosse Techno. In: Der Tagesspiegel, 24. Juli 2005
Von 2009 bis 2011 organisierte und kuratierte er mit seinem Label Krautopia eine Veranstaltungsreihe am historischen Ort des Berliner Zodiak Free Arts Lab.Manfred Miersch, Dozentenprofil, bbk-bildungswerk.de
Er ist Mitbegründer der Medienwerkstatt des bbk berlin und dort seit 2012 als Mitarbeiter tätig, mit dem Schwerpunkt analoge Klangsynthese und modulare Synthesizer.Team – Medienwerkstatt, bbk-kulturwerk.de 2017 realisierte Miersch die vierteilige Reihe Recalling Utopia: 1967•2017 zur nordamerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre. Gemeinsam mit Frauke Boggasch kuratierte er 2024–2026 die sechsteilige Vortragsreihe „Rumours of Noise“ innerhalb der Media and Music Talks der Medienwerkstatt.
Anlässlich des 70. Geburtstags seines früheren Lehrers Franz Erhard Walther vermittelte Miersch 2009 dessen Ausstellung Skulptur antwortet im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus (9. Mai – 26. Juli 2009) und führte zur Finissage gemeinsam mit Walther eine Werkvorführung von dessen Arbeit Ruf an den Modelleur (1986) vor geladenem Publikum durch.Anno Saul (Fotodokumentation): Skulptur antwortet – Franz Erhard Walther im Mies van der Rohe Haus, private Bildsequenz, manfred-miersch.com Im Katalog zur Ausstellung erschien ein von Miersch geführtes Interview mit Walther, das 2017 in den internationalen Retrospektiv-Katalog Franz Erhard Walther: Dialogues zur Ausstellung im Museo Reina Sofía, Madrid, aufgenommen wurde.Erik Verhagen (Hrsg.): Franz Erhard Walther: Dialogues. Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid 2017, S. 40–41 (Wiederabdruck des Interviews von Manfred Miersch mit Franz Erhard Walther, urspr. in: Skulptur antwortet, Mies van der Rohe Haus, Berlin 2009, S. 24–25)
2007 komponierte Miersch im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) ein halbstündiges Stück für ein Planetarium. Er ist Mitglied der „initiative neue musik berlin e.V.“Ilka Forst und Manfred Miersch, kulturhaus-schoeneberg.de und war Stipendiat des Deutschen Musikfonds (Stipendienprogramm STIP).Projektübersicht: STIP und FEB Sonderprogramme, musikfonds.de (Manfred Miersch unter „Ehemalige Stipendiat:innen“, Stipendienprogramm STIP I, II und III) 2020 komponierte er die Filmmusik zu Grève ou crève von Jonathan Rescigno, der im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin gezeigt wurde; weitere Filmmusik-Credits verzeichnet die Internet Movie Database unter anderem für The Musician, the Painter, the Designer and the One Who Is Still Searching (2014) und Strike or Die (2020).Manfred Miersch, IMDb
Werke und Tonträger von Miersch befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, darunter im Staatlichen Kupferstichkabinett Berlin, im Documenta Archiv Kassel, in der Kunstsammlung der E.ON Hanse Hamburg, im Neuen Berliner Kunstverein, in der Berlinischen Galerie und im Oberhessischen Museum Gießen.
Werk
Bildende Kunst
Mierschs bildkünstlerisches Werk kreist um die Befragung kunstimmanenter Konventionen (etwa der Kategorien Bild, Objekt, Skulptur, Sockel oder Präsentation) und um deren gezielte Verschiebung. Der Kunstkritiker Jens Asthoff beschrieb dieses Vorgehen als eine „produktive Demontage“ ästhetischer Konventionen. Miersch nutze demnach die Regeln des Kunstbetriebs, um sie offenzulegen und in ihrer Bedingtheit sichtbar zu machen.
Frühe Arbeiten wie die Transportable Baustellenumgrenzung (1988) und der Altar für Arbeiter (1988) verbinden Alltagsgegenstände oder -symbole mit den formalen Mitteln der bildenden Kunst. Die Baustellenumgrenzung, im Koffer transportierbar, bewegt sich zwischen skulpturalem Objekt und funktionsfähiger Absperrung. Der Altar für Arbeiter überträgt die Form eines traditionellen Flügelaltars auf das Bild einer Arbeitsweste. Im Bauhaus-Bausatz (1989/90) griff Miersch die Form des Triptychons auf und präsentierte das Werk je nach Ausstellungskontext als verpackten Bausatz oder aufgebaute Rahmenkonstruktion. Diese Variabilität der Darstellung ist für sein Frühwerk charakteristisch. In der Werkgruppe Stücke (1991) verbarg Miersch gerollte Handzeichnungen innerhalb kastenförmiger Bildobjekte und kehrte damit das übliche Verhältnis von Präsentation und Lagerung eines Kunstwerks um.
Für eine Ausstellung des documenta-Archivs Kassel im Rahmenprogramm der documenta IX realisierte Miersch 1992 die Arbeit Variable Struktur (Monument für die 9. Internationale), eine begehbare, gitterartige Konstruktion aus Aluminiumvierkantstäben und Schraubzwingen. Der Kunstkritiker Thomas Wulffen ordnete das Werk in Mierschs übergreifende Beschäftigung mit dem Wechselverhältnis von „Objekt-“ und „Metaebene“ ein, das er als „Metaierung“ bezeichnete. Die Installation transformiert demnach ein von Miersch zuvor entwickeltes Klassifikationssystem für Kunst-Einladungspostkarten in eine räumliche Struktur und macht damit den Ankündigungsapparat des Kunstbetriebs selbst zum Werkgegenstand.Thomas Wulffen: Manfred Miersch. In: Kunstforum International, Bd. 125, 1994, S. 141–142
Auch die Werkserie Absolute Objekte (Mengenelemente) (1993/94) aus Gips und Silikon-Kautschuk thematisiert die Marktförmigkeit von Kunst. Miersch versah die Objekte dafür mit in die Arbeiten eingeprägten Verkaufspreisen. Als er die Serie 1997 im Haus am Lützowplatz in Berlin zeigte, ließ er auf dem Titelblatt des begleitenden Katalogs lediglich den Verkaufspreis der Publikation selbst abdrucken. In ihrem Katalogtext deutete die Kunsthistorikerin Barbara Straka die Arbeiten als Entlarvung des Kunstwerks als bloßem Warenwert.Jürgen Raap: Kunst und Kapital: metaphorische Symbiose und politische Kritik. In: Kunstforum International, Bd. 149, 2000, S. 56–65 (darin zitiert: Barbara Straka, „Strukturreform“, in: Manfred Miersch „DM 20,-“, Kat. Berlin 1997) Verwandte Fragestellungen verfolgen die Arbeiten Die Zeichnung als Sockel und Sockel für ein Gerätekabel in einem Ausstellungsraum, die den in der Gegenwartskunst gebräuchlichen Sockel als Schnittstelle zwischen Fiktion und praktischer Funktion thematisieren.
Mit dem Projekt Art Cologne '94 wandte sich Miersch dokumentarisch dem Kunstbetrieb selbst zu. In zahlreichen Einzelfotografien hielt er das Selbstpräsentationsverhalten von Galeristinnen und Galeristen auf der Kölner Kunstmesse fest.
Im Kunstverein Braunschweig realisierte Miersch 1999 die Rauminstallation Meditationsraum für eine Ausstellung der fiktiven „Gemeinschaft der Freunde des Wirkenden Lichts“. Die Installation bestand aus drei „Meditationstafeln“ mit zugehörigen Treppenbankvorbauten, dem „Altar [Transluzentes Diptychon]“ sowie einem Filter für das einfallende Tageslicht, das den gesamten Raum in ein rötliches Licht tauchte. Diese Inszenierung verwandelte den „white cube“ des Ausstellungsorts in einen an religiöse Vorbilder angelehnten Kultraum (wie etwa Rudolf Steiners Goetheanum oder Bruno Tauts 1914 realisiertes Glashaus), ohne sich einer bestimmten Konfession zuzuordnen. Miersch thematisierte damit die lebensreformerischen Utopien der 1920er Jahre und deren Hang zum Gesamtkunstwerk. Asthoff liest die Arbeit als Zuspitzung von Mierschs grundsätzlichem Interesse an der Frage nach dem „metaphysischen Bedürfnis“ (Kant) und dessen ästhetischen Vermittlungsformen. Dieser Aspekt findet sich in Ansätzen bereits in älteren Arbeiten wie dem Bauhaus-Bausatz. 2008 zeigte das Oberhessische Museum Gießen die Einzelausstellung gebaut/gezeichnet mit eigenem Katalog.Manfred Miersch: gebaut/gezeichnet, giessen.de
Mit Beginn der 2000er Jahre verband sich Mierschs Kunstpraxis und Ausstellungstätigkeit zunehmend mit der Klangarbeit. Das Werk Lichtmusik (2013) ist ein digitales interaktives Tagebuch. Durch den Einsatz von RFID-Technik verknüpft das Buchprojekt Elemente bildender Kunst mit Klangkunst. Beim Blättern werden Seiten aktiviert, die den sieben Wochentagen zugeordnet sind; jede Seite löst einen vordefinierten Farblichtkegel und einen mittels analoger Synthesizertechnik erzeugten Sinuston aus. Die Farb-Ton-Zuordnungen verknüpfen die Wochentag-Farb-Systematik Karlheinz Stockhausens mit Alexander Skrjabins Farb-Ton-Lehre. Die Arbeit ist beiden Komponisten gewidmet und versteht sich zugleich als Hommage an Lightshow-Pioniere der 1960er Jahre wie Glenn McKay, Jerry Abrams, Joshua White und Conrad Schnitzler. Das RFID-Buch entstand in Kooperation der Medienwerkstatt Berlin mit dem Forschungs- und Weiterbildungszentrum für Kultur und Informatik (FKI) der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin als Teil des Projekts BeWITEC, gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE).Manfred Miersch: „Lichtmusik“ (Digital Diary / RFID-Book), 2013, Video-Dokumentation, Kanal Krautopia, YouTube, hochgeladen 23. Februar 2014