Die Württembergische Erdbebenkommission war eine im Jahr 1886 gegründete wissenschaftliche Institution zur systematischen Erfassung und Erforschung seismischer Aktivitäten im Königreich Württemberg. Sie leistete bedeutende Pionierarbeit für die moderne Erdbebenforschung im Südwesten Deutschlands.

Geschichte und Organisation Vorgänger Sie war die vierte derartige Vereinigung nach der bereits im Jahr 1878 gegründeten Schweizer Erdbebenkommission, der japanischen Seismological Society of Japan von 1880 und der ebenfalls 1880 ins Leben gerufenen Erdbebenkommission des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe für Baden.Matthäus Haid: Denkschrift zum 25-jährigen Bestehen der Erdbebenkommission des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe. Braunsche Hofbuchdruckerei, Karlsruhe 1906, S. 7–8. Die Österreichische Erdbebenkommission wurde 1896, ein Jahr nach dem Erdbeben in Laibach, gegründet.

Gründung Die Errichtung der Kommission im Jahr 1886 ging maßgeblich auf die Initiative des Tübinger Geologieprofessors Heinrich von Eck zurück. Organisatorisch wurde sie als Unterausschuss des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg (der heutigen Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg) ins Leben gerufen. Anlass für die Institutionalisierung war die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Regionen wie die Schwäbische Alb und der Oberrheingraben zu den seismisch aktivsten Zonen Mitteleuropas gehören und eine systematische, staatlich gestützte Dokumentation erfordern.

Zu den Gründungsmitgliedern und prägenden Köpfen der Kommission gehörten führende Landestopographen und Naturwissenschaftler der Epoche, darunter: Heinrich von Eck Oscar Fraas und später dessen Sohn Eberhard Fraas Adolf Schmidt Karl Mack Karl Regelmann, (Topograph der amtlichen Landesvermessung)

Wissenschaftliche Arbeit und Instrumentalisierung In den ersten Jahren nach der Gründung stützte sich die Kommission mangels ausgereifter technischer Messgeräte primär auf die Methodik der Makroseismik. Nach spürbaren Erdstößen wurden standardisierte Fragebögen an Pfarrer, Lehrer und Ortsvorsteher in den betroffenen Gemeinden verschickt. Die Auswertung dieser subjektiven Wahrnehmungen (Schadensbilder, gefühlte Intensitäten etc.) ermöglichte das Zeichnen von Isolinien für Isoseistenkarten zur Bestimmung von Epizentren.

Ein meilensteinartiger Erfolg der Kommission war eine offizielle Empfehlung im Jahr 1893 zur Errichtung einer permanenten instrumentellen Überwachung. Daraufhin richtete Karl Mack an der landwirtschaftlichen Akademie in Hohenheim eine der ersten staatlichen Erdbebenstationen Deutschlands ein.Heinz Mälzer: Die Erdbebenwarte des Geodätischen Instituts (1904–1966). In: Festschrift zur 150-Jahr-Feier des Geodätischen Instituts (1868–2018). KIT-Scientific Publishing, Karlsruhe 2018, S. 45–47. Die ersten dort eingesetzten Apparate waren modifizierte Horizontalpendel (unter anderem nach dem System von Ernst von Rebeur-Paschwitz), die teilweise in lokalen Universitätswerkstätten nachgebaut wurden. Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Station modernisiert und mit hochentwickelten, mechanisch registrierenden Seismographen (wie dem Wiechert-Inverted-Pendel und dem Mainka-Kegelpendel) ausgestattet.

Historische Bedeutung und Verbleib Die Württembergische Erdbebenkommission institutionalisierte den Übergang von der rein beschreibenden Naturbeobachtung zur messgestützten Geophysik in der Region. Ihre jahrzehntelangen Aufzeichnungen und makroseismischen Berichte bilden bis heute das historische Fundament für die Berechnung von Erdbebenrisiken und entsprechenden Bauvorschriften in Baden-Württemberg.

Die Leitung der Kommission wurde im 20. Jahrhundert sukzessive in universitäre Strukturen überführt, unter anderem an die Universität Stuttgart unter Wilhelm Hiller. Im Jahr 1993 wurden die historischen Datenbestände und Aufgaben im heutigen Landeserdbebendienst Baden-Württemberg (LED) mit Sitz im Regierungspräsidium Freiburg zusammengeführt.

Einzelnachweise

Literatur Verein für vaterländische Naturkunde in Württemberg (Hrsg.): Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg. (Diverse Jahrgänge ab 1886, enthaltend die offiziellen Berichte der Erdbebenkommission). Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB): Makroseismischer Atlas von Baden-Württemberg. Freiburg im Breisgau.

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