mini|Satoyama-Landschaft bei Hida, Präfektur Gifu (2012) mini|Satoyama-Landschaft bei Inagi, Präfektur Tokio Satoyama () bezeichnet in Japan traditionell genutzte ländliche Kulturlandschaften im Umfeld menschlicher Siedlungen. Im engeren und älteren Verständnis sind damit vor allem bewirtschaftete Wälder und Grasflächen auf den Hügeln und an den Berghängen in der Nähe von Dörfern gemeint; heute wird der Begriff häufig weiter gefasst. Typisch ist das Nebeneinander von Dörfern, Reisfeldern und anderen landwirtschaftlichen Flächen, Wiesen, bewirtschafteten Wäldern sowie Teichen und Bächen. Diese Landschaften entstanden durch die langfristige Nutzung natürlicher Ressourcen durch die örtliche Bevölkerung.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren viele dieser Nutzungsformen an wirtschaftlicher Bedeutung. Die Verwendung von Brennholz, Holzkohle und organischem Material aus den Wäldern ging zurück, während zahlreiche ländliche Gebiete zugleich von Bevölkerungsrückgang und Überalterung betroffen waren. Dadurch wurden viele Satoyama-Flächen nicht mehr in der bisherigen Weise bewirtschaftet. Parallel dazu setzte eine Neubewertung von Satoyama als schützenswerte Kulturlandschaft und als für die Biodiversität bedeutender Lebensraum ein.

Begriff und Bedeutung Das japanische Wort Satoyama setzt sich aus sato (, etwa „Dorf“ oder „Siedlung“) und yama (, „Berg“ oder „Hügel“) zusammen. Der Begriff besitzt keine einheitliche Definition: In einem engeren Sinn bezeichnet er bewirtschaftete Sekundärwälder und Grasflächen in der Umgebung ländlicher Siedlungen, in einem weiteren Verständnis umfasst er das gesamte durch das Zusammenwirken von Siedlung, Landwirtschaft und Wald entstandene Landschaftsmosaik. Dementsprechend können neben Sekundärwäldern auch Reisfelder, Äcker, Grasland, Gewässer und Siedlungsflächen zu einer Satoyama-Landschaft gerechnet werden.

Historisch wurde Satoyama zunächst als lokale Bezeichnung innerhalb ländlicher Gemeinschaften verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand der Ausdruck Eingang in die japanische Forstpolitik und wurde vor allem im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen übermäßigen Holzeinschlag verwendet. Seit den 1970er-Jahren wurde Satoyama dagegen zunehmend mit Naturschutz assoziiert, während die Bedeutung des Begriffs in der Forstpolitik zurückging.

Traditionelle Nutzung und ökologische Bedeutung mini|Landwirtschaftliche Flächen, Obstbäume, Bambusbestände und Gehölze als Bestandteile einer Satoyama-Landschaft (2009) Satoyama-Landschaften entstanden durch die jahrhundertelange Nutzung von Wäldern und landwirtschaftlichen Flächen im Umfeld ländlicher Siedlungen. Die Wälder dienten der Gewinnung von Nutz- und Brennholz sowie der Herstellung von Holzkohle. Bäume und Sträucher wurden regelmäßig geschlagen, außerdem Laub, Zweige und Gras gesammelt. Waldstreu und Kompost dienten als Dünger, Grasflächen als Viehfutter. Weitere typische Landschaftselemente waren Reisfelder sowie Teiche, Gräben und Bäche zur Bewässerung. Art und Intensität der Nutzung können dabei sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Satoyama sind dementsprechend keine einheitliche Landschaftsform, sondern regional unterschiedlich ausgeprägte Kulturlandschaften.

Durch die traditionelle Bewirtschaftung entstand ein kleinräumiges Mosaik unterschiedlicher Lebensräume und Vegetationsstadien. Regelmäßiges Fällen und Auslichten von Bäumen sowie die Mahd von Grasflächen unterbrachen die natürliche Sukzession und erhielten lichte Wälder und offene Flächen, ebenso bilden Reisfelder und ihre Bewässerungssysteme eine typische halbnatürliche Landschaft. Die Artenvielfalt vieler Satoyama-Landschaften ist daher teilweise von einer fortgesetzten Bewirtschaftung abhängig. Sowohl deren Aufgabe als auch eine intensivere Landnutzung können daher das Gleichgewicht der halbnatürlichen Vegetation und der dortigen Artenvielfalt beeinträchtigen. Zu den typischen Gehölzen bewirtschafteter Sekundärwälder gehören die Eichenarten Quercus serrata und Quercus acutissima. Weitere typische Pflanzen sind der Japanische Hundszahn (Erythronium japonicum) und Veilchen, zu den charakteristischen Tierarten zählen etwa der Amurbussard (Butastur indicus), das Genji-Glühwürmchen (Nipponoluciola cruciata), der Reisfisch Medaka und der Wasserfrosch Pelophylax nigromaculatus.

Wandel seit dem 20. Jahrhundert mini|Hinoki-Scheinzypressen in einer forstwirtschaftlich geprägten Satoyama-Landschaft (2007) Die wirtschaftliche Bedeutung der traditionellen Satoyama-Nutzung nahm insbesondere während des starken Wirtschaftswachstums Japans seit den 1960er-Jahren ab. Brennholz und Holzkohle wurden zunehmend durch fossile Energieträger ersetzt, während chemische Düngemittel die Verwendung von Waldstreu und Kompost in der Landwirtschaft zurückdrängten. Auch Grasland, das zuvor zur Gewinnung von Viehfutter genutzt worden war, verlor an Bedeutung.

Parallel dazu veränderten wirtschaftlicher Strukturwandel, Urbanisierung und demographische Veränderungen die ländlichen Räume Japans. Die Alterung und Abnahme der ländlichen Bevölkerung erschwerten die Bewirtschaftung von Reisfeldern und anderen landwirtschaftlichen Flächen. Zwischen 1960 und 1980 gingen insbesondere für Brennholz und Holzkohle genutzte Wälder, Gras- und Reetflächen sowie Flächen des Wanderfeldbaus stark zurück. Andere Bereiche wurden in forstliche Plantagen, intensiv bewirtschaftete Agrarflächen oder Siedlungsflächen umgewandelt. Wenn Reisfelder, Sekundärwälder und Grasflächen aufgegeben wurden, setzte eine stärkere Sukzession ein. Bei aufgegebenen Reisfeldern nahm unter anderem die Gehölz- und Waldbedeckung zu; während es zugleich weniger Grenzbereiche zwischen Wald und Reisfeldern gab. In anderen Gebieten führten die Intensivierung der Landwirtschaft sowie der Ausbau und die Vereinheitlichung von Bewässerungs- und Entwässerungssystemen zu Veränderungen.

In einer Untersuchung der Landschaft um Kamiseya in der Präfektur Kyōto wurde die Landnutzung von 1970 mit der von 1995 verglichen. Die Landnutzungsdiversität nahm in allen untersuchten räumlichen Einheiten ab, während die Vielfalt der Altersstruktur der Wälder zunahm. Als Ursachen gelten gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Entwicklungen, insbesondere seit den 1970er-Jahren. Während Satoyama historisch örtlich auch durch eine zu intensive Ressourcennutzung beeinträchtigt wurden, führte seit den 1960er-Jahren zunehmend die Aufgabe traditioneller Nutzungsformen zu Veränderungen der Landschaft und ihrer Lebensräume.

Naturschutz und Wiederbelebung Mit dem Rückgang der traditionellen Nutzung veränderte sich auch die gesellschaftliche Wahrnehmung von Satoyama. Zugleich führte der Verlust von Satoyama durch großflächige Siedlungsentwicklung seit den 1960er-Jahren zu einer Neubewertung dieser Landschaften. Da ihre charakteristische biologische Vielfalt teilweise von regelmäßigen Eingriffen abhängt, reicht ein bloßer Schutz vor menschlicher Nutzung zu ihrer Erhaltung nicht in jedem Fall aus.

In der japanischen Naturschutzdiskussion wird Satoyama häufig als Beispiel für eine Landschaft verstanden, in der Natur und menschliche Kultur eng miteinander verbunden sind. Dieses Bild ist teilweise mit einer idealisierten Vorstellung eines früheren ländlichen Lebens verbunden, in dem die Menschen vermeintlich „in Harmonie mit der Natur“ lebten. Die historische Nutzung war jedoch nicht durchgehend nachhaltig: Im 19. Jahrhundert bzw. der späten Edo-Zeit und frühen Meiji-Zeit führte eine starke Abhängigkeit von biologischen Ressourcen örtlich zu Übernutzung, Vegetationsverlust und Bodenerosion.

Das japanische Umweltministerium fördert die Erhaltung und Nutzung von satochi-satoyama (). Satochi (, etwa „Dorfland“ oder „Siedlungsgebiet“) bezeichnet dabei vor allem die ländlichen Siedlungs- und Agrarräume, satoyama im engeren Sinn die angrenzenden bewirtschafteten Wälder und Hügel. Das Umweltministerium unterstützt unter anderem die Wiederaufnahme traditioneller Bewirtschaftungsformen und neue Formen nachhaltiger Ressourcennutzung. Als Gefährdungsfaktoren nennt es insbesondere Bevölkerungsrückgang, Überalterung und wirtschaftlichen Strukturwandel, durch die die Nutzung und Pflege dieser Landschaften zurückgehen. Im Jahr 2015 wählte das Umweltministerium landesweit 500 satochi-satoyama-Gebiete aus, die für die Erhaltung der Biodiversität als besonders bedeutend gelten.

Satoyama Initiative Die Satoyama Initiative wurde 2009 vom japanischen Umweltministerium und dem Institute for the Advanced Study of Sustainability der Universität der Vereinten Nationen entwickelt, um das japanische Satoyama-Konzept zu einem internationalen Ansatz für die nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung menschlich geprägter Landschaften weiterzuentwickeln. Sie verfolgt das Ziel, den Schutz der Biodiversität mit der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und dem menschlichen Wohlergehen zu verbinden. Im Mittelpunkt stehen sogenannte socio-ecological production landscapes and seascapes (SEPLS), also sozioökologische Produktionslandschaften und -meeresräume. Die Bezeichnung umfasst Landschaften und Küstenräume, in denen natürliche Ressourcen langfristig durch das Zusammenwirken menschlicher Nutzung und ökologischer Prozesse geprägt werden. Das Konzept ist damit bewusst weiter gefasst als das japanische Satoyama.

Bei der 10. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt im japanischen Nagoya wurde die Satoyama Initiative 2010 als potenziell nützliches Instrument zum besseren Verständnis und zur Unterstützung menschlich beeinflusster Naturräume anerkannt. Gleichzeitig nahm die Konferenz die International Partnership for the Satoyama Initiative (IPSI) als einen Mechanismus zur Umsetzung der Initiative zur Kenntnis. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem die Sammlung und Auswertung von Fallstudien, die Förderung von Forschung und Erfahrungsaustausch sowie die Unterstützung konkreter Projekte zur nachhaltigen Nutzung biologischer Ressourcen.

Literatur

Weblinks

Website der Satoyama Initiative Farben auf dem Land – nostalgische Landschaften als Geschenke an die Zukunft, Artikel über Satoyama auf der Website der deutschen Botschaft von Japan

Einzelnachweise

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