Elsa Rutgers-Fausch (teilweise auch Else; geb. 1912 in Zürich; gest. 1. Oktober 2004 ebenda) war eine Schweizer Kommunistin. Sie kehrte 1957 als letzte überlebende Schweizerin des Terrors unter Stalin in die Schweiz zurück.

Leben Rutgers-Fauschs Vater Jakob Fausch (1884–1982) war überzeugter Kommunist. Als Mitglied der KPS war er Gemeinde- und Kantonsrat. Er war 27 Jahre Schalterbeamter an der Zürcher Hauptpost, bis er 1930 wegen seiner politischen Arbeit, während der er unter anderem an einer verbotenen Versammlung in Schaffhausen gesprochen hatte und verhaftet wurde, fristlos und ohne Pensionsansprüche aus dem Dienst entlassen wurde. Peter Huber vermutet nach Studium der Akten zum Entscheid, dass man Fausch schon länger habe loswerden wollen.

Seine Tochter trat 1928 als 16-jährige Mittelschülerin dem Kommunistischen Jugendverband (KJV) Zürich bei. Als ihr Vater entlassen wurde, war sie 18 Jahre alt und leitete im KJV eine Gruppe von KP-Jungpionieren. Sie bestand die Matura und begann ein Medizinstudium an der Universität Zürich. 1931 bewegte sie sich im Umfeld der Marxistischen Studentengruppe (MSG), zu der etwa ein Dutzend Studierende gehörten. Dort lernte sie auch ihren zukünftigen Mann, den Niederländer Wim Rutgers kennen, der gerade sein Ingenieurstudium an der ETH Zürich abgeschlossen hatte. Auf der Suche nach Arbeit sah er sich unter anderem in der Sowjetunion um. Rutgers arbeitete nach seinem Studium für die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA), als er und Elsa heirateten. Sie verlor damit, gemäss der damaligen Rechtslage, das Schweizer Bürgerrecht und nahm die niederländische Staatsbürgerschaft an. Diese legte sie – nach eigenen Angaben nicht ganz freiwillig – 1937 ab und war nur noch Sowjetbürgerin. Durch seinen Vater Sebald Rutgers, ebenfalls überzeugter Kommunist und Teilnehmer des Gründungskongresses der Komintern, bekam er eine Anstellung in der Sowjetunion vermittelt. Ein Antrag des Ehepaares auf Aufnahme in die KPdSU war aufgrund der damaligen «Säuberungen» nicht möglich. Elsa war damals von den «Säuberungen» begeistert und schrieb in einem Brief nach Zürich: «Die Tschistka – Reinigung der Parteimitglieder – ist ein echtes Schauspiel, einfach grossartig!»

Mit einer Empfehlung des KJV konnte sie 1934 Mitglied des kommunistischen Jugendverbands Komsomol werden. Ende 1935 trat sie der KPdSU bei. Ihr Mann konnte trotz Bemühungen nie Mitglied werden.

Beruflich arbeitete sie in Moskau als Laborantin, wobei die zwei Semester Medizinstudium angerechnet wurden. Sie arbeitete kurzzeitig in zwei Kinderkrippen. Dann liess sie sich als Mittelschullehrerin für das Fach Deutsch umschulen, eine Anstellung, die sie bis zu ihrer Verhaftung 1941 ausübte. Ihre erste Arbeitsstelle als Lehrerin trat sie 1934 an der Karl-Liebknecht-Schule für Kinder deutscher Immigranten an, 1936 wechselte sie an eine russische Mittelschule.

Sie und ihr Ehemann bezogen eine Einzimmerwohnung und konnten sich eine Haushaltshilfe leisten. 1936 kam ihr Sohn Petja zur Welt. Für sowjetische Verhältnisse waren die beiden sehr privilegiert und kamen nur selten mit anderen Bevölkerungskreisen in Kontakt. 1937 wurde ihr Ehemann entlassen, offenbar hatte er sich mit seinen Auslandskontakten verdächtig gemacht. Er blieb auf freiem Fuss und wurde von einigen Vorwürfen entlastet. Rutgers arbeitete später als Physiklehrer. 1938 erfolgte die Scheidung von Elsa Rutgers-Fausch und Wim Rutgers, nach sowjetischem Gesetz ein unkompliziertes Verfahren. Im Jahreswechsel 1942/1943 verliert sich die Spur von Wim Rutgers.

1937 hatte Vater Jakob Fausch die KPS für ein halbes Jahr verlassen, weil er mit dem Entscheid der KPS, die Landesverteidigung anzuerkennen, nicht einverstanden war. In dieser Zeit durfte ihm seine Tochter nicht schreiben. Über die Zeit zwischen 1937 und ihrer Verhaftung im Jahr 1941 lässt sich gemäss Peter Huber in den Akten wenig finden.

Am 23. Juli 1941 wurde sie vom NKWD verhaftet und ins Butyrka-Gefängnis gebracht. Während der Verhöre wurde sie der Spionage beschuldigt. Mit einem Sammeltransport in einem Viehwaggon wurde sie nach Saratow gebracht, wo sie anderthalb Jahre in Untersuchungshaft blieb. In Dauerverhören wurde sie mit Vorhalten erpresster Aussagen von anderen gebrochen. Ihr wurde das rechtliche Gehör verweigert, sie konnte sich selber nicht verteidigen. Am 19. August 1942 wurde sie als «sozial-gefährliches Element» zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Sie hatte beim Urteilsspruch vergleichsweise Glück: Personen die wegen «konterrevolutionärer trotzkistischer» Tätigkeit oder Agitation verurteilt wurden, wurden deutlich brutaler behandelt.

Sie traf im Herbst 1942 in einem Arbeitslager in Kasachstan ein, wo die Überlebenschancen im Vergleich besser waren. Mit Spitzhacken mussten die Häftlinge einen Kanal im gefrorenen Boden anlegen. Die häufigste Todesursache soll Erschöpfung gewesen sein, die auch aufgrund von reduzierten Essenrationen in Folge «ungenügender Arbeitsleistung» verstärkt wurde. Hinrichtungen soll es in dem kasachischen Lager keine gegeben haben. Die Lagerverwaltung bemerkte bei Durchsicht des Dossiers, dass Rutgers-Fausch zwei Semester Medizin studiert und in Moskau als Laborantin gearbeitet hatte. So wurde sie in ein angeschlossenes Laboratorium abkommandiert und musste keine Landarbeit mehr leisten, ausserdem war die Nahrungsmittelversorgung reichhaltiger. Mit der Verhaftung und der folgenden Lagerhaft hatte sie mit dem Kommunismus gebrochen: «Das ist Schluss gewesen. Da habe ich gesehen, das [kommunistische System] ist alles Heuchelei [...].»

Als sie ihre Strafe verbüsst hatte, kam sie 1946 wieder auf freien Fuss. Zu diesem Zeitpunkt wog sie nur noch 40 Kilogramm. Sie machte sich auf die Suche nach ihrem Sohn, den sie bei einer Bekannten in Moskau wiederfand, die ihn in einem Waisenhaus unterernährt aufgegriffen hatte. Auf dem Entlassungsausweis wurde sie als politische Gefangene gebrandmarkt. Sie konnte sich nur in gewissen Gebieten in der Sowjetunion ansiedeln, insbesondere nicht im Umkreis von 100 Kilometern von Grossstädten. Sie siedelte sich schliesslich in Alexandrow an, wo sie als Laborantin arbeitete und mehrfach erfolglos um die Entlassung aus dem Sowjetbürgerrecht bat. Für die Schweizer Gesandtschaft war ohne diese Entlassung eine Heimholung nicht möglich. Sie musste sich auf Weiterleitung von Lebensmittel- und Kleiderpaketen beschränken.

Ihr Vater erfuhr von der Freilassung und dem «Wiederauftauchen» seiner Tochter nicht von der KP-Nachfolgepartei Partei der Arbeit der Schweiz (PdA), sondern von den Landesbehörden. Er setzte sich bei seiner Partei, der parteinahen «Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion» und den Schweizer Behörden für seine Tochter ein. Enttäuscht über die mangelnde Bereitschaft der Genossen, sich mehr für seine Tochter zu engagieren, trat er im Juni 1953 aus der «Gesellschaft Schweiz-Sowjetunion» und im Oktober 1953 aus der PdA aus. Jakob Fausch konnte seine Tochter erst 1954 für drei Wochen in Alexandrow besuchen. Sie kehrte am 29. Dezember 1957 als letzte der überlebenden Schweizer Kommunistinnen in die Schweiz zurück. Ihr Sohn Petja musste in der Sowjetunion bleiben. Sie sah ihn erst zehn Jahre später wieder. Er arbeitete später für das gleiche Institut wie sein Vater. Herzkrank, psychisch geschwächt und gezeichnet von der anstrengenden Reise, musste sie die erste Zeit in der Schweiz im Spital verbringen.

Als 91-jährige Frau resümierte sie ihr Leben in der WOZ so:

Sie starb am 1. Oktober 2004 in einem Altersheim in Zürich und wurde auf dem Friedhof Nordheim beigesetzt.

Literatur

Weblinks Bestände Elsa Rutgers-Fausch im Schweizerischen Sozialarchiv Daniel Künzi, Hansjürg Zumstein: In Stalins Gulag. In: Rundschau, 26. Juli 2000.

Einzelnachweise

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