Valerie Jorud (* 11. März 1902 in Gutenfeld, Bezirk Reichenau an der Kněžna, Königreich Böhmen; † 22. März 1945 in Berlin-Eichkamp) war eine jüdische Bildhauerin, Keramikerin und Textilkünstlerin.

Werdegang Valerie „Vala“ Jorud (geborene Fleischer) wurde als Tochter des verwitweten Textilkaufmanns Josef Fleischer und dessen zweiter Frau Jenny Korálek in Böhmen geboren. Ihre Eltern waren Juden, wobei ihr Vater religiös war, während ihre Mutter aus einer nicht gläubigen Familie stammte. Sie wuchs zusammen mit ihrem Bruder Karel, ihrer älteren Schwester Alice und der jüngeren Schwester Mila auf.

Valerie Jorud konnte gut zeichnen und interessierte sich für Kunst. In den 1920er Jahren absolvierte sie eine Ausbildung an der Gewerblichen Fachschule und Lehrwerkstätten der Deutschen Werkstätten Hellerau. Neben der Textilkunst wandte sie sich, nachdem sie nach Berlin gezogen war, auch der Keramik und Bildhauerei zu. Sie kehrte zu Familienbesuchen und Treffen mit ihrer Verwandtschaft in das elterliche Haus in Dobruška zurück.

Leben und künstlerisches Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus Nur 1935 zeigte Valerie Jorud ihre Textilarbeiten im Stil der Neuen Sachlichkeit auf der Grassimesse in Leipzig. Ab 1936 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Abstammung dort nicht mehr zugelassen. Ihr gesamtes textiles Werk zeichnete sich durch eine „kräftige Linien- und Formensprache und das faszinierende Wechselspiel zwischen Fläche und optischer Tiefenwirkung“ aus. Sie stellte unter anderem einen blauen Wandbehang aus, den sie entworfen und selbst gefertigt hatte. Während dieser Messe lernte sie den Keramiker Jan Bontjes van Beek kennen. Ab Ende der 1930er war sie in seiner Keramik-Werkstatt in Berlin-Charlottenburg tätig. In dieser Zeit entstanden ihre keramischen und plastischen Arbeiten. Sie war kreativ und handwerklich äußerst vielseitig begabt, an den technischen und gestalterischen Prozessen sehr interessiert, und „bewies mit eigenen Form- und Glasurentwicklungen beachtliches Können“.

Mit der während des Zweiten Weltkrieges im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiven und im August 1943 hingerichteten Cato Bontjes van Beek verband Valerie Jorud eine enge Freundschaft. Aufgrund des wachsenden Antisemitismus und der Repressalien und Verfolgungen, denen jüdische Menschen zunehmend ausgesetzt waren, lebte sie unter falschem Namen und mit gefälschten Papieren, die ihr sozialistische oder kommunistische Freunde vermittelt hatten. Sie wohnte in der Berliner Siedlung Eichkamp zur Untermiete bei der Familie von Friedrich Curtius. Die Familie kannte sie seit Jahren durch ihre Freundin Gertrud Löb. Zum Bekanntenkreis der Curtius’ gehörte auch die Familie von Klaus Bonhoeffer, die im Haus Alte Allee 11 wohnte, und die regimekritische Kriminaloberkommissarin Heide Gobbinn, die von Joruds gefälschten Papieren wusste. Valerie Joruds Arbeit in der Keramik-Werkstatt endete mit der Zerstörung des Studios durch einen Luftangriff im November 1943.

Tod und Gedenken mini|hochkant=0.5|Gedenktafel in der Siedlung Eichkamp In der Nacht des 21. März 1945 wurden während eines Bombenangriffs sieben Häuser in der Siedlung Eichkamp zu beiden Seiten der Alten Allee von einer Luftmine zerstört. Dazu gehörten auch das Haus Nummer 11 der Familie Bonhoeffer und das Haus Nummer 20 der Familie Curtius. Dabei kamen mehrere Hausbewohner ums Leben, darunter auch Valerie Jorud. Sie wurde unter dem Namen Val Jorudova auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf beigesetzt. Heide Gobbin kümmerte sich um die Formalitäten und nahm an der Beerdigung teil.

Während des Holocaust waren die Eltern von Valerie Jorud zusammen mit den übrigen Mitgliedern der kleinen jüdischen Gemeinde von Dobruška 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Ihr 89 Jahre alter Vater starb dort 1943, ihre Mutter kurz nach der Befreiung aus dem Lager. Ihre Schwester Mila und ihre Schwester Alice sowie deren katholischer Mann und deren Sohn überlebten den Krieg in England.

In der Siedlung Eichkamp erinnert eine Stele namentlich an in der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Menschen, die dort wohnten, darunter auch Valerie Jorud.

Ankäufe durch Museen Im Grassi Museum für Angewandte Kunst befinden sich Wandbehänge von Valerie Jorud, die sie anlässlich der Grassimessen im Frühjahr und Herbst 1935 geschaffen hatte und die dort vom Grassimuseum gekauft worden waren. Dazu gehören ein blaugemusterter Wandbehang in der Größe von 280 × 176,5 Zentimetern und ein rotgemusterter in der Größe von 280 × 161,5 Zentimetern. Ein weiterer blau-beige-grauer Wandbehang in den Maßen 182 × 148,5 Zentimetern gehörte ihrer Schwester Alice und gelangte 2017 durch Schenkung ihres Neffen Ivan A. Backer in die Sammlung des Grassimuseums. Ein Behang mit gleicher Zeichnung, aber in rot gehalten, wurde auf der Grassimesse 1935 für die Kunstsammlungen Chemnitz erworben. Teil der Schenkung war auch eine Porträtbüste aus Terrakotta auf einem Holzsockel.

Eine weiße Steinzeug-Schale auf blau-grauen Fuß, die Valerie Jorud 1938 gestaltet hatte, wurde 1939 vom Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) erworben, allerdings nicht unter ihrem Namen, sondern unter dem von Jan Bontjes van Beek.

Ausstellungen (Auswahl) 2025/2026: Formen der Anpassung – Kunsthandwerk im Nationalsozialismus. Grassimuseum, Leipzig (zwei Wandbehänge sowie eine Porträtbüste) 2025: Textile Manifeste – Von Bauhaus bis Soft Sculpture. Museum für Gestaltung Zürich Wege der Moderne. Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) (weiße Steinzeug-Schale auf braunem Fuß, 1938, Teil der Dauerausstellung im Bereich Kunst in Deutschland im 20. Jahrhundert.)

Einzelnachweise Wall hanging. In: Museum with no frontiers. Abgerufen am 12. August 2026.

Andreas Platthaus: Design im „Dritten Reich“: Heinrich Himmler suchte nach systemkonformen Weihnachtsgaben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Dezember 2025. Abgerufen am 13. August 2026.

Stolpersteine in Eichkamp. In: gedenktafeln-in-berlin.de. Abgerufen am 13. August 2026

41. Wilhelm Wagenfeld: Kubus-Geschirr, Valery Jorud: Schale. In: Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale). Abgerufen am 13. August 2026.

Valerie Jorud. Behang. In: Kunstsammlungen Chemnitz. Abgerufen am 13. August 2026.

Bernhard Schulz: NS-Design im Grassi Museum. Die Ratlosigkeit des Regimes. In: Monopol vom 13. März 2026. Abgerufen am 13. August 2026.

Textile Manifeste – Von Bauhaus bis Soft Sculpture. In: Museum für Gestaltung Zürich. Abgerufen am 13. August 2026.

Decke (Wandbehang). Inventarnummer 1935.73. In: Grassimuseum. Abgerufen am 13. August 2026

Decke (Wandbehang). Inventarnummer 1993.45. In: Grassimuseum. Abgerufen am 13. August 2026.

Wandbehang Applikation grau. Inventarnummer 2016.1044. In: Grassimuseum. Abgerufen am 13. August 2026.

Kopf (Selbstbildnis). Inventarnummer 2017.2298. In: Grassimuseum. Abgerufen am 13. August 2026.

Spurensuche. In: siedlerverein-eichkamp.de vom 9. Juni 2018. Abgerufen am 12. August 2026.

Valerie Jorud (Fleischer), Alte Allee 20. In: stolpersteine.hauseichkamp.de vom 21. November 2021. Abgerufen am 12. August 2026.

Klaus Bonhoeffer, Alte Allee 11. In: stolpersteine.hauseichkamp.de vom 21. November 2021. Abgerufen am 13. August 2026.

Ivan A. Backer: My Train to Freedom: A Jewish Boy's Journey from Nazi Europe to a Life of Activism. 2016, ISBN 978-1-63450-604-5, Kapitel 2 (eingeschränkte Buchvorschau ohne Seitenangabe)

Michal S. Friedlander (Hrsg.): Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3, S. 297.

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