Drosera calycina ist eine fleischfressende Pflanzenart aus der Gattung Sonnentau (Drosera) innerhalb der Familie der Sonnentaugewächse (Droseraceae). Sie gehört zu den knollenbildenden Sonnentau-Arten der Sektion Ergaleium und ist ein Endemit des Südwestens von Western Australia, wo sie auf einen schmalen Abschnitt des Darling Scarp beschränkt ist. Kennzeichnend sind die schildförmig gestielten, nieren- bis kreisförmigen Blattspreiten, die auffallend großen Kelchblätter und die tiefroten bis purpurroten Kronblätter. Die Art wurde 1848 von Jules Émile Planchon beschrieben, ab 1906 über ein Jahrhundert lang als Synonym von Drosera microphylla geführt und erst 2014 wieder als eigenständige Art anerkannt.

Beschreibung

Erscheinungsbild und Sprossachse Drosera calycina ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die einschließlich des Blütenstandes oberirdische Wuchshöhen von meist 14 bis 37, selten ab 8 und bis 42 Zentimetern erreicht. Als unterirdisches Überdauerungsorgan dient eine annähernd kugelige, 6 bis 8 Millimeter große Knolle, die von schwarzen, papierartigen Hüllen umgeben ist. Der unterirdische Abschnitt der Sprossachse ist 3,5 bis 8 Zentimeter lang und 1,5 bis 3 Millimeter dick. Der oberirdische Stängel ist aufrecht, unverzweigt, stielrund, kahl und leicht bis stark im Zickzack gebogen (fractiflex); er wird 11 bis 35, selten ab 9 und bis 39 Zentimeter hoch und misst nahe der Bodenoberfläche 0,7 bis 1,8 (selten ab 0,4) Millimeter im Durchmesser. Im unteren Bereich stehen vier bis neun, selten bis zwölf pfriemliche Niederblätter (Cataphylle) von 1 bis 5 Millimeter Länge, die rot bis orangegelb gefärbt sind.

Laubblätter Die Laubblätter stehen wechselständig und einzeln an jedem Knoten; blühende Exemplare tragen 15 bis 30, selten ab 12 Blätter. Die Internodien sind 3 bis 17, selten ab 1 und bis 26 Millimeter lang. Der stielrunde Blattstiel ist halb aufrecht, überwiegend gerade oder nur schwach gebogen, nahe der Spitze jedoch stark gekrümmt; er ist 9 bis 25, selten bis 30 Millimeter lang, an der Basis 0,5 bis 0,8 (selten ab 0,3) Millimeter breit und verjüngt sich zur Spreite hin auf 0,1 bis 0,2 Millimeter. Die Blattspreite ist schildförmig (peltat) am Stiel angeheftet, nierenförmig oder kreisrund mit abgeflachtem, häufig gestutztem oberem Seitenrand, flach schüsselförmig vertieft, 2,2 bis 3,6 Millimeter lang und 2,4 bis 4,1 Millimeter breit. Ihre Oberseite trägt gestielte Fangdrüsen (Tentakeln); die Randtentakeln sind 2 bis 7 Millimeter lang und besitzen einen roten Stiel.

Blütenstand und Blüten Der endständige Blütenstand ist ein einfacher oder verzweigter Wickel (skorpioider Zyme) mit einer bis neun Blüten und einer Länge von 4 bis 9, selten ab 2,8 Zentimetern. Der Blütenstandsstiel ist 1,3 bis 4 Zentimeter lang und 0,4 bis 0,8 Millimeter dick; die zur Fruchtzeit aufrechten Blütenstiele messen 9 bis 26, selten ab 6 und bis 31 Millimeter und stehen 3 bis 17 Millimeter voneinander entfernt an der Blütenstandsachse. Die Tragblätter sind spatelig, schmal verkehrt-eiförmig, elliptisch oder pfriemlich und 1,4 bis 3,5 Millimeter lang.

Die zwittrigen Blüten sind radiärsymmetrisch und fünfzählig; die geöffnete Blütenkrone misst 14 bis 20 Millimeter im Durchmesser. Die fünf Kelchblätter sind schmal elliptisch bis schmal verkehrt-eiförmig, nach innen gekrümmt, leicht vertieft und häufig zurückgeschlagen; sie sind mit 8 bis 13 Millimeter Länge und 2,8 bis 5 Millimeter Breite ungewöhnlich groß und gelbbraun bis gelblich grün gefärbt, meist mit drei bis fünf roten Adern. Die fünf verkehrt-eiförmigen, tief schüsselförmigen Kronblätter sind 6,5 bis 9,5 Millimeter lang und 4,5 bis 6 Millimeter breit; sie sind in der inneren Hälfte tiefrot und gehen nach außen in ein Purpurrot über. Die fünf Staubblätter sind 4 bis 6,5 Millimeter lang; die tiefroten Staubfäden verbreitern sich von 0,3 bis 0,5 Millimeter an der Basis auf 0,5 bis 1,1 Millimeter nahe der Spitze. Die zweifächrigen Staubbeutel sind zurückgeschlagen und 1 bis 1,4 Millimeter breit, der Pollen ist gelb. Der dunkelrote, verkehrt-eiförmige Fruchtknoten besteht aus drei Fruchtblättern und misst 1,3 bis 1,7 Millimeter. Die drei dunkelroten Griffel sind bereits kurz oberhalb der Basis in wenige fadenförmige Abschnitte geteilt, die sich ihrerseits vielfach verzweigen und ein dichtes Büschel bilden; sie sind 1,3 bis 1,9 Millimeter lang und ragen seitlich nicht über die Staubfäden hinaus.

Samen Die Samen sind leicht sichelförmig bis schwach wurstförmig und abgeflacht, am Nabelende gestutzt bis stumpf und am chalazalen Ende stumpf zugespitzt. Sie sind 2,4 bis 2,7 Millimeter lang und 0,5 bis 0,7 Millimeter breit; die Samenschale ist dunkelbraun mit hellbraunen Enden und längs netzartig strukturiert.

Ökologie Drosera calycina ist wie alle Vertreter der Gattung eine fleischfressende Pflanze. Der Beutefang erfolgt über Klebefallen: Die gestielten Drüsen auf der Blattoberseite sondern ein zähflüssiges Sekret ab, an dem kleine Gliederfüßer haften bleiben und anschließend enzymatisch verdaut werden.

Als knollenbildende Art der Sektion Ergaleium folgt sie dem für den mediterran geprägten Südwesten Australiens typischen Jahresrhythmus: Die aus der Sprossachse hervorgegangene Speicherknolle ermöglicht es der Pflanze, die ausgeprägte sommerliche Trockenheit unterirdisch zu überdauern; der oberirdische Trieb stirbt in dieser Zeit ab. Der Wiederaustrieb erfolgt mit Einsetzen der winterlichen Niederschläge. Die geschützte Lage der Knolle im Boden lässt die Pflanzen zudem Buschfeuer überstehen.

Die Blüten sind nicht kurzlebig, sondern öffnen sich über mehrere Tage hinweg, schließen sich jedoch jede Nacht. Die Blütezeit ist für August und September belegt, also für den ausgehenden Winter und beginnenden Frühling der Südhalbkugel.

Verbreitung und Lebensraum Drosera calycina ist ein Endemit des Südwestens von Western Australia. Das bekannte Verbreitungsgebiet beschränkt sich auf den westlichsten Teil der Darling Range, den Darling Scarp, zwischen Gidgegannup im Norden und Dwellingup im Süden, also auf das Gebiet nordöstlich bis südöstlich von Perth. Nach der Datenbank FloraBase der westaustralischen Naturschutzbehörde liegen die Fundorte in den IBRA-Regionen Jarrah Forest und Swan Coastal Plain.

Die Art besiedelt Jarrah-Wälder, die mit Banksia sessilis durchsetzt sind, und wächst dort bevorzugt an schwach geneigten Hängen und auf Kuppen im oberen Bereich des Darling Scarp. Die Böden sind meist sandige Tone mit Lateritkies.

Systematik

Nomenklatur und Forschungsgeschichte Die Erstbeschreibung von Drosera calycina erfolgte 1848 durch den französischen Botaniker Jules Émile Planchon in den Annales des Sciences Naturelles, Botanique (3. Serie, Band 9, Seite 299). Sie stützte sich auf Aufsammlungen von James Drummond am Swan River. Planchon grenzte die Art gegenüber Drosera microphylla vor allem durch die halbmondförmig abgeflachte Blattspreite ab und beschrieb zugleich eine Varietät D. calycina var. minor.

In seiner monographischen Bearbeitung der Droseraceae für Das Pflanzenreich stellte Ludwig Diels 1906 sowohl D. calycina als auch D. calycina var. minor in die Synonymie von D. microphylla. Diese weit gefasste Artabgrenzung wurde über hundert Jahre lang beibehalten. Erst Allen Lowrie stellte D. calycina 2014 in seinem Werk Carnivorous Plants of Australia Magnum Opus wieder als eigenständige Art her und unterschied innerhalb des Formenkreises drei geographisch getrennte Taxa anhand von Pflanzenfärbung, Blattform und Kronblattfarbe; seine Lektotypisierung entsprach jedoch nicht den Anforderungen des Internationalen Codes der Nomenklatur.

Eine umfassende Revision des Drosera-microphylla-Komplexes legten Thilo Krueger, Alastair S. Robinson, Greg Bourke und Andreas Fleischmann 2023 vor. Unter Auswertung von Herbarmaterial zahlreicher Sammlungen sowie von Beobachtungsdaten aus bürgerwissenschaftlichen Plattformen wie iNaturalist erhöhten sie die Zahl der anerkannten Arten des Komplexes von drei auf neun. In dieser Arbeit wurde auch der Lektotypus von D. calycina wirksam festgelegt: das linke Individuum auf dem Herbarbogen Swan River, J. Drummond n. 1 in den Royal Botanic Gardens Kew (K000215039).

Der D.-microphylla-Komplex wird innerhalb der Gattung Drosera in die Sektion Ergaleium gestellt, die mit rund 71 Arten die größte und morphologisch vielfältigste Entwicklungslinie der Gattung bildet und die knollenbildenden Sonnentau-Arten umfasst. Zum Komplex zählen nach Krueger und Mitarbeitern die folgenden neun Arten:

Drosera atrata T.Krueger, A.Fleischm. & G.Bourke Drosera calycina Planch. Drosera esperensis Lowrie Drosera hortiorum T.Krueger & G.Bourke Drosera koikyennuruff T.Krueger & A.S.Rob. Drosera macropetala (Diels) T.Krueger & A.Fleischm. Drosera microphylla Endl. Drosera reflexa G.Bourke & A.S.Rob. Drosera rubricalyx T.Krueger & A.Fleischm.

Etymologie Das Artepitheton calycina ist von lateinisch calycinus („zum Kelch gehörig“) abgeleitet und nimmt Bezug auf die im Verhältnis zur Blüte sehr großen Kelchblätter der Art.

Abgrenzung zu ähnlichen Arten Von der nahe verwandten Drosera microphylla unterscheidet sich Drosera calycina durch die nieren- bis kreisförmige Spreite mit gestutztem oberem Rand (gegenüber kreisrunder oder nur schwach abgeflachter Spreite), die deutlich größeren Blüten mit 14 bis 20 Millimeter Kronendurchmesser (gegenüber 8 bis 15 Millimetern), die innen tiefrote und außen purpurrote Kronblattfärbung (gegenüber rötlich orangefarbenen Kronblättern mit tiefroter Basis), die längeren Staubblätter von 4 bis 6,5 Millimetern (gegenüber 2,5 bis 3,5 Millimetern) sowie durch Griffel, die seitlich nicht über die Staubfäden hinausragen.

Gegenüber der ebenfalls ähnlichen Drosera rubricalyx ist D. calycina durch die an allen Knoten einzeln stehenden Laubblätter (bei D. rubricalyx sind die Blätter an den oberen Knoten gruppiert), die nieren- bis gestutzte statt kreisrunde Spreite, eine abweichende Kronblattfärbung sowie ein getrenntes Verbreitungsgebiet abgegrenzt.

Gefährdung Drosera calycina ist in ihrem bevorzugten Lebensraum, dem Jarrah-Wald, vergleichsweise häufig; mindestens zwanzig Fundorte sind bekannt, von denen die meisten auf staatlich verwalteten Flächen liegen. Die Einzelvorkommen umfassen zumeist weniger als 50 Pflanzen, es sind jedoch mindestens zwei Populationen mit mehr als 200 Pflanzen bekannt. Krueger und Mitarbeiter stufen die Art daher nach den Kriterien der IUCN als „nicht gefährdet“ (Least Concern) ein; eine Aufnahme in die westaustralische Liste besonders geschützter Pflanzen (Conservation Code) halten sie nicht für erforderlich. Auch FloraBase führt die Art als „not threatened“.

Literatur

Allen Lowrie: Carnivorous Plants of Australia Magnum Opus. Band 2. Redfern Natural History Productions, Poole 2014, ISBN 978-1-908787-15-6. Ludwig Diels: Droseraceae. In: Adolf Engler (Hrsg.): Das Pflanzenreich. Heft 26 (IV.112). Wilhelm Engelmann, Leipzig 1906.

Weblinks Drosera calycina Planch. In: FloraBase – the Western Australian Flora. Drosera calycina bei iNaturalist.

Einzelnachweise Drosera calycina Planch. In: FloraBase – the Western Australian Flora. Department of Biodiversity, Conservation and Attractions, abgerufen am 15. August 2026.

Kategorie:Fleischfressende Pflanze Kategorie:Sonnentaugewächse Kategorie:Droseraceae