mini|440px|Zeitstrahl: Société de la Raffinerie d’Egypte (RE, * 1881), Sucrerie-Raffinerie d’Égypte (SRE, * 1893), Société Générale des Sucreries de la Haute-Égypte (SHE, * 1892) und Société Générale des Sucreries et de la Raffinerie d’Égypte (Sucreries, * 1897, † 1956)
Die Société Générale des Sucreries et de la Raffinerie d’Egypte war von 1897 bis 1956 die Aktiengesellschaft der Zuckerfabriken und der Raffinerie am Nil in Ägypten.
Geschichte Durch ein Dekret vom 6. April 1881 wurde die Gründung der Société de la Raffinerie d’Égypte (RE) genehmigt, zu dieser Zeit stand die Ägyptische Regierung unter französisch-britischem Einfluss. Sie wurde von der am 13. Juli 1893 unter britischer Besatzung neu gegründeten Sucrerie-Raffinerie d’Égypte (SRE) absorbiert.Samir Saul: La France et l’Égypte de 1882 à 1914. Institut de la gestion publique et du développement économique, Comité pour l’histoire économique et financière de la France, 1997. S. 375–475. Zwei Drittel des Kapitals für dieses Joint Venture mit der französischen Raffinerie C. Say steuerte die Privatbank der Familie Suarès bei, die als spanische Juden mit italienischer Staatsbürgerschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts über Italien nach Ägypten eingewandert waren und im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den wohlhabendsten ägyptisch-jüdischen Familien gehörten.Uri M. Kupferschmidt: Suarès della Pegna Family. In Encyclopedia of Jews in the Islamic World Online. Über The Wikipedia Library kostenlos aufrufbar.
Parallel dazu wurde durch ein Dekret vom 12. April 1892 die Société Générale des Sucreries de la Haute-Égypte (SHE) gegründet. Die Fusion der SRE und SHE durch die neu gegründete Société Générale des Sucreries et de la Raffinerie d’Égypte (Sucreries) wurde am 26. April 1897 beschlossen.
Die Aktiengesellschaft erwarb 1902 neun Zuckerrohrmühlen von einem ursprünglich vom Khediven Ismail Pascha gegründeten Unternehmen, das zu dieser Zeit unter dem Namen Daira Saniyya Sugar Company firmierte und sich im Besitz einer anglo-ägyptischen Gruppe unter der Führung des deutsch-jüdisch-englischen Investors Sir Ernest Cassel befand. In der Folge verschuldete sich die Aktiengesellschaft bei Ernest Cassel. Dieser sicherte sich daraufhin einen Sitz in der Unternehmensleitung. Die Aktiengesellschaft erlangte bald ein Quasi-Monopol in der ägyptischen Zuckerproduktion,Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of Modern Diaspora. indem sie 17 Rohzucker-Fabriken betrieb:
mini|Die 17 Rohzucker-Fabriken der Société Générale des Sucreries et de la Raffinerie d’Egypte am Nil (1897) Gebiet Gouvernement Ort Mittelägypten al-Fayyūm * Sinnuris * Abuksa I * Abuksa II Bani Suwaif * Biba al-Minya * al-Fashn * Maghagha * Aba’l-Waqf * Bani Mazar * Matay * Samalut * al-Shaykh Fadl * al-Minya * Abu Qurqas Asyut * al-Rawda Oberägypten Qina * al-Dabiyya * Armant * al-Mataina
Da in Ägypten die meisten Zuckerfabriken und deren Feldbahnen von französischen und britischen Firmen errichtet worden waren, obwohl die ägyptische Rohrzuckerindustrie im erbitterten Wettbewerb zur französischen Rübenzuckerindustrie stand, überrascht es auf den ersten Blick, dass der deutsch-jüdische Unternehmer Arthur Koppel aus Berlin, vermutlich aufgrund seiner jüdischen Beziehungen zu Sir Ernest Cassel, eine Feldbahn mit etwa 200 km Gleis und etwa 900 Wagen an die 1892 gegründete Aktiengesellschaft lieferte.Ralph Bodenstein: Sugar and Iron: Khedive Ismail’s sugar factories in Egypt and the role of French engineering companies (1867–1875).Bayerische Verkehrsblätter. Zeitschrift für Eisenbahn- u. Postwesen; Organ d. Bayer. Verkehrsbeamten-Vereins u. seiner Einrichtungen. Band 16, Nr. 22, 1900. S. 317.
Um 1905 gab es nicht genügend Raffinerien in Ägpten, um den von der Aktiengesellschaft hergestellten Zucker Endverbraucher-gerecht aufzubereiten. Sie exportierte daher rohen Rohrzucker in die Türkei, nach England und Malta und importierte dann den dort raffinierten Zucker wieder nach Ägypten.Der Tropenpflanzer: Zeitschrift für tropische Landwirtschaft, Band 9, 1905, S. 543–544. Im Jahr 1905 löste Ernest Cronier gemeinsam mit anderen Spekulanten künstlich einen schwindelerregenden Kursanstieg aus. Innerhalb von acht Tagen verkaufte und kaufte er mehr Zucker, als weltweit in sechs Monaten hergestellt wurde. Ohne Wissen des Vorstands der „Société des Raffinerie et Sucrerie Say“ kaufte er 1,4 Millionen Säcke raffinierten Zucker. Da die Verbraucher jedoch ihre Käufe zurückfuhren, verhinderte der Einbruch des Zuckermarktes letztendlich, dass die Spekulanten davon profitieren konnten.Aline Boutillon: Jules Jaluzot (1834–1916).
Die Aktiengesellschaft geriet 1905 nach dem Selbstmord ihres Geschäftsführers Ernest Cronier in finanzielle Schwierigkeiten, woraufhin sie das Eisenbahnnetzwerk an den Staat verkaufte.Roger Owen: The Study of Middle Eastern Industrial History: Notes on the Interrelationship between Factories and Small-Scale Manufacturing with Special References to Lebanese Silk and Egyptian Sugar, 1900–1930. In: International Journal of Middle East Studies. Band 16, Nr. 4, November 1984, S. 479–481. Über The Wikipedia Library kostenlos aufrufbar.Uri M. Kupferschmidt: Henri Naus Bey: Retrieving the Biography of a Belgian Industrialist in Egypt. S. 44–46. Der 1905 durchgeführte Verkauf von 470 km Bahngleisen, 65 Lokomotiven und 2092 Wagen an den ägyptischen Staat brachte der Société Générale de Sucreries einen Erlös von 400.000 E£.
Die Aktiengesellschaft erlebte ihre besten und gewinnreichsten Jahre während des Ersten Weltkriegs, als der Zuckerimport aus dem Ausland ausblieb und sie dazu aufgefordert wurde, den gesamten Bedarf Ägyptens und des Sudans an raffiniertem Zucker (der damals auf etwa 80.000 Tonnen pro Jahr geschätzt wurde) sowie den Bedarf der im Land stationierten ausländischen Truppen zu decken. Sie produzierte noch über die beiden Weltkriege hinaus, wobei am 31. Mai 1942 die vorhandenen Bestände an Roh- und Raffinadezucker der Société Générale des Sucreries et de la Raffinerie d’Egypte sowie die gesamte Zuckerproduktion der genannten Gesellschaft beschlagnahmt wurden.Moustapha El-ahas Pacha: Proclamation No. 266 portant réquisition des stocks et de la production en sucre de la Société Générale des Sucreries et de la Raffinerie d’Egypte. Le Caire, le 31 mai 1942. Journal Officiel du Gouvernment Egyptien (Numero Extraordinaire), 3. Juni 1942. Im selben Jahr wurde Ahmad ‘Abbud Pascha in den Vorstand gewählt und übernahm die Geschäftsführung der Aktiengesellschaft, bis er 1948 seine Übernahme des Unternehmens durch seine Wahl zum Vorstandsvorsitzenden vollendete. In den 1940er Jahren war Baron Louis de Benoist der einzige Vertreter der französischen Firmengründer und fungierte gleichzeitig als Agent-supérieur der Suezkanalgesellschaft mit Wohnsitz in Ägypten. Der Vorstand setzte sich 1948 aus acht ägyptischen Staatsbürgern, von denen einer jüdisch war, und zwei ausländischen Staatsangehörigen, von denen einer jüdisch war, zusammen.
Auch die Zusammensetzung des Unternehmenskapitals änderte sich in den 1940er und 1950er Jahren. Bis 1955 befanden sich nur noch 26 % der Anteile an der Aktiengesellschaft in französischem Besitz. Die verbliebenen Vertreter der jüdischen Suarès-Qattawi-Rolo-Menasce-Interessen, die ursprünglich als Vermittler für kolonial geprägte ausländische Direktinvestitionen von Sir Ernest Cassel und der französischen Firma Say gedient hatten, waren zu willigen Kooperationspartnern von Ahmed ‘Abbud Pascha geworden, Ägyptens dynamischstem und erfolgreichstem muslimischen Unternehmer.
mini|hochkant|Ahmed ‘Abboud Pascha (1889–1963) Ahmed ‘Abbud Pascha begann mit der Ägyptisierung des Personals, als er die Leitung der Zuckerfabrik übernahm. Im Jahr 1947 beschäftigte das Unternehmen 954 Verwaltungs- und Fachkräfte, von denen 76 % Ägypter waren. 4 % (38) waren Ausländer (sogenannte Mutamaṣṣirūn) und weitere 3,5 % (34) gaben an, Ägypter zu sein, konnten dies jedoch nicht dokumentarisch nachweisen. Weniger als 0,3 % (30) der 9.000 Arbeiter waren 1947 Ausländer. Sie waren höher qualifiziert, oder wurden zumindest von der Geschäftsleitung dafür angesehen, besser bezahlt und erhielten bessere Sozialleistungen als die Ägypter. Diese Zahlen übertrafen die im Unternehmensgesetz von 1947 festgelegten Mindestquoten für die Beschäftigung von Ägyptern, und es waren diesbezüglich keine Änderungen erforderlich, um dieser Gesetzgebung nachzukommen. In der obersten Führungsebene des Unternehmens waren 1947 noch zehn von dreizehn Mitgliedern des Führungsgremiums Ausländer. Doch bis 1952 waren zehn von vierzehn Mitgliedern Ägypter. Diese Veränderung resultierte wahrscheinlich ebenso sehr aus Ahmed ‘Abbud Paschas Bestreben, durch seine eigenen Ernennungen die Kontrolle zu intensivieren, wie aus dem Druck zur Ägyptisierung. Nach 1947 stieg die Zahl der ägyptischen Angestellten und Arbeiter in allen Funktionen allmählich an.
Trotz der scheinbar erfolgreichen Ägyptisierung des Unternehmens wurde die Egyptian Sugar Company am 24. August 1955 aufgrund eines Streits zwischen Ahmed ‘Abbud Pascha und dem neuen Regime über Steuern und Preise unter die Aufsicht des Finanzministeriums gestellt (ein Schutzzoll hatte seit 1931 die Gewinne und den Marktanteil des Unternehmens gesichert). Die Regierung beschlagnahmte das Unternehmen und liquidierte es 1956. Nach dem Suez-/Sinai-Krieg wurde es verstaatlicht, weil der autokratische und herrische Ahmed ‘Abbud Pascha sich den wirtschaftspolitischen Forderungen der Regierung nicht beugen wollte. Die Qattawis waren gezwungen, ihre Aktien-Anteile aufzugeben, als sie nach dem Krieg von 1956 Ägypten verließen, doch ihre Rolle als jüdische Investoren hatte wenig damit zu tun, warum die Aktiengesellschaft als eines der ersten ägyptischen Unternehmen verstaatlicht wurde.
Siehe auch Feldbahnen der Daira Saniyya
Einzelnachweise
Kategorie:Zucker als Thema Kategorie:Landwirtschaft (Ägypten) Kategorie:Schienenverkehr (Ägypten) Societe Generale des Sucreries et de la Raffinerie d’Egypte Societe Generale des Sucreries et de la Raffinerie d’Egypte Kategorie:Unternehmensgründung 1897 Kategorie:Aufgelöst 1956