mini|Marica Bodrožić (2024)
Marica Bodrožić (* 3. August 1973 in Zadvarje, Jugoslawien) ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie ist für ihre poetische und tiefgründige Arbeit anerkannt. Bodrožićs Schreiben, das sich durch eine Verschmelzung von Lyrik und Prosa auszeichnet, behandelt Themen wie Erinnerung, Identität, und die menschliche Verbindung zur Natur; ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und durch zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen gewürdigt.
Leben Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wurde Marica Bodrožić von ihrem Großvater in Svib in Dalmatien in der Nähe von Split und von anderen Verwandten in der Herzegowina aufgezogen. 1983 zog sie nach Hessen und besuchte dort die Schule in Sulzbach am Taunus. Ab diesem Zeitpunkt erlernte sie die deutsche Sprache. In ihrem mit dem Initiativpreis Deutsche Sprache ausgezeichneten autobiografischen Buch Sterne erben, Sterne färben schildert sie ihr poetisches und poetologisches Verhältnis zu ihrer, wie sie es nennt, zweiten Muttersprache, die auch die Sprache ihrer Literatur geworden ist. Sie ist mehrfach mit bedeutenden Auszeichnungen geehrt worden. Bodrožić arbeitet außerdem als Übersetzerin aus dem Englischen und dem Kroatischen. Sie hat Essays, Features und Kritiken u. a. über Nazim Hikmet, Anne Sexton, Robinson Jeffers, Dubravka Ugrešić, Danilo Kiš, Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa und über Zweisprachigkeit beispielsweise bei Elias Canetti und Vladimir Nabokov geschrieben. Als Gastprofessorin lehrte sie u. a. am Dartmouth College in den USA Deutsche Lyrik des 20. Jahrhunderts und Gegenwartslyrik. Sie gibt auch regelmäßig an Schulen und Universitäten oder im Auftrag des Goethe-Instituts Creative Writing Kurse. Ihre Bücher wurden bisher in dreizehn Sprachen übersetzt.
2007 wurde ihr erster Dokumentarfilm, den sie zusammen mit der Literaturkritikerin und Filmemacherin Katja Gasser gedreht hat, von 3sat ausgestrahlt (Das Herzgemälde der Erinnerung. Eine Reise durch mein Kroatien). Sie schrieb dafür das Drehbuch und war Co-Regisseurin.
In Frankfurt am Main machte sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin und studierte Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik. Sie ist Unterzeichnerin der 2017 veröffentlichten Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner.
Marica Bodrožić lebt nach Stationen in Paris und Zürich heute als freie Schriftstellerin in Berlin.
Themen, Form und Rezeption Ihre frühen Erzählungen und Gedichte widmen sich der poetischen Ausschöpfung von Gedächtnis und Erinnerung; meist sind diese literarischen Arbeiten im Hinterland von Dalmatien (manchmal auch in der Herzegowina, wo sie Teile ihrer frühen Kindheit verbrachte) situiert, in der sich das Mittelmeer, der Karst und die Gnadenlosigkeit des Wetters, der Natur überhaupt im Leben und in den Schicksalen der Menschen spiegeln. Immer wieder sind es Suchende, Umherreisende, Verlorene, derer sie sich annimmt und die sie sprachlich, den einfachen Menschen ein Denkmal setzend, evoziert, ja regelrecht besingt. Die Sprache selbst wird bei Marica Bodrožić dabei zur Protagonistin. Ihre Prosa ist immer lyrisch durchsetzt, die Lyrik stellenweise erzählerisch verortet. In den neueren, vor allem lyrischen Arbeiten der Autorin nehmen Themen wie Mystik (vgl. auch unten Mechthild von Magdeburg), Transzendenz, Erotik, Weiblichkeit und Liebe einen größeren Raum als bisher ein.
Für ihre Lyrik wurde ihr höchstes Lob von Walter Hinck in der FAZ ausgesprochen, der ihr schon für ihren ersten Gedichtband Frische und Eigensinn im gleichen Maße bescheinigte: „Na also: Marica Bodrožić frischt die deutsche Lyrik auf. Mit welcher Energie diese Autorin die deutsche Sprache aufzuladen vermag, wird dort deutlich, wo das Poetische zu sich selbst kommt: in ihren Gedichten. Solche Auffrischung kann der deutschen Lyrik nur guttun.“
Auch in der NZZ wird ihr Anerkennung gezollt, wenn es etwa heißt: „Bodrožić entwirft dichte und berückende Assoziationswelten, scheinbar Disparates wird im Hand- und Satzumdrehen eingeschmolzen in komplexe Bilder. In wenigen Sätzen gelangt Marica Bodrožić von beiläufigen und immer sehr präzisen Beobachtungen in die Tiefen der Geschichte, etwa in die Balkankriege, oder in die Höhen einer erotischen Begegnung, offen für den Einfall der Wörter, von denen sie sich gerne in vielstimmige Selbstgespräche verwickeln lässt.“
Der poetische Bilderreichtum von Bodrožićs Sprache gilt vor allem in ihrem zweiten Erzählungsband Der Windsammler als ein besonderes Herausstellungsmerkmal. Allerdings ist sie hier nicht davor gefeit, das gelegentlich zu übertreiben, so dass ihre Erzählungen eine „Überdosis Poesie“ verströmen. Ihr Roman Das Gedächtnis der Libellen widmet sich ganz dem Konkreten, Orte, Figuren und Namen sind nicht mehr im Imaginären, sondern im politisch Greifbaren verortet. In ihrer Prosa-Trilogie Das Gedächtnis der Libellen (2010), Kirschholz und alte Gefühle (2012) sowie Das Wasser unserer Träume (2016) gelingt es der Autorin, ein Figurenensemble zyklisch zu entwerfen: die Physikerin Nadeshda, die Ich-Erzählerin des ersten Romans, auf dem Weg von Berlin nach Amsterdam zu Ilja, verheirateter jüdischer Romancier, mit dem sie den Sohn Ezra hat; Arjeta in Berlin, ehemals Philosophiestudentin in Paris, die Ich-Erzählerin des zweiten Romans im Zeitrhythmus einer Woche, gleich alt wie die Autorin; Ilja, namenloser Ich-Erzähler des dritten Romans, der vier Jahreszeiten lang das Erwachen aus dem Koma übt, im fiktiven Ansprechen der Menschen, die ihm wichtig sind, wie Nadeshda und Arjeta. Dabei werden die Auferstehungsmetaphern der russischen Romane Tolstois (Seelenreinigung) und Dostojewskis (allmähliche Erneuerung eines Menschen in der Liebe) in großartigen Bildern aus medizinisch-seismographischen Strukturen heraus in nie gesehene und gehörte Bedeutungsräume des Inneren (Herzraum) weiterentwickelt: In dieser poetischen und poetologischen Lösung des philosophischen Leib-Seele-Problems wird in der Leib-Meditation das Ich zum sich selbst aus seiner inneren Gefangenheit erlösenden Erzähler, sich jahreszeitlich wachsend steigernd in schwarzweißen Schattenabstufungen („Zahlen- und Zeitknoten“, „Lichtwirbel“, Winter), in visionären Farbexplosionen (innere Farblandschaften, Blutkristalle, Frühling), im Hören auf Lungenlärm wie Vogelsprache (Sommer), im Kommunizieren als Lesen und Schreiben dieser Reise zu sich selbst und Neuanfangen als Lebensform (im Sinne Hannah Arendts). Der seiner alten Akten und Daten entledigte Mann fragt sich: „Was für ein Mensch bin ich gewesen? Auch ein so politisch korrekter Rationalist? Ein Mensch, der nichts einem anderen Menschen geben konnte, der für alles eine Erklärung hatte und gerade deshalb gefährdet war. Gefährdet vom Soll her. Von mangelnder Fähigkeit etwas zu geben, das man nicht anfassen kann.“ Der Ich-Erzähler wird zum Poeten und mit ihm der/die Lesende um eine existentielle Erfahrung für sich und für seinen/ihren Blick auf Andere bereichert. Auf diesen werkgeschichtlich zentralen Roman hinführend können die Essays der Autorin vorher und nachher gelesen werden.
In der Stiftung Lyrik Kabinett München hielt die Autorin eine Veranstaltung in der Reihe Zwiesprachen und wählte dafür Mechthild von Magdeburg aus (4. Dezember 2017).Zwiesprachen Marica Bodrožić über Mechthild von Magdeburg, auf lyrik-Kabinett.de Die Begründung der Autorin lautet: „Durch die dichterisch festgehaltene Erfahrung dieses mystischen Paradoxons [‚Fließendes Licht‘] gebührt Mechthild der Platz einer der ersten in deutscher Sprache schreibenden Frauen: eine Philosophin der verdichteten Zeit“.
Ihr Buch Mystische Fauna (2023) ist ein tiefgründiges und poetisches Werk, das die Verbindung zwischen Mensch und Tier sowie die Auswirkungen von Gewalt in den Fokus rückt. Bodrožić verwendet ihre eigenen Kindheitserinnerungen auf einem Bauernhof und die Beobachtung von Tieren, um universelle Fragen über das Wesen und die Beziehungen zwischen verschiedenen Lebensformen zu erforschen. Ihre Erfahrungen auf der Insel La Gomera, wo sie intensiv mit einem Hund und der Erinnerung an die Brutalität ihres Großvaters gegenüber Tieren konfrontiert wird, tragen zur Tiefe des Buches bei. Der mystische Aspekt des Buches spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie die Autorin über das Verweben aller Lebewesen und deren tiefe, oft unausgesprochene Verbindungen nachdenkt. Mystische Fauna ist nicht nur eine Geschichte der Selbstheilung, sondern auch ein Aufruf, die verborgenen Verbindungen zwischen allem Lebendigen zu erkennen und zu würdigen.
Poetologische Zitate:
In ihrer Begründung zur Zusprache des Walter-Hasenclever-Literaturpreises der Stadt Aachen für 2020 erläuterte die Jury am 27. Januar 2020 abschließend die Besonderheit dieses Werkes, in der sie feststellte:
Werke (Auswahl) Tito ist tot, Erzählungen, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002, ISBN 3-518-41308-2, Taschenbuch btb-Verlag (2013) ISBN 978-3-442-74350-6. Der Spieler der inneren Stunde, Roman, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005, ISBN 3-518-41665-0. Ein Kolibri kam unverwandelt, Gedichte, Otto Müller Verlag, Salzburg/Wien 2007, ISBN 978-3-7013-1126-2. Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern, Suhrkamp, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-518-12506-9, btb Verlag (12. September 2016) ISBN 978-3-442-71381-3. Der Windsammler, Erzählungen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2007, ISBN 978-3-518-41914-4, Taschenbuch btb Verlag (9. April 2012) ISBN 978-3-442-74387-2. Lichtorgeln, Gedichte. [Prosa-Gedichte] Otto Müller Verlag, Salzburg/Wien 2008, ISBN 978-3-7013-1155-2. Das Gedächtnis der Libellen, Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2010, ISBN 978-3-630-87334-3, Taschenbuch btb-verlag (2012) ISBN 978-3 4427-4387-2. Quittenstunden, Gedichte. [Prosa-Gedichte], Otto Müller Verlag, Salzburg / Wien, 2011, ISBN 978-3-7013-1181-1. Kirschholz und alte Gefühle. Roman. Luchterhand, München 2012, ISBN 978-3-630-87395-4, Taschenbuch btb Verlag (8. September 2014), ISBN 978-3-442-74752-8. Mein weißer Frieden. Luchterhand, München 2014, ISBN 978-3-630-87394-7. Das Auge hinter dem Auge. Betrachtungen. Otto Müller Verlag, Salzburg 2015, ISBN 978-3-7013-1235-1 Das Wasser unserer Träume. Roman. Luchterhand, München, 2016, ISBN 978-3-630-87396-1.Ditta Rudle: Das Wasser unserer Träume Rezension auf tanzschrift.at vom 24. September 2016 >> Die Wahrheit kann niemand verbrennen << Über die Blickrichtung der Liebe bei Mechthild von Magdeburg. Reihe Zwiesprachen der Lyrik Kabinett. Wunderhorn, Heidelberg 2018. ISBN 978-3-88423-581-2 Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe. Essays. Matthes & Seitz, Berlin 2019, ISBN 978-3-95757-727-6 Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge, Otto Müller, Salzburg-Wien Februar 2021, ISBN 978-3-7013-1287-0. Die Arbeit der Vögel. Seelenstenogramme, Luchterhand, München 2022, ISBN 978-3-630-87594-1. Mystische Fauna. Von der Liebe der Tiere, Matthes & Seitz, Berlin 2023. Die Rebellion der Liebenden. Von der Verwandlung unseres Denkens in unsicheren Zeiten. btb Verlag, München 2024.
Literaturkritische Arbeiten Der Wunderlehrling, in: Mit Lessing ins Gespräch, Hg. Heinz Ludwig Arnold, Wallstein: Göttingen 2004, S. 50–58. Eine mitteleuropäische Frau. In der Tradition der istrischen Grenzkultur erlebt Marisa Madieri die Existenz als Kontinuität, in: Frankfurter Rundschau vom 26. Januar 2005Eine mitteleuropäische Frau, in: Frankfurter Rundschau vom 26. Januar 2005 Ein Brief an Europa. Mitgefühl als Waffe. Europa muss für Menschlichkeit einstehen und seine Grenzen weiten. Die Poesie kann dabei helfen (anlässlich der Europa-Debatte zur Verleihung des Literaturpreises der Europäischen Union während der Frankfurter Buchmesse) 11.9. – 911. Bilder des neuen Jahrhunderts. zusammen mit Dagmar Leupold und Kerstin Hensel, in: Göttinger Sudelblätter (hg. von Heinz Ludwig Arnold), ISBN 978-3-89244-621-7 (2002)