Die Wasenschule ist ein temporärer Lernort für Kinder von Schaustellern auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. Während des Stuttgarter Frühlingsfests und des Cannstatter Volksfests erhalten dort schulpflichtige Kinder beruflich Reisender Unterricht, während ihre Eltern auf dem benachbarten Festgelände arbeiten. Kennzeichnend ist die Betreuung der Kinder durch ehrenamtliche Bildungspatinnen und -paten in einem nahezu Eins-zu-eins-Verhältnis. Das Angebot besteht seit 2015; der Unterricht in einem eigenen Raum auf dem Wasengelände findet seit 2016 statt.
Hintergrund Für Kinder aus Schaustellerfamilien bedeutet jeder Ortswechsel zugleich einen Schulwechsel; nach Angaben der Kultusministerkonferenz kommen bei Kindern beruflich Reisender jährlich mehr als 30 Schulwechsel mit ständig wechselnden Lehrkräften, Methoden und Mitschülern zusammen, was kontinuierliche Lernprozesse erschwert. Bundesweit werden diese Kinder von eigens dafür zuständigen Bereichslehrkräften betreut; das Zusammenwirken von Stammschule (am Winterstandort) und Stützpunktschulen (an den Reisestationen) bildet den organisatorischen Rahmen. In Stuttgart besuchten die Schaustellerkinder während der Festzeiten zunächst verschiedene Stützpunktschulen in Bad Cannstatt.
Geschichte Entstehung 2015 Den Anstoß gab ein Vertretungsfall: Anfang 2015 fiel der für Stuttgart zuständige Bereichslehrer längerfristig aus, und der Bereichslehrer des Nachbarbezirks Böblingen, Michael Widmann, übernahm die Betreuung der Schaustellerkinder während des Frühlingsfests. Da die Betreuung über die verschiedenen Stützpunktschulen für ihn nicht zu leisten war, richtete er in einem von der Feuerwehr Bad Cannstatt zur Verfügung gestellten Schulungsraum am Rand des Festgeländes zunächst eine nachmittägliche Hausaufgabenhilfe ein. Das Angebot bewährte sich nicht, weil die Kinder nach dem Schulvormittag erschöpft waren.
Bei einem Elterntreffen regten die Schaustellereltern an, den Unterricht stattdessen vormittags in diesem Raum abzuhalten – für alle Kinder gemeinsam, jahrgangsübergreifend. Widmann gewann dafür zunächst vier pensionierte Pädagogen als Helfer; jeder übernahm eine kleine Schülergruppe. Der jahrgangsübergreifende Vormittagsunterricht mit ehrenamtlicher Unterstützung erwies sich als tragfähig und wurde zum Grundprinzip des Modells.
Etablierung Auf der Bildungsmesse Didacta 2016 kam der Kontakt zur Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft der Stadt Stuttgart zustande, die das Projekt fortan bei der Gewinnung Freiwilliger unterstützte, eine Pressemitteilung verfasste und eine Informationsveranstaltung im Stuttgarter Rathaus organisierte. Damit begann die durchgängige Eins-zu-eins-Betreuung; die Bezeichnung „Wasenschule“ wurde von der Presse in der ersten Berichterstattung geprägt. Das Kultusministerium stand dem Vorhaben anfangs skeptisch gegenüber, da es die umliegenden Stuttgarter Schulen für ausreichend hielt; auch Bereichslehrkräfte aus anderen Bundesländern hätten von der Idee abgeraten. Der Schaustellerverband Südwest Stuttgart e. V. übernahm die Versicherung des Unterrichtsraums, während Eltern die Ausstattung organisierten und finanzierten. Beim Cannstatter Volksfest im Herbst 2016 stieg die Zahl der betreuten Kinder von 18 auf über 30.
Weitere Entwicklung Beim 9. Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung Stuttgart belegte die Wasenschule im Januar 2019 unter 77 Bewerbungen den zweiten Platz des Publikumspreises. Widmann, der das Projekt initiiert hatte, ging 2025 in den Ruhestand; die Leitung liegt seither bei der Bereichslehrkraft Sabine Biebries. Zum Stuttgarter Frühlingsfest 2026 wurden nahezu fünfzig Schülerinnen und Schüler betreut – der bisherige Höchststand; unterrichtet wurde in zwei Zeitschienen unter Beteiligung von zeitweise bis zu fünf Bereichslehrkräften.
Rechtlicher Status Formal ist die Wasenschule keine eigenständige Schule, sondern eine außerunterrichtliche Maßnahme der Eichendorff-Gemeinschaftsschule Bad Cannstatt unter der Bezeichnung „Projektwochen – Intensivlernen mit dem Lernplan – für Schaustellerkinder“. Die Verantwortung liegt bei der Schulleitung und den Bereichslehrkräften, die im Auftrag des Kultusministeriums tätig sind.
Konzept und Arbeitsweise Der Unterricht findet vormittags im Schulungsraum der Branddirektion nahe der König-Karls-Brücke am Rand des Festgeländes statt; die Eingangstür ist mit dem Schriftzug „Wasenschule“ gekennzeichnet. Betreut werden während des Stuttgarter Frühlingsfests und des Cannstatter Volksfests rund 40 bis 50 Kinder und Jugendliche im Alter von etwa 6 bis 16 Jahren von der Vorschule bis in die oberen Klassen.
Kennzeichnend ist eine möglichst individuelle Begleitung: Jedes Kind wird von einer ehrenamtlichen Bildungspatin oder einem Bildungspaten in einem nahezu Eins-zu-eins-Verhältnis betreut. Die Paare aus Kind und Patin oder Pate werden dabei in der Regel nicht zugeteilt, sondern finden sich selbst. Die Lernaufgaben kommen von der jeweiligen Stammschule der Kinder; der Lernfortschritt wird in einem digitalen Lerntagebuch (DigLu) dokumentiert, das auch zur Beurteilung beiträgt. Im Mittelpunkt stehen die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch, ergänzt unter anderem um Gemeinschaftskunde, Geschichte und Sachkunde. Geleitet wird die Wasenschule von der Bereichslehrkraft Sabine Biebries; sie übernimmt vor allem organisatorische Aufgaben, während die eigentliche Lernbegleitung die Bildungspaten leisten.
Bildungspaten Die Bildungspatinnen und -paten arbeiten ehrenamtlich. Unter ihnen sind viele pensionierte Lehrkräfte aller Schularten, aber auch Angehörige anderer Berufe – vom Bankangestellten über eine Logopädin bis zur Apothekerin – sowie Studierende der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und der Hochschule der Medien. Gewonnen werden sie über Aufrufe im Stuttgarter Amtsblatt, in der lokalen Presse und über Informationsveranstaltungen im Rathaus; zeitweise engagierten sich über fünfzig Freiwillige. Für die Mitarbeit ist ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis und eine Verschwiegenheitserklärung erforderlich. Die Stadt Stuttgart (Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft) wirbt jährlich vor den Festen um neue Freiwillige.
Ergänzende Angebote Um das zweistündige Unterrichtsangebot zu ergänzen, arbeitet die Wasenschule mit externen Partnern zusammen. Das Deutsche Rote Kreuz führte altersgerechte Erste-Hilfe-Kurse durch; das Präventionsteam der Stuttgarter Polizei behandelt regelmäßig Themen wie Mobbing, Verhalten gegenüber Fremden und Gefahren digitaler Medien. Seit 2023 ist die aim-akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken fester Kooperationspartner; sie finanzierte unter anderem Teambuilding- und Kreativangebote sowie einen Projektunterricht zur Schaustellergeschichte.
Wissenschaftliche Begleitung Seit 2017 wird die Wasenschule von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg begleitet. Der Erziehungswissenschaftler Martin Weingardt, Leiter der Abteilung Schulpädagogik, untersuchte das Unterrichtskonzept über mehrere Jahre; die Ergebnisse erschienen 2020 in der Studie Schaustellerkinder auf dem Weg von prekären Beschulungssituationen zu kontextadäquaten Lernbiografien („Wasenstudie“), aus der 2021 ein Beitrag für die Kultusministerkonferenz hervorging. Zentraler Befund der Untersuchung ist, dass technische Hilfsmittel allein für gelingende Lernprozesse reisender Kinder nicht ausreichen; entscheidend seien feste pädagogische Bezugspersonen, die die Kinder täglich im Lernen begleiten. Weingardt bezeichnete die hohe Lernmotivation der Kinder als bemerkenswert; einige sprächen von einem „zweiten Zuhause“. Für eine Übertragung des Modells auf andere Standorte benannte er fünf Bedingungen, darunter ein leicht erreichbarer Raum in Festplatznähe, für die Festdauer freigestellte Bereichslehrkräfte und eine der Schülerzahl entsprechende Anzahl ehrenamtlicher Lernbegleiter.
Schulmobil Für Festplätze ohne geeigneten Unterrichtsraum stiftete das Bildungswerk Deutscher Schausteller e. V. 2018 ein „Schulmobil“ mit sechs Plätzen als einjähriges Pilotprojekt für Baden-Württemberg; die Anschubfinanzierung unterstützte unter anderem eine Benefizaktion auf dem Cannstatter Volksfest. Neben der Wasenschule aufgestellt, diente es dem Schreiben von Klassenarbeiten, der Nachhilfe und der ungestörten Einzelbetreuung. Eine dauerhafte Finanzierung der Folgekosten kam zwischen Kultusministerium und Schaustellerverbänden nicht zustande; während der COVID-19-Pandemie wurde das Fahrzeug zurückgegeben. Es wird seither in Hessen als mobiler Kindergarten für Festplätze eingesetzt.
Übertragung des Modells Nach dem Stuttgarter Vorbild bestand über mehrere Jahre eine vergleichbare Maßnahme zur „Pforzemer Mess“ in Pforzheim, getragen von Bereichslehrkräften und ehrenamtlichen Helfern aus der Region. In Pützchen bei Bonn übernahm eine Lehrerin das Konzept während des dortigen Volksfests in den Räumen der wegen des Markts geschlossenen Schule. Der Bundesverband BERiD, der bundesweit Akteure der Bildung für Kinder beruflich Reisender vernetzt, dokumentierte das Stuttgarter Modell in einer Handreichung für Lernpatinnen und -paten.
Bundesweiter Rahmen Die Wasenschule ist Teil des länderübergreifenden Unterstützungssystems für Kinder beruflich Reisender, das auf den Strukturen von Stammschule und Stützpunktschule, der Betreuung durch Bereichslehrkräfte sowie der Dokumentation des Lernstands beruht. Das früher in Papierform geführte Schultagebuch wird seit 2025 bundesweit verbindlich durch das digitale Lernmanagementsystem DigLu (Digitales Lernen unterwegs) ersetzt. 2025 beschloss die Bildungsministerkonferenz ein länderübergreifendes Konzept mit Handlungsempfehlungen zur Sicherstellung einer flächendeckenden, vergleichbaren schulischen Versorgung reisender Kinder.
Rezeption Die Wasenschule fand wiederholt überregionale und regionale Beachtung in der Presse, die das Konzept der individuellen Lernbegleitung und die ruhige Lernatmosphäre hervorhob. Über das Projekt berichteten unter anderem die Stuttgarter Zeitung, die Stuttgarter Nachrichten und die Heilbronner Stimme; 2025 stellte die SWR Landesschau die Arbeit der Bildungspaten vor. 2026 erschien mit Die Wasenschule – Ein Modell macht Schule von Michael Widmann eine Darstellung des Modells, die zur Übertragung auf andere Festplätze anregen soll.
Literatur Michael Widmann: Die Wasenschule – Ein Modell macht Schule. Books on Demand, Norderstedt 2026, ISBN 978-3-696-36571-4. Martin Weingardt: Schaustellerkinder auf dem Weg von prekären Beschulungssituationen zu kontextadäquaten Lernbiografien. Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Ludwigsburg 2020.
Einzelnachweise
Kategorie:Bad Cannstatt Kategorie:Schule in Stuttgart Kategorie:Bildungseinrichtungsgründung 2015