mini|Die geheimnisvolle Inschrift auf dem Chagrinleder Das Chagrinleder (frz. La peau de chagrin) ist ein Roman von Honoré de Balzac aus dem Jahr 1831. Er brachte dem Autor, neben dem kommerziellen Erfolg, erstmals auch Anerkennung als Künstler. Protagonist ist ein junger Mann, der, zum Selbstmord entschlossen, einen Teufelspakt eingeht – mit einem magischen Chagrinleder, das ihm die Erfüllung seiner Wünsche verspricht, dafür aber sein Leben verkürzt. Die Handlung vollzieht sich in der unmittelbar zurückliegenden Vergangenheit, fällt also in das Jahr, das auf die fehlgeschlagene Julirevolution folgte, und zeichnet das Porträt einer „Generation von jungen Menschen, die in einer von Geld beherrschten Gesellschaft politisch und metaphysisch entwurzelt sind“.Ingrid Peter: La peau de chagrin. In: Hauptwerke der französischen Literatur, Band 1. Kindler Verlag, München 1996. Der Roman weist somit Merkmale fantastischer und realistischer Literatur auf. Sein Zwischenstatus zeigt sich auch in der Stellung innerhalb von Balzacs Menschlicher Komödie: formal den Études philosophiques (Philosophische Studien) zugeordnet, erkennt ihm das Vorwort eine Brückenfunktion zu den Études de mœurs (Sittenstudien) zu.
Inhalt mini|Der Moment, in dem Raphaël das Chagrinleder zum ersten Mal erblickt (Illustration von Adrien Moreau, 1897) Der Roman gliedert sich in drei Teile: Le talisman (Der Talisman), La femme sans cœur (Die Frau ohne Herz) und L'agonie (Der Todeskampf). Der Protagonist, zu Beginn noch als „der Unbekannte“ bezeichnet, füllt fast den gesamten zweiten Teil mit seiner Lebensgeschichte, in der man erstmals auch Rastignac, eine der im Gesamtwerk Balzacs wiederkehrenden Figuren, kennenlernt. Der Epilog bietet dem Leser eine Deutung der beiden weiblichen Hauptfiguren, Pauline und Fœdora.
Paris, Ende Oktober 1830:Zwei der hier zitierten Quellen datieren den Romananfang auf Oktober 1829: die deutsche Übersetzung aus dem Gutenberg-Projekt und der einschlägige Artikel im (als seriös zu beurteilenden) Kindler-Lexikon. Für Oktober 1830 hingegen spricht dreierlei: (1) Laut Gutenberg-Übersetzung findet die Begegnung mit Rastignac, die zur Rückschau gehört (Teil 2), im Dezember 1829 statt. (2) Aus dem Gespräch zwischen Raphaël und seinen Freunden (in Teil 1) geht hervor, dass die Julirevolution 1830 bereits Vergangenheit ist. (3) Im 1831 erstmals vollständig erschienenen Original heißt es octobre dernier (Oktober letzten Jahres). Im Palais Royal spielt ein junger Mann mit der letzten ihm verbliebenen Münze beim Roulette alles oder nichts und verliert. Entschlossen, seinem Leben nun ein Ende zu setzen, begibt er sich geradewegs zur Seine. Der Spott einer alten Frau, die seine Absicht errät, lässt ihn den Vollzug der Tat auf die Nacht verschieben. In den verbleibenden Stunden verschlägt es ihn in ein imposantes Antiquitätengeschäft. Im oberen Stockwerk bei den größten Schätzen angelangt, bietet ihm der Inhaber einen Talisman an: ein geheimnisvoll funkelndes Chagrinleder. Dessen arabische Inschrift verheißt seinem Besitzer die Erfüllung aller Wünsche – um den Preis, dass es mit jedem Mal ein wenig schrumpft und schließlich, mit seinem völligen Verschwinden, den Tod bedeutet. Der Antiquar, ein rüstiger Greis, warnt ihn eindringlich, sich auf den Pakt einzulassen: „Wollen“ und „Können“ zerstöre den Menschen; das rein genießende „Wissen“ hingegen beruhige und habe ihn selbst, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, 102 Jahre alt werden lassen. Vergeblich. Der junge Mann, des Denkens überdrüssig, will gerade jetzt „leben im Übermaß“ und wünscht sich, den Talisman ergreifend, ein drei Tage währendes Fest, so berauschend, dass ihm „alle Freuden zu einer verschmelzen“.Honoré de Balzac: . Aus dem Französischen von Hedwig Lachmann. Projekt Gutenberg-DE. Damit hat er den Vertrag besiegelt. In dem Moment, da er das Geschäft verlässt, stößt er auf seine Freunde, die ihn seit Tagen suchen. Die Gunst der Stunde – den gesellschaftlichen Umbruch in Folge der Julirevolution – wollen sie nutzen, um Fuß zu fassen bei einer neuen Zeitung, und haben ihn als Kopf ihres Projekts auserkoren; gerade sind sie auf dem Weg zu einem von dem Gründer dieser Zeitung veranstalteten Bankett. Was dessen äußeren Glanz anlangt, erfüllt sich darin der erste Wunsch voll und ganz.
Als das Gelage abklingt und die Kurtisanen bereits schlafen, verlangt einer der Freunde zu erfahren, was der Grund für den beabsichtigten Selbstmord war. Raphaël de Valentin legt daraufhin eine umfassende Lebensbeichte ab. Seine Mutter verlor er im Alter von zehn Jahren, sein aus altem Adel stammender Vater führte ein strenges Regime. Dessen Unglück – nach zweimaligem Verlust seiner Besitztümer verstrickte er sich in Prozesse – bestimmte den Lebensweg Raphaëls nach Abschluss der Schule: ein vier Jahre währender, minutiös reglementierter Tagesablauf, bestehend aus dem Studium der Rechtswissenschaften und der Arbeit bei einem Anwalt. Das Erbe nach dem Tod des Vaters belief sich auf ganze 1112 Francs. Ohne Selbstvertrauen, aber an Disziplin gewöhnt, fasste der 22-Jährige den Entschluss, davon drei Jahre klösterlich zu leben, um in dieser Zeit zwei Werke zu schaffen – eine Komödie und eine „Theorie des Willens“ –, die ihn berühmt machen sollten. Eine ärmliche Dachkammer fand sich und obendrein menschliche Wärme von Seiten der Wirtin und ihrer Tochter, der anmutigen 14-jährigen Pauline, der er die noch fehlende Bildung angedeihen ließ. Fast am Ziel, begegnete er dem weltgewandten Rastignac und dessen Gesinnung, Erfolg habe nur, wer blendet und auf Pump lebt. Durch ihn lernte er auch Fœdora kennen, Rastignacs weibliches Pendant der Gesellschaft des schönen Scheins. Raphaël verliebte sich in sie, ohne wiedergeliebt zu werden; seine „unselige Menschenkenntnis“ verhalf ihm, Fœdora zu durchschauen, zu ihrem Herzen durchzudringen vermochte er nicht. Hinzu kam die wiederholte Scham, dass er über die Mittel, die der Verkehr mit ihr erforderte, nicht verfügte. So schloss er sich dem Lebenswandel Rastignacs an und ließ der jahrelangen Kasteiung die Ausschweifung folgen. Der üppige Spielgewinn war indes bald aufgebraucht, Schulden häuften sich an, der Gerichtsvollzieher stand vor der Tür... Doch nun, da Raphaël dies seinem besten Freund Émile anvertraut, erinnert er sich seines neuen Besitzes. Triumphierend schwenkt er das Chagrinleder und wünscht sich eine Rente von 200.000 Francs. Noch auf dem Fest wird am Morgen öffentlich verkündet, dass er sechs Millionen erbt.
Einige Wochen später residiert Raphaël in einem der prunkvollsten Anwesen von Paris. Die wenigen Bediensteten, die ihn umgeben, schirmen ihn von der Außenwelt ab. Nicht nur vor seinen eigenen Wünschen muss er sich hüten; das Leder schrumpft auch, wenn er den Wünschen Anderer nachgibt. Angstvoll meidet er so das Leben, um am Leben zu bleiben. Einzig den Besuch der Oper gönnt er sich ab und an. An diesem Ort tritt die Liebe wieder in sein Leben – in Gestalt von Pauline. Wunderbarerweise ist ihr in Napoleons Russlandfeldzug verschollener Vater heimgekehrt; durch ihn ist sie nun ebenso reich wie Raphaël und gesteht ihm ihre Zuneigung. Raphaël ist selig, jedoch bald darauf umso niedergeschlagener beim Anblick des unseligen Talismans. Wutentbrannt wirft er ihn kurzerhand in einen tiefen Brunnen. Einige Tage ungetrübten Liebesglücks folgen; die Hochzeit rückt näher. Da bringt der Gärtner das Leder zurück, unversehrt und noch kleiner geworden. Nun soll es die Wissenschaft richten, beschließt Raphaël. Er geht systematisch vor. Die stoffliche Analyse ergibt, dass es von einem Onager stammt, einem seltenen Esel, der als König des Orients gilt, wo man ihm fabelhafte Eigenschaften zuschreibt. Gleichwohl, versichert man Raphaël, müsse auch dieses Stück Haut den gewöhnlichen Gesetzen der Tierwelt gehorchen, sich „erweichen und ausdehnen“ lassen. Die besten Physiker und Chemiker teilen diese Ansicht – und scheitern. Raphaël erkrankt. Die Symptome deuten auf Schwindsucht. Sein Arzt rät ihm – nach Hinzuziehung medizinischer Kapazitäten aus unterschiedlichen Schulen –, Heilung in der Natur zu suchen. Er reist zur Kur nach Aix-les-Bains, von wo ihn die „gute Gesellschaft“, wegen seines Hustens, wie einen Aussätzigen vertreibt, zieht weiter in die Berge der Auvergne und findet auf einem abgelegenen Gehöft eine Heimstatt, wo ihm die Bewohner ebenso gut tun wie die tagelangen Wanderungen in der einsamen Wildnis. Seine Krankheit indes schreitet unerbittlich voran. Den Tod vor Augen, kehrt er nach Paris zurück. Mit Opium lässt er sich in einen Dämmerzustand versetzen, Paulines Briefe verbrennt er. An seinem Sterbebett ist sie jedoch, von seinem treuen Diener gerufen, zugegen; den winzigen Rest seines Chagrinleders in ihrer Hand, liest sie in seinen Augen seinen letzten Wunsch – sie zu lieben – und will sich, um ihn zu retten, erdrosseln. Mit einer letzten Kraftanstrengung bringt er sie davon ab, setzt seinen Wunsch durch und stirbt.
Epilog Im Epilog spricht der Erzähler den Leser direkt an und spielt mit dessen gängiger Erwartung, über das weitere Schicksal der wichtigsten Figuren noch mehr erfahren zu wollen. Er enttäuscht sie insofern, dass er nicht, wie üblich, die Erzählung fortführt, sondern eine Deutung anbietet. Sie betrifft die beiden weiblichen Hauptfiguren, Pauline und Fœdora, die er formal und inhaltlich auf kunstvolle Weise kontrastiert. Bei der Frage nach Pauline nimmt er drei Mal Anlauf, um wortreich dem auszuweichen, was das Interesse des Lesers gewöhnlich befriedigt, und führt ihm stattdessen die Vision eines weiblichen Wesens vor Augen, das nicht von dieser Welt ist: Pauline als Luftgestalt, Projektion, Ideal. Über Fœdora hingegen teilt er kurz und nüchtern mit: „Du wirst ihr begegnen. Sie war gestern in den Bouffons, heute abend geht sie in die Oper, sie ist überall. Sie ist, wenn du so willst, die Gesellschaft.“Der letzte Satz fehlte in den ersten Ausgaben. Balzac fügte ihn erst später hinzu.
Entstehung und Publikation mini|La Caricature: Die Pariser Zeitschrift, in der Balzac den Roman erstmals ankündigte und in der er nach dessen Erscheinen eine selbst verfasste Rezension, unter einem Pseudonym, veröffentlichte. Balzacs Karriere als Autor von Rang begann erst im Alter von 30 Jahren. Bis dahin schlugen seine Versuche, sich eine Existenz aufzubauen, allesamt fehl. Zwei Mal betraf es bürgerliche Berufe: Aus der vorgezeichneten Bahn als Anwalt war der junge Balzac regelrecht geflohen; sein Dreifach-Engagement als Verleger, Drucker und Besitzer einer Letterngießerei endete nach drei Jahren harten Ringens im Konkurs. In der Zwischenzeit war er bereits schriftstellerisch tätig geworden: zunächst in zwei von der Familie alimentierten Probejahren, deren Ertrag jedoch keinen Widerhall fand; im Anschluss als pseudonymer Verfasser literarischer Dutzendware, mit der er sich zwar emanzipierte, aber unter Wert verkaufte. Damit räumte er nach dem Bankrott entschlossen auf. Die „Herrenjahre“ als Geschäftsmann erwiesen sich als fruchtbare Lehrjahre in Sachen Wirklichkeitserfahrung. Sie änderten Balzacs Kunstauffassung und lösten einen Produktivitätsstrom aus, der zwei Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tod, nicht abebben sollte. Fortan publizierte er auch unter seinem bürgerlichen Namen, bald sogar mit dem von ihm selbst hinzugefügten, adligen de. Der erste Roman, der den Autorennamen Honore de Balzac trug, war Das Chagrinleder.Vergleiche dazu: Stefan Zweig: Balzac. Insel Verlag, Leipzig 1958, S. 7–139.