Der Begriff Hochsensibilität (auch: Hypersensibilität oder Hochsensitivität) bezeichnet das Temperamentsmerkmal höherer sensorischer Verarbeitungssensitivität (englisch: Sensory Processing Sensitivity SPS). Die basale Forschungstätigkeit zu dem als Persönlichkeitsdisposition verstandenen psychophysiologischen Konstrukt der Hochsensibilität stammt von der US-amerikanischen Psychologin Elaine N. Aron. Nach ihrer Vorstellung bedeutet Hochsensibilität sowohl eine hohe Sensitivität für subtile Reize als auch eine leichte Übererregbarkeit. Hochsensibilität bezeichnet als Eigenschaft ein Konzept zur Erklärung der zwischen Individuen unterschiedlichen psychologischen und neurophysiologischen Verarbeitung von Reizen.

Wissenschaftlicher Hintergrund In der englischsprachigen Forschung wird die betreffende Eigenschaft als sensory-processing sensitivity (wörtlich: Sinnesverarbeitungs-Sensitivität) bezeichnet, in der deutschen als höhere sensorische Verarbeitungssensitivität. In den Medien findet sich auch der Ausdruck Hypersensibilität, eingebürgert hat sich aber Hochsensibilität. Es beschreibt die sich zwischen Individuen unterscheidende Sensitivität gegenüber Erlebtem als ein stabiles, zeitlich überdauerndes Merkmal. Aron bezieht sich dabei nicht auf einen Unterschied in den Sinnesorganen selbst, sondern auf etwas, das auftritt, wenn sensorische Informationen zum Gehirn übertragen oder dort verarbeitet werden.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für individuelle Unterschiede in der Sensitivität, die sich seit Mitte bis Ende der neunziger Jahre herausgebildet haben, wobei Arons Konzept der höheren sensorischen Verarbeitungssensitivität einer von ihnen ist. Die wichtigsten Konzepte stimmen dabei in einem Aspekt überein: dass sich sensitive Personen (highly sensitive persons (HSPs)) in ihrer Reaktion auf negative und positive Umwelteinflüsse unterscheiden. Die in der Literatur genannte Orchideen-Löwenzahn-Metapher soll den Unterschied zwischen beiden Gruppen verdeutlichen. Nach dieser stehen Orchideen für Personen, die sensitiver sind (d. h. unter idealen Bedingungen außergewöhnlich gut gedeihen und unter ungünstigen außergewöhnlich schlecht). Dem Löwenzahn entsprechen diejenigen, die weniger sensitiv auf die Umwelt reagieren (sie sind widerstandsfähig und können überall wachsen).

Speziell Arons Theorie besagt nun, dass es ein zugrunde liegendes Unterscheidungsmerkmal dafür gebe, wie einige Personen Reize verarbeiten, was eine größere sensorische Verarbeitungssensitivität, Reflektivität und Erregbarkeit mit sich bringe.

Die Unterschiede in Sensitivität und Verarbeitung seien grundlegend und psychobiologisch bedingt. In diesem Zusammenhang sieht Aron Hochsensibilität als eine Form von angeborenem Temperament, im Gegensatz zur Persönlichkeit, die nach dem Verständnis in der Psychologie auch erlernte Anteile umfasst.

Bisher gibt es keine einheitliche erklärende Theorie oder Definition zum Phänomen Hochsensibilität, ebenso wenig wie ein allgemeingültiges, einheitliches Verfahren, mit dem man Hochsensibilität zweifelsfrei feststellen kann.

Es handelt sich bei Hochsensibilität nicht um eine psychische Störung oder Erkrankung. Allerdings kommen laut Schätzungen psychische Störungen bei Hochsensiblen häufiger vor als im Bevölkerungsdurchschnitt aufgrund einer höheren psychischen Verletzbarkeit.

Geschichte Schon bevor Elaine Aron den Ausdruck Hochsensibilität prägte, setzte man sich mit den Phänomenen unterschiedlicher Reizwahrnehmung und -verarbeitung auseinander. So vermutete der Psychiater Wolfgang Klages, dass das Phänomen der sensiblen und hochsensiblen Menschen biologisch verankert und die Reizschwelle des Thalamus bei diesen Personen viel niedriger sei. Dadurch bestehe eine höhere Durchlässigkeit für die aus afferenten Nervenfasern eingehenden Signale, so dass diese ungefiltert an die Hirnrinde weitergegeben werden.

Auch Jerome Kagan, dessen Forschungsergebnisse als eine der Grundlagen für Arons Konzept dienen, fand physiologische und Verhaltensunterschiede zwischen von ihm als gehemmt (inhibited) und als ungehemmt bezeichneten Kindern. Die ersteren umfassten ca. 15 bis 20 % der Kinder. Sie zeigten weniger spontanes Sprechen sowie größere Distanz gegenüber einem erwachsenen Fremden und im freien Spiel mit Gleichaltrigen. Sie spielten weniger mit einem neuen Spielzeug, zeigten höhere Reizbarkeit, sympathische Reaktivität, mehr Noradrenalin im Urin und mehr Cortisol im Speichel.

Bereits Alice Miller, Carl Gustav Jung und Iwan Pawlow beschäftigten sich mit der Erscheinung der erhöhten Sensitivität innerhalb der menschlichen Spezies, ohne dies jedoch in ein umfassendes Konzept oder eine Theorie einzubetten.

Häufigkeit Hochsensibilität soll laut einigen Experten bei etwa 15 bis 20 % der Bevölkerung auftreten. Anderen Schätzungen zufolge sind es 1 bis 3 %. Die Frage der Häufigkeit wurde in einer Studie von 2018 mit 906 Erwachsenen auf Basis einer latenten Klassenanalyse, einem statistischen Verfahren zur Gruppenerstellung, untersucht. Etwa 31 % der Personen wurden der Gruppe der Hochsensiblen zugeordnet.

Kritik und Reaktionen In der Psychologie wurde kritisiert, Hochsensibilität kombiniere unterschiedliche, nicht notwendigerweise zueinander passende Konzepte. Unklar sei, ob das Konzept Hochsensibilität als Ansatz am besten geeignet ist, die tatsächlich beobachtbaren Unterschiede in der Wahrnehmung und dem Verhalten zu erklären.

Jens Asendorpf, an dessen Forschung zur Schüchternheit Aron anknüpft, sieht in Hochsensibilität eine Unterklasse des Persönlichkeitsmerkmals emotionale Instabilität. Dem wird jedoch entgegnet, dass emotionale Instabilität nur ein Teilaspekt von Hochsensibilität sei. Zudem betont Aron, dass Hochsensible stärkere negative und positive Emotionen empfinden. Das gängigste Persönlichkeitsmodell der Psychologie, die Big Five, erklärt außerdem nur 28 % der Varianz, d. h. Unterschiede zwischen Personen, im Merkmal Hochsensibilität. Dies bedeutet, dass Persönlichkeit als Erklärungsansatz nicht ausreicht, um das Konzept Hochsensibilität abzubilden.

Eigenschaften

In der medialen Darstellung Häufig werden in den Medien zwei zentrale Charakteristika Betroffener genannt oder umschrieben, die intensivere Reizverarbeitung und eine Reizüberflutung durch eine mangelnde Filterung von wichtigen und unwichtigen Informationen. Dies weicht insofern von Arons ursprünglicher Konzeptionierung ab, als sie selbst die Vorstellung des Filterns von Unwichtigem als problematisch ansah. Die Annahme, dass Hochsensible nicht herausfiltern können, was irrelevant ist, würde bedeuten, dass aus der Perspektive von Nicht-Hochsensiblen bestimmt wird, was relevant ist.

Viele Betroffene interpretieren Hochsensibilität nicht als alle Sinne betreffend. Stattdessen trete sie in unterschiedlichen Bereichen (Gerüche, Licht, soziale Kontakte) mit verschieden intensiven Ausprägungen auf. Andere hochsensible Menschen sehen sich als Mischtypen, bei denen eine erhöhte Sensibilität in mehr als einem Bereich auftritt.

Im Jahr 2015 wurde in einem Artikel im Wall Street Journal festgestellt, dass mehrere hundert Forschungsstudien zu Themen im Zusammenhang mit Hochsensibilität durchgeführt wurden. Zudem hätten hochsensible Personen „gerade ihren großen Auftritt“. Zu einem ähnlichen Schluss kamen auch mehrere deutsche journalistische Beiträge.

Persönlichkeitsmerkmale Laut einer Meta-Analyse hängen die im Abschnitt Hochsensibilitäts-Test genannten Komponenten jeweils unterschiedlich mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. Die ästhetische Sensitivität steht vor allem mit dem Persönlichkeitsmerkmal Offenheit für neue Erfahrung in Verbindung, das bei Erwachsenen, nicht aber bei Kindern mit Hochsensibilität positiv korrelierte. Die anderen beiden, die leichte Erregbarkeit und die niedrige Wahrnehmungsschwelle, korrelieren positiv mit Neurotizismus. Der von Aron angenommene Zusammenhang mit Gewissenhaftigkeit konnte nicht bestätigt werden. Betroffene sehen sich auch häufig als mitfühlender und sozialer an. Die genannte Meta-Analyse konnte jedoch keinen Zusammenhang von Hochsensibilität mit Verträglichkeit finden. Diesem Persönlichkeitsmerkmal sind die genannten prosozialen Eigenschaften am ehesten zuzuordnen (siehe Big-Five-Modell).

Laut Aron wurde Hochsensibilität lange mit Introversion, Schüchternheit und Neurotizismus verwechselt. Es besteht jedoch ein Zusammenhang mit Verhaltenshemmung. Die Motivation, unangenehme Zustände und negative Folgen von Verhalten zu verhindern, ist bei Hochsensiblen ausgeprägt. Weitere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Hochsensible tendenziell stärkere Gefühle auch auf einen positiven Reiz erleben.Kathy A. Smolewska u. a.: A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and Big Five. In: Personality and Individual Differences. Series B: Biological Sciences. Bd. 40, 2006, S. 1269–1279, doi:10.1016/j.paid.2005.09.022. Jedoch scheint das Bedürfnis, diese Belohnungsreize aktiv anzustreben, bei Hochsensiblen nicht anders ausgeprägt zu sein als bei Nicht-Hochsensiblen. Eine andere Studie konnte die Ergebnisse zu stärkeren positiven Gefühlen bei Hochsensiblen teilweise stützen. Allerdings traten in dieser Studie die intensiveren positiven Gefühle nur bei den Hochsensiblen auf, die in der Kindheit eine Erziehung mit hoher Fürsorge und wenig Überbehütung erfahren hatten.

Aufgrund der Ähnlichkeit zu Hochsensibilität wurden auch Bezüge zu anderen Merkmalen hergestellt. Zwei Komponenten der Hochsensibilität, leichte Erregbarkeit und niedrige Wahrnehmungsschwelle, stehen in Verbindung mit autistischen Symptomen (schlechtere soziale Fähigkeiten und vermehrte Aufmerksamkeit für Details). Leichte Erregbarkeit und niedrige Wahrnehmungsschwelle korrelieren außerdem mit Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle zu identifizieren und sie in Worten zu beschreiben. Ästhetische Sensitivität korreliert sowohl mit dem autistischen Symptom der Aufmerksamkeit für Details wie auch mit besseren kommunikativen Fähigkeiten.

Neurale und kognitive Aspekte Ein Hinweis auf mögliche neurale Unterschiede, die mit Hochsensibilität einhergehen, stammt aus fMRT-Studien. Beispielsweise mussten im Rahmen einer Studie die Teilnehmer geringfügige Änderungen in ihnen unbekannten fotografischen Szenen entdecken. Personen mit Hochsensibilität zeigen dabei mehr Aktivierung in Hirnarealen, die für visuelle Aufmerksamkeit zuständig sind. Im Einklang mit Arons Theorie wird dies damit erklärt, dass sie sich mehr mit den subtilen Details dieser Darstellung beschäftigen. Es gab keinen Unterschied in der Genauigkeit im Entdecken von Veränderungen zwischen Hochsensiblen und Nicht-Hochsensiblen. Darüber hinaus waren Hochsensible in dieser Studie langsamer darin, geringfügige Änderungen zu entdecken.

In einer anderen Studie reagierten Hochsensible schneller bei einer Aufgabe, bei der sie auf bekannte visuelle Reize reagieren mussten. Gleichzeitig berichteten sie aber, von der Aufgabe gestresster zu sein.

Manche Autoren sprechen von geistiger, emotionaler oder sensorischer Übererregbarkeit bei Hochbegabten. In einer Meta-Analyse wurde festgestellt, dass hochbegabte Personen höhere Werte für Übererregbarkeit aufweisen als normal begabte.

Kreativität Die Forschung konnte einen Zusammenhang zwischen bestimmten Aspekten von Kreativität und Hochsensibilität finden. Hochsensibilität korreliert zwar nicht mit der Fähigkeit zu divergentem Denken, aber ungefähr auf mittlerem Niveau mit einer Verhaltenstendenz zu kreativer Ideenfindung und mit anerkannten kreativen Erfolgen.

Erziehung Einflussfaktoren in Kindheit und Jugend