Auf all den Wegen nach Eden (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Wege ins Paradies, Originaltitel: Among the Paths to Eden) ist eine Erzählung von Truman Capote aus dem Jahre 1960. Kurzbeschreibung Der Witwer Ivor Belli besucht das Grab seiner im Vorjahr verstorbenen Frau Sarah und trifft dort Mary O’Meaghan, die ihren Vater verloren hat. Bei Gesprächen über Erinnerung, Herkunft und Essen teilen sie Erdnüsse und es entsteht eine zaghafte Vertrautheit. Mary lädt Ivor zum Essen ein und gesteht frank und frei, dass sie aufgrund sozialen Drucks auf der Suche nach einem Ehemann sei. Ivor lehnt eine erneute Heirat generell ab, doch der Abschied bleibt höflich und offen. Inhalt An einem schönen Samstag im März 1960 besucht der aus Russland gebürtige Steuerbeamte Ivor Belli das Grab seiner im Herbst des Vorjahres verstorbenen Frau Sarah. Sarah „war eine Frau von vielfältigem Naturell gewesen, vorwiegend schwer erträglichem“, eine „lebhafte Szenemacherin“ sowie „energische Sucherin nach Lippenstiftspuren und verirrten blonden Strähnen“, und Ivor besucht das Grab mehr um des Spaziergangs als um des Grabs willen. Am Grab trifft er auf Mary O’Meaghan, die den Verlust ihres Vaters zu beklagen hat, und es entwickelt sich ein Gespräch über die Verstorbenen, die eigene Herkunft und Essen, über das Mary meint, es mache „keinen Spaß, nur für sich selbst zu kochen“. Sie bietet Ivor geröstete Erdnüsse in der Schale an. „Mr. Belli nahm an; er war immer kindisch versessen auf Erdnüsse gewesen“, setzt sich auf die Grabplatte Sarahs, fordert Mary auf, es ihm gleichzutun und freut sich an dem Gedanken, wie es Sarah ärgern würde zu sehen, „wie er da auf ihrem Grab Erdnüsse mit einer Frau“ pellt, „die nicht ganz reizlos war“. Ihm fällt das steife Bein von Mary auf, und diese erklärt: „Ich fiel von der Achterbahn auf Coney Island. […] Niemand weiß, warum ich noch lebe. Nur, ich kann mein Knie nicht mehr beugen.“ Anlässlich des Gesprächs mit Mary erinnert sich Ivor nun auch positiverer Seiten an seiner Frau: Sie „hatte eine ausgezeichnete Tafel gehalten“ und „sich nie über die Hausarbeit beklagt, und sie hatte es fertiggebracht, das Heranwachsen zweier Mädchen zu einer reibungslosen Folge durchdachter und liebevoller Ereignisse zu machen“. Grundsätzlich ändert der nun positivere Einschlag in der Erinnerung an Sarah aber nichts an Ivors Einschätzung: Die Ehe war für ihn eine „lange Hölle der Stunden […], die sie damit zugebracht hatte, ihre Zunge an seinen Gewohnheiten zu wetzen, geargwöhntem Pokerspiel, schürzenjägerischen Lastern“, und nach wie vor kann Ivor „kein Bedauern darüber heucheln, daß ihr gemeinsames Leben ein Ende gefunden hatte, denn der gegenwärtige Zustand war, im ganzen gesehen, bei weitem vorzuziehen.“ Äußerungen Marys im Gesprächsverlauf lassen Ivor kurzzeitig Schlimmes fürchten: „Auf einem Friedhof war man doch gewiß vor Männerjägerinnen sicher?! Die Frage, die ihm durch den Kopf schoß, verhielt auf halbem Weg, während er ihr gemütliches und leichtgläubiges Gesicht durchforschte, ihren Blick auf Arglist prüfte.“ Der Gedanke an etwaige Eheanbahnungs-Absichten Marys verfliegt, als weitere gemeinsame Interessen offenbar werden, darunter, dass beide Friedhofsbesucher Fans von Helen Morgan sind, von der Mary nun das Lied Don’t Ever Leave Me imitiert, erfolgreich genug, um Ivor „betroffen“ zu machen, „denn was er da hörte, war aufs Haar Helen Morgans Stimme“. Bald darauf schlägt Mary vor, „‚vielleicht werden Sie mich einmal für Sie kochen lassen. Ich werde mir etwas echt Russisches ausdenken. Wir können Platten spielen…‘ Der Gedanke, der aufkeimende Verdacht, der vorhin auf Zehenspitzen vorbeigehuscht war, kehrte mit schwerem Tritt zurück, eine fette vierschrötige Kreatur, die Mr. Belli nicht verjagen konnte.“ Es bestärkt Ivors Verdacht, dass Mary auf dieser Idee insistiert: „‚Wann werden Sie zum Essen kommen?‘ Mr. Bellis Lebensunterhalt hing einigermaßen davon ab, daß er ein geschickter Erfinder von Ausflüchten war. ‚Jederzeit‘, antwortete er glatt, ‚nur nicht in Bälde. Ich bin bei der Steuer. Sie wissen ja, was uns Burschen im März passiert‘“, nämlich eine Flut von Steuererklärungen vom Vorjahr zu erhalten. „Er schuldete ihr Höflichkeit, für die Erdnüsse, wenn nicht für mehr, obschon da noch mehr war“. Mary jedoch lässt nicht davon ab, „‚Ihnen eine sehr persönliche Frage zu stellen. Haben Sie daran gedacht, wieder zu heiraten?‘“, woraufhin Ivor brummelt: „‚Will nicht mal ’nen Hund. Ein bißchen Bier. Poker einmal die Woche. Teufel. Wer, zum Teufel, sollte mich wollen? […] Ich war verheiratet. Siebenundzwanzig Jahre lang. Das reicht fürs ganze Leben.‘“ Trotz dieser Klarstellung bleibt das Gespräch freundlich, Mary rechtfertigt sich durch den Druck, den ihr Umfeld aufbaue: „Arme Mary, was soll aus ihr werden? Ein Mädchen, das nicht Maschine kann, Steno. Mit ihrem Bein und allem; kann nicht mal servieren. Was passiert mit einem Mädchen – einer erwachsenen Frau –, das nichts kann, niemals was getan hat? Außer Kochen und ihren Vater pflegen. Ich hörte immer nur: Mary, du mußt heiraten. […] Ich hab‘ also Ausschau gehalten, von Natur aus bin ich nicht faul. Aber offen und ehrlich, wie findet jemand jemals einen Mann? Wenn man nicht sehr, sehr hübsch ist, aufregend gut tanzt. Wenn man gerade nur – alltäglich ist.“ Eine Bekannte, die zweimal damit erfolgreich einen Ehepartner gefunden hätte, habe ihr „die Spalte mit den Todesanzeigen“ empfohlen, Beerdigungen; dort träfe man vielleicht frischgebackene Witwer, „Burschen, die daran denken, wie sehr ihnen die Häuslichkeit fehlt, und die vielleicht wünschen, sie wären wieder verheiratet.“ Als Mary und Ivor den Friedhof verlassen, bemerkt Mary, dass da „ein neuer Pilger“ auftritt, „ein munterer kleiner Mann, freudiges Gepfeife von sich gebend und mit vielen Hüpfern im Gang. Auch Mr. Belli gewahrte ihn, bemerkte das schwarze Band, das um den Ärmel genäht war, den der Besucher trug, und kommentierte: ‚Viel Glück, Miß O’Meaghan. Schönen Dank für die Erdnüsse.‘“ Textanalyse Bei Auf all den Wegen nach Eden handelt es sich um eine personal erzählte Kurzgeschichte. Die Handlung spielt an einem „Samstag im März“ 1960 auf einem „Friedhof in Queens“. Themen In Capotes eigenen Worten geht es in Auf all den Wegen nach Eden um „Einsamkeit, Lieblosigkeit, Liebe, Mangel an Liebe“,„loneliness, lovelessness, love, lack of love“ – Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 98. darüber hinaus um Themen wie Erinnerung und gesellschaftliche Masken sozialen Drucks. Ivor Belli steht hierbei für einen sozial anerkannten Lebensentwurf, dem er sich glücklich entronnen fühlt, was sozial anerkannt wird. Mary O‘Meaghan steht dagegen für einen Lebensentwurf, der aus gesellschaftlichen Normen resultierte und von einer ökonomischen Verwundbarkeit der Frau profitierte, nach seinem Scheitern jedoch eine Frau ohne Perspektive hinterlässt: Mary ist Opfer einer Stellung der Frau, die hier primär über Heirat, Haushalt, Care-Arbeit definiert wird. Erfolg misst sich an häuslicher Kompetenz, die Mary ebenso aufweist wie die verstorbene Sarah Belli, sowie Heiratbarkeit, bei der Mary für sich wenig Chancen sieht. Figuren Ivor Belli: Der in Russland geborene Jude Ivor Belli ist 55 Jahre alt, „von Beruf Steuerbeamter […] und deshalb gerüstet, sich an Ironie zu ergötzen, wie sadistisch sie auch sein mochte“. Er ist dank Schuh-Einlagen 1,73 m groß und hat „verschiedene Eitelkeiten: zum Beispiel glaubt er, er wäre normaler als andere Menschen, und des weiteren hielt er sich für einen wandelnden Kompaß; seine Verdauung und die Fähigkeit, auf dem Kopf Stehendes lesen zu können, waren andere ichgefühlsteigernde Posten. Aber sein Bild im Spiegel rief wenig inneren Applaus hervor“, denn „sein Haupt“ ist „beinahe ein unfruchtbares Feld. Während seine Nase Charakter zeigte, hatte sein Kinn, obgleich doppelt bemüht, keinen. Seine Schultern waren breit; aber das war auch alles übrige“, und insgesamt zeigt er eine „mittelständische angejahrte Alltäglichkeit“. Mary O‘Meaghan: Dass sie nur „alltäglich ist“ macht Mary O’Meaghan, im Gegensatz zu Ivor Belli, sehr zu schaffen, sieht sie darin doch die Ursache einer erfolglosen Ehepartner-Suche. Mary scheint Ivor „ganz erfüllt von der Eigenschaft des Wohlwollens“ zu sein, ist „vermutlich noch keine vierzig“, etwas größer als Ivor Belli „und sie mochte mehr wiegen“. Einst war Mary blond, „ihr Teint ließ darauf schließen, der reine Glanz ihrer skandinavischen Haut, ihre runden Wangen, gerötet von bäuerlicher Gesundheit, und die Bläue ihrer fröhlichen Augen“ unter dauergewelltem Haar. „Ihre Hände: Küchenhände; und die Nägel: nicht nur fransig benagt, noch dazu bemalt mit einem Perlmuttlack“. Marys Stimme ist „eine schüchterne, einlullende […], ein seltsam dünner und jugendlicher Klang für eine so robuste Gestalt.“ Rezeption und Adaptionen Die Kurzgeschichte Auf all den Wegen nach Eden erhielt eher spärliche und gespaltene Kritiken. Während beispielsweise das Journal of Aesthetic Education die Erzählung „nicht zu den besten Werken Capotes zählte“,„not among his best works“ – The Journal of Aesthetic Education. Jg. 4, Nr. 3, 1970, , S. 150. war der indische Anglisten P. Dinesh Babu (Central University of Punjab) angetan von dem „spielerisch-komischen Ton, wodurch der Autor eine gewisse, gutmütige Distanz zum Helden wahrt.“„a playful comic tone that places the author at a slight, good natured distance from the hero“ – P. Dinesh Babu: Truman Capote’s representation of adolescence. In: International Journal of English language, literature and Translation studies. Jg. 3, Nr. 2, 2016, , S. 633–636. Hier S. 636. (pdf). Im Jahr 1967 wurde der Text für das Radio adaptiertAmerican Broadcasting Corporation: Annual Report 1967. 1968, , S. 6. (pdf). und außerdem unter der Regie von Frank Perry mit Maureen Stapleton in der Rolle der Mary O’Meaghan verfilmt, wofür Stapleton einen Emmy erhielt.Long, Truman Capote, Enfant Terrible, S. 98. Auch in dem Frank-Perry-Film Trilogy spielte Maureen Stapleton 1969 die Rolle der Mary O’Meaghan. Im Jahr 1991 entstand beim ORF Salzburg unter dem leicht abgewandelten Titel Auf allen Wegen nach Eden eine deutschsprachige Hörspielfassung von Leo Braune. Unter der Regie von Klaus Gmeiner sprachen Gert Westphal (Erzähler), Walter Schmidinger (Ivor Belli) und Christine Ostermayer (Mary O’Maugham). Die Erstsendung fand am 10. November 1991 statt. Die Abspieldauer beträgt 24:40 Minuten.OE1-Hörspieldatenbank (Auf allen Wegen nach Eden, ORF Salzburg 1991)
Deutschsprachige Textausgaben Wege ins Paradies. In: Truman Capote: Baum der Nacht. Alle Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Kein & Aber, Zürich 2014. ISBN 978-3-0369-5920-7, S. 333–354 Auf all den Wegen nach Eden. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 315–331. Auf all den Wegen nach Eden. In: Truman Capote: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970. ISBN 3-498-09054-2. S. 304–317. Auf all den Wegen nach Eden. In: Viele Wege führen nach Eden. (=dtv-Taschenbücher, Band 289.) Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1965. S. 98–113. Auf all den Wegen nach Eden. In: Truman Capote: Haus auf den Höhen. Ausgewählte Schriften. Limes-Verlag, Wiesbaden 1964. S. 265–280. Einzelnachweise Truman Capote: Auf all den Wegen nach Eden. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 315–331.
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Truman Capote