Der Staatsstreich in der Bukowina vom 6. November 1918 (auch als Ukrainischer Umsturz in der Bukowina bezeichnet) war die gewaltsame Übernahme der Regierungsgewalt im Herzogtum Bukowina durch das ukrainische Regionalkomitee. Ziel der Aktion war die Durchsetzung einer ethnischen Teilung des Kronlandes und die Eingliederung der ukrainisch besiedelten Gebiete in die Westukrainische Volksrepublik.

Obwohl die Machtübernahme in der Landeshauptstadt Czernowitz zunächst erfolgreich verlief, scheiterte das Regime bereits nach wenigen Tagen infolge des militärischen Eingreifens der Königlich Rumänischen Armee, die am 11. November 1918 in Czernowitz einmarschierte und das gesamte Territorium für das Königreich Rumänien sicherte.

Historischer Kontext Das Ende des Ersten Weltkriegs und der Zerfall der Habsburgermonarchie Gegen Ende des Ersten Weltkriegs befand sich die österreichisch-ungarische Monarchie in einer tiefen Staatskrise. Der Versuch einer Umgestaltung Cisleithaniens auf föderaler Basis scheiterte am ungarischen Widerstand, dem wachsenden Misstrauen der nicht-deutschen Nationalitäten und dem erstarkenden Nationalismus. Das Völkermanifest Kaiser Karls I. vom 16. Oktober 1918 beschleunigte die Desintegration, da es von den verschiedenen Völkern als Signal zur vollständigen politischen Selbstbestimmung aufgefasst wurde. Der Zusammenbruch der Armee, die Rückkehr der Frontsoldaten und die Unabhängigkeitserklärungen in Ungarn, Kroatien und Prag führten Ende Oktober 1918 zur faktischen Auflösung des Reiches.

In diesem Machtvakuum kollidierten in der Bukowina (sowie in Bessarabien) zwei unvereinbare nationale Staatsbildungsprojekte der beiden Hauptethnien des Herzogtums: Das ukrainische Projekt, das eine Teilung des Kronlandes entlang ethnischer Grenzen und den Anschluss des Nordwestens an die Westukrainische Volksrepublik anstrebte. Das rumänische Projekt, das die territoriale Integrität des gesamten Herzogtums bewahren und die Vereinigung mit dem Königreich Rumänien herbeiführen wollte.

Der rumänisch-ukrainische Konflikt um die Bukowina Bereits im geheimen Zusatzabkommen des Friedensvertrags von Brest-Litowsk mit der Ukrainischen Volksrepublik (Februar 1918) hatte sich Österreich-Ungarn verpflichtet, bis zum 31. Juli 1918 aus den ukrainischen Gebieten Galiziens und der Bukowina ein eigenes Kronland zu schaffen, was jedoch nach polnischen Protesten nicht ratifiziert wurde.

Am 18. und 19. Oktober 1918 trat in Lemberg eine ukrainische Konstituante (Ukrainischer Nationalrat / Rada) zusammen. Diese beanspruchte Ostgalizien, Transkarpatien sowie den Nordwesten der Bukowina einschließlich der Städte Czernowitz, Storoschynez und Sereth für einen neuen ukrainischen Staat.

Diese Beschlüsse stießen auf scharfen Protest der rumänischen Abgeordneten im Wiener Reichsrat. Am 22. Oktober 1918 kam es im Parlament zu einem heftigen Disput zwischen dem rumänischen Sozialdemokraten Gheorghe Grigorovici und dem ukrainischen Abgeordneten Nikolai von Wassilko. Grigorovici warnte davor, dass ein ukrainischer Anspruch auf Czernowitz einer Kriegserklärung gleiche und unweigerlich eine militärische Intervention Rumäniens provozieren würde. Wassilko argumentierte hingegen mit den demografischen Mehrheitsverhältnissen und schlug für Czernowitz eine provisorische Verwaltung sowie eine spätere Volksabstimmung vor.

Am 27. Oktober 1918 traten die Bukowiner Rumänen in Czernowitz zu einer eigenen Nationalversammlung zusammen, erklärten die Bukowina zu rumänischem Land und sprachen sich gegen jegliche Teilung der Provinz aus. Am folgenden Tag forderten Johann von Flondor, Gheorghe Sârbu und Dorimedont Popovici Landespräsident Josef Graf von Ezdorf vergeblich zur Übergabe der Amtsgeschäfte an den Rumänischen Nationalrat auf.

Nachdem in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1918 der ukrainische Umsturz in Lemberg stattgefunden hatte, veranstaltete das Ukrainische Regionalkomitee am 3. November 1918 in Czernowitz eine große Volksversammlung (Witsche). Dort wurde der Anschluss an die Westukrainische Volksrepublik proklamiert und die Rada als oberste Autorität im ukrainischen Teil der Bukowina anerkannt.

Vorgeschichte Anfang November 1918 spitzte sich die Lage in Czernowitz dramatisch zu: Die k.u.k. Garnison löste sich weitgehend auf; Waffen fielen in die Hände von Zivilisten und Marodeuren. Die Einheiten der Ukrainischen Legion (Ukrainische Sitscher Schützen) wurden am 2. und 3. November zur Verstärkung nach Lemberg verlegt, hinterließen jedoch Deserteure und bewaffnete Gruppen im Verbund mit Teilen der k.u.k. Infanterieregimenter Nr. 41 und Landsturmregiment Nr. 22. Tausende aus der Ukraine zurückkehrende Soldaten stauten sich nördlich des Pruth, woraufhin die Brücken von Gendarmen und ukrainischen Bewaffneten gesperrt wurden. In den ländlichen Bezirken entwaffneten ukrainische Bauern und Soldaten die k.k. Gendarmerieposten.

Landespräsident Ezdorf versuchte, eine Eskalation zu verhindern. Er vertrat die Ansicht, die Macht nur gemeinsam an Vertreter beider Nationalitäten übergeben zu können, um einen Bürgerkrieg abzuwenden. Verhandlungen zwischen Ezdorf und den rumänischen Abgeordneten (Alexander von Hormuzaki, Gheorghe Grigorovici, Aurel Onciul, Gheorghe Sârbu) scheiterten jedoch am Status von Czernowitz. Unter den rumänischen Politikern war lediglich Aurel Onciul zu einem territorialen Kompromiss mit den Ukrainern bereit.

Am 5. November besetzten irreguläre ukrainische Truppen vorübergehend das Postamt, das Gendarmeriekommando und den Bahnhof von Czernowitz. Am selben Tag autorisierte der Rumänische Nationalrat seinen Gesandten Vasile Bodnărescu in Iași, die Regierung des Königreichs Rumänien um militärischen Beistand zu bitten. Die 8. rumänische Infanteriedivision unter General Iacob Zadik erhielt daraufhin den Befehl, in die Bukowina vorzurücken.

Ablauf des Umsturzes am 6. November 1918 Militärische Besetzung der Regierungsgebäude mini|Ukrainische Nationalversammlung in Czernowitz am 3. November 1918: Im Rathaus von Czernowitz die Proklamation der Vereinigung der Bukowina mit der Volksrepublik Westukraine Am Morgen des 6. November 1918 übernahm die ukrainische Rada die Kontrolle im Bezirk Waschkoutz. Gleichzeitig rückte im Süden eine kleine rumänische Einheit in Suczawa ein, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

In Czernowitz traf am Vormittag eine reguläre ukrainische Militärkompanie aus Kolomea ein. Um 11:35 Uhr drang eine ukrainische Delegation – bestehend aus den Reichsratsabgeordneten Ilia Semaka und Nikolai Spenul, dem Landtagsabgeordneten Omeljan Popowytsch sowie Oberleutnant Ilja Popowicz – in das Amtsgebäude der Landesregierung ein. Sie teilten Landespräsident Ezdorf mit, dass das Gebäude militärisch umstellt sei, und forderten die sofortige Übergabe der Regierungsgewalt für die ukrainischen Landesteile und die Stadt Czernowitz.

Ezdorf erklärte, sich nur der physischen Gewalt zu beugen, da er keine Instruktionen aus Wien erhalten habe. Er kündigte an, seine Amtsgeschäfte niederzulegen, bot jedoch an, als Vermittler für eine einvernehmliche Übergabe an beide Nationalitäten zu fungieren. Innerhalb weniger Stunden besetzten die ukrainischen Truppen die Polizeidirektion, die Gendarmerie und die strategischen Punkte der Stadt. Der Präsident des Landeskulturrates, Baron Stefan Stephanowicz, trat daraufhin zurück.

Das Übergabeprotokoll Da Ezdorf eine einseitige Übergabe an die Ukrainer ablehnte, verständigten sich die ukrainischen Vertreter mit dem rumänischen Abgeordneten Aurel Onciul, der eigenmächtig und ohne Mandat des Rumänischen Nationalrats als Vertreter der rumänischen Bevölkerung auftrat.

Gegen 16:00 Uhr unterzeichnete Ezdorf das offizielle Übergabeprotokoll:

Protokoll, aufgenommen in Czernowitz am 6. November 1918 Um 11.35 Uhr vormittags erschienen bei mir die Herren Reichsabgeordneten von Semaka und Spenul sowie Landtagsabgeordneter Popowicz und Oberleutnant Ilja Popowicz im Namen des Ukrainischen Nationalrates. Abgeordneter von Semaka teilte mir mit, dass das Amtsgebäude der k.k. Landesregierung von ukrainischem Militär besetzt sei, und forderte mich auf, die Regierungsgewalt in den ukrainischen Gebieten der Bukowina samt der Stadt Czernowitz dem Ukrainischen Nationalrat zu übergeben. Ich erwiderte, dass ich vor der Gewalt weiche und meine amtliche Tätigkeit einstelle. Bezüglich der gegebenen Sachlage erklärte ich mich bereit, die Regierungsgewalt im Lande Bukowina an Vertreter der rumänischen und ukrainischen Nation abzutreten, und zwar an jene Vertreter, welche die Macht im Interesse des Landes und im vollen Einvernehmen übernehmen würden. Laut den mir um 4 Uhr nachmittags gemachten Mitteilungen haben sich der Ukrainische Nationalrat und der Abgeordnete Dr. von Onciul, welcher erklärte, Delegierter des (gemäß Allerhöchstem Manifest aus den Reichsratsabgeordneten gebildeten) Rumänischen Nationalrates zu sein, geeinigt, die Regierungsgewalt im vollen Einvernehmen zu übernehmen. Infolgedessen übergebe ich mit vorliegendem Protokoll die Regierungsgewalt im Lande Bukowina an die genannten Herren Vertreter der rumänischen und ukrainischen Nation. Übergeber: Dr. Josef Graf von Ezdorf, k.k. Landespräsident Übernehmer für die Ukrainer: Omelian Popowicz, E. Semaka, Spenul Übernehmer für die Rumänen: Onciul

Teilung der Macht und Unruhen Popowicz und Onciul einigten sich auf eine Aufteilung der Bukowina nach den ethnischen Mehrheitsverhältnissen der Gemeinden; für die Landeshauptstadt Czernowitz wurde ein paritätisches Kondominium vereinbart. Omelian Popowicz übernahm die Regierungsführung des ukrainischen Teils, während Iosif Bezpalko zum Bürgermeister von Czernowitz ernannt wurde.

Trotz des formalen Abkommens herrschten in der Stadt chaotische Zustände. Ukrainische Soldaten und Banden plünderten Militärdepots und verwüsteten das Rumänische Nationalhaus (Palatul Național Român). Führende Mitglieder des Rumänischen Nationalrats, darunter Iancu Flondor und Dionisie Bejan, mussten in der Residenz der Bukowinischen Metropoliten Zuflucht suchen.

Weitere Entwicklung und Zusammenbruch Am 7. November leisteten die Beamten der Administration ihren Eid auf Popowicz (ukrainischer Dienst) bzw. Onciul (rumänischer Dienst). Onciul, der von der Mehrheit der rumänischen Bevölkerung und des Nationalrats als Verräter isoliert war, entwarf eine Verfassung für die Bukowina als österreichischen Bundesstaat. Am 8. November reiste er nach Iași ab, um gegen den Einmarsch der rumänischen Armee zu protestieren. Bei Suceava wurde er von General Zadik abgefangen, nach Iași weitergeleitet und dort interniert.

Angesichts des schnellen Vormarsches der 8. rumänischen Infanteriedivision sandte das Ukrainische Regionalkomitee eine Protestnote an das rumänische Armeekommando, die jedoch unbeantwortet blieb. Da die ukrainischen Kräfte über keine ausreichenden Truppen zur Verteidigung verfügten, begann am 8. November die Evakuierung der ukrainischen Verwaltung. Bis zum 10. November 1918 zogen sich alle ukrainischen Einheiten über den Pruth in Richtung Kolomea zurück. Die verbliebenen Mitglieder des Komitees wichen nach Kozmeni aus, wo ihr lokaler Widerstand nach weniger als zwei Wochen endete.

Am 11. November 1918 marschierten die Truppen unter General Zadik kampflos in Czernowitz ein. Iancu Flondor übernahm an der Spitze des Rumänischen Nationalrats die Regierungsgewalt im gesamten Kronland. Der vom Kaiser kurz zuvor ernannte Landeshauptmann Alexander von Hormuzaki lehnte den Vorsitz im Nationalrat ab, da er seine kaiserliche Ernennung als unvereinbar mit der offenen Sezession und dem Anschluss an Rumänien ansah. Der frühere Gendarmeriechef General Eduard Fischer wurde verhaftet und wegen Kriegsgerichtsurteilen aus dem Jahr 1914 nach Iași überstellt.

Folgen und Nachwirkungen