mini|Flagge, Vorderseite mini|Flagge, Rückseite Die Streitkräfte der Russischen Föderation (, inoffizielle Abkürzung ВС РФ oder WSRF) bestehen aus den drei Teilstreitkräften Landstreitkräfte (Heer) – ru. Сухопутные войска (СВ), Luft- und Weltraumkräfte – ru. Воздушно-космические силы (ВКС), Seestreitkräfte / Seekriegsflotte (Marine) – ru. Военно-морской флот (ВМФ) sowie den selbstständigen (strategischen) Truppengattungen (ru. Рода войск) Strategische Raketentruppen – ru. Ракетные войска стратегического назначения (РВСН) und Luftlandetruppen – ru. Воздушно-десантные войска (ВДВ).Siehe Verteidigungsministerium der Russischen Föderation: Struktur. In: structure.mil.ru. Abruf am 15. August 2019. Sie stehen in direkter Nachfolge zu den Streitkräften der Sowjetunion (UdSSR).Brian D. Taylor: Politics and the Russian army. S. 259. Der Präsident der Russischen Föderation ist ihr Oberster Befehlshaber (ru. Верховный Главнокомандующий Вооружёнными силами Российской Федерации).
In Russland herrscht seit 2008 eine zwölfmonatige Wehrpflicht, das Land unterhält zudem Militärbasen im Ausland und das derzeit weltweit größte Kernwaffenarsenal. Russland belegte 2020 den zehnten Rang unter 151 Ländern im Globalen Militarisierungsindex (GMI). Laut Global-Firepower-Index von 2022 besitzt Russland die zweitstärksten Streitkräfte und das stärkste Heer weltweit.2022 Russia Military Strength. In: globalfirepower.com.
Seit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine und dem dortigen militärischen Scheitern hat der Ruf der russischen Streitkräfte weltweit massiv gelitten. Das russische Militär zeigte im Kampf gegen ukrainische Truppen nach einer Einschätzung des International Institute for Strategic Studies von Anfang 2023 zahlreiche Mängel in Bezug auf taktische Fähigkeiten, Führung, Ausbildung, Aufklärung und Logistik, die von der russischen Führung im Vorfeld nicht erwartet worden waren. Die seit 2008 erfolgte Modernisierung des russischen Militärs war insofern offenbar nicht erfolgreich, allein artilleristisch entsprachen die gezeigten Möglichkeiten eher den Erwartungen. Ein Drittel des Haushaltsbudgets fließt mittlerweile in die Rüstung. Dadurch kann Russland zur Zeit laut Schätzung des Royal United Services Institute (RUSI)Jack Watling, Nick Reynolds: Russian Military Objectives and Capacity in Ukraine Through 2024. RUSI 13. Februar 2024. im Jahr 2024 circa 1500 Kampfpanzer herstellen, die allerdings größtenteils aus instandgesetztem und modernisiertem Material bestehen. Dieser Vorrat und weitere Ressourcen werden Russland dann bis 2026 bei ausreichender westlicher Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte zur Neige gehen.Sebastian Gierke, Ben Heubl: Putin gehen die Panzer aus. in SZ.de vom 27. Juni 2024. Das ist allerdings nur dann wahrscheinlich, wenn es gelingt, die westlichen Wirtschaftssanktionen gegen Russland weitgehend durchzusetzen.Florian Hassel: Russlands tödliche Reserve. und Putins Kasse klingelt, allen Sanktionen zum Trotz. in SZ.de vom 22. Juli 2024.
Historische Rahmenbedingungen Herkunft der Streitkräfte Russlands – 1991/92 Im Zuge der von Michail Gorbatschow ab Anfang 1986 eingeleiteten Perestroika und infolge der Unabhängigkeitserklärungen verschiedener Sowjetrepubliken im Laufe des Jahres 1991 wurde vom 21. bis zum 25. Dezember 1991 die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR, russisch СССР) offiziell aufgelöst.
Die gesamte Struktur der sowjetischen Streitkräfte bis hin zur Zusammensetzung der einzelnen Truppen wurde zunächst nicht nach den neuen nationalen Kriterien getrennt. So unterstanden die Streitkräfte der ehemaligen UdSSR mit ihrem Militärpotenzial anfangs der Kontrolle durch die Militärbefehlshaber der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). mini|Das Siegesbanner – unter anderem von der Russischen Armee bei Paraden verwendetes offizielles „Symbol des Sieges“Föderales Gesetz Nr. 68 vom 7. Mai 2007 (russisch).
Nach diesem Zerfall der Sowjetunion unterzeichnete am 7. Mai 1992 der Präsident Russlands, Boris Jelzin, ein Dekret über die Schaffung des Verteidigungsministeriums Russlands und stellte zugleich alle ehemaligen sowjetischen Streitkräfte auf dem Territorium der RSFSR unter die Kontrolle der Russischen Föderation.
Im Mai 1992 schuf Russland jedoch seine eigene Militärstruktur. Das militärische Kommando der GUS blieb noch für ein weiteres Jahr aktiv, obwohl seine Macht schon stark eingeschränkt war. Im Juni 1993 wurde das Kommando abgeschafft; die meisten seiner Funktionen wurden auf die Streitkräfte Russlands übertragen.
Streitkräfte Russlands in der Verfassungskrise – 1993 mini|Russische Soldaten auf Schützenpanzerwagen BTR-80 im Rahmen des IFOR-Einsatzes, November 1996 Während der Jelzin-Ära (1992 bis 1999) erlebten die russischen Streitkräfte ihre bislang schwierigste Phase. Im Oktober 1993 wurden im Zuge der Verfassungskrise Teile der Streitkräfte in den Konflikt zwischen Präsident Jelzin und dem Obersten Sowjet hineingezogen. Russland befand sich am Rande eines Bürgerkrieges. Die höheren Kommandoebenen der Sicherheitsdienste und des Militärs unterstützten Jelzin. Soldaten beendeten die Krise gewaltsam, indem sie das Parlamentsgebäude belagerten und beschossen. Für den Preis von fast 200 Toten und mehreren hundert Verletzten brach der bewaffnete Widerstand gegen Jelzin zusammen. Es handelte sich um die schwersten Unruhen in Moskau seit dem Revolutionsjahr 1917.
Aufgrund „bilateraler Vereinbarungen“ verblieben seit dem Jahr 1992 Truppenkontingente der Russischen Föderation in Transnistrien und in Südossetien. In beiden Fällen stützt deren Anwesenheit die dortigen „stabilisierten De-facto-Regime“.
Sicherheitspolitische Entwicklung Russlands – ab 1993 Konzeptionen zur Außen- und Militärpolitik In den ersten 22 Monaten nach der Auflösung der Sowjetunion verfügte Russland über keine eigenständige sicherheitspolitische Konzeption oder nationale Militärdoktrin. Stattdessen wurde nahezu dieselbe Doktrin wie zur Zeit des Kalten Krieges aufrechterhalten. In den 1990er-Jahren wurde jedoch eine Vielzahl solcher Konzeptionen ausgearbeitet und öffentlich diskutiert. Die beschlossenen Konzeptionen zur Außen- und Militärpolitik wie auch zur nationalen Sicherheit geben einen Einblick in das strategische Denken der russischen Führung.
Nach dem russischen Verfassungskonflikt von 1993 wurden auf dem Gebiet der Militärpolitik die Grundsätze der Militärdoktrin (vom 2. November 1993) vom Präsidenten erlassen.Grundsätze der Militärdoktrin der Russischen Föderation (Darstellung). Inkraft durch Präsidentenerlass Nr. 1833 vom 2. November 1993. Übersetzung aus dem Russischen von Harald Kießlich-Köcher und Erich Hocke. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik DSS e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Heft 11.1, Dresden 1994, 27 S. .Siehe Wolfgang Scheler: Über die Militärdoktrin der Russischen Föderation (Darstellung). In: Kraft durch Präsidentenerlass Nr. 1833 vom 2. November 1993. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik DSS e. V. (Hrsg.). DSS-Arbeitspapiere, Heft 11.2, Dresden 1994, 27 S. .
Diese Grundsätze bezogen sich auf die Gefahr eines möglichen weltweiten Konfliktes und dass innere und lokale Konflikte den Fortbestand des Friedens gefährden könnten. Die Doktrin stand dabei noch in der Tradition des Kalten KriegesKris D. Beasley, Lt Col, USAF: RUSSIAN MILITARY REFORM FROM PERESTROIKA TO PUTIN. IMPLICATIONS FOR U.S. POLICY, Alabama 2004, S. 23. und enthielt Gründe, die den russischen Staat legitimierten, in benachbarten Ländern und Republiken militärisch zu intervenieren. Das Fehlen einer klaren Vision und Linie führte in den Folgejahren zu verschiedenen Fehlannahmen. So gingen die Ersteller dieser Doktrin von den Verhältnissen vor 1987 aus, in denen die Streitkräfte der UdSSR nahezu unbegrenzt über Ressourcen verfügen konnten. Deshalb durchlief die Militärdoktrin in den Folgejahren weitere Fassungen,Siehe Militärdoktrin der Russischen Föderation. Übersetzungen aus dem Russischen von Rainer Böhme, Peter Freitag, Joachim Klopfer et al. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Heft 11.1/1994; H. 51.1/2000; H. 51.4/2000; H. 99/2010; H. 113/2015. . den Entwurf vom Oktober 1999, die Erlasse vom April 2000 und vom Februar 2010 sowie zuletzt im Dezember 2014.
Die militärisch-maritimen Richtlinien Russlands wurden, kurz nach der jeweiligen Militärdoktrin, in die Form einer separaten Marinedoktrin gefasst mit den Grundlagen der Politik der RF auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit in der Periode bis zum Jahre 2010 als Vorläufer (März 2000)Siehe Grundlagen der Politik der RF auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit in der Periode bis zum Jahre 2010 (März 2000). Bestätigt durch Präsidentenerlass vom 4. März 2000. Übersetzung aus dem Russischen von Rainer Böhme und Joachim Klopfer. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Heft 51.5, Dresden 2000, 25 S. sowie der Marinedoktrin der RF (Juli 2001)Siehe Marinedoktrin der Russischen Föderation für den Zeitraum bis zum Jahre 2020 (Juli 2001). Bestätigt durch den Präsidenten der Russischen Föderation am 27. Juli 2001 (Pr-1387). Übersetzung aus dem Russischen von Egbert Lemcke und Joachim Klopfer. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Heft 51.7, Dresden 2002, 46 S. und der Marinedoktrin der RF (Juli 2015).Siehe Морская доктрина Российской Федерации. (russ.) Marinedoktrin der Russischen Föderation (Juli 2015). Bestätigt durch den Präsidenten der Russischen Föderation am 26. Juli 2015 (docs.cntd.ru).
Daneben wurden mehrere Dokumente Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation veröffentlicht, erstmals 1993 (Präsident B. Jelzin), danach im Juni 2000 (Präsident W. Putin),Siehe Konzeption. Die Außenpolitik der Russischen Föderation. Übersetzungen aus dem Russischen. Bestätigt durch den Präsidenten der Russischen Föderation am 28. Juni 2000 (Nr. Pr-351). In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, Dresden 2000, H. 51.6 und im Juli 2008 (Präsident D. Medwedjew)Siehe Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation. Bestätigt durch den Präsidenten der Russischen Föderation am 12. Juli 2008. Übersetzung aus dem Russischen von Egbert Lemcke und Frank Preiß. In: Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik (DSS) e. V. (Hrsg.): DSS-Arbeitspapiere, H. 92, Dresden 2008, 34 S. sowie im Dezember 2016 (Präsident W. Putin).Siehe Erlass des Präsidenten vom 30. November 2016, № 640 (russ.) sowie Konzeption im russ. Volltext. In: kremlin.ru. Abruf am 14. August 2019 Die Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation (März 2023)Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation. (März 2023). Übersetzung aus dem Russischen von Rainer Böhme. In: DGKSP-Diskussionspapiere, Nr. 32, Dresden 2023, April, . S. 17–57 (de), 68–109 (ru). (slub.qucosa.de) Original (ru): «Концепция внешней политики Российской Федерации». In: Online-Portal der Präsidialverwaltung der RF, 31. März 2023. Abruf am 2. April 2023. (kremlin.ru) hat, wie schon die Reihe der Vorgängerdokumente, die Funktion eines strategischen Planungsdokumentes. Sie erhielt die staatsrechtlich bedeutsame Zuordnung zur Verfassung der RF und zur Nationalen Sicherheitsstrategie der RF (2021)Strategie der nationalen Sicherheit der Russischen Föderation (2021). Übersetzung aus dem Russischen von Rainer Böhme. In: DGKSP-Diskussionspapiere, Dresden 2021, September, . S. 15–58. (slub.qucosa.de) durch ihre Bestätigung mit Erlass № 229 des Präsidenten Russlands W. Putin am 31. März 2023.Erlass № 229 des Präsidenten Russlands: Über die Bestätigung der Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation vom 31. März 2023. (ru) «Указ об утверждении Концепции внешней политики Российской Федерации». In: DGKSP-Diskussionspapiere, Nr. 32, Dresden 2023, April, . S. 67. (slub.qucosa.de)