Jürgen Werner (* 1956 in Aschaffenburg)Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 2003. Band III (Schr–Z), K. G. Saur, München 2003, S. 3659. ist ein deutscher Philosoph, Hochschullehrer und Autor.
Leben Werner studierte Katholische Theologie an der Hochschule Sankt Georgen der Jesuiten in Frankfurt am Main sowie Philosophie und Germanistik an der Goethe-Universität Frankfurt. 1984 wurde er an der Philosophischen Fakultät promoviert. Die Dissertation Darstellung als Kritik. Hegels Frage nach dem Anfang der Wissenschaft erschien 1986 in der Reihe Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie und Pädagogik (Band 204) im Bouvier Verlag, Bonn.Deutsche Nationalbibliothek: Darstellung als Kritik, Datensatz.
Im Jahr 1984 trat Werner in die Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein und wechselte nach eineinhalb Jahren zum FAZ-Magazin. Bis 1998 war er Redakteur der Zeitung.zu Klampen Verlag: Autor Jürgen Werner
An der Universität Witten/Herdecke ist er seit 2000 Honorarprofessor für Philosophie und Rhetorik und lehrt im Studium fundamentale.Seminarankündigung „Der Wille zur Macht. Auch eine Einführung in die Philosophie“, Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke, Sommersemester 2026 (abgerufen am 10. August 2026)Lehrveranstaltungen, juergen-werner.comPhilosoph Jürgen Werner: „Dann stehen wir vor uns selber“. In: WirtschaftsWoche, 28. Juni 2018 Daneben ist er als Managerberater tätig, unter anderem viele Jahre für die Strategieberatung Boston Consulting Group.Prof. Jürgen Werner – Philosoph und Unternehmensberater. entrepreneurship.de, 8. April 2017
Werner lebt in Frankfurt am Main.
Werk Werners Denken setzt nicht bei Systemen an, sondern bei einzelnen Wörtern. Sein Verfahren hat er selbst als das Bemühen beschrieben, „Wörter im Besitz ihrer Bedeutungen“ zu stören: Ein geläufiger Begriff wird so lange befragt, bis er wieder auffällt. Sprachkritik im engeren Sinn ist damit nicht gemeint: Nicht die Sprache selbst ist der Gegenstand, sondern das Leben, auf das die Wörter deuten und dem sie entstammen. In jedem Begriff vermutet Werner einen Überschuss an Bedeutung, der sich erschließen lässt, sobald man ihn irritiert.Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens. tertium datur, Frankfurt am Main 2014, Vorwort, S. 7–11.
Damit verbunden ist ein Vorrang der Frage vor der Antwort. Im Essay Freundschaft mit der Frage (2008) stellt Werner Sokrates, der alles befragt, dem Redner Gorgias gegenüber, der auf alles eine Erwiderung bereithält – eine Entgegensetzung, die zugleich den Zusammenhang der beiden von ihm gelehrten Fächer begründet: „Die Frage konkretisiert die Antwort, nicht umgekehrt.“Freundschaft mit der Frage. In: Guido Schlimbach (Hrsg.): Für Friedhelm Mennekes. Kunst-Station Sankt Peter Köln. Wienand, Köln 2008, ISBN 978-3-87909-961-0, S. 215.
Die Form seiner Texte ist überwiegend die kurze Prosa: der Essay, die Miniatur, der Aphorismus. Ganz anders Werners Dissertation Darstellung als Kritik (1986): Sie untersucht Hegels Frage nach dem Anfang der Wissenschaft der Logik und die Verschränkung von Darstellung und Kritik als Bewegungsprinzip der dialektischen Methode.
1990 veröffentlichte Werner in dem von Michael Krüger herausgegebenen Heft der Zeitschrift Akzente zum Geburtstag von Hans Blumenberg den Essay Die Kunst des Vergessens. 1992 war er mit Beiträgen im Sammelband Die sieben Todsünden der Menschheit vertreten, der auf eine Tagung der Evangelischen Akademie Baden zurückgeht;Deutsche Nationalbibliothek: Die sieben Todsünden der Menschheit, Datensatz. im selben Jahr erhielt er den Preis der Evangelischen Akademie Baden.Wer ist wer? Das deutsche Who's Who. Ausgabe LII, 2015/2016, Schmidt-Römhild, Lübeck, S. 1069. Sein Gespräch mit Peter Sloterdijk (Warum sind Menschen Medien, FAZ 1994) wurde 2013 in dem von Bernhard Klein herausgegebenen Suhrkamp-Band Peter Sloterdijk. Ausgewählte Übertreibungen wiederabgedruckt.Bernhard Klein (Hrsg.): Peter Sloterdijk. Ausgewählte Übertreibungen. Gespräche und Interviews 1993–2012. Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-74540-3. Der Aufsatz Ora et Labora erschien 1997 in dem von Heinrich von Pierer und Bolko von Oetinger herausgegebenen Sammelband Wie kommt das Neue in die Welt? bei Hanser und 2002 in englischer Übersetzung bei Purdue University Press.Heinrich von Pierer / Bolko von Oetinger (Hrsg.): Wie kommt das Neue in die Welt? Hanser, München/Wien 1997. – Englische Ausgabe: A Passion for Ideas. How Innovators Create the New And Shape our World. Purdue University Press, West Lafayette 2002.
Zwischen 1994 und 1997 verfasste Werner für die FAZ-Verlagspublikation Blick durch die Wirtschaft eine fortlaufende Kolumne zu Fragen der Rhetorik. Viele hundert Beiträge erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und der WirtschaftsWoche. Für die FAZ verfasste er Porträts, unter anderem über den Philosophen Hans Jonas, die Schauspielerin Iris Berben und den Künstler Eduardo Chillida. Weitere Aufsätze erschienen in Katalogen der Kunst-Station Sankt Peter in Köln, darunter zu Markus Lüpertz (2004), und im Band For Frankfurt zu Jenny Holzer (2011). Für Zeitungen und öffentliche Veranstaltungen führte Werner Gespräche unter anderem mit dem Pianisten Igor Levit, den Fußballtrainern Joachim Löw und Thomas Tuchel sowie dem Automobilrennfahrer Michael Schumacher.Übersicht öffentlicher Auftritte, Gespräche und Interviews, juergen-werner.com
Sein Buch Die sieben Todsünden. Einblicke in die Abgründe menschlicher Leidenschaft (1999, illustriert von Heinz Edelmann) geht überwiegend auf Beiträge zurück, die zuvor im FAZ-Magazin der 1980er und 1990er Jahre erschienen waren, und verhandelt die klassischen Hauptlaster im Rückgriff auf antike, christliche, mittelalterliche und moderne Autoren.Michael Sievernich: Rezension zu Jürgen Werner, Die sieben Todsünden. In: Theologie und Philosophie, 76. Jahrgang, Heft 2 (2001), S. 307–308.Deutsche Nationalbibliothek: Die sieben Todsünden, Datensatz. Der Darstellung der einzelnen Laster ist eine argumentative Anlage unterlegt: Die Einleitung entwickelt sieben Dilemmata und ebenso viele Thesen zum Problem des Bösen, das Werner weder metaphysisch noch moralisch für auflösbar hält. Gegen die kirchliche Lehre, Sünde sei Trennung von Gott, bestimmt er sie als verkehrte Form versuchter Einheit: „Das Böse ist die Gottwerdung des Menschen, das Gute die Menschwerdung Gottes.“Die sieben Todsünden. Einblicke in die Abgründe menschlicher Leidenschaft. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, Einleitung.
Einen eigenen Schwerpunkt bildet Werners Kritik der Wirtschaftssprache. Den in Unternehmen verbreiteten mechanischen Jargon – Wendungen wie „Stellschraube“, „Werthebel“ oder „eng takten“ – deutet er als Ausdruck einer vorherrschenden Idee der Kontrolle und führt ihn auf die Angst vor Risiko, Kontrollverlust und Verantwortung zurück. Der Herrschaft der Zahlen hält er entgegen, dass sie eine Scheinsicherheit erzeuge; sein Gegenbegriff ist die Urteilskraft: „Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit.“Christopher Schwarz: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meines Erfolgs“. Interview mit Jürgen Werner. In: WirtschaftsWoche, Nr. 51 vom 15. Dezember 2014, S. 114–116; online unter dem Titel Der Jargon der Wirtschaft.
2014 erschienen die Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens – 150 Miniaturessays, alphabetisch angeordnet von „Abschied“ bis „Zweisamkeit“.Deutsche Nationalbibliothek: Tagesrationen, Datensatz.Perlentaucher: Jürgen Werner – Tagesrationen
Den umfangreichsten Teil von Werners Werk bilden die Notizen, die er seit April 2013 täglich auf seiner Website juergen-werner.com veröffentlicht – bis 2026 annähernd 5000 Texte, ohne einen ausgelassenen Tag.juergen-werner.com, tägliche Notizen seit April 2013. Thematisch kreisen die Notizen vor allem um Sprache und Rhetorik, um Macht, Politik und Recht, um Fragen des Zusammenlebens sowie um Wahrheit und Erkenntnis.
Rezeption Werners Buch Darstellung als Kritik wurde in mehreren philosophischen Fachzeitschriften des In- und Auslands besprochen, unter anderem im Philosophischen Literaturanzeiger (1987), im Tijdschrift voor Filosofie (1988), in Philosophy and History (1988) und im International Philosophical Quarterly (1989); eine weitere Besprechung erschien 1989 in der Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie.Alfred Schaefer, in: Philosophischer Literaturanzeiger 40 (1987), Heft 2, S. 105–106; L. De Vos, in: Tijdschrift voor Filosofie 1988, Heft 1, S. 183; Hermann Drüe, in: Philosophy and History 21 (1988), Nr. 2, S. 172–173; P.-Philippe Druet, in: International Philosophical Quarterly 29 (1989), Nr. 1, S. 106; Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 1989, Heft 2, S. 48–49.
Der Jesuit Michael Sievernich besprach Die sieben Todsünden 2001 in der Vierteljahresschrift Theologie und Philosophie. Er hob hervor, dass Werner das überlieferte Lasterschema in ein Gespräch mit Autoren von der Antike bis zur Gegenwart überführe und die psychologische wie ethische Bedeutung der einzelnen Laster herausarbeite; das Ergebnis sei eine „blitzgescheite und witzgesättigte Analyse menschlichen Verhaltens“. Kritisch merkte Sievernich an, dass die Lust am Formulieren bisweilen zu Lasten der sachlichen Aussage gehe, und widersprach Werners Anordnung der Laster mit Verweis auf die Wüstenväter und Gregor den Großen.
Andreas Platthaus besprach die Tagesrationen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er würdigte das Buch als Herausforderung an ein gedankenlos beanspruchtes christlich-abendländisches Selbstverständnis, äußerte sich jedoch zurückhaltend gegenüber den theologischen Erwägungen des Autors und sah die größere Sensibilität in den lebenszugewandten Passagen.Pressestimmen zu Tagesrationen, bücher.de
Im März 2015 nahm die von NDR Kultur und der Süddeutschen Zeitung herausgegebene Jury die Tagesrationen in die Bestenliste Sachbücher des Monats auf.Sachbücher des Monats März 2015. NDR KulturDie SZ/NDR-Sachbücher im März. BuchMarkt
Carolin Emcke bezog sich 2015 mehrfach auf die Tagesrationen. In ihrer Kolumne Neusprech (März 2015) griff sie Werners Eintrag zum Stichwort „Fahrlässigkeit“ auf, der die sittliche Qualität einer Handlung auch daran bemisst, was ihr Urheber im Nachhinein tut.Carolin Emcke: Neusprech. In: Süddeutsche Zeitung, März 2015 Ihre Kolumne Effizienz (Juni 2015) legte sie um zwei Passagen des Buches an, darunter Werners Satz, Kultur sei aus der Anerkenntnis gewonnen, „dass das Indirekte, Verzögerte, Umwegige auf Dauer überlegen sei“.Carolin Emcke: Effizienz. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Juni 2015 (online 5. Juni 2015)
Medienauftritte und öffentliche Wahrnehmung Werner äußert sich regelmäßig in den öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehmedien zu philosophischen und gesellschaftlichen Themen. Im 3sat-Magazin scobel war er unter anderem Gast in den Sendungen zur Urteilskraft (mit Joachim Funke und Hartmut Böhme) sowie zur „Gespaltenen Gesellschaft“.scobel – Gespaltene Gesellschaft. 3sat-Mediathek Im NDR war er Gesprächspartner der Sendung Tee mit Warum. Warum sind wir so wütend?Tee mit Warum. Warum sind wir so wütend? NDR Kultur Im Südwestrundfunk (SWR2) war er in mehreren Sendungen zu hören, darunter Dumme Wut – guter Zorn. Reflexionen über starke Gefühle (2020) im Format SWR2 WissenDumme Wut – guter Zorn. SWR2 Wissen, 9. Oktober 2020 sowie wiederholt im SWR2 Forum zu Themen wie Schicksal und Autonomie, Glaube, Zuversicht und Neid. Im WDR 5 gestaltete er Sendungen des Formats Das philosophische Radio.Das philosophische Radio – Jürgen Werner. WDR 5 Interviews führte er auch beim Hessischen Rundfunk (hr-Info).
Interviews mit Werner erschienen unter anderem in der WirtschaftsWoche, in der Frankfurter Neuen Presse sowie im Magazin enorm.
2012 sprach Werner beim Symposion Stadtleben in 3D. Wohnen – Arbeiten – Sein der Stiftung Lebendige Stadt in Frankfurt am Main über Von der Stadtgesellschaft zur Stattgesellschaft.
Auszeichnungen
1992 Preis der Evangelischen Akademie Baden, Bad Herrenalb