Das Wunder des schwarzen Beines oder die Heilung des Diakons Justinian (it. Miracolo della gamba nera oder Guarigione del diacono Giustiniano) ist ein Gemälde in Tempera und Gold auf Holzpaneel, ausgeführt zwischen 1438 und 1442 von dem Florentiner Maler der Frührenaissance Fra Angelico (* um 1395; † 1455).

Das Gemälde war Teil der Predella des San-Marco-Altarretabels (siehe unten) für die Kirche San Marco in Florenz und befindet sich, zusammen mit der Haupttafel, einer weiteren Predellentafel sowie einer Seitentafel im Museum von San Marco. Die übrigen sieben Predellentafeln mit einer Grablegung Christi und Szenen aus dem Leben und Wundertaten der Heiligen Cosmas und Damian sowie sieben Seitentafeln mit Heiligenbildnissen sind auf mehrere Museen in Europa und Amerika verteilt.

Motiv Die Existenz der beiden Heiligen Cosmas und Damian ist dokumentarisch nicht belegt. Es liegen mehrere, einander zum Teil deutlich widersprechende Überlieferungsstränge vor. Möglicherweise stellen sie eine christliche Adaptation der Gestalten Castor und Pollux aus der griechischen Mythologie dar.

In diesem Artikel wird der Darstellung in der im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit sehr populären Legenda aurea („Goldene Legende“) aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus der Feder des Dominikaners Jacobus de Voragine gefolgt. Danach waren sie als Ärzte tätige Zwillingsbrüder. Sie sollen um 300 in der Zeit der diokletianischen Christenverfolgung in Kilikien in Anatolien das Martyrium erlitten haben.

Die Geschichte des Wunders des schwarzen Beines wird von dem Dominikanermönch Bartolomeo da Trento im frühen 13. Jahrhundert erzählt, erlangte ihre Berühmtheit aber durch die Darstellung in der Legenda aurea. Danach errichtete Papst Felix IV. (p. 526–530; manchmal auch als Felix III. gezählt) eine Kirche unter dem Patrozinium der beiden Heiligen, die Basilica dei Santi Cosma e Damiano in Rom. In dieser Kirche diente ein treuer Anhänger der Heiligen, der als Diakon Justinian überliefert ist. Eines seiner Beine war vom Krebs zerfressen. Eines Nachts, während er schlief, erschienen die beiden Heiligen mit chirurgischen Instrumenten. Einer fragte den anderen: „Woher nehmen wir gesundes Fleisch, um das verrottete Bein zu ersetzen?“ „Erst heute wurde ein Äthiopier (Ethiops) auf dem Friedhof von San Pietro in Vincoli begraben. Geh und hol sein Bein!“ So eilte er zum Friedhof und brachte das Bein des „Mauren“ (Mauri, in älteren Quellen oft als „Mohr“ übersetzt). Die beiden Heiligen schnitten das kranke Bein ab, setzten dafür das Bein des Verstorbenen ein und salbten die Wunde. Dann nahmen sie das amputierte Bein und fügten es dem Körper des Toten an. Als Justinian aufwachte, spürte er keinen Schmerz. Er fasste an sein Bein, konnte aber keine Verletzung feststellen. Dann hielt er eine Kerze an das Bein, sah, dass alles in Ordnung war, und begann sich zu fragen, ob er er selbst oder jemand anderes sei. Zu Sinnen gekommen, sprang er vor Freude aus dem Bett und erzählte jedem, was er geträumt hatte und wie er geheilt worden war. Man untersuchte das Grab des Verstorbenen und stellte fest, dass dessen Bein tatsächlich abgeschnitten und durch das kranke Bein Justinians ersetzt worden war.

Bildbeschreibung Justinian liegt in seinem Bett und schläft. Die beiden Heiligen knien zu beiden Seiten des Bettes; sie haben die Decke hochgeschlagen, so dass die Beine Justinians bloßliegen, und sein rechtes Bein durch ein schwarzes ersetzt.

Parallel zur Bildebene mit der Kopfseite nach links steht das Bett Justinians auf einem Podest an der linken Wand seines Schlafgemachs. Justinian wird schlafend gezeigt; der Kopf ruht auf zwei dicken Kissen, der Oberkörper ist nach seiner Rechten in Richtung des Betrachters gedreht, die Hände sind über der Brust zusammengelegt. Er trägt ein weißes Nachthemd und eine Schlafhaube derselben Farbe. Die rote Bettdecke ist hochgeschlagen, so dass seine Beine freiliegen.

Auf beiden Seiten des Bettes knien die Heiligen, der vordere mit dem Rücken zum Betrachter in Dreiviertelansicht von hinten, der hintere im Halbprofil dargestellt. Sie haben das rechte Bein Justinians gegriffen, das bis fast zur Hüfte hinauf völlig schwarz ist, während sein linkes Bein sowie Gesicht und Hände die Farbe der Haut eines Mitteleuropäers haben. Es wirkt fast, als würde Justinian einen langen schwarzen Strumpf an seinem rechten Bein tragen.

Die beiden Heiligen sind identisch gekleidet. Über der tiefblauen Tunika tragen sie einen an den Seiten offenen Überwurfkittel (Tappert). Er ist asymmetrisch geschnitten: Auf der rechten Seite schmal, was den Arm vollständig frei lässt, auf der linken Seite ist kontrastierend ein weißer Mi-parti-Stoffstreifen angesetzt, der den Oberarm bedeckt. Beide Heiligen tragen einen roten Cappello dottorale, einen Doktorhut. Hinter ihren Köpfen sind die Heiligenscheine als massive goldfarbene Kreisscheiben dargestellt. Die Heiligen scheinen im Prozess der Ausrichtung des schwarzen Beines zu sein; das abgenommene weiße Bein wird nicht dargestellt.

Der hölzerne Bettkasten, auf dem die Matratze liegt, ist auf einem ca. 30 cm hohen Podest gelagert; hinter dem Kopfende ragt eine Spalliera-Rückwand empor. Auf ihrer Oberkante stehen ein Trinkglas und eine Glaskaraffe. An der Seite der Spalliera hängt an einem Nagel ein kleines gläsernes Gefäß mit einer Flüssigkeit, die vermutlich der mechanischen Reinigung der Wunde und der Blutstillung dient.

Die Szene wird fluchtpunktperspektivisch dargestellt, im Wesentlichen wird nur das Schlafgemach gezeigt. Die Verlängerungen der seitlichen Boden- und Deckenlinien schneiden sich in einem Punkt, der horizontal ungefähr auf der Höhe der Gesichter der beiden Heiligen und vertikal in der Mitte zwischen ihnen liegt. Um das Bett herum sind an den Seiten und am Fußende Holzstangen an der Decke installiert, an denen mit Vorhangringen ein Bettvorhang angebracht ist; dieser ist auf der dem Betrachter zugewandten rechten Bettseite nach oben über die Vorhangstange geworfen, so dass er den Blick auf das Bett freilässt. Die linke Seitenwand ist durch ein kleines quadratisches Fenster in ungefähr zwei Metern Höhe durchbrochen. Darunter steht ein dreibeiniger Hocker. Zwischen Hocker und Bett sind zwei Pantoffeln aufgereiht. In der rechten Seitenwand ist eine auffallend niedrige Tür. Sie steht offen, was den Blick auf einen angrenzenden Flur gestattet. Die niedrige Höhe der Tür diente im zeitgenössischen Alltag der Wärmedämmung; darüber hinaus wird der intime, geradezu bühnenartige Charakter der Kammer bewahrt und die handelnden Figuren betont.

Die Schlafkammer macht keineswegs einen spartanischen Eindruck, sondern spiegelt einen gewissen Wohlstand wider: Das breite Bett ruht auf einem die Bodenkälte abwehrenden Podest und ist mit schützenden Bettvorhängen sowie zwei prallen Kopfkissen ausgestattet. Auch die beiden Bettdecken passen hierzu, das weiße vermutlich leinene Unterlaken sowie die darüberliegende rote Wolldecke.

Obwohl es Nacht ist, ist die Fensterlaibung heller als die umgebende Wand, als ob Licht durch das Fenster fallen würde. Für die Lichtführung innerhalb der Szene spielt dies jedoch keine Rolle; die Schattenkante an der rechten Zimmerwand lässt erkennen, dass das Licht von links oben kommt.

Interpretationsansätze Transplantationen Der Gedanke an Transplantationen von Körpergliedern war für die Menschheit seit jeher faszinierend; in Religion und Mythologie ist die Vorstellung von Sphingen, Zentauren und allgemein Chimären seit Jahrtausenden belegt.

Cosmas und Damian wurden in Arabien geboren und lebten in Aegeae, einer antiken Hafenstadt am Golf von İskenderun zwischen den heutigen Staaten Türkei und Syrien. Sie hatten in Antiochia Medizin studiert und praktizierten in ihrer Heimatstadt. Unter der Regierung von Kaiser Diokletian (r. 284–305) wurden sie gesteinigt und geköpft. Ihre Körper wurden in Cyrrhus im Norden Syriens in der Nähe eines Tempels, der dem Gott Asklepios geweiht war, beigesetzt. Die Tempelpriester behandelten Kranke dort mit der sogenannten incubatio, dem Schlaf im Tempel. Diese Behandlungsmethode soll auch in der Gegenwart noch in einigen griechischen Klöstern angewendet werden. Nach der Beisetzung von Cosmas und Damian kamen Patienten, um in der Nähe ihrer Gräber auf der Suche nach Heilung die Nacht zu verbringen. Im Mittelalter wurden ihre Reliquien über Europa zerstreut; insbesondere wurden sie in Florenz von den Medici verehrt. Cosmas und Damian wurden insbesondere mit der Chirurgie in Zusammenhang gebracht.

Zu Lebzeiten der beiden Heiligen im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert basierte die Heilkunde im Wesentlichen auf Erkenntnissen, die durch Versuch und Irrtum gewonnen waren. Die damalige Chirurgie, soweit sie sich aus erhaltenen Instrumenten, Kunstwerken und später auch gedruckten Anleitungen rekonstruierten lässt, bestand im Wesentlichen und bis weit in die Neuzeit hinein aus „Schneiden, Schaben und Sondieren“. Das meiste medizinische Wissen jener Zeit war im religiösen Glauben verwurzelt: Sowohl die Hauptursachen von Krankheiten als auch erfolgreiche Behandlungen wurden den Taten der Götter bzw. Gottes zugeschrieben. Erst vor diesem Hintergrund wird der Wundercharakter der Heilung des Justinian richtig verständlich: Die Operation verlief dem Bericht zufolge schmerzfrei (im lateinischen Originaltext sine dolore, „ohne Schmerzen“) und erfolgreich: Justinian konnte laufen (sogar „aus dem Bett springen“) und erlag nicht einige Tage später dem Wundbrand.

Die erste technisch geglückte Transplantation eines Körpergliedes fand 1999 in Lyon statt. Der rechte Unterarm und die Hand eines hirntoten Spenders wurden an einen Neuseeländer übertragen. Trotz des anfänglich ermutigenden Resultats erwies sich die Operation 2001 als Fehlschlag, denn der Patient empfand seine neue Hand als „hässlich und verkümmert“ (hideous and withered); er fühlte sich von ihr „mental losgelöst“ (mentally detached) und bat um ihre Entfernung.

Menschen schwarzer Hautfarbe im Florenz des frühen 15. Jahrhunderts Scott Nethersole versucht die Frage zu klären, welche Assoziationen die schwarze Farbe des Beines bei dem ausschließlich weißen Publikum hervorrief, und welchen Einfluss die Religion darauf hatte. Im Florenz der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, vor dem Einsetzen des portugiesischen Sklavenhandels mit Menschen westafrikanischer Herkunft ab den 1440er Jahren, bezogen sich Vorstellungen von razza – einem Wort, das im 15. Jahrhundert in verschiedenen romanischen Sprachen gebräuchlich wurde – auf ererbte Eigenschaften. Razza wurde häufig im Zusammenhang mit Abstammungslinien insbesondere aristokratischer Familien, aber auch etwa bezüglich der Herkunft von edlen Pferden oder Hunden verwendet. Die Hautfarbe indes wurde damals nicht als Erbmerkmal angesehen. Basierend auf der klassischen Humoralpathologie – der Lehre von den „Körpersäften“, wie sie im Spätmittelalter und in der Renaissance geläufig war – wurde die „Komplexion“ eines Menschen, die zahlreiche Aspekte von mentalen Fähigkeiten bis zur Farbe der Haut umfasste, aus dem Zusammenspiel der Körpersäfte des Individuums mit der Geographie, den klimatischen Verhältnissen seiner Herkunft und seiner Ernährung abgeleitet. Darauf weist auch die häufigste Bezeichnung für Menschen subsaharanischer Herkunft, Aethiops, hin, die aus dem Griechischen übernommen worden war und wörtlich „verbranntes Gesicht“ bedeutete, was die Ursache der dunklen Hautfarbe auf das Herkunftsland zurückführte.